VIII.
Zunächst muß ich noch erwähnen, daß in den letzten zwei bis drei Minuten Lisaweta Nicolajewna von einer neuen Unruhe ergriffen worden war. Sie hatte schnell ihrer Mutter etwas zugeflüstert, und dann Mawrikij Nicolajewitsch, der sich zu ihr niederbeugte. Ihr Gesicht war erregt, doch zugleich drückte es Entschlossenheit aus. Offenbar hatte sie es jetzt sehr eilig, fortzukommen, denn als Mawrikij Nicolajewitsch die Mama vorsichtig aus dem Lehnstuhle zu heben begann, wollte sie schon helfen – aber sie bezwang sich noch.
Doch das Schicksal schien es nicht zu wollen, daß sie oder sonst jemand das Zimmer verließ, ohne das Ende des Ganzen mit angesehen zu haben.
Schatoff, den alle in seiner Ecke völlig vergessen hatten, und der, wie es schien, selbst nicht recht wußte, warum er da saß und noch nicht fortgegangen war – erhob sich plötzlich von seinem Stuhl und ging mit nicht schnellen, doch festen Schritten durch das ganze Zimmer auf Nicolai Stawrogin zu, ihm gerade ins Gesicht sehend.
Stawrogin war der erste, der sofort bemerkte, daß Schatoff sich erhob, und er lächelte kaum – kaum merklich; doch als Schatoff unmittelbar vor ihm stand, hörte er auf, zu lächeln.
Jetzt erst, als Schatoff schweigend vor ihm stehen blieb und keinen Blick von ihm abwandte, bemerkten auch die anderen die beiden.
Alle verstummten – Pjotr Stepanowitsch ganz zuletzt. Lisa und die Mama blieben mitten im Zimmer stehen.
So vergingen ungefähr fünf Sekunden.
Der Ausdruck dreister Befremdung in Nicolai Stawrogins Gesicht verwandelte sich in Zorn, er runzelte die Brauen und – plötzlich ...
Und plötzlich holte Schatoff mit seinem langen, schweren Arm weit aus und schlug ihn ins Gesicht.
Schatoff hatte ganz eigentümlich geschlagen, nicht so, wie man sonst Ohrfeigen zu geben pflegt, nicht mit der flachen Hand, sondern mit der festen, geballten Faust – die aber war bei ihm groß, schwer, knochig, mit rötlichem Flaum und Sommersprossen bedeckt. Wenn der Schlag das Nasenbein getroffen hätte, so würde er es unfehlbar zerschlagen haben, doch er traf mehr die Wange, den linken Mundwinkel und den Oberkiefer, aus dem denn auch sofort Blut zu tropfen begann.
Ich glaube, wir schrien alle auf. Oder vielleicht war es auch nur Warwara Petrowna, die aufschrie. Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls war es gleich darauf totenstill. Übrigens dauerte der ganze Zwischenfall nicht länger als zehn Sekunden.
Trotzdem geschah in diesen zehn Sekunden unendlich viel.
Nicolai Stawrogin gehörte zu den Naturen, die Angst überhaupt nicht kennen. Im Duell stand er, während sein Gegner auf ihn zielte, mit der größten Kaltblütigkeit da. Kam er zum Schuß, so zielte und tötete er mit einer Ruhe, die fast tierisch war. Wenn ihn jemand ins Gesicht geschlagen hätte, so würde er ihn gar nicht erst lange gefordert, sondern ihn einfach auf der Stelle totgeschlagen haben: gerade zu diesen Menschen gehörte er, die mit vollem Bewußtsein töten, und nicht etwa in einem Zustande, in dem der Mensch außer sich und unzurechnungsfähig ist. Ja, ich glaube sogar, solche Wutausbrüche, die einen blenden und benommen machen, kannte er überhaupt nicht. Selbst bei dem unermeßlichen Zorn, der sich seiner bisweilen bemächtigte, behielt er sich immer noch vollkommen in der Gewalt, und war sich dessen bewußt, daß ein Totschlag, den er nicht im Duell beging, ihn zum sibirischen Sträfling machen würde; und dennoch würde er den Beleidiger auf der Stelle erschlagen haben, und zwar ohne auch nur einen Augenblick davor zurückzuschrecken.
Ich habe mich immer bemüht, Nicolai Stawrogin richtig zu verstehen. Dank mancher glücklichen Umstände weiß ich vieles über ihn. Nahe liegt mir vor allem, ihn mit gewissen großen russischen Männern zu vergleichen, von denen sich bei uns noch einige legendäre Erinnerungen erhalten haben.
So erzählt man zum Beispiel von dem Dekabristen[33] L–n, er habe immer mit Absicht die Gefahr gesucht, habe sich an ihr berauscht und sie zu seinem Lebensbedürfnis gemacht: als junger Mensch habe er sich fast grundlos herumduelliert, in Sibirien sei er, nur mit einem Messer bewaffnet, auf die Bärenjagd gegangen und habe in den Wäldern mit entsprungenen Verbrechern, die, nebenbei bemerkt, noch gefährlicher als Bären sind, zusammenzutreffen gesucht. Zweifellos kannte ein Mann wie dieser L–n ganz genau das Gefühl der Angst: aber gerade dieses Gefühl in sich zu überwinden – das war es, was ihn reizte. Übrigens hatte dieser selbe L–n in der letzten Zeit vor seiner Verschickung nach Sibirien eine furchtbare Hungerzeit durchgemacht und sich durch die schwerste Arbeit sein Brot verdient, nur weil er sich den Wünschen seines reichen Vaters nicht fügen wollte. Also hatte er nicht nur im Kampf mit Bären und im Duell seine Standhaftigkeit und Willensstärke zu erproben und zu beweisen gesucht.
