VI.
„Vor drei Tagen also, da schickt sie plötzlich ihren Diener zu mir: sie ließe bitten, sozusagen, morgen um zwölf zu ihr zu kommen. Können Sie sich das denken? Nun, ich ließ natürlich meine Arbeit Arbeit sein und um Punkt zwölf klingelte ich an ihrer Tür. Man führte mich gleich in das Empfangszimmer. Ich wartete kaum eine Minute, als Warwara Petrowna auch schon eintrat. Sie bot mir einen Stuhl an und setzte sich selbst mir gegenüber. Ich saß nun also, brachte es aber zunächst nicht über mich, meinen Ohren wie sonst zu trauen. Sie wissen doch, wie sie mich immer behandelt hat. Sie begann also, wie es so ihre Art ist, gerade heraus und ohne alle Umschweife: ‚Sie erinnern sich wohl noch‘, sagte sie, ‚der drei sonderbaren Handlungen meines Sohnes vor vier Jahren. Die ganze Stadt konnte sie nicht begreifen, bis sich dann alles durch seine Erkrankung aufklärte. Eine dieser Handlungen ging Sie sogar persönlich an. Auf meine Bitte hin machte mein Sohn Ihnen später, als er wieder hergestellt war, seinen Besuch. Ich weiß, daß er Ihnen schon früher mehrfach begegnet war und sich mit Ihnen unterhalten hatte. Ich möchte Sie nun bitten, mir doch mit voller Offenheit zu sagen, wie Sie‘ – hier stockte sie ein wenig – ‚wie Sie damals meinen Sohn fanden ... wie Sie ihn beurteilten ... welcher Meinung Sie über ihn waren ... und ... was Sie jetzt von ihm denken.‘
„Hier stockte sie aber schon wirklich, wartete sogar ein Weilchen, und plötzlich wurde sie rot. Ich war nicht wenig erschrocken. Aber schon gleich darauf fuhr sie wieder fort, nicht gerade mit rührender Stimme, nein, das gerade nicht, denn das würde auch nicht zu ihr passen, aber so sonderbar eindringlich: ‚Ich will‘, sagte sie, ‚daß Sie mich gut und ohne ein Mißverständnis verstehen,‘ sagte sie. ‚Ich habe Sie zu mir gebeten, weil ich Sie für einen Menschen halte, der fähig ist, richtig zu beobachten.‘ (Wie finden Sie das Kompliment?) ‚Sie verstehen gewiß auch, daß es eine Mutter ist, die mit Ihnen spricht,‘ sagte sie ... ‚Mein Sohn hat in seinem Leben manches Unglück gehabt und manche Widerwärtigkeit über sich ergehen lassen müssen. Alles das,‘ sagte sie, ‚hätte nun auf seinen Verstand, ich meine, auf seine Gemütsstimmung einwirken können. Selbstverständlich spreche ich nicht etwa von Wahnsinn ... das ist ganz und gar ausgeschlossen!‘ Das sagte sie so, wissen Sie, in einem festen und stolzen Ton! ‚Aber es könnte da etwas Besonderes sein, etwas Wunderliches, eine gewisse Gedankenrichtung, die Neigung zu gewissen eigentümlichen Anschauungen‘ ... Das sind alles ihre eigenen Worte, und glauben Sie mir, Stepan Trophimowitsch, ich staunte nur so, mit welcher Genauigkeit Warwara Petrowna eine Sache zu erklären versteht. Wirklich, eine kluge Dame! ‚Jedenfalls‘, sagte sie, ‚ist mir selbst an ihm eine fortwährende Unruhe aufgefallen. Aber ich bin ja seine Mutter und Sie sind ein fremder Mensch, folglich müssen Sie, bei Ihrem Verstande, weit fähiger sein, sich ein unbefangenes Urteil über ihn zu bilden. Ich beschwöre Sie‘ – jawohl, so sagte sie wortwörtlich – ‚ich beschwöre Sie, mir die ganze Wahrheit zu sagen, ohne jegliche Beschönigung. Und wenn Sie mir versprechen wollen, nie zu vergessen, daß ich im Vertrauen zu Ihnen gesprochen habe, so seien Sie versichert, daß ich stets bereit sein werde, Ihnen künftig und bei jeder Gelegenheit meine Dankbarkeit zu beweisen.‘ Nun, wie finden Sie das?“
