VIII.
Schatoff war ausgegangen. Nach zwei Stunden ging ich wieder zu ihm – und wieder war er nicht zu Hause. Um acht Uhr abends ging ich zum dritten Male hin, um ihm, wenn ich ihn wieder nicht antreffen sollte, einen Zettel zu hinterlassen. Und richtig, er war wieder nicht zu Haus, sein Zimmer war verschlossen: er lebte ganz allein und ohne einen Dienstboten. Einen Augenblick fragte ich mich, ob ich nicht zu Lebädkins gehen und dort nach ihm fragen sollte: aber auch dort war die Tür verschlossen, es war weder ein Licht zu sehen, noch ein Laut zu hören – die Wohnung schien vollständig leer zu sein. Ich entschloß mich also, morgen früh wiederzukommen, denn auf das Zettelchen konnte ich mich nicht verlassen. Schatoff war mitunter so eigensinnig und dazu schüchtern, da war es leicht möglich, daß er einfach nicht hinging. Gerade als ich aus der Tür trat, stieß ich auf Herrn Kirilloff. Er erkannte mich sofort, und da er mich ansprach und fragte, wen ich suchte, erzählte ich ihm die ganze Geschichte und erwähnte auch meinen Zettel.
„Kommen Sie,“ sagte er, „ich werde es machen.“
Kirilloff wohnte seit diesem Morgen, wie uns schon Liputin erzählt hatte, im Flügel auf dem Hof. In dieser Hälfte des Hauses, die für ihn allein zu groß gewesen wäre, wohnte außer ihm noch ein altes, taubes Weib, das ihn auch bediente. Der Hausbesitzer selbst, Herr Filippoff, war nebenan in sein neues Heim gezogen, wo er eine Trinkstube hielt, und die Alte, die mit ihm verwandt war, beaufsichtigte nun das alte Haus. Die Zimmer in diesem Flügel waren sauber, aber die Tapeten schmutzig. Im ersten Zimmer, in das wir eintraten, standen die verschiedensten alten Möbel: zwei l’Hombretische, eine Kommode aus Ellernholz, ein großer Tisch aus rohen Brettern, wohl aus einer Bauernstube oder Küche; ferner ein paar Stühle und ein Diwan mit geflochtenen Lehnen und harten Lederkissen. In einer Ecke hing ein altes Heiligenbild, vor dem die Alte das Lämpchen schon angezündet hatte, und an den Wänden hingen zwei alte Öldruckbilder, von denen das eine den Kaiser Nicolai I. und das andere irgendeinen Bischof darstellte.
Kirilloff zündete ein Licht an und holte aus seinem Koffer, der in einer Ecke noch unausgepackt stand, ein Kuvert, Siegellack und ein Kristallpetschaft.
„Versiegeln Sie Ihren Brief und schreiben Sie die Adresse darauf.“
Ich sagte, daß das unnötig sei, aber er bestand auf seinem Wunsch. Nachdem ich die Adresse geschrieben hatte, nahm ich meinen Hut und wollte gehen.
„Ich dachte, Sie würden Tee trinken,“ sagte er. „Ich habe Tee gekauft. Wollen Sie nicht?“
Ich lehnte nicht ab. Die Alte brachte bald darauf eine riesige Teekanne mit heißem Wasser und eine kleinere mit gezogenem Tee, zwei große einfache Tassen, Weißbrot und einen ganzen Teller mit Stückzucker.
„Ich liebe Tee,“ sagte Kirilloff, „besonders in der Nacht. Ich gehe auf und ab und trinke, bis zum Morgen. Im Auslande ist Teetrinken nachts unbequem.“
„Sie legen sich erst gegen Morgen schlafen?“
„Immer, schon lange. Ich esse wenig. Trinke immer Tee ...“ Und ganz unvermittelt sagte er plötzlich: „Liputin ist schlau, aber ungeduldig.“
Es wunderte mich, daß er heute offenbar zu sprechen wünschte, und ich entschloß mich, die Gelegenheit zu benutzen.
„Das war ein unangenehmes Mißverständnis, heute vormittag, bei Stepan Trophimowitsch,“ bemerkte ich.
Er machte ein geärgertes Gesicht.
„Das war Dummheit; das sind furchtbare Nichtigkeiten; alles, was da war, denn Lebädkin spricht betrunken. Ich habe Liputin nichts gesagt, nur die Richtigkeit erklärt; denn jener hatte gefaselt. Liputin hat viel Phantasie; statt die Nichtigkeit einzusehen, hat er gleich Berge daraus gebaut. Gestern vertraute ich ihm.“
„Und heute mir?“ fragte ich lachend.
„Aber Sie wußten doch vorher schon von allem. Liputin ist schwach, oder ungeduldig, oder schädlich, oder ... neidisch.“
Das letzte Wort überraschte mich.
