II.
Der Druck war tatsächlich ausländisch – drei broschierte Druckbogen von gewöhnlichem Postpapier kleineren Formats. Wahrscheinlich hatte er sie in einer der geheimen russischen Druckereien im Auslande setzen lassen. Auf den ersten Blick glichen sie sehr einer Proklamation. Als Überschrift stand: „Von Stawrogin“.
Ich nehme dieses Dokument unverändert in meine Chronik auf. Wahrscheinlich kennen es jetzt schon viele. Ich habe mir nur erlaubt, die orthographischen Fehler zu korrigieren, die ziemlich zahlreich waren und die mich sogar gewissermaßen wundernahmen, da doch der Autor immerhin ein gebildeter und belesener Mensch war (natürlich relativ gesprochen). Im Stil dagegen habe ich nichts verändert, trotz der Unrichtigkeiten und sogar Unklarheiten. Jedenfalls ersieht man aus ihnen, daß der Verfasser kein Schriftsteller war.
Nur eine Bemerkung will ich mir doch noch erlauben, obgleich ich damit vorgreife. Meiner Meinung nach ist dieses Dokument – ein krankhaftes Erzeugnis, ein Werk des Teufels, der sich dieses Menschen bemächtigt hatte. Es ist, wie wenn ein Kranker, den ein großer, scharfer Schmerz peinigt, sich in seinem Bette wälzt, einzig in dem Verlangen, eine Stellung einzunehmen, die ihm wenigstens auf einen Augenblick Erleichterung schafft, oder nicht einmal Erleichterung, sondern bloß den alten Schmerz durch einen anderen Schmerz verdrängt, wenn auch nur auf einen Augenblick. Und dann kommt es ihm natürlich nicht mehr auf die Schönheit oder Vernünftigkeit der Stellung an. Der Ausgangspunkt dieses Dokuments war – das furchtbare, ungeheuchelte Bedürfnis einer Strafe, einer öffentlichen Hinrichtung. Und dabei war dieses Bedürfnis, das Kreuz auf sich zu nehmen, in einem Menschen, der an das Kreuz nicht glaubte, – „doch auch das macht schon eine Idee aus“, – wie einmal Stepan Trophimowitsch gesagt hat, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhange.
Und doch wirkt dabei das ganze Dokument wie etwas Wildes und Verwegenes, obgleich es anscheinend mit einer ganz anderen Absicht geschrieben worden ist. Der Autor erklärt darin, daß er das „unmöglich nicht schreiben konnte“, daß er dazu „gezwungen“ war – und das ist ziemlich wahrscheinlich: er hätte gern den Kelch umgangen, wenn er es gekonnt hätte, aber er konnte es, wie es scheint, tatsächlich nicht und griff nur nach der Möglichkeit einer neuen Gewalttat. Ja, fürwahr: ein Kranker wälzt sich auf dem Lager und will den einen Schmerz durch den anderen betäuben – und siehe, da schien ihm der Kampf mit der Gesellschaft die leichteste Lage, und so wirft er denn der Gesellschaft die Herausforderung zu. Ja, schon aus der Tatsache, daß ein solches Dokument entstehen konnte, fühlt man eine neue, unerwartete und ehrfurchtslose Herausforderung der Gesellschaft. Da heißt es: nur schnell irgendeinen Feind finden ...
Doch wer weiß, vielleicht ist das Ganze, d. h., sind diese Blätter mit der ihnen zugedachten Veröffentlichung – wiederum nichts anderes, als ein gebissenes Gouverneursohr, nur in einer anderen Gestalt? Warum mir das sogar jetzt noch in den Sinn kommt, jetzt, nachdem sich schon so vieles erklärt hat, – das weiß ich selbst nicht. Ich führe weiter keine Beweise an gegen eine etwaige Vermutung, die Tat, von der in dem Dokument die Rede ist, sei falsch, d. h., vollkommen erdichtet. Am wahrscheinlichsten ist, daß man die Wahrheit irgendwo in der Mitte suchen muß ... Doch ich greife zu weit vor; es ist besser, ich wende mich zu dem Dokument selbst zurück.
Und Tichon las folgendes:
S. 160. Die Antwort Kirilloffs auf die Frage nach Gott ist ein absoluter Widerspruch, wie nein und ja: „Jewó njet, no on jestj“. Man könnte ebensogut sagen: „Er ist nicht, aber es gibt ihn.“
S. 896 sagt Schatoff zu Kirilloff: „Gib mir, Bruder, ich gebe es dir morgen wieder.“ Die Anrede mit dem Wort „Bruder“ ist unter Russen so üblich, wie im Deutschen die Anrede mit „Freund“ oder „Lieber“.
Die russische Frau wird von russischen Männern häufig „Freund“ genannt, obschon es die Form „Freundin“ auch gibt. Es ist das psychologisch nicht unwichtig.
