IV.

Zwanzigstes Kapitel.
Die Reisende

I.

Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf Schatoff einen erschütternden und niederdrückenden Eindruck gemacht. Als ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstört. Später ging er zur Mordstätte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich weiß, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrückte, desto mehr quälte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon aufstehen wollte, hingehen und – alles sagen. Was dieses „Alles“ war, das wußte er freilich selbst nicht genau. Beweise besaß er keine; er hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen Überzeugung genügten. Er hätte schließlich bloß sich selbst angegeben als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wäre er bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese „Schurken“ – so lautete sein eigener Ausdruck – mitgerissen hätte!

Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und genau gewußt, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein Selbstvertrauen und seine höhnische Verachtung für „diese Leutchen“ zu dem Aufschub bestimmt. Er würde mit diesem unschlauen Schatoff schon fertig werden, sagte er sich: er würde ihn einfach diesen ganzen Tag über bewachen lassen und, wenn es not tat, auch früher schon entscheidend eingreifen.

Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen hätte voraussehen können.

Gegen acht Uhr abends – gerade als die Unsrigen sich bei Erkel versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich ärgerten und aufregten – lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er quälte sich, entschloß sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgültig entschließen: fühlte vielmehr fluchend, daß das doch alles zu nichts führen werde.

Allmählich schlief er ein. Ihm träumte, daß er in seinem Bett mit Schnüren gebunden sei und sich nicht bewegen könne, indes durch das ganze Haus furchtbare Schläge hallten, Schläge an den Zaun, an die Hoftür, an die Wand des Flügels, in dem Kirilloff wohnte –, so daß das ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, während zugleich eine ferne, bekannte, aber ihn quälende Stimme klagend seinen Namen rief.

Plötzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung dauerten die Schläge an die Hoftür immer noch fort, und wenn sie auch längst nicht mehr so überlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare quälende Stimme fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt.

Dazwischen hörte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere Stimme.

Er sprang erschrocken sofort auf, öffnete das Klappfenster und steckte den Kopf hinaus.

„Wer da?“ rief er hinunter.

„Wenn Sie Schatoff sind,“ klang in einem eigentümlich stolzen Ton von unten eine Frauenstimme zurück, „so haben Sie die Güte, offen und ehrlich zu sagen, ob Sie mich hereinlassen wollen oder nicht?“

Er hatte diese Stimme erkannt.

„Marie! ... Bist du es?“

„Ja, gewiß bin ich es, Marja Schatowa. Aber ich bin mit einer Droschke hier und kann nicht länger –“

„Sofort ... ich will nur das Licht ...“ Schatoff sprang eilig und aufgeregt zurück, begann mit zitternden Händen die Streichhölzer zu suchen, die sich aber, wie gewöhnlich in solchen Fällen, nicht finden ließen, warf dabei noch den Leuchter mit dem Licht um, und da von unten wieder die ungeduldige Stimme erklang, ließ er schließlich alles liegen und stürzte Hals über Kopf die steile Treppe hinunter, um die Hofpforte zu öffnen.

„Haben Sie die Güte, so lange diese Tasche zu halten, bis ich diesen Mann hier bezahle,“ empfing ihn unten Frau Marja Schatowa und reichte ihm eine ziemlich leichte Handtasche aus Segeltuch mit Blechbeschlag. Sie selbst aber wandte sich gereizt an den Droschkenkutscher.

„Sie verlangen viel zu viel. Wenn Sie mich hier eine ganze Stunde lang durch diese schmutzigen Straßen gefahren haben, so sind Sie daran schuld, denn folglich haben Sie nicht einmal gewußt, wo diese verdrehte Straße eigentlich ist. Bitte die dreißig Kopeken zu nehmen und mir zu glauben, daß Sie weiter nichts erhalten werden.“

„Ach, Fräuleinchen, Sie haben mich doch selbst zuerst in die Wosnessensksche Straße befohlen, und diese hier ist die Bogojawlensksche. Die Wosnessensksche war meilenweit: haben bloß meinen Wallach unnütz in Schweiß gebracht.“

„Wosnessensksche, Bogojawlensksche, – das müssen Sie als Einwohner besser wissen als ich, und zudem irren Sie sich: ich habe Ihnen ganz zuerst nur das Filippoffsche Haus genannt, und Sie behaupteten, Sie wüßten, wo das sei.“

„Hier, hier sind noch fünf Kopeken,“ damit zog Schatoff sein letztes Geldstück aus der Westentasche.

„Was soll das? Sie werden hier nichts bezahlen!“ fuhr Frau Schatowa auf, doch der Kutscher setzte schon seinen „Wallach“ in Bewegung, und Schatoff zog sie an der Hand durch die Pforte auf den Hof und führte sie in den finsteren Flur.