„Sie ... Sie haben mich so überrascht ...“ stotterte Stepan Trophimowitsch, „daß ich Ihnen ... einfach nicht glaube ...“
„Nein, bedenken Sie doch nur,“ fiel ihm Liputin lebhaft ins Wort und tat, als hätte er Stepan Trophimowitschs letzte Bemerkung überhaupt nicht gehört, „wie groß muß ihre Unruhe und Aufregung um ihn sein, wenn sie sich mit solch einer Frage, von ihrer Höhe herab, an einen Menschen wendet, wie ich es bin, und sich gar so weit erniedrigt, auch noch um Verschwiegenheit zu bitten! Wie ist das nur möglich? Sollte sie da nicht ganz unerwartete Nachrichten über ihren Sohn erhalten haben?“
„Ich weiß von nichts ... Ich glaube, sie hat keine Nachrichten erhalten ... ich habe sie allerdings ... ein paar Tage lang nicht gesehen ... aber ich möchte Sie nur daran erinnern,“ stotterte Stepan Trophimowitsch wieder, da er sichtlich seine Gedanken nicht mehr sammeln konnte – „ich möchte Sie nur daran erinnern, Liputin, daß Sie im Vertrauen gefragt worden sind, und daß Sie jetzt in Gegenwart ...“
„Ganz und gar im Vertrauen! Gott soll mich strafen, wenn ich ... Aber hier ... nun ... sind wir denn hier nicht unter Freunden? Selbst Herr Kirilloff ...“
„Ich bin nicht Ihrer Meinung. Zweifellos werden wir drei das Geheimnis bewahren. Aber Sie selbst, den vierten, fürchte ich, und Ihnen traue ich in keiner einzigen Beziehung.“
„Ja, wie denn das? Ich bin doch hier der eigentlich Interessierte! Mir ist doch ewige Dankbarkeit versprochen worden!“ Und hastig ging Liputin darüber hinweg: „Übrigens, gerade bei der Gelegenheit, möchte ich noch auf einen sonderbaren, sozusagen psychologischen Fall hinweisen. Gestern abend, noch unter dem Eindruck des Gespräches mit Warwara Petrowna – Sie können sich doch denken, welch einen Eindruck das auf mich gemacht hatte! – wandte ich mich an Herrn Kirilloff mit der harmlosen Frage: Sie haben, sagte ich, Nicolai Stawrogin doch im Auslande und auch früher schon in Petersburg gekannt, was halten Sie, frage ich, von seinem Verstande und überhaupt von seinen geistigen Fähigkeiten? Und darauf antwortet er mir lakonisch, wie das so seine Art ist: ‚Ja,‘ sagt er, ‚das ist ein Mensch mit seinem Verstande und gesundem Urteil.‘ Aber haben Sie nicht vielleicht, fragte ich weiter, im Laufe der Jahre gewisse Ideenveränderungen an ihm bemerkt oder eine besondere Geisteswandlung oder einen gewissen, wie soll ich sagen, nun – sozusagen doch einen gewissen Irrsinn? Kurz, ich wiederholte Warwara Petrownas Frage. Nun, und was denken Sie: Herr Kirilloff wird plötzlich nachdenklich und runzelt die Stirn ... Sehen Sie, genau so wie jetzt. ‚Ja,‘ sagte er dann, ‚ich bemerkte allerdings zuweilen etwas Sonderbares an ihm.‘ Denken Sie sich, wenn schon Herr Kirilloff etwas Sonderbares bemerkt hat – was kann dann nicht alles in Wirklichkeit sein?!“
„Ist das wahr?“ wandte sich Stepan Trophimowitsch an Kirilloff.