E. K. R.
Fußnoten
[1] Das Wort „bürgerlich“ ist hier und im folgenden nur als parteipolitische Bezeichnung zu verstehen, wie es nach der französischen Revolution und besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von liberalen, für europäische Kultur und Bürgerfreiheit schwärmenden, republikanisch oder mindestens konstitutionell gesinnten Russen mit Stolz gebraucht wurde. Es bezeichnete unter den russischen Schillerianern den „sich seiner Würde bewußten Kulturmenschen“, im Gegensatz zum „Untertan“ der herrschenden Autokratie. E. K. R.
[2] Die Klassiker der russischen Literatur sind fast alle zeitweise verbannt gewesen oder haben unter geheimer polizeilicher Aufsicht gestanden. Vgl. S. 1119. Die nach Sibirien verbannten Dekabristen wurden geradezu als heilige Opfer verehrt. Vgl. Anm. S. 1093, 1094. E. K. R.
[3] Ein Kreis junger Dichter in den dreißiger und vierziger Jahren. Lyriker, schwächere Romantiker, die sich fast alle den sozialen und politischen Fragen fernhielten. Ihre zum Teil melancholisch-pessimistischen Dichtungen wurden von dem berühmten Kritiker und „Realisten“ Belinski alsbald schonungslos kritisiert und damit war ihr Ruhm untergraben. E. K. R.
[4] Die vier bedeutendsten literarisch-politischen Persönlichkeiten derselben Zeit. Vgl. die Anmerkungen S. 1099, 1112, 1118 und 1081. E. K. R.
[5] Der unter Nikolai I. gebräuchliche vorsichtige Ausdruck für das Eingreifen der politischen Geheimpolizei – der sogenannten „Dritten Abteilung“ –, vor der niemand sicher war. E. K. R.
[6] D. h., er ist um Mitteilung seines politischen Bekenntnisses ersucht worden wegen einiger Äußerungen in einem Privatbrief über innerpolitische Maßnahmen („Umstände“). Die Dritte Abteilung der Geheimpolizei kontrollierte auch die Privatkorrespondenz, und ein jeder, der zu einer Universität in Beziehung stand, galt unter Nikolai I. bereits für „verdächtig“. E. K. R.
[7] Humoristische Anspielung auf die am 23. April 1849 in Petersburg verhafteten 30 „Petraschewzen“, von denen 20 – unter diesen auch Dostojewski – zum Tode verurteilt, doch zu Zuchthaus und Verbannung begnadigt wurden. Über die von einzelnen Petraschewzen geplante Fourier-Übersetzung vgl. Bd. XI der Ausgabe, „Autobiographische Schriften“, S. 87. E. K. R.
[8] Die übliche Umschreibung für „von der Dritten Abteilung verfolgt, bezw. bestraft worden sein“. E. K. R.
[9] Der unter Nikolai I. mundtot gemachten Fortschrittler. E. K. R.
[10] Eine Art Whistspiel. Wörtlich: Unsinn, Wirrwarr. E. K. R.
[11] Vgl. S. 1118, Anm. E. K. R.
[12] Die ersten Jahre nach der drückenden Regierungszeit Nikolais I. (1825–55), als unter dem jungen „Zar-Befreier“ die großen Reformen vorbereitet wurden, bis 1861, 62. E. K. R.
[13] Die regierungsfeindlichen russischen Zeitschriften erschienen in der Schweiz und in London und waren in Rußland nur als Konterbande erhältlich. E. K. R.
[14] Verfasser eines empfindsamen Buches über die Schrecken der Leibeigenschaft „Eine Reise von Petersburg nach Moskau“; wurde dafür sofort (1790) zum Tode verurteilt, doch schließlich nur in Ketten nach Ostsibirien verschickt, später von Paul I. begnadigt. Beging Selbstmord, als man ihm wieder mit Sibirien drohte. E. K. R.
[15] Wjek, „Das Jahrhundert“, hier als Titel einer Zeitschrift gedacht. L. Kambek ein Kritiker. E. K. R.
[16] Eine Redensart wie „am Ende der Welt,“ wo Makar noch nie gewesen ist, unter jenen Umständen in Petersburg das Verbannungsland Sibirien. E. K. R.
[17] Der Tag der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861. E. K. R.
[18] Vgl. Vorbemerkung. E. K. R.
[19] Eine Dorfgeschichte von Grigorowitsch, die 1847 eine neue Anschauungsweise einleitete (daß der Bauer auch ein Mensch sei) und der Literatur ein neues Stoffgebiet erschloß. E. K. R.
[20] Der Führer einer größeren Schar aufsässiger Bauern nach der Bauernbefreiung. Vgl. S. 1115, 2. Anmerkung. E. K. R.
[21] Der Aufstand der Polen im Jahre 1863 hatte zur Folge, daß der russische Nationalstolz mächtig hervorbrach. E. K. R.
[22] Die beste deutsche Schule in Petersburg. E. K. R.
