II.

Dreizehntes Kapitel.
Zarewitsch Iwan

Sie traten hinaus. Pjotr Stepanowitsch kehrte zuerst in das Gastzimmer zurück, um das Chaos zu besänftigen, doch er sah bald ein, daß hier jede Mühe vergeblich war, und so lief er denn schon nach zwei Minuten den Fortgegangenen nach. Unterwegs fiel ihm eine Querstraße ein, durch die er ein gutes Stück Weges abschneiden konnte. Er bog in sie ein – es war eine Winkelgasse, in der er im Schlamm fast bis über die Knöchel versank – und erreichte auf diese Weise das Filippoffsche Haus fast in demselben Augenblick, als Stawrogin und Kirilloff durch die Hofpforte traten.

„Schon hier? – Das ist gut.“ sagte Kirilloff. „Kommen Sie.“

„Wie, Sie sagten doch, daß Sie ganz allein leben?“ fragte Stawrogin, als er im Flur den schon aufgesetzten Samowar bemerkte, der schon zu summen begann.

„Werden gleich sehen, mit wem ich lebe,“ murmelte Kirilloff. „Treten Sie ein.“

Kaum hatten sie sich gesetzt, als Werchowenski den anonymen Brief, den er sich von Herrn von Lembke ausgebeten hatte, aus der Tasche zog und ihn vor Stawrogin auf den Tisch legte. Stawrogin las ihn schweigend durch.

„Nun?“ fragte er.

„Dieser Schuft wird bestimmt das tun, wozu er sich erboten hat,“ erklärte Werchowenski. „Da er in Ihrer Hand ist, so sagen Sie bitte, wie man mit ihm umgehen soll. Ich versichere Ihnen, daß er vielleicht schon morgen zu Lembke geht.“

„Nun, mag er doch gehen.“

„Wieso, mag er doch? Wenn man das verhindern kann!“

„Sie irren sich, er hängt durchaus nicht von mir ab. Und übrigens ist es mir wirklich gleichgültig. Mir droht er doch mit nichts, bloß Ihnen.“

„Auch Ihnen.“

„Ich glaube nicht.“

„Aber andere könnten Sie vielleicht nicht schonen. Sollten Sie das wirklich nicht begreifen? Hören Sie, Stawrogin, das ist doch nur ein Spiel mit Worten. Tut Ihnen wirklich das Geld leid?“

„Ist dazu überhaupt Geld nötig?“

„Unbedingt. Zweitausend oder minimum tausend fünfhundert Rubel. Geben Sie mir die Summe morgen oder meinetwegen heute noch, und morgen abend schaffe ich ihn nach Petersburg. Das will er ja selbst! Wenn Sie wollen, mitsamt Marja Timofejewna – beachten Sie das!“

Es war etwas vollkommen Irres in Werchowenski, er sprach unvorsichtig, hastig, die Worte entfuhren ihm unbedacht.

Stawrogin betrachtete ihn mit Verwunderung.

„Ich habe gar keinen Grund, Marja Timofejewna fortzuschicken,“ sagte er.

„Vielleicht wollen Sie es nicht einmal?“ fragte Pjotr Stepanowitsch mit ironischem Lächeln.

„Vielleicht will ich es nicht einmal.“

„Kurzum: wird das Geld zur Stelle sein, oder wird es nicht zur Stelle sein?“ fuhr er plötzlich, in geärgerter Ungeduld und fast herrisch, Stawrogin an.

Dieser besah ihn sich mit ernstem Gesicht.

„Es wird nicht zur Stelle sein.“

„Ei, Stawrogin! Sie wissen offenbar irgend etwas, oder haben schon irgend etwas getan! Sie führen ein wildes Leben!“

Sein Gesicht verzog sich dabei. Seine Mundwinkel zuckten, und plötzlich lachte er ein ganz grundloses, unvermitteltes Lachen, das gar nicht hierher paßte.

