Fragen und Antworten

Stepan Trophimowitsch und Pjotr Stepanowitsch Werchowenski

„Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden muß. Damit (mit der Zerstörung) muß naturgemäß jede Sache beginnen; das weiß ich, und darum beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich weiß nur, daß man damit beginnen muß, alles übrige ist nur zeitraubendes Geschwätz. Alle diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen – sind Unsinn. Je mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist’s, denn auf diese Weise erhält man noch einige Zeit künstlich das Leben eines Dinges, das doch unbedingt sterben und einstürzen muß. Je schneller desto besser, je früher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst natürlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man muß alles zerstören, um das neue Gebäude aufbauen zu können, das alte Gebäude aber mit Stützen noch zu stützen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei.“

„Nun, z. B., du weißt, daß du früher oder später doch einmal sterben mußt, warum erschießt du dich denn nicht jetzt gleich – je schneller desto besser?“

„Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden muß.“

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„Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich weiß, daß man es jetzt machen muß, und so mache ich es denn. Auch ihr wußtet das, du und deine Generation, doch ihr weintet bloß. Wir aber weinen nicht, sondern tun’s einfach.“

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Stepan Trophimowitsch und Pjotr Werchowenski

„Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, hätte dabei aber nicht einmal einem Huhn etwas zuleide tun können.“

„Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm sagte, daß er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewußt habe. Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jüngling war[73]. Belinski wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D’s, der Christus verteidigte, begann er Christus zu schmähen. ‚Und immer macht er, wenn ich schimpfe, eine so betrübte, niedergeschlagene Physiognomie,‘ sagte Belinski plötzlich, indem er mit dem gutmütigsten, unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufällig Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten Eisenbahnstrecke. ‚Ich kann nicht kaltblütig warten‘, sagte Belinski zu ihm, ‚ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwählt und jeden Tag sehe ich mir den Bahnbau an.‘ Oh, wenn er, der Arme, gewußt hätte, mit welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die Erbauer der Bahn! Belinski sagte: ‚Ich bin nicht so wie die anderen, ich bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein werde, – wird man erfahren, wen man begraben hat.‘[74] D. schloß sich ihm an und begann über die Eisenbahn zu sprechen, dann über die zukünftigen Eisenbahnen überhaupt, über die Beheizung der Wagen und schließlich über die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden müsse. Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen über diese, wie ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: ‚Brennholz will er mit der Eisenbahn befördern!‘ Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie sich vor, er glaubte wirklich, daß man mit der Eisenbahn nur Passagiere, von Waren aber höchstens die feinsten und wertvollsten articles de Paris[280] befördern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit ... Aber er begriff doch mehr als alle.“

„Dann haben alle wohl viel begriffen!“

„Mein Freund, ich habe mich vom tätigen Leben zurückgezogen ... Jetzt unter den Tätigen sein, das will und kann ich nicht ...“

„Ja, zu was könntest du jetzt auch noch taugen!“

Charakteristik Pjotr Werchowenskis

„Eigentlich geht mich ja weder das Volk noch die Kenntnis desselben etwas an. Ich weiß nur, daß man das Volk jetzt zu einem Aufstand bringen kann, und das ist alles, worauf es ankommt.“

Wenn er vom Volk spricht, bekundet er plötzlich in einem Punkt eine himmelschreiende und ganz sonderbare Unwissenheit und Ahnungslosigkeit (eine unbedingt so sonderbare, daß die Ungeheuerlichkeit sofort in die Augen springt.) Unter Gelächter wird er überführt, werden seine Behauptungen widerlegt; aber bemerkenswert ist, daß ihn das nicht im geringsten verwirrt, weder wankt er, noch ist er pikiert, ja er fühlt sich nicht einmal in seiner Eigenliebe verletzt. Unglaublich kaltblütig und nachlässig nimmt er es hin:

„Vielleicht ist es auch so,“ sagt er, „aber das ist doch ganz einerlei, nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß man jetzt einen Aufstand machen kann, und so will ich ihn denn jetzt machen.“

Man antwortet ihm, daß auch ein Aufruhr ihm bestimmt nicht gelingen wird, wenn er nicht das Volk kennt, und daß die Proklamation eine Absurdität ist.

„Das ist Unsinn,“ antwortet er, „laßt mich nur eine Viertelstunde ohne Zensur mit dem Volke sprechen, und es wird mir sofort folgen.“

Man versichert ihm, daß das Volk weit fester sitze, er aber sagt: „Na, das ist erst recht Unsinn!“ und weist auf die Tatsachen hin – Räuberhorden, Brandstiftungen, von Sohn[75] –. „Und ihr seht es ja selbst ein, daß das eine unentschiedene Sache ist, da ihr jetzt selbst verstummt und nichts mehr zu sagen wißt. (Auf die goldene Urkunde[76] hin ging doch das Volk, warum soll es auf die Proklamationen hin nicht gehen?“)

Ist mitunter ganz entsetzlich unwissend. Den ernsten Einwendungen seines Vaters (z. B., daß nicht die ganze Natur des Menschen bekannt ist und der Verstand nur 1/20 des ganzen Menschen ausmacht) schenkt er überhaupt keine Beachtung und will und versucht auch nicht einmal, ihm zu entgegnen, gibt sogar offen zu, daß er das nicht weiß, aber: „nicht darauf kommt es an“.

Ist in seiner Unwissenheit vollkommen ruhig.

Die Rede seines Vaters bei der Fürstin hat er nicht einmal gehört.

Und dabei schlägt er den Vater doch vollkommen. („Mit ihm kann man nicht streiten,“ sagt der Vater.)

Die Streitfragen der Slawophilen und Westler sind ihm nicht einmal annähernd bekannt, er hat nur gehört, daß es so etwas wie Slawophile und Westler gibt, aber: „alles das ist Unsinn“ und „nicht darum handelt es sich.“

Schreibt sogar unorthographisch.

Charakteristik Stepan Trophimowitschs
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