[23] Fürst von Nowgorod, 1151–1202, fiel auf einem Eroberungszuge gegen die Polowzer. Anspielung auf den sorglosen Willen dieses Fürsten zu nationaler (normannischer!) Ausbreitung. E. K. R.
[24] Gogol bekannte sich seit 1846 zur offiziellen Orthodoxie. E. K. R.
[25] Vetter und Cousine dürfen sich nach den Satzungen der russischen Kirche nicht heiraten. E. K. R.
[26] In Karmasinoff hat Dostojewski I. Turgenjeff karikiert. E. K. R.
[27] Zu Kirilloffs eigenartig falscher Ausdrucksweise Näheres in der „Vorbemerkung“. E. K. R.
[28] Der Held in Lermontoffs Roman „Der Held unserer Zeit“: Eroberer von Frauenherzen. E. K. R.
[29] Die Gutsbesitzerin Frau Korobotschka in Gogols Roman „Die toten Seelen“: der Typ einer beschränkten, engherzigen, geizigen alten Frau. E. K. R.
[30] Antwort Gogols auf den Vorwurf, seine Menschen seien nur mit Spott und Verachtung geschaut, weshalb er auch nicht einen guten Zug an ihnen wahrgenommen habe. Dostojewski hat dagegen in seinem ersten Werk denselben unscheinbaren russischen Menschen als einen Träger größter Menschenliebe und seelischer Zartheit geschildert – als Protest gegen Gogols Darstellung. E. K. R.
[31] Volkstümliche Anrede der Droschkenkutscher. E. K. R.
[32] Die orthodoxe Kirche ließ damals eine Ehescheidung noch nicht zu. E. K. R.
[33] Teilnehmer an der Verschwörung und dem Aufstande gegen die Autokratie im Dezember 1825 – meist Gardeoffiziere und die geistige Elite Rußlands. Die Führer wurden gehenkt, die übrigen auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt (Siehe Anhang). E. K. R.
[34] Im Roman „Väter und Söhne“ – der erste Versuch einer Charakterisierung des „Nihilisten“: von der Zensur sehr entstellt, da sie alle geschilderten guten Eigenschaften Basaroffs strich. E. K. R.
[35] Der Typ eines Gutsbesitzers in Gogols Roman „Die toten Seelen“: „Ein durchtriebener leichtsinniger Kerl, Schwätzer, Lügner, unehrlicher Spieler ... der schnell mit jedem bekannt wird und, bevor man sich’s versieht, einen duzt ... Er erzählte lügenhafte Anekdötchen, brachte Zwietracht zwischen Verlobte. Er war überhaupt sehr vielseitig und stets zu allem bereit. Was er tat, geschah aber nicht aus Gewinnsucht, sondern infolge einer eigentümlichen Sprunghaftigkeit und Unruhe des Charakters.“ E. K. R.
[36] Die altrussische Sitte, nach der Kinder ihre Eltern nicht duzen durften, besteht auch heute noch in allen guten russischen Familien, während das „Du“ nur in herzlicher, unformeller Unterhaltung üblich ist. E. K. R.
[37] Siehe Anmerkung S. 313. E. K. R.
[38] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667–71. Freiheitsheld. 1671 hingerichtet. E. K. R.
[39] Burschikose Abkürzung für Petersburg. E. K. R.
[40] 1861. Siehe Anm. S. 451. E. K. R.
[41] Nach altrussischem Brauch werden Leichen in offenem Sarge auf den Kirchhof getragen, wo der Sarg erst vor der Versenkung in die Gruft geschlossen wird. E. K. R.
[42] Siehe S. 307, 430, 431. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft durch Alexander II. (1861) machte sich alsbald unter dem zum Teil schwer geschädigten Landadel eine reaktionäre Gegenbewegung bemerkbar, die die Regierung zeitweilig nicht wenig beunruhigte. Zwanzig Jahre später konnte man ihr öffentlich die Schuld an dem Attentat auf den Zaren (13. III. 1881, einen Monat nach dem Tode Dostojewskis) zuschreiben, während es im Grunde eine Tat des „Terrorismus“ war: gleich den vielen anderen Attentaten (seit 1866) eine Antwort der revolutionären Jugend auf die scharfen Maßnahmen gegen ihre Führer und Kameraden. E. K. R.
[43] Berühmter Roman des „Realisten“ und radikalen Publizisten Tschernyschewski (1828–1889, seit 1865 politischer Sträfling): geschrieben während der Untersuchungshaft 1863, als Kunstwerk belanglos, doch als anschauliche Vorführung der erstrebten Reformen – u. a. die Möglichkeit der Ehescheidung – von ungeheuerem Einfluß auf die Jugend. E. K. R.