„Sie haben erst kürzlich von Ihrem Vater Geld für das Gut erhalten,“ bemerkte Stawrogin ruhig. „Meine Mutter hat Ihnen die sechs- oder achttausend Rubel, die Sie von Stepan Trophimowitsch verlangten, für das Gut ausgezahlt. Davon können Sie doch, wenn das für Sie so nötig ist, sehr wohl tausendfünfhundert aus Ihrer Tasche bezahlen. Ich habe es satt, immer für andere zu zahlen, und habe schon so viel ausgegeben, daß es für mich beinahe kränkend ist ...“ Er mußte selbst über seine letzten Worte lächeln.

„Ah, Sie beginnen zu scherzen ...“

Stawrogin erhob sich, sofort sprang auch Werchowenski auf und stellte sich mechanisch vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren. Stawrogin machte schon eine Bewegung, um ihn fortzustoßen und hinauszugehen – doch plötzlich blieb er stehen.

„Ich trete Ihnen Schatoff nicht ab,“ sagte er.

Pjotr Stepanowitsch zuckte zusammen; sie sahen sich an.

„Ich habe Ihnen heute unterwegs gesagt, wozu Sie Schatoffs Blut brauchen,“ sagte Stawrogin mit funkelnden Augen. „Mit diesem Blut wollen Sie Ihre Fünfer-Gruppen zusammenleimen. Vorhin haben Sie ja Schatoff auf eine ganz vorzügliche Weise hinausgejagt: Sie wußten nur zu gut, daß er niemals sagen würde, ‚ich denunziere nicht‘ – vor Ihnen aber zu lügen für unter seiner Würde hält. Doch wozu brauchen Sie mich, mich jetzt eigentlich? Was soll ich bei all dem? Nachdem ich aus dem Auslande zurückgekehrt bin, drängen Sie sich mir immer wieder auf. Das, womit Sie mir Ihr Benehmen bis jetzt erklärt haben, ist nur Fieberphantasie. Dabei wollen Sie, daß ich, indem ich Lebädkin tausendfünfhundert Rubel einhändige, damit Ihrem Fedjka das Zeichen gebe, ihn zu erstechen. Ich weiß, Sie denken, daß ich zu gleicher Zeit auch meine Frau ermorden lassen will. Und wenn Sie mich dann mit einem Verbrechen an sich gebunden haben, so hoffen Sie, Macht über mich zu bekommen – ist es nicht so? Wozu aber wollen Sie diese Macht? Für welch eine Teufelei in aller Welt brauchen Sie mich? Ich sage Ihnen ein für allemal: machen Sie doch endlich einmal Ihre Augen auf und sehen Sie näher zu, ob ich überhaupt ein Mensch für Sie bin, und lassen Sie mich dann endlich in Ruh!“

„Fedjka ist selbst zu Ihnen gekommen?“ fragte Werchowenski beklommen.

„Ja, er ist selbst zu mir gekommen. Sein Preis ist gleichfalls genau tausend fünfhundert ... Da – er kann es ja selbst bestätigen, da ist er ja ...“ rief Stawrogin und streckte seine Hand gegen die Tür hin aus.

Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell um. Auf der Schwelle stand, aus der Dunkelheit hervortretend, eine Menschengestalt – Fedjka, im kurzen Pelz, doch ohne Mütze, ganz wie einer, der im Hause wohnt. Er stand da und lächelte, daß man seine gleichmäßigen weißen Zähne schimmern sah. Die schwarzen Augen mit dem gelben Zigeunerglanz huschten vorsichtig durch das Zimmer und gingen von einem zum anderen der Herren. Er schien irgend etwas nicht zu verstehen: wahrscheinlich hatte ihn Kirilloff herangewinkt, denn zu dem wandte sich immer wieder sein fragender Blick. Er blieb auf der Schwelle stehen und schien nicht eintreten zu wollen.