„Ich möchte nicht davon sprechen ...“ sagte Kirilloff, hob aber plötzlich den Kopf und seine Augen blitzten. „Ich möchte Ihr Recht bestreiten, Liputin. Sie haben für den Fall gar kein Recht auf mich. Ich habe gar nicht meine ganze Meinung gesagt. Ich kannte Stawrogin in Petersburg. Aber das war lange her. Und jetzt, wenn ich ihn auch wiedergesehen habe, so kenne ich ihn doch nur eben so. Ich bitte Sie, mich hier ganz beiseite zu lassen, und ... alles das sieht aus wie Klatsch.“
Liputin spielte die beleidigte Unschuld und führte die Hände auseinander.
„Wie Klatsch! Bin ich nicht gar noch ein Spion? Sie haben gut kritisieren, Herr Kirilloff, wenn Sie sich dabei selber beiseite lassen. Sogar dieser Hauptmann, Stepan Trophimowitsch, sogar dieser Lebädkin, der doch so dumm ist, wie – man schämt sich ja förmlich zu sagen, wie dumm er ist; es gibt aber so einen russischen Vergleich – sogar der denkt offenbar ganz sonderbar von Nicolai Stawrogin, obwohl er seinen Scharfsinn bewundert. ‚Bin ganz erstaunt über diesen Menschen: eine allwissende Schlange!‘ – waren seine eigenen Worte. Ich fragte also auch ihn, immer noch unter dem gestrigen Eindruck und schon nach dem Gespräch mit Herrn Kirilloff. ‚Nun,‘ fragte ich, ‚Hauptmann, was glauben Sie eigentlich, ist Ihre allwissende Schlange, Nicolai Stawrogin nicht einfach wahnsinnig?‘ Na, und nun glauben Sie mir oder glauben Sie mir auch nicht: es war für ihn, als hätte ich ihm hinterrücks einen Peitschenschlag versetzt – ohne seine Erlaubnis natürlich. Er sprang geradezu auf: ‚Ja,‘ sagte er, ‚ja, aber das kann doch keinen Einfluß haben auf ...‘ Aber auf was das keinen Einfluß haben könnte, das sagte er nicht, sondern versank nur in traurige Gedanken, und zwar in so traurige Gedanken, sage ich Ihnen, daß er davon ganz nüchtern wurde. Wir saßen gerade in der Filippoffschen Trinkstube. Erst nach einer halben Stunde ungefähr schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch: ‚Ja,‘ schreit er, ‚meinetwegen auch wahnsinnig, nur kann das keinen Einfluß haben ...‘ und wieder brach er ab. Ich gebe Ihnen natürlich das Gespräch nur im Auszug wieder, aber der Sinn ist doch wohl klar? Na, und so, wen man auch fragt in der Stadt, allen kommt der Gedanke in den Kopf: ‚Ja,‘ sagt ein jeder, ‚er ist wahnsinnig; gewiß, er ist sehr klug; aber vielleicht auch wahnsinnig.‘“
Stepan Trophimowitsch saß ganz in Gedanken versunken da und schien angestrengt zu überlegen. „Wie kann Lebädkin das wissen?“ fragte er.
„Eh, wollen Sie sich nicht lieber bei Herrn Kirilloff, der mich soeben einen Spion nannte, danach erkundigen? Ich weiß nichts und rede nur so zum Zeitvertreib, das nennt man dann Spion, er aber weiß die letzten Geheimnisse und schweigt!“
„Ich weiß gar nichts. Oder wenig,“ versetzte der Ingenieur mit derselben Gereiztheit. „Sie machen Lebädkin betrunken, um aus ihm was zu erfahren. Sie haben auch mich hierher gebracht, um aus mir zu erfahren, damit ich ... hier sage. Folglich sind Sie ein Spion!“
„Ich habe ihn noch nie betrunken gemacht, das würde mich zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert mitsamt seinen Geheimnissen. Sehen Sie, das ist sein Wert für mich. Wieviel er für Sie bedeutet, weiß ich freilich nicht. Sonst ist er es, im Gegenteil, der jetzt mit dem Gelde nur so um sich wirft, während er vor vierzehn Tagen mich noch um fünfzehn Kopeken anpumpte. Er ist es, der mir Champagner vorsetzt, nicht ich ihm. Aber Sie haben mir einen guten Gedanken gegeben, und wenn es nötig sein wird, werde ich ihn schon betrunken machen, um von ihm etwas zu erfahren ... und dann vielleicht alle eure Geheimnisse auf einmal ... so viel ihrer da sind!“ setzte er böse hinzu.