[44] Kondratij F. Rylejeff, geb. 1795, Dichter, von Puschkin und Byron beeinflußt, suchte durch Verherrlichung historischer Gestalten Bürgersinn und Unabhängigkeitsgefühl zu wecken, wurde als einer der 121 „Dekabristen“ (siehe Anm. Bd. I, S. 300) abgeurteilt und am 14. Juli 1826 als einer der fünf zum Tode durch den Strang Verurteilten gehängt. Seine „Dumy“ (historische Lieder der Ukraine) waren lange Zeit nur handschriftlich verbreitet. E. K. R.
[45] Die orthodoxe Kirche schied damals noch keine Ehe, die in ihr geschlossen worden war, und grundsätzlich steht sie auch heute noch auf dem Standpunkt, daß eine Ehe „nur der Tod lösen darf“. E. K. R.
[46] In den letzten Lebensjahren Belinskis ist Dostojewski (von 1845–1848) an diesen Abenden persönlich zugegen gewesen. E. K. R.
[47] Sekte der Schneidlinge, die ein legendäres Buch für die einzige göttliche Offenbarung hält. E. K. R.
[48] Anspielung auf den Heiland der Geislersekte. E. K. R.
[49] Die Hauptperson in Lermontoffs Roman „Der Held unserer Zeit“ (1841), meist für ein Produkt des Byronismus in Rußland gehalten, im Grunde jedoch etwas typisch Russisches: ein skeptisch-blasierter „überflüssiger Mensch“, seelisch Nihilist, doch ohne die Kraft und den Enthusiasmus der späteren sogenannten „Nihilisten“, die Tolstoi „die einzigen Gläubigen“ genannt hat und die z. T. auch hier in den „Dämonen“ geschildert sind. E. K. R.
[50] Bis zur Zeit der Aufklärung in Rußland verbreitete Vorstellung vom Weltall, dessen Maschinerie angeblich von Engeln aufgezogen wurde. E. K. R.
[51] Die „gemäßigt“ liberale Petersburger Tageszeitung „Die Stimme“, deren Bedeutung damals (1871) schon zurückgegangen war. Auch die übrigen Masken verspotten liberale oder nicht ausgesprochen nationalistische Zeitschriften. E. K. R.
[52] Der Typ einer beschränkten, engherzigen, geizigen Frau in Gogols Roman „Die toten Seelen“: in ihren Kombinationsversuchen kommt sie auf Vermutungen, die kein Mensch für möglich halten würde, – eine Charakterzeichnung von so genialem Realismus, daß ihr Name bereits adjektivisch gebraucht wird. E. K. R.
[53] Roman von Drushinin, der 1847 großen Beifall fand: der Mann verzeiht seiner reuig zuückgekehrten Frau und das Glück ist nachher „tiefer“. E. K. R.
[54] Eine Art Whistspiel. E. K. R.
[55] In formgetreuer Wiedergabe der zum Teil sprunghaft notierten Sätze. E. K. R.
[56] Irtenjeff – Tolstois jugendliches Selbstporträt. E. K. R.
[57] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667–1670. Machte das Land von Kasan bis Persien unsicher, wollte dann gegen die unbeliebten moskauschen Bojaren ziehen, wurde jedoch geschlagen, gefangen und hingerichtet. Vielbesungener Freiheitsheld (s. S. 378). E. K. R.
[58] Der als Gott-Vater angebetete Heilige der Geißlersekte. Mitte des XVII. Jahrhunderts. Spielt innerhalb der Sekte eine größere Rolle als der Papst im Katholizismus. Der jeweilige regierende Nachkomme Danilas nennt sich „Christus“. S. 650, 651, Anspielung, daß Stawrogin als „Prinz Iwan“ mehr sein würde als ein „Iwan Filippowitsch“. Der „Zarewitsch Iwan“ ist „der lichte Prinz“ im russischen Märchen. E. K. R.
[59] Molokanen (Milchesser), russische Sekte an der Wolga seit dem Anfang des XIX. Jahrhunderts, so genannt, da sie auch in der Fastenzeit Milch genießen. Protestantisch insofern, als sie die Bibel sehr hoch halten und die Entstehung der Sekte auf Berührung mit den protestantischen deutschen Kolonisten zurückzuführen ist. Im übrigen glauben sie das Urchristentum zu besitzen, und ein jeder kann sich die Heilige Schrift nach eigener Überzeugung auslegen. E. K. R.
[60] Herzen, dem Sohn der Protestantin Louise Haag, war der um jeden Preis geforderte blinde orthodoxe Glaube der Slawophilen – besonders der Romantiker unter diesen – ebenso unmöglich, wie die mokante Skepsis seines Vaters, des russischen Aristokraten Jakowleff. Die Wissenschaft war für ihn „gleichfalls Liebe“. Das Gefühl der Religion ersetzte ihm eine hohe Meinung von der „Würde des Menschen“. Auf dieser Grundlage bekämpft Herzen das absolutistische Regierungssystem zunächst als Republikaner, in seinen letzten Lebensjahren jedoch nicht mehr als prinzipieller Antimonarchist. Als Fortsetzer der aufrufenden Arbeit Belinskis, als Publizist und glänzender Schriftsteller hatte er um die Mitte des 19. Jahrhunderts (1848–63) den größten Einfluß auf die geistige Entwicklung Rußlands. (Geb. 1812 in Moskau, seit 1847 Emigrant, 1870 gest. in Paris.) Dostojewski hat erst später (1876 im „Jüngling“, 1880 in der „Puschkinrede“) die Westler, zu denen Herzen, Belinski, Tschaadajeff und Granowski gezählt wurden, gleichfalls als Träger der „russischen Idee“ anerkannt. E. K. R.