„Er ist hier wohl in Bereitschaft gehalten worden, um unseren ganzen Schacher mit anzuhören, vielleicht gar um das Geld gleich in Empfang zu nehmen – ist’s nicht so?“ fragte Stawrogin, und ohne die Antwort abzuwarten, verließ er das Haus.

Werchowenski lief ihm sofort nach, und holte ihn noch bei der Hofpforte ein.

„Bleib! Keinen Schritt!“ rief er und packte ihn am Ellenbogen.

Stawrogin riß seinen Arm zurück, konnte ihn jedoch nicht befreien. Da packte ihn die Wut und mit der linken Hand ergriff er Werchowenski bei den Haaren, schleuderte ihn mit aller Kraft zu Boden und trat dann hinaus auf die Straße. Aber noch war er nicht dreißig Schritt gegangen, als der andere ihn schon wieder einholte.

„Versöhnen wir uns, versöhnen wir uns,“ kam es in bebendem Flüsterton, fast bettelnd, von seinen Lippen.

Stawrogin zuckte mit der Schulter und ging weiter.

„Hören Sie, ich bringe morgen Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen, wollen Sie? Nicht? Warum antworten Sie denn nicht? Sagen Sie nur, was Sie wollen, und ich tue es. Hören Sie: ich lasse Ihnen auch Schatoff, wollen Sie?“

„Dann ist es also wahr, daß Sie ihn wirklich ermorden wollten?“

„Nun, wozu brauchen Sie Schatoff? Was haben Sie von ihm?“ fuhr atemlos schnell Werchowenski fort, indem er ihm bald in den Weg lief, bald wieder ihn am Ellenbogen ergriff, augenscheinlich, ohne sich dessen überhaupt bewußt zu werden. „Hören Sie: ich gebe Ihnen Schatoff, versöhnen wir uns nur, versöhnen wir uns! Ihre Rechnung ist groß, aber ... versöhnen wir uns!“

Stawrogin sah ihn schließlich an und war betroffen. Das war nicht mehr derselbe Blick, nicht mehr dieselbe Stimme, wie sonst und wie noch dort im Zimmer. Das war fast ein ganz anderes Gesicht, das er da vor sich sah. Und auch die Stimme war eine ganz andere: Werchowenski flehte, winselte geradezu. Das war ja ein Mensch, dem man das Teuerste auf Erden nimmt, oder schon fortgenommen hat, und der noch nicht zur Besinnung gekommen ist.

„Was ist mit Ihnen geschehen?“ rief Stawrogin unwillkürlich.

Werchowenski antwortete nicht und lief immer noch neben ihm her und sah mit demselben flehenden und doch gleichzeitig unnachgiebigen Blick zu ihm auf.

„Versöhnen wir uns!“ flüsterte er noch einmal. „Hören Sie, ich halte wie Fedjka ein Messer im Stiefel bereit, aber – ich will mich mit Ihnen versöhnen!“

„Zum Teufel, wozu brauchen Sie mich denn! Was wollen Sie von mir?“ rief Stawrogin in hellem Zorn, trotz seiner ganzen Verwunderung. „Soll das etwa ewig ein Geheimnis bleiben? Bin ich denn ein Talisman für Sie?“

„Hören Sie, wir machen einen Aufruhr,“ redete der andere schnell und wirr, fast wie im Fieber. „Sie glauben nicht, daß wir einen Aufruhr machen? Wir werden einen solchen Aufruhr machen, daß alles in den Grundfesten erbebt. Karmasinoff hat recht: es gibt nichts, woran man sich noch halten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn solcher Gruppen in ganz Rußland, und ich bin nicht zu fangen.“

„Und überall dieselben Dummköpfe!“ entfuhr es Stawrogin wider Willen.

„Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas dümmer! Wissen Sie, Sie sind ja auch gar nicht so klug, daß Sie dies noch wünschen sollten. Sie fürchten sich, Sie glauben nicht daran, der Umfang schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Dabei sind sie gar nicht mal solche Dummköpfe! Heutzutage hat niemand seinen eigenen Verstand. Heutzutage gibt es überhaupt furchtbar wenig eigenen Verstand. Wirginski ist der reinste Mensch, viel reiner als solche wie wir, zehnmal reiner. Doch lassen wir ihn beiseite, was geht er uns an. Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne seine Achillesferse. Es gibt keinen Spitzbuben, der nicht eine Achillesferse hätte. Nur Lämschin allein hat keine, dafür ist er ganz in meiner Hand. Und noch ein paar solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld – beachten wir schon das allein! Wenn auch nur das allein! – was? Dazu sichere Verstecke. Mögen sie dann suchen! Eine Gruppe reißt man heraus, und auf die andere setzt man sich ahnungslos. Wir wiegeln auf ... Hören Sie, wir machen einen Aufruhr ... Glauben Sie denn wirklich nicht, daß wir zwei vollkommen genügen?“

„Nehmen Sie Schigaleff, mich aber lassen Sie in Ruh ...“

„Schigaleff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie, das ist ein Genie à la Fourier, nur mutiger als Fourier, nur stärker als Fourier. Ich werde mich mit ihm beschäftigen. Er hat die ‚Gleichheit‘ erdacht!“

– „Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muß etwas ganz Besonderes mit ihm geschehen sein,“ dachte Stawrogin und sah ihn noch einmal von der Seite an. Sie gingen beide, ohne stehen zu bleiben.

„In seiner Schrift ist das eine gut,“ fuhr Werchowenski fort, „er hat die Idee der Spionage. Bei ihm beobachtet innerhalb des Verbandes ein jeder den anderen, und ist verpflichtet, ihn nötigenfalls anzuzeigen. Jeder einzelne gehört allen und alle jedem einzelnen. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In äußersten Fällen Verleumdung und Mord, – aber die Hauptsache: Gleichheit! Als erstes senkt sich dann das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der natürlichen, angeborenen Begabung. Ein hohes geistiges Niveau ist nur höheren Begabungen zugänglich – wir aber brauchen keine höheren Begabungen! Höhere Begabungen haben stets die Macht an sich gerissen und waren Despoten. Höheren Begabungen ist es unmöglich, nicht Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder man richtet sie hin. Cicero wird die Zunge abgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen und Shakespeare wird gesteinigt – das ist der Schigalewismus! Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in der Herde aber muß Gleichheit sein, und da haben Sie den Schigalewismus! Ha–ha–ha, Ihnen kommt das sonderbar vor? Ich bin für den Schigalewismus!“

Stawrogin schritt schneller aus, um endlich nach Hause zu kommen. – „Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er denn inzwischen trinken können?“ fuhr es ihm durch den Kopf. „Sollte wirklich der eine Kognak –?“

„Hören Sie, Stawrogin: Berge zur Ebene machen – ist ein guter Gedanke, nicht ein lächerlicher. Ich bin für Schigaleff! Bildung ist nicht nötig, von Wissenschaft haben wir genug! Auch ohne Wissenschaft reicht das Material für tausend Jahre, aber zuerst muß sich der Gehorsam durchsetzen. Nur eines ist noch nicht genug vorhanden in der Welt – und das ist Gehorsam. Jeder Bildungsdurst ist schon ein aristokratischer Trieb. Familie, Liebe – das ist gleich schon Wunsch nach Eigentum. Wir bringen ihn um, den Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch, Angeberei; wir verbreiten unerhörte Demoralisation; wir ermorden jedes Genie schon als Kind. Alles wird auf einen Nenner gebracht, vollständige Gleichheit durchgesetzt. ‚Wir haben ein Handwerk erlernt und wir sind ehrliche Leute, weiter brauchen wir nichts‘ – diese Antwort haben kürzlich englische Arbeiter gegeben. Unentbehrlich ist nur das Unentbehrliche, – das sei die Devise des Erdballs von nun an. Aber auch Krämpfe sind nötig; dafür werden wir sorgen, die Regenten. Sklaven müssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene Unpersönlichkeit, aber einmal in jeden dreißig Jahren gönnt Schigaleff doch einen Krampf, und dann frißt sich alles plötzlich gegenseitig auf, bis zu einer gewissen Grenze natürlich nur, einzig damit das Leben nicht zu langweilig wird. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im Schigalewismus wird es keine Wünsche geben. Wünsche und Leiden für uns, für die Sklaven aber Schigalewismus.“