Stepan Trophimowitsch sah die beiden verständnislos an. Sie hatten sich beide Blößen gegeben, und zwar ohne Scheu vor uns anderen Anwesenden. Mir schien es, als habe Liputin diesen Kirilloff einzig deshalb zu uns gebracht, um ihn durch eine dritte Person ins Gespräch zu ziehen – sein übliches Manöver.
„Herr Kirilloff kennt den Nicolai Stawrogin sogar sehr gut,“ fuhr Liputin in gereiztem Tone fort, „bloß will er das nicht eingestehen. Und was den Hauptmann Lebädkin betrifft, so hat der ihn noch viel früher gekannt, als er uns hier mit seinem Besuch beglückte. Sogar schon vor fünf, sechs Jahren in Petersburg, zur Zeit der sogenannten ‚unbekannten‘ Lebensepoche Nicolai Stawrogins. Man könnte daraus schließen, daß unser Prinz damals sehr sonderbare Bekanntschaften gehabt haben muß. Auch mit Herrn Kirilloff ist er in eben dieser Zeit bekannt geworden.“
„Hüten Sie sich, Liputin, ich warne Sie. Nicolai Stawrogin wird bald herkommen, und das ist einer, der seinen Mann zu stehen weiß!“
„Ja, aber was hat denn das mit mir zu tun? Ich bin der erste, der behauptet, daß er den feinsten, den erlesensten Verstand hat, und in diesem Sinne habe ich auch Warwara Petrowna gestern vollkommen beruhigt. ‚Nur für seinen Charakter,‘ sagte ich, ‚kann ich nicht einstehen.‘ Auch Lebädkin sagt ganz dasselbe. ‚Unter seinem Charakter,‘ sagt er, ‚habe auch ich gelitten.‘ Ach, Stepan Trophimowitsch, Sie haben gut sagen: ‚Klatsch‘ und ‚Spionage‘, aber bitte nicht zu vergessen: erst, nachdem Sie sehr schön alles aus mir herausgezogen haben, und mit was für einer Neugier noch dazu! Sehen Sie, Warwara Petrowna, die traf gestern gleich den Nagel auf den Kopf. ‚Sie haben,‘ sagte sie, ‚persönlich durch ihn zu leiden gehabt, darum wende ich mich auch an Sie!‘ Ja, und war es denn nicht so? Mußte ich denn nicht vor der ganzen Gesellschaft eine persönliche Beleidigung von Seiner Hochwohlgeboren hinunterschlucken? Ich glaube, ich habe Grund genug, mich für diese Klatschgeschichten zu interessieren! Heute drückt er einem die Hand, morgen aber schlägt er sie einem, dir nichts, mir nichts, ins Gesicht, und das noch in ehrenwerter Gesellschaft, grad so, wie’s ihm gefällt. Rein aus Übermut, wie’s scheint. Und was die Hauptsache ist! Diese Herren haben die Frauen natürlich immer auf ihrer Seite! Schmetterlinge sind sie und mutige Hähnchen! Gutsbesitzerssöhne mit Flügelchen hinten dran, wie einstmals Amor ... diese Herzfresser à la Petschorin![28] Sie, Stepan Trophimowitsch, als fanatischer Junggeselle, haben gut reden und mich wegen Seiner Hochwohlgeboren einen Geschichtenmacher zu nennen. Aber heiraten Sie mal erst – Sie sind ja doch noch ein ganzer Mann! – so eine nette kleine junge Frau, und Sie werden selber vor unserem Prinzen alle Türen verrammeln und gar Barrikaden im eigenen Hause bauen! Hier lohnt es sich ja gar nicht mehr, zu reden! Selbst von solch einer Mademoiselle Lebädkin, die gepeitscht wird, würde ich glauben – bei Gott! –, wenn sie nicht verrückt und lahm wäre, daß sie ein Opfer unseres Prinzen ist, und daß Lebädkin sich deshalb in seiner ‚Familienehre‘ gekränkt fühlt, wie er sich immer ausdrückt. Sie glauben, die wäre mit seinem feinen Geschmack nicht in Einklang zu bringen? Mein Gott, auch der stört diese Herren nicht immer. Jede kleine Beere wird gegessen, sie muß nur die richtige Stimmung treffen. Sie sprechen von Klatsch? Aber – sage ich es denn allein, wenn schon die ganze Stadt es ausschreit? Ich nicke nur und höre zu. ‚Ja‘-sagen ist bekanntlich nicht verboten!“