Doch seitdem sind viele Jahre vergangen, und die nervöse, zerquälte und gespaltene Natur der Menschen unserer Zeit läßt das Bedürfnis nach solchen unmittelbaren und ungeteilten Empfindungen, wie sie damals von manchen in ihrem Lebensdrang unruhigen Männern der guten alten Zeit so sehr gesucht wurden, überhaupt nicht mehr aufkommen. Stawrogin hätte auf diesen L–n vielleicht hochmütig herabgesehen, hätte ihn einen Feigling genannt, der sich immer selbst ermutigen müsse, ein Hähnchen, oder so ähnlich – nur würde er sich nie laut darüber geäußert haben. Auch er hätte im Duell den Gegner erschossen wie er es ja tatsächlich getan, auch er hätte mit Bären gekämpft, und auch dem Räuber im Walde wäre er ebenso sicher und furchtlos entgegengetreten: nur hätte er alles das ohne das geringste Empfinden eines Genusses, sondern einfach aus unangenehmer Notwendigkeit getan – schlaff, faul, vielleicht sogar gelangweilt. Das Böse in ihm war selbstredend gewachsen, im Vergleich zu L–n, ja selbst zu Lermontoff. In ihm war es vielleicht noch größer als in diesen beiden zusammen, aber dieses Böse war, wie gesagt, kalt und ruhig, war, wenn ich mich so ausdrücken darf, vernünftig – und somit das Widerlichste, das Furchtbarste, das es überhaupt geben kann.
Also noch einmal: ich hielt ihn damals und halte ihn auch heute noch, nachdem alles schon vorüber ist, für gerade so einen Menschen, der, wenn er einen Schlag ins Gesicht erhält, den Beleidiger sofort und ohne Zögern totschlägt.
Und doch geschah in diesem Falle etwas ganz anderes – etwas Rätselhaftes.
Kaum stand Nicolai Stawrogin wieder fest und aufrecht, nachdem er unter der Wucht des Schlages schmählich gewankt hatte, kaum war der gemeine, gleichsam nasse Schall des Schlages verhallt – da packte er auch schon Schatoff mit beiden Händen fest an den Schultern. Aber sofort, ja schon im selben Augenblick, riß er die Hände wieder zurück und kreuzte sie auf dem Rücken. Er schwieg. Er sah nur Schatoff an. Und sein Gesicht wurde fahl. Doch sonderbar: sein Blick erlosch gleichsam. Aber schon nach zehn Sekunden blickten seine Augen wieder kalt und – ich bin überzeugt, daß ich mich nicht getäuscht habe – vollkommen ruhig: nur bleich war er noch wie ein Hemd. Freilich weiß ich nicht, was in seinem Innern vorging, ich sah nur das Äußere.
Ich glaube, ein Mensch, der z. B. ein rotglühendes Eisenstück ergreift und es in der Hand preßt, um seine Standhaftigkeit zu erproben, und der dann zehn Sekunden lang einen unerträglichen Schmerz aushält und damit endet, daß er ihn bezwingt – ich glaube, ein solcher Mensch würde ähnliches empfinden wie Nicolai Stawrogin in diesen zehn Sekunden.
Der erste von beiden, der die Augen niederschlug, war Schatoff, und wie man sah, weil er dazu gezwungen war. Darauf wandte er sich langsam um und verließ das Zimmer, doch nicht mehr mit demselben festen Schritt, mit dem er vorhin auf Stawrogin zugeschritten war. Er ging leise und ganz besonders ungelenk hinaus, mit gehobenen Schultern, gleichsam bucklig und mit gesenktem Kopf, als dächte er schweren Gedanken nach. Ich glaube, er murmelte irgend etwas. Bis zur Tür ging er vorsichtig, ohne irgendwo anzustoßen oder etwas umzuwerfen, die Tür selbst aber öffnete er nur ein wenig, so daß er sich dann beinahe seitwärts wie durch einen Spalt durchschob. Gerade dort an der Tür war sein Haarschopf, der steif auf dem Kopfwirbel abstand, ganz besonders bemerkbar.
Kaum war die Türe hinter ihm geschlossen, als noch vor allen Ausrufen ein furchtbarer Schrei durch das Zimmer gellte. Ich sah, wie Lisaweta Nicolajewna ihre Mutter an der Schulter und Mawrikij Nicolajewitsch am Arm packte, sie zwei- oder dreimal mitriß, als wolle sie so schnell wie nur möglich weg von hier, doch plötzlich stieß sie den Schrei aus und stürzte ohnmächtig längelang hin. Noch jetzt glaube ich zu hören, wie ihr Kopf auf den Teppich schlug.