„Hm. Übrigens haben Sie so viele Kategorien aufgestellt, daß es schließlich kein Wunder ist, wenn er in eine von ihnen hineinpaßt.“
„Oder in alle zusammen.“
„Ja, auch das ist richtig. Liputin ist ein Chaos! Er log zwar vorhin, aber sagen Sie, ist es nicht trotzdem wahr, daß Sie ein Buch schreiben wollen?“
„Warum soll das gelogen sein?“ entgegnete er finster und sah zu Boden.
Ich entschuldigte mich und versicherte, daß ich ihn nicht ausfragen wolle. Er errötete.
„Liputin hat da die Wahrheit gesagt. Ich schreibe. Nur ist das ganz gleich.“
Wir schwiegen wohl eine Minute lang; plötzlich lächelte er wieder sein Kinderlächeln.
„Das von den Köpfen hat er sich selbst ausgedacht, nach einem Buch, und er selbst erzählte es mir zuerst, nur versteht er es schlecht; ich aber suche nur den Grund, warum die Menschen sich nicht selbst zu töten wagen; das ist alles. Aber auch das ist ganz gleich.“
„Wieso, nicht wagen? Als ob es wenig Selbstmorde gäbe?“
„Finden Sie wirklich?“
Er antwortete nicht, stand auf und ging, in Gedanken versunken, auf und ab.
„Was hält denn, Ihrer Meinung nach, die Leute davon ab, sich selbst zu töten?“ fragte ich.
Er sah mich zerstreut an, als müßte er sich erst erinnern, wovon wir sprachen.
„Ich ... ich weiß noch wenig ... Zwei Vorurteile halten davon ab, zwei Gründe. Nur zwei: der eine ist sehr klein und der andere ist sehr groß. Aber auch der kleine ist sehr groß.“
„Welches ist denn der kleine?“
„Der Schmerz.“
„Der Schmerz? Ja, glauben Sie denn, daß das so wichtig ist ... in solchem Fall?“
„Das Allererste. Es gibt zwei Arten: Die, welche sich aus großem Leid umbringen, oder aus Haß, oder aus Wahnsinn, oder sonst da irgendwie ... die tun es plötzlich. Die denken wenig an den Schmerz, und tun’s plötzlich ... Aber die, die sich aus Überlegung töten – die denken viel.“
„Ja, gibt es denn überhaupt solche, die sich aus Überlegung töten?“
„Sehr viele. Wenn es kein Vorurteil gäbe, würden es noch mehr sein; sehr viele; alle!“
„Was, sogar schon alle?“
Er schwieg.
„Aber gibt es denn keine Möglichkeit, schmerzlos zu sterben?“
Er blieb vor mir stehen: „Denken Sie sich einen Stein von der Größe eines großen Hauses; er hängt über Ihnen und Sie sind unter ihm; wenn er auf Sie fällt, auf den Kopf – wird es schmerzen?“
„Ein Stein von der Größe eines Hauses? Natürlich, furchtbar!“
„Ich spreche nicht von der Angst; wird es schmerzen?“
„Ach so! Ein Stein, so groß wie ein Berg, eine Million Pud schwer? – Selbstverständlich nicht ein bißchen!“
„Aber wenn Sie so liegen, während er hängt, werden Sie furchtbare Angst davor haben, daß es schmerzen wird. Jeder große Gelehrte, jeder Arzt, alle, alle werden Angst haben. Jeder wird wissen, daß es nicht schmerzt, doch jeder wird sehr fürchten, daß es schmerzen wird.“
„Nun, und der große, der zweite Grund?“
„Das Jenseits.“
„Sie meinen die Strafe?“
„Einerlei. Das Jenseits, nichts als das Jenseits.“
„Gibt es denn nicht auch solche Atheisten, die an ein Jenseits gar nicht glauben und es vollständig leugnen?“
Er schwieg wieder.
„Sie urteilen vielleicht nur nach sich selbst?“
„Niemand kann anders urteilen, als nach sich selbst,“ sagte er und errötete wieder. „Die vollständige Freiheit wird erst dann sein, wenn es ganz einerlei sein wird, ob man lebt oder nicht. Das ist das ganze Ziel.“
„Das Ziel? Ja, aber dann wird vielleicht niemand mehr leben wollen?“
„Niemand,“ sagte er bestimmt.