„Die ganze Stadt schreit ... das heißt, was schreit denn die ganze Stadt?“
„Na, ich meine, Hauptmann Lebädkin schreit’s in betrunkenem Zustande, so daß die ganze Stadt es hören kann. Ist das nicht dasselbe, wie wenn die ganze Stadt es schreit? Bin ich etwa schuld daran? Ich rede nur mit Freunden darüber. Ich hoffe doch, hier unter Freunden zu sein?“ und mit unschuldigem Lächeln sah er uns alle an. „Und dabei ist noch etwas geschehen! Denken Sie mal: es stellt sich heraus, daß unser Prinz ihm, dem Lebädkin, aus der Schweiz durch ein junges Mädchen dreihundert Rubel geschickt hat. Ich habe die Ehre, die junge Dame persönlich zu kennen, sie ist ohne Tadel und sozusagen eine sittsame Waise. Nach einiger Zeit aber erfährt Lebädkin aus der sichersten Quelle von einem edlen Menschen, daß ihm nicht dreihundert Rubel, sondern tausend zur Übergabe gesandt worden sind! ‚Folglich,‘ schreit er, ‚hat das Mädchen mich um siebenhundert Rubeln bestohlen!‘ Und er will das Geld durch die Polizei herausfordern, wenigstens droht er so und schreit dabei, daß die ganze Stadt es hören kann ...“
„Das ist gemein, gemein von Ihnen!“ rief plötzlich der Ingenieur und sprang vom Stuhl auf.
„Ja aber – Sie selbst sind doch dieser edle Mensch, der Lebädkin versichert hat, daß nicht dreihundert, sondern tausend geschickt worden sind! Der Hauptmann hat es mir in der Filippoffschen Kneipe, betrunken wie immer, selbst mitgeteilt.“
„Das ... das ist ein unglückliches Mißverständnis. Jemand hat sich geirrt und es ist ... ein Blödsinn – und Sie sind gemein!“
„Ja, ich will gewiß gerne glauben, daß es reiner Blödsinn ist. Ich bin sogar tief betrübt, daß man das ehrenwerte Mädchen in die Geschichte hineingezogen hat. Erstens mit den siebenhundert Rubeln, und zweitens weiß jetzt alle Welt, daß sie mit Nicolai Stawrogin intim befreundet gewesen ist. Was kostet es denn Seine Hochwohlgeboren, den jungen Stawrogin, ein ehrenwertes Mädchen zu schänden, oder auch eine fremde Frau zu beschimpfen, wie es mein ‚Fall‘ war? Kommt ihnen dann noch ein großmütiger Mensch unter die Finger, so zwingen sie ihn, mit seinem ehrlichen Namen fremde Sünden zu decken. Genau so hab ich’s doch erleben müssen! Ich rede ja nur von mir ...“
„Hüten Sie sich, Liputin!“ Stepan Trophimowitsch erhob sich drohend. Er war totenblaß.
„Glauben Sie ihm nicht, glauben Sie nicht! Jemand hat sich geirrt und Lebädkin ist immer betrunken!“ rief der Ingenieur in unbeschreiblicher Aufregung aus. „Alles wird sich aufklären, aber ich kann nicht mehr ... ich halte es für eine Gemeinheit ... und genug ... genug!“
Er stürzte aus dem Zimmer.
„Aber wohin denn, was haben Sie? Ich gehe doch mit Ihnen!“ rief Liputin erschrocken, sprang auf und lief ihm nach.