[61] Die Hauptperson in Gribojedoffs klassischer Komödie „Verstand schafft Leid“ (geschrieben 1823, durfte erst 1833 verstümmelt gedruckt werden): Tschatzki kehrt von seinen Reisen im Auslande, erfüllt von Heimatliebe, nach Moskau zurück, ärgert sich aber sogleich dermaßen über seine Landsleute, über ihren gedankenlosen Materialismus, ihr Strebertum, das für sie der einzige Antrieb zu ihrem Staatsdienst ist, über ihre stolzlose Ausländerverehrung, daß er noch am selben Tage in Verzweiflung nach seinem Wagen ruft, um wieder zu verreisen. Der aufrüttelnde Einfluß dieser im Originaltext bis in die sechziger Jahre nur handschriftlich, doch in ungezählten Tausenden von Exemplaren verbreiteten Satire ist nicht abzuschätzen: Die Jugend wollte sich nicht mehr zu diesen von D. von Wisin, Gribojedoff, Gogol usw. gezeigten Spiegelbildern der Gesellschaft entwickeln, gab in den dreißiger Jahren mit Tschaadajeff Rußland fast auf, nannte sich international, um in den vierziger Jahren mit Belinski, in den fünfziger Jahren mit Herzen, in den sechziger Jahren mit Tschernyschewski immer wieder – wie diese – auf dem Umwege über Europa erst recht zu Rußland zurückzukehren. Ihr Anschluß an Dostojewski – nach ihrem Anschluß an Tolstoi – steht im wesentlichen erst noch bevor. E. K. R.
[62] Die im Russischen übliche Bezeichnung für geistige Führer, Koryphäen, wie überhaupt für fortschrittlich gesinnte bedeutende Menschen. Hier von dem slawophilen Schatoff-Dostojewski in feindlich herabsetzendem Sinne gebraucht, da die Fortschrittler meist Westler waren oder für Westler gehalten wurden. E. K. R.
[63] Siehe S. 300, Anm. Die Gründer des geheimen „Wohlfahrtsvereins“ und der anderen Geheimbünde – meist Offiziere, sowie ehemalige Freimaurer oder Söhne von solchen – erstrebten anfangs (etwa 1816–18) nur eine freiheitliche Umgestaltung der russischen Autokratie nach westlichen Vorbildern (England). Doch ihr bedeutendster Vertreter, Oberst Paul von Pestel (Adjutant des Feldmarschalls Grafen Wittgenstein und Haupt des Südlichen Geheimbundes in Kiew) war von Anfang an für die Republik und die Beseitigung des Kaiserhauses. Pestel arbeitete für Rußland eine Verfassung in Anlehnung an die der Nordamerikanischen Staaten und der Schweiz aus, ging aber in vielem sehr viel weiter und plante bereits eine Bodenreform auf staatswirtschaftlicher Grundlage, weshalb er „ein Sozialist vor dem Sozialismus“, aber wegen seines Absolutismus auch „eher ein Bonaparte als ein Washington“ genannt worden ist. Das Land sollte nach seinem Plan den Bauern überwiesen werden, da anderenfalls die Proklamation der Republik „nur eine leere Namensänderung wäre“. (Das hat Dostojewski noch nicht gewußt).
Der plötzliche Tod Alexanders I. und die Ungewißheit über seinen Nachfolger verleitete die Geheimbündler zu einem verfrühten Aufstand (am 14. Dezember 1825 – daher „Dekabristen“), der von Nikolai I. mit Kartätschen niedergeschlagen wurde. Es folgten über 1000 Verhaftungen. Die Tragödie der Hinrichtung ihrer Führer durch den Strang (ursprünglich sollten die 5 Hauptschuldigen, Oberst von Pestel, Oberst Murawjoff, der „heilige“ Dichter Rylejeff u. a. gevierteilt, 31 guillotiniert, die übrigen als Sträflinge nach Sibirien verbannt werden), sowie die Haltung der Verurteilten bis zur Hinrichtung oder während ihres sibirischen Martyriums, das von ihren Frauen freiwillig geteilt wurde, hatte zur Folge, daß die Dekabristen als Helden und Märtyrer verehrt wurden und so unzählige Nachfolger fanden. Aus dieser besonders durch die Dekabristen in Rußland hervorgerufenen Verehrung der politischen Verbannten ist dann auch Stepan Trophimowitschs leidenschaftlicher Wunsch, ein „Verbannter“ und „Verfolgter“ zu sein, zu erklären, und weshalb um diese beiden Worte ein gewisser „klassischer Glanz spielt“ (siehe Seite 2.) Die literarischen und politischen Schriften der Dekabristen sind zum Teil erst in jüngster Zeit herausgegeben worden, zum Teil sind sie auch jetzt noch unveröffentlicht. E. K. R.