„Sich selbst schließen Sie aus?“

„Und Sie. Wissen Sie, zuerst wollte ich die Welt dem Papst geben. Mag er sich barfuß dem Pöbel zeigen: ‚Seht, wozu man mich gebracht hat!‘ und alles wird ihm nachlaufen, sogar das Heer. Der Papst oben, wir um ihn herum und unter uns Schigalewismus. Nur müßte sich die Internationale mit dem Papst einverstanden erklären; was sie auch tun wird. Der Alte selbst wird natürlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar kein anderer Ausweg übrigbleiben, behalten Sie mein Wort, ha–ha–ha, dumm? Sagen Sie, ist’s dumm oder nicht?“

„Genug,“ murmelte Stawrogin geärgert.

„Genug! Hören Sie, ich habe den Papst Papst sein lassen! Zum Teufel mit dem Papst! Zum Teufel mit dem Schigalewismus! Wir brauchen die brennende Tagesfrage, aber nicht den Schigalewismus, denn der ist eine Juwelierarbeit. Schigalewismus ist ein Ideal, kommt erst für die Zukunft in Frage. Schigaleff ist ein Juwelier und dumm wie jeder Philantrop. Doch zunächst tut grobe Arbeit not, Schigaleff aber verachtet die grobe Arbeit. Hören Sie, der Papst wird im Westen sein, bei uns aber, bei uns – sind Sie!“

„Lassen Sie mich in Ruh, Sie Betrunkener!“ murmelte Stawrogin und ging noch schneller weiter.

„Stawrogin, Sie sind schön!“ rief Pjotr Stepanowitsch fast wie in einem Rausch. „Wissen Sie es auch selbst, daß Sie schön sind? Das Teuerste an Ihnen ist, daß Sie es zuweilen selbst gar nicht zu wissen scheinen, wie schön Sie sind. Oh, ich kenne Sie jetzt auswendig! Ich sehe Sie mir oft heimlich, von der Seite an, aus einem Winkel! In Ihnen ist sogar Treuherzigkeit und echte Einfalt – wissen Sie das auch? Ja, noch, noch sind die in Ihnen! Sie leiden offenbar, und leiden aufrichtig, dank dieser Treuherzigkeit. Ich liebe die Schönheit! Ich bin ein Nihilist, aber ich liebe Schönheit! Lieben denn Nihilisten die Schönheit nicht? Die lieben doch bloß Götzen nicht, nun, ich aber liebe einen Götzen! Und Sie, Sie sind mein Götze! Sie kränken niemanden, und doch werden Sie von allen gehaßt. Sie sehen auf alle gleich und doch werden Sie von allen gefürchtet, und das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf die Schulter zu klopfen. Sie sind ein furchtbarer, ein geborener Aristokrat. Wenn ein Aristokrat unter die Demokraten geht, ist er bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, das Leben zu opfern, Ihr eigenes ebenso wenig, wie das anderer Menschen. Sie sind genau so, wie er sein muß. Und ich, ich brauche gerade solch einen, wie Sie. Außer Ihnen wüßte ich keinen. Sie sind der Anführer, Sie sind Sonne, ich aber bin Ihr Wurm ...“

Und plötzlich küßte er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin über den Rücken und entsetzt riß er seine Hand zurück.