„Der Mensch fürchtet den Tod, weil er das Leben lieb hat, so verstehe ich es wenigstens,“ bemerkte ich, „und so will es die Natur.“
„Das ist die Gemeinheit und hier steckt der ganze Betrug!“ Seine Augen blitzten auf. „Das Leben ist Schmerz, das Leben ist Angst, und der Mensch ist unglücklich. Jetzt liebt der Mensch das Leben, weil er Schmerz und Angst liebt. Und so hat man’s gemacht. Das Leben wird einem jetzt für Angst und Schmerz gegeben. Hierin liegt der ganze Betrug. Jetzt ist der Mensch noch nicht jener Mensch. Aber es wird einen neuen Menschen geben, einen glücklichen und stolzen. Wem es ganz einerlei sein wird, ob leben oder nicht leben, der wird der neue Mensch sein. Wer Schmerz und Angst besiegen wird, der wird selbst Gott sein. Aber den Gott wird es dann nicht mehr geben.“
„Also gibt es Ihrer Meinung nach doch noch den Gott?“
„Es gibt Ihn nicht, aber Er ist da. Im Stein ist kein Schmerz, aber in der Angst durch den Stein ist Schmerz. Gott ist der Schmerz der Angst vor dem Tode. Wer Schmerz und Angst besiegt, der wird selbst Gott werden. Dann wird ein neues Leben sein, ein neuer Mensch, alles neu ... Dann wird man die Weltgeschichte in zwei Teile teilen: vom Gorilla bis zur Vernichtung Gottes, und von der Vernichtung Gottes bis ...“
„Bis zum Gorilla –?“
„... bis zur physischen Veränderung der Erde und des Menschen. Der Mensch wird Gott sein und wird sich physisch verändern. Und das ganze Weltall wird sich verändern, und alle Dinge werden sich verändern, und alle Gedanken und alle Gefühle. Was glauben Sie, wird sich dann nicht auch der Mensch physisch verändern?“
„Wenn es uns ganz gleich sein wird, ob wir leben oder nicht leben, so werden sich alle selbst totschlagen, und darin wird dann vielleicht eine Veränderung bestehen.“
„Das ist einerlei. Den Betrug wird man totschlagen. Ein jeder, der die große Freiheit will, muß sich selbst zu töten wagen. Wer sich selbst zu töten wagt, der hat das Geheimnis des Betruges erkannt. Weiter gibt es keine Freiheit. Hier ist alles und weiter ist nichts. Wer sich selbst zu töten wagt, der ist Gott. Jetzt kann es jeder machen, daß Gott aufhört, zu sein, und daß nichts mehr ist. Aber noch hat es niemand einmal getan!“
„Selbstmörder hat es zu Millionen gegeben.“
„Aber alle nicht deswegen. Alle haben sie sich mit Angst und nicht deswegen getötet. Nur wer sich tötet, um die Angst totzuschlagen, der wird sofort Gott sein.“
„Dazu wird er vielleicht keine Zeit mehr haben,“ bemerkte ich.
„Das ist einerlei,“ sagte er leise, mit ruhigem Stolz und fast ein wenig mit Verachtung. „Es tut mir leid, daß Sie sich darüber wohl lustig machen,“ fügte er nach einer halben Minute hinzu.
„Und mich wundert, wie Sie vorhin so gereizt sein konnten und jetzt so ruhig sind, obgleich Sie doch – glühend sprechen.“
„Vorhin? Vorhin war es komisch,“ antwortete er mit einem Lächeln. „Ich liebe nicht, zu schimpfen, und lache nie,“ fügte er traurig hinzu.
„Ja, Ihre Nächte beim Tee verbringen Sie nicht gerade lustig.“
Ich stand auf und nahm meine Mütze.
„Finden Sie?“ Er lächelte mit einem gewissen Erstaunen. „Warum? Nein, ich ... ich weiß nicht,“ verwirrte er sich plötzlich – „ich weiß nicht, wie es bei den andern ist. Ich fühle, daß ich nicht so wie jedermann kann. Jeder denkt, und dann denkt er gleich an was anderes. Ich kann nicht an anderes, ich denke mein ganzes Leben lang nur an Eines. Mich hat Gott mein Leben lang gequält,“ schloß er plötzlich mit erstaunlicher Mitteilsamkeit.
„Aber sagen Sie doch, warum sprechen Sie manchmal so sonderbar ... so sonderbar falsch? Sollten Sie wirklich in den fünf Jahren im Auslande das Sprechen verlernt haben?“
„Spreche ich denn falsch? Ich weiß nicht. Nein, nicht weil ich im Auslande war. Ich habe immer so gesprochen ... mir ist es einerlei.“
„Und eine noch indiskretere Frage: ich glaube Ihnen vollkommen, daß Sie nicht gern mit Menschen zusammen sind und wenig mit ihnen sprechen – warum haben Sie aber jetzt mit mir so aufrichtig gesprochen?“
„Mit Ihnen? Sie saßen vorhin so gut da ... und Sie ... aber, einerlei ... Sie haben viel Ähnlichkeit mit meinem Bruder, viel, außerordentlich,“ sagte er errötend. „Er starb, vor sieben Jahren; der ältere; sehr, sehr viel Ähnlichkeit ...“
„Er hatte wohl einen großen Einfluß auf Ihre Anschauungen?“
„N–ein, er sprach wenig. Er sprach gar nicht. – Ich werde Ihren Zettel abgeben.“
Er begleitete mich mit der Laterne bis zur Pforte, um sie hinter mir zuzuschließen.
„Selbstverständlich verrückt,“ entschied ich bei mir.
Doch da kam es zu einer neuen Begegnung.