[64] Alexander II., der 1861 die Leibeigenschaft aufhob. E. K. R.
[65] Tschaadajeffs Vorliebe für den Papismus war so bekannt, daß sogar das Gerücht von seinem Übertritt eine Zeitlang glaubwürdig erschien. E. K. R.
[66] Freund und Zeitgenosse Tschaadajeffs, wurde Jesuit, gab 1862 eine Auswahl von Tschaadajeffs Schriften heraus. E. K. R.
[67] In späteren Jahren (1877) urteilt Dostojewski gerechter über Belinski. Vgl. Bd. XI., „Alte Erinnerungen“. E. K. R.
[68] Günstling der Zarin Anna Iwanowna, die ihn 1737 zum Herzog von Kurland erhob. Nach ihrem Tode (1740) Vormund des minderjährigen Thronfolgers Iwan und Regent, im selben Jahr von dessen Mutter Anna Leopoldowna nach Sibirien verbannt, im nächsten Jahre von der Zarin Elisabeth zurückgerufen. Zeichnete sich durch Grausamkeit in der Regierung aus; ließ zwar vom Volk Abgaben für frühere Jahre eintreiben, verfolgte aber besonders den russischen Adel und die Geistlichkeit. E. K. R.
[69] Raskol = Spaltung: Bezeichnung für die russische Kirchenspaltung, d. h. die Absonderung der sogenannten Altgläubigen von der Staatskirche wegen der Korrektur der Gesang- und Gebetbücher, die durch das Abschreiben immer fehlerhafter geworden waren und deshalb 1654 auf Anordnung des Patriarchen Nikon in ihrem richtigen Text neuhergestellt wurden. Mit diesem Raskol ist hier von Dostojewski die erste Absonderung einer unteren Volksschicht gemeint. Mit der zweiten Absonderung einer oberen Schicht seit Peter sind die Westler gemeint – das Westlertum der russischen Herrenkaste als Folge der Europäisierung Rußlands durch Peter den Großen. E. K. R.
[70] Dostojewski hat ursprünglich Tschaadajeff zur Hauptfigur eines Romans machen wollen, den bedeutenden „Westler“, der in einem Schreiben von Rußland gesagt hatte, es habe keine Geschichte, keine Tradition, „denn es hatte und hat keine leitende Idee, die Völker aber leben und gedeihen nur, wenn sie eine [eigene] Idee haben und verwirklichen.“ Nach der Veröffentlichung seines „Schreibens“ suchte Tschaadajeff sich in einer „Apologie“ zu rechtfertigen, in der er seine Kritik Rußlands zum Teil abschwächt, doch auch so blieb sie für Dostojewski zeitlebens ein Dorn im Fleisch. E. K. R.
[71] Anspielung auf Tschernyschewskis berühmten Roman „Was tun?“ (1863), in dem von der Heldin vier im Traume geschaute Zukunftsvisionen erzählt werden (Aluminiumpaläste des Volkes, Arbeit bei Gesang, Wanderung nach dem Süden, freie Liebe usw.). Den ungeheuren Erfolg jedoch errang der phantastische Roman – nach den künstlerisch hochwertigen, doch als Spiegelbilder der Gegenwart auf die Jugend „trostlos“ wirkenden Werken Gogols, Herzens, Turgenjeffs – durch die mit größtem Temperament und Optimismus gezeigte Rettungsmöglichkeit aus diesem „korrumpierten“ Leben: „ins Volk“ zu gehen, selbst wieder Volk zu werden. Die Ausführung dieser Idee durch die Helden des Romans wirkte dazu wie eine Offenbarung und bewog unzählige Menschen der gebildeten Schicht, ihr Leben hinfort buchstäblich unter dem Volk wie unter Gleichstehenden zu verbringen oder sich ihm ganz zu widmen. Die Möglichkeit zu gläubiger Hingabe war für sie natürlich wichtiger als die Frage nach dem künstlerischen Wert des Romans oder manchem selbstgeübten Dilettantismus. Zudem lag in dieser Idee etwas sehr Russisches, das einem noch unbewußten Triebe in den Menschen jener Zeit entgegenkam. Auch Tolstoi und viele andere sind ja später diesen Weg gegangen. Überdies waren die im Roman geschilderten Menschen in ihrer sich als Selbstverständlichkeit gebenden Menschlichkeit trotz aller Utopien so entwaffnend, wie es etwa hier in den „Dämonen“ nicht die lauten Revolutionäre, sondern die fast stummen, doch im Innersten neuen Menschen sind. (Auch die vier starken, stolzen Frauengestalten in den „Dämonen“ haben in der russischen Literatur viele Vorgängerinnen). Daher Dostojewskis Geständnis im 9. Kapitel: „Oh, wie quälte ihn dieses Buch!“ usw. und seine wiederholten leidenschaftlichen Angriffe gegen die übernaiven Zukunftsträume in diesem Roman, die bei der Jugend die radikalsten politischen Forderungen zur Folge hatten, jeden lebenserfahrenen Menschen aber beängstigen mußten. E. K. R.