Sie blieben stehen.

„Wahnsinniger!“ murmelte Stawrogin.

„Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht phantasiere ich im Fieber!“ hastete Werchowenski weiter in seiner Rede, „aber ich habe den ersten Schritt ausgedacht. Niemals kann Schigaleff den ersten Schritt ausdenken. Es gibt viele Schigaleffs! Aber nur ein einziger, ein einziger in ganz Rußland hat den ersten Schritt ausgedacht und weiß, wie man ihn machen muß. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? Ich brauche aber Sie, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich eine Fliege, eine Idee im Fläschchen; ein Kolumbus ohne Amerika!“

Stawrogin stand und sah aufmerksam in Werchowenskis sinnlose Augen.

„Hören Sie, wir machen zuerst einen Aufruhr,“ eilte jener wie gehetzt weiter in seiner Rede, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel anfaßte. „Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk. Wissen Sie auch, daß wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Unser sind nicht nur die, die da brennen und morden, oder klassische Schüsse abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ich verstehe nichts ohne Disziplin. Ich bin doch ein Betrüger, aber kein Sozialist, ha–ha! Hören Sie, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der Lehrer, der mit den Kindern über ihren Gott und über ihre Wiege lacht, ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit verteidigt, daß der Mörder entwickelter gewesen ist, als seine Opfer und somit, um Geld zu bekommen, unmöglich nicht töten konnte, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern töten, um zu sehen, was man dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Unser sind Administratoren, Literaten, oh, unser sind viele, ihrer sind Legion, und sie wissen es selbst nicht einmal, daß sie unser sind! Andererseits hat der Gehorsam der Schuljungen und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht. Bei denen aber, die sie leiten und lehren sollten, ist nichts als Galle. Überall grenzenlose Ruhmsucht, unerhörte, tierische Genußsucht ... Wissen Sie überhaupt, wie viele wir allein schon mit fertigen Ideechen einfangen? Als ich Rußland verließ, wütete die These Littrés, nach der Verbrechen Wahnsinn ist. Ich komme wieder – und schon ist das Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern gerade der wahre, der einzige Sinn, ist beinahe Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. – ‚Wie soll denn ein geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er Geld braucht?‘ – Doch das sind erst kleine Pröbchen. Der russische Gott hat vor dem Schnaps schon die Flucht ergriffen. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer und an den Gerichtshöfen heißt es: ‚zweihundert Rutenstreiche oder schlepp den Eimer‘. Oh, gebt nur dieser Generation Zeit, aufzuwachsen! Der Jammer ist ja nur, daß wir keine Zeit zum Warten haben, sonst könnten wir sie noch betrunkener werden lassen! Ein Jammer, daß wir keine Proletarier haben! Aber wir werden sie schon bekommen, wir werden schon, denn dazu führt es ...“

„Ein Jammer gleichfalls, daß wir dümmer geworden sind,“ brummte Stawrogin und setzte seinen früheren Weg fort.

„Hören Sie, ich habe ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine betrunkene Mutter nach Hause führte, und die schimpfte es noch mit gemeinen Worten. Sie glauben, daß ich mich darüber freue? Bekommen wir es in die Hände, so werden wir es vielleicht auch gesund machen ... wenn es nötig ist, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus ... Aber eine oder zwei Generationen mit unerhörter Sittenverderbnis sind jetzt unbedingt nötig: vertierte Sitten, gemeine, schändliche Sitten, so daß der Mensch sich in einen einzigen widrigen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Ekel verwandelt – das ist es, was nötig ist! Und dann ein bißchen ‚frisches Blut‘, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philantropen und dem Schigalewismus, aber nicht mir! Ich bin ein Betrüger, aber kein Sozialist. Ha–ha–ha! Schade nur, daß wir so wenig Zeit haben. Ich habe Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zum Oktober zu beenden. Schnell – wie? Ha–ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Stawrogin: im russischen Volk hat es bis jetzt noch keinen Zynismus gegeben, wenn es sich auch mit gemeinen Worten zu schimpfen pflegte. Wissen Sie auch, daß dieser leibeigene Sklave sich mehr achtete, als Karmasinoff sich achtet? Er wurde gedroschen, aber er stand für seinen Gott ein, Karmasinoff aber steht nicht für seinen Gott ein.“