[72] Näheres über diese und andere Proklamationen, die zu Anfang der sechziger Jahre verbreitet wurden, siehe Band XI der Ausgabe „Autobiographische Schriften“, Seite 169–173. E. K. R.
[73] D. war Dostojewski selbst, der in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr (1845) Belinski kennen lernte. Dasselbe Erlebnis hat Dostojewski später noch ausführlicher wiedergegeben: in Bd. XI, „Autobiographische Schriften“, Seite 313. E. K. R.
[74] Belinski war schwindsüchtig und starb schon 1848, siebenunddreißig Jahre alt. (Auch seine späteren, von der Jugend gleichfalls angeschwärmten Nachfolger, die als Kritiker den Kampf gegen die „Kunst um der Kunst willen“ immer radikaler fortsetzten, sind jung gestorben: Dobroljuboff 1861 mit vierundwanzig Jahren, Pissareff 1868 mit siebenundzwanzig Jahren. Dobroljuboffs Art, dem berühmten Turgenjeff Wahrheiten ungeniert ins Gesicht zu sagen, ist in der Unverfrorenheit Pjotr Werchowenskis gegenüber Karmasinoff wiedergegeben.) E. K. R.
[75] Ein Herr, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einem Petersburger öffentlichen Hause ermordet wurde. Die gerichtliche Untersuchung des Falles ergab ein abschreckendes Bild von der großstädtischen Verrohung. E. K. R.
[76] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft verbreitete sich unter den Bauern das Gerücht, der Zar habe ihnen viel mehr Land zugedacht, und in einer Goldenen Urkunde (sie glaubten, Zarenworte würden nur in Gold geschrieben) sei dies zu lesen, aber die Beamten und der Adel hätten die Urkunde unterdrückt. Gegen die aufsässigen, plündernden Bauernhaufen mußte wiederholt Militär vorgeschickt werden. E. K. R.
[77] „Tschurr“ heißt „Grenze“, doch bei Spielen im Freien zugleich: „Ich darf nicht angerührt werden! ich stehe außerhalb (der Grenzen) des Spiels!“ – Aus dem süddeutschen „Bonde!“ und dem norddeutschen „Es brennt!“ läßt sich keine ähnlich drastische Ableitung bilden, die das Verhalten Stepan Trophimowitschs so erschöpfend bezeichnete: die wenig männliche Art, sich persönlich vor einer Gefahr zu sichern, indem man sich mit einem billigen Mittelchen dem Kampfe entzieht, sich für unantastbar erklärt und „abgrenzt“.
[78] In Drushinins Roman „Polinka Ssacks“ der Gatte, der seiner Frau den Ehebruch verzeiht, selbst jedoch bald darauf an Tuberkulose stirbt. E. K. R.
[79] Dostojewski hat die Gestalt des Stepan Trophimowitsch zum Teil nach dem schönen, doch sehr unbedeutenden Dichter Kukolnik gezeichnet, dessen Romane Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre noch Beifall gefunden hatten, ein Jahrzehnt später jedoch schon vergessen waren, – zum Teil nach dem bekannten Moskauer Geschichtsprofessor T. N. Granowski, dem Freunde von Herzen, Belinski, Bakunin, Stankewitsch u. a., die um 1840 im geistigen Leben Moskaus eine Rolle spielten. Auch Granowski war eine schöne Erscheinung, von gepflegtem Äußeren, das (nach Herzens Ausspruch) ein wenig an einen feinen protestantischen Pastor erinnerte. Seine Frau war eine Deutsche, kinderlos, in ihrer Erscheinung ihm so ähnlich, daß sie wie seine Schwester wirkte. Seit 1839 hielt Granowski, der bei den Studenten und freien Zuhörern sehr beliebt war, und auch sonst allgemein verehrt wurde, an der Moskauer philosophischen Fakultät seine Vorlesungen, doch war es ihm u. a. verboten, über die Reformation oder eine Revolution zu lesen, da die Aufgabe der seit dem Dekabristenaufstand vom Zaren gehaßten Universitäten nichts weiter sein sollte, als die Erziehung der Studenten „zu treuen Söhnen der orthodoxen Kirche, zu treuen Untertanen für den Kaiser und zu guten Bürgern für das Vaterland“. Während der Regierung Nikolais I. (1825–1855) hatte jeder Schriftsteller von einigem Wert unter dem geistigen Druck und den persönlichen Verfolgungen der Reaktion zu leiden. So war das „Verfolgtwerden“ unbedingt eine Ehre. Stepan Trophimowitschs Ehrgeiz und zugleich Furchtsamkeit in der Beziehung ist durchaus lebenswahr geschildert, obschon sich für diesen Zug keine Porträtähnlichkeit nachweisen läßt: Kukolnik war in seinen patriotischen Dramen Überpatriot, Granowski als Westler zwar liberal gesinnt, doch ein Charakter, dem ähnliche kleine Eitelkeiten und Schwächen fern lagen. 1876 schreibt Dostojewski selbst über Granowski: „Das war einer unserer ehrlichsten Stepan Trophimowitsche (in meinem Roman ‚Die Dämonen‘ der Typ des Idealisten der vierziger Jahre, den unsere Kritiker richtig gezeichnet fanden ...) und vielleicht sogar einer ohne den geringsten komischen Zug, der diesem Typ sonst leicht anhaftet ...“ Während Granowskis Freunde, die Hegelverehrer Bakunin, Belinski, Herzen u. a. später Atheisten und Sozialisten wurden, blieb Granowski bei seinem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und hielt es mit den deutschen Romantikern.
Gegen diesen sogenannten „Idealismus der vierziger Jahre“, den Stepan Trophimowitsch vertritt, läßt Dostojewski die historischen Nachfolger dieser Idealisten, die in den Seminaristen und dem Anhang Pjotr Stepanowitschs geschildert sind, den sogenannten „Realismus der sechziger Jahre“ ausspielen: Der unrussischen Romantik und dem unrussischen Symbolismus (in Karmasinoffs Potpourri „Merci“ und in Stepan Trophimowitschs „Dichtung in lyrisch-dramatischer Form“, wie in seiner unrussischen Schwärmerei für Abstraktionen) werden die von den Seminaristen vergötterten Naturwissenschaften und die angewandte entsprechende Philosophie, d. i. radikale Politik, entgegengestellt.
Die Reden Schatoffs in den Notizbuchentwürfen sind Entgegnungen auf fast wörtlich wiedergegebene Aussprüche Bakunins, des Begründers des revolutionären Anarchismus, und des Terroristen Netschajeff.
Letzterer (Prototyp Pjotr Werchowenskis) hatte die Lehre Bakunins – von der Notwendigkeit der radikalen Zerstörung der bisherigen Gesellschaftsform, damit die neue Form vom Volk nach ganz anderen, wirklich neuen Grundsätzen geschaffen werden könne – sogleich in die Tat umzusetzen versucht und 1869 in Moskau die Mitglieder seines Geheimbundes zur Ermordung eines ihrer Genossen (des Studenten Iwanoff) zu zwingen gewußt. Wie W. Ssolowjoff hervorhebt, ist in den „Dämonen“ „der Netschajeffprozeß vorweggenommen“. Der Roman war 1871 zum Teil schon gedruckt, als der Prozeß erst begann. (Näheres über Netschajeff und die Netschajewzen – den „Prozeß der Siebenundachtzig“ – siehe Band XI, „Autobiographische Schriften“, S. 323–351.) Netschajeff selbst entkam zunächst nach der Schweiz, wurde aber 1872 an Rußland ausgeliefert und starb nach zwanzigjähriger Kerkerhaft im Schlüsselburger Gefängnis. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen Charakter von „stählerner Energie“. Seine Ideen über die „Pandestruktion“ veröffentlichte er 1869 in Genf in einem Blatt, das er „Das Volksgericht“ nannte. Pläne für den zukünftigen Aufbau wurden von ihm überhaupt nicht geduldet. Unter sein Bild schrieb er die Worte: „Das Werk der Zerstörung ist getan, – das Werk des Aufbaus steht bevor und wird nicht nur eine Generation beschäftigen.“ Von seinem Grundsatz, daß auch Jesuitismus und Macchiavellismus im Kampf der Klassen als Mittel anzuwenden seien, haben sich seine Lehrer Bakunin und andere Anarchisten alsbald losgesagt.
In der Philosophie Kirilloffs hat Dostojewski die Gedanken Michael Bakunins wiedergegeben und weitergesponnen, – wie übrigens auch in den folgenden Romanen „Der Jüngling“, „Die Brüder Karamasoff“, und in kleineren Werken. Bakunin wollte vor allem „die Idee ‚Gott‘ in den Menschen töten“.
Vorläufer Stawrogins sind in gewissem Sinne fast alle Helden Puschkins. Aber auch Tschatzki und die Helden Lermontoffs, Gontscharoffs, Turgenjeffs u. a. sind eine Vorbereitung zu dieser Gestalt. E. K. R.
[80] S. Bd. I, Vorbemerkung. E. K. R.