„Nun, Werchowenski, ich höre Sie zum ersten Male, und höre Sie mit Verwunderung,“ sagte Stawrogin, „Sie sind also wirklich kein Sozialist, sondern ein politischer ... Streber?“

„Ein Betrüger, ein Betrüger. Macht Ihnen das Sorge, was ich eigentlich bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, wer ich bin, darauf komme ich jetzt. Habe Ihnen doch nicht umsonst die Hand geküßt. Aber es ist nötig, daß auch das Volk es glaubt, daß wir wissen, was wir wollen, und daß jene nur mit der ‚Keule fuchteln und die Eigenen schlagen‘. Ach, nur Zeit! Der einzige Jammer ist bloß der, daß wir keine Zeit haben! Wir verkünden die Zerstörung ... warum nur, warum ist diese Idee so bezaubernd? Aber man muß, man muß die Knochen gelenkig machen. Wir legen Feuer an ... Wir verbreiten Legenden ... Hierbei wird uns jede kleine räudige ‚Gruppe‘, jedes Häufchen zu statten kommen. Ich kann Ihnen aus diesen Gruppen solche Jäger heraussuchen, die zu jedem Schuß bereit sind und für die Ehre noch ewig dankbar bleiben. Und dann beginnt der Aufruhr! Ein Schaukeln hebt an und gerät in Schwung, wie’s die Welt bisher noch nie gesehen hat! ... Verfinstern wird sich Rußland und weinen wird die Erde nach den alten Göttern ... Und dann, dann bringen wir ... Wen?“

„Wen?“

„Den Zarewitsch Iwan!“

„We–en?“

„Den Zarewitsch Iwan; Sie, Sie!“

Stawrogin dachte einen Augenblick nach.

„Einen Usurpator?“ fragte er plötzlich und sah mit tiefer Verwunderung den Verzückten an. „Ah, also das ist Ihr Plan!“

„Wir sagen zuerst, daß er sich ‚verbirgt‘,“ flüsterte leise wie ein Liebesgeständnis Werchowenski, der in der Tat wie betrunken war. „Wissen Sie auch, was dieses Wörtchen bedeutet: ‚er verbirgt sich‘? ‚Aber er wird kommen, er wird kommen!‘ sagen wir. Die Legende, die wir verbreiten, wird besser sein, als die der Skopzen.[47] Er ist da – aber noch hat ihn niemand gesehen. Oh, was für eine Legende wir zuraunen können! Doch die Hauptsache – eine neue Kraft kommt! Gerade die aber tut ja not, gerade nach einer solchen sehnt man sich ja weinend! Was ist denn der Sozialismus: er hat ja nur alte Kräfte zerstört, neue aber nicht gebracht. Hier dagegen ist’s eine Kraft, und noch was für eine! Eine noch nie dagewesene! Wir brauchen ja nur für einmal den Hebel, um die Erde aufzuheben. Alles wird sich erheben!“

„So haben Sie im Ernst auf mich gerechnet?“ fragte Stawrogin ironisch.

„Warum lachen Sie und warum lachen Sie so boshaft? Erschrecken Sie mich nicht. Ich bin jetzt wie ein Kind, man kann mich zu Tode erschrecken, schon allein mit solch einem Lächeln. Hören Sie, ich werde Sie niemandem zeigen, niemandem: so muß es sein. Er ist da, aber keiner hat ihn gesehen. Er verbirgt sich. Oder wissen Sie, einem kann man Sie auch zeigen, von je Hunderttausend nur einem. Und über die ganze Erde hin wird es heißen: ‚Wir haben ihn gesehen, gesehen!‘ Haben doch die Leute den Iwan Filippowitsch,[48] ihren Zebaoth, den Herrn der Heerscharen, ‚gesehen‘, wie er im Wagen gen Himmel fuhr vor allen Menschen, haben es ‚mit eigenen Augen gesehen‘. Sie aber sind nicht nur ein Iwan Filippowitsch: Sie sind schön, sind stolz wie ein Gott, mit der Aureole des Opfers, wollen nichts für sich selbst, und ‚verbergen‘ sich. Die Hauptsache ist die Legende! Sie werden alle besiegen, Sie sehen sie nur einmal an und siegen. Er bringt die neue Wahrheit und – ‚verbirgt‘ sich. Und mittlerweile verbreiten wir ein paar Salomonische Aussprüche. Haben ja die Gruppen, die ‚Fünfer‘ – brauchen keine Zeitungen! Wenn von zehntausend Bitten nur eine einzige erfüllt wird, so kommen alle mit Bitten. In jedem Kreise wird jeder Bauer wissen, daß da in einem gewissen Baumstamm eine Höhlung ist, in die man Bittschriften hineinlegen kann. Und die ganze Erde jauchzt auf: ‚Das neue gerechte Gesetz kommt zu uns!‘ und das Meer gerät ins Wogen und die Schaubude stürzt, – dann aber werden wir daran denken, wie wir ein steinernes Gebäude errichten! Zum erstenmal! Denn bauen werden wir, nur wir, wir allein!“

„Raserei!“ murmelte Stawrogin.

„Warum, warum wollen Sie nicht? Fürchten Sie sich etwa? Ich habe doch gerade deshalb Sie erwählt, weil Sie nichts fürchten. Unvernünftig, wie? Aber ich bin doch vorläufig noch Kolumbus ohne Amerika – ist denn Kolumbus ohne Amerika vernünftig?“

Stawrogin schwieg. Sie waren bei dem Hause angelangt und blieben an der Vorfahrt stehen.

„Hören Sie,“ Werchowenski beugte sich zu seinem Ohr, „ich mache es Ihnen ohne Geld, morgen beende ich es mit Marja Timofejewna ... ohne Geld, und morgen noch bringe ich Ihnen Lisa. Wollen Sie Lisa, morgen noch?“

„Sollte er wirklich verrückt geworden sein?“ fragte sich Stawrogin und lächelte. Die Tür öffnete sich.

„Stawrogin, ist Amerika unser?“ Werchowenski ergriff zum letztenmal seine Hand.

„Wozu?“ fragte Stawrogin ernst und streng.

„Keine Lust also! – das konnte ich mir ja denken!“ stieß Pjotr Stepanowitsch in einem wahren Wutanfall hervor. „Aber das lügen Sie ja, Sie erbärmlicher, ausschweifender, brüchiger Herrensohn, ich weiß es besser: Sie haben sogar einen Wolfshunger danach! ... Begreifen Sie doch, daß Ihre Rechnung jetzt schon viel zu groß ist! Und ich kann doch nicht auf Sie verzichten! Es gibt keinen anderen auf der Welt als nur Sie! Ich habe Sie mir schon im Auslande ausgedacht; hab’s getan, indem ich Sie sah. Hätte ich Sie nicht mit Augen gesehn, aus meiner Ecke, mir wäre auch nichts in den Sinn gekommen! ...“

Stawrogin stieg, ohne zu antworten, die Stufen hinan.

„Stawrogin!“ rief ihm Werchowenski nach, „– ich gebe Ihnen noch einen Tag Bedenkzeit ... nun, zwei ... nun, meinethalben drei! ... Mehr als drei kann ich nicht, dann aber – Ihre Antwort!“

Vierzehntes Kapitel.
Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde

Vierzehntes Kapitel. Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde
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