„Schneller, Marie, schneller ... das sind doch lauter Nebensachen und ... Wie du naß geworden bist! Vorsichtig, hier geht es hinauf – wie schade, daß ich das Licht nicht ... die Treppe ist steil, halt’ dich am Geländer ... Nun, hier, das ist meine Stube. Verzeih, daß ich kein Licht ... Ich werde sofort ...“

Er hob im Dunkeln den Leuchter vom Boden auf, doch die Streichholzschachtel konnte er noch immer nicht finden. Marja Schatowa stand solange mitten im Zimmer, schweigend und ohne sich zu bewegen.

„Gott sei Dank, endlich! Hier ist sie!“ rief er schließlich freudig und zündete das Licht an.

Marja Schatowa sah sich flüchtig im Zimmer um.

„Man hat mir zwar schon gesagt, daß Sie in einem entsetzlichen Zimmer wohnen, aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so wäre,“ sagte sie launisch und ging zum Bett. „Ach, ich bin müde!“ und sie sank kraftlos auf das harte Lager. „Bitte, legen Sie die Reisetasche hin und setzen Sie sich selbst auf einen Stuhl. Oder wie Sie wollen, nur zappeln Sie mir nicht so vor den Augen herum ... Ich bin nur auf kurze Zeit zu Ihnen gekommen, bis ich eine Arbeit gefunden habe, denn ich kenne hier niemanden und mein Geld ist zu Ende ... Wenn ich Ihnen aber lästig falle, so haben Sie die Güte und sagen Sie’s bitte gleich! Ich werde morgen irgend etwas von meinen Sachen verkaufen, um mir im Gasthaus ein Zimmer nehmen zu können ... Ach, nur müde bin ich jetzt!“

Schatoff erbebte am ganzen Körper.

„Wozu, Marie, das ist doch nicht nötig, nicht nötig, du brauchst nicht ins Gasthaus zu gehen! Was für ein Gasthaus überhaupt? Warum das, wozu?“ und flehend faltete er die Hände.

„Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen – aber man muß trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, daß wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor – nun sind es schon drei Jahre, daß wir auseinandergegangen sind, übrigens ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, daß ich gekommen bin, um irgendeine der früheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur zurückgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist. Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie nur das nicht!“

„Oh, Marie! Das ist doch alles unnötig, gar nicht nötig!“ stammelte Schatoff undeutlich.

„Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, daß Sie das verstehen können, so will ich mir erlauben hinzuzufügen, daß ich, wenn ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe, weil ich Sie für keinen – gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht sogar für einen viel besseren, als die anderen – Schurken alle!“

Ihre Augen blitzten auf. Sie mußte wohl viel von irgendwelchen „Schurken“ erlitten haben!

„Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa über Sie lustig machen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie gut sind. Ich habe es offen gesagt und Schönrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, daß Sie vernünftig genug sein würden, um nicht lästig zu werden ... Ach, genug, nur müde bin ich!“

Und sie sah ihn mit langem, gequältem, müdem Blick an. Schatoff stand vor ihr, fünf Schritte weit, und hörte scheu, aber gleichsam erneut, mit einem eigentümlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke und rauhe Mensch, der immer wie mit gesträubtem Fell wirkte, wie ein Rühr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde plötzlich ganz weich und wie von innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz Ungewöhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in seinem Herzen nichts zerstört. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm gesagt, daß es ihn „liebe“. Für Schatoff hatte das eine Welt bedeutet: für ihn, der sich nicht einmal zu träumen erlaubt hatte, daß ihm je irgendein Weib sagen könnte, es „liebe“ ihn. Er war keusch und schamhaft bis zur Wildheit, hielt sich für eine Mißgeburt, haßte sein Gesicht und seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man eigentlich nur auf Jahrmärkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb gab es für ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jähzornigen und schweigsamen Art seinen Überzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte – daran glaubte er immer, immer, – dieses Wesen, das er so maßlos hoch über sich stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nüchtern über sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh (das stand für ihn einfach außer Frage, ja eher kam es bei ihm noch umgekehrt heraus: daß er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun stand diese Frau, diese Marja Schatowa plötzlich wieder vor ihm, er sah sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmöglich, das zu fassen! So überrascht war er, und es lag für ihn in diesem Ereignis so viel von etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glück, daß er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit diesem gequälten Blick ansah, da begriff er plötzlich, daß dieses einzige geliebte Geschöpf unsäglich gelitten haben mußte. Bei diesem Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie an: in diesem müden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon erloschen. Sie war gewiß immer noch schön – in seinen Augen immer noch wie früher eine Schönheit. (In Wirklichkeit war sie fünfundzwanzig Jahre alt, ziemlich stark gebaut, über mittelgroß – größer als Schatoff –, mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und großen dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die leichtsinnige, naive und gutmütige frühere Energie, die ihr großer Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mürrische Reizbarkeit, Enttäuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewöhnt zu haben schien und der sie selbst sogar quälen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, daß sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er plötzlich zu ihr und erfaßte ihre beiden Hände:

„Marie ... weißt du ... du bist vielleicht sehr müde, um Gottes willen, sei nicht böse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur wolltest –?“

„Was ist hier zu wollen? Natürlich will ich! was Sie noch immer noch für ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei Ihnen ist! Wie kalt es hier ist!“

„Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich!“ Schatoff ging hin und her, „– Holz – ja, aber ... das heißt ... übrigens auch Tee, sofort!“ Und plötzlich, wie nach einem harten Entschluß, schlug er mit der Hand und ergriff seine Mütze.

„Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee?“

„Gleich, sofort, sofort wird alles da sein ... ich ...“

Er nahm seinen Revolver vom Bücherbrett.

„Ich werde schnell diesen Revolver verkaufen ... oder versetzen ...“

„Was für Dummheiten, und wie lange das dauern wird! Nehmen Sie hier mein Geld, wenn Sie nichts haben, hier sind achtzig Kopeken, glaub ich, – alles, was ich besitze. Bei Ihnen ist es ja wie in einer Irrenanstalt.“

„Nicht nötig, nicht nötig, dein Geld, ich werde sofort, im Augenblick ... ich werde ohne Revolver ...“

Und er lief geraden Wegs zu Kirilloff. Das war etwa zwei Stunden vor Pjotr Stepanowitschs und Liputins Besuch bei diesem. Schatoff und Kirilloff sahen sich, obwohl sie auf demselben Hof wohnten, fast nie, und auch wenn sie sich zufällig einmal trafen, so grüßten sie sich weder, noch sprachen sie ein Wort miteinander: sie hatten zu lange in Amerika nebeneinander „auf dem Fußboden gelegen“.

„Kirilloff, Sie haben immer Tee: können Sie mir Tee und einen Samowar geben?“

Kirilloff, der in seinem Zimmer wieder auf und ab ging (gewöhnlich die ganze Nacht aus einer Ecke in die andere), blieb plötzlich stehen und sah aufmerksam Schatoff an, jedoch ohne besondere Verwunderung, obgleich dieser ganz unerwartet hereingestürzt war.

„Tee ist da. Zucker auch. Ein Samowar auch. Aber der Samowar ist nicht nötig, der Tee ist heiß. Setzen Sie sich und trinken Sie einfach.“

„Kirilloff, wir haben beide in Amerika gelegen ... Meine Frau ist zu mir gekommen ... Ich ... Geben Sie mir Tee ... und ich brauche auch den Samowar.“

„Wenn die Frau, so brauchen Sie den Samowar. Aber den Samowar später. Ich habe zwei. Jetzt nehmen Sie die Teekanne vom Tisch. Heiß, ganz heiß. Nehmen Sie alles, nehmen Sie Zucker, den ganzen. Brot ... Brot ist viel da, nehmen Sie alles Brot. Habe auch Kalbsbraten. Geld einen Rubel.“

„Gib mir, Freund, ich gebe es dir morgen wieder! Ach, Kirilloff!“

„Das ist die Frau, die von der Schweiz? Das ist gut. Und das, daß Sie zu mir gekommen sind, ist auch gut.“

„Kirilloff!“ rief Schatoff, der die Teekanne in den Arm nahm und in die Hände Zucker und Brot: „Kirilloff! Wenn Sie ... wenn Sie sich doch von Ihren schrecklichen Phantasien lossagen und Ihren atheistischen Wahnsinn lassen könnten ... was würden Sie dann für ein Mensch sein, Kirilloff!“

„Ich sehe, Sie lieben Ihre Frau nach der Schweiz. Das ist gut, falls nach der Schweiz. Wenn Sie noch Tee brauchen, kommen Sie wieder. Kommen Sie die ganze Nacht, ich schlafe nicht. Der Samowar wird heiß sein. Nehmen Sie den Rubel, hier. Gehen Sie zur Frau, ich werde bleiben und werde an Sie und Ihre Frau denken.“

Marja Schatowa schien mit der Schnelligkeit, mit der Schatoff alles besorgt hatte, zufrieden zu sein und machte sich hastig an den Tee. Doch trank sie nur eine halbe Tasse, und aß nur ein kleines Stückchen vom Brot. Für den von Kirilloff angebotenen Kalbsbraten dankte sie mit gereizter Launenhaftigkeit.

„Du bist krank, Marie, das ist alles so krankhaft an dir ...“ bemerkte Schatoff schüchtern; scheu bemüht, ihr zu dienen.

„Natürlich bin ich krank; bitte, setzen Sie sich. Wo haben Sie den Tee hergenommen, da Sie keinen hatten?“

Schatoff erzählte kurz von Kirilloff. Sie hatte von diesem schon einiges gehört.

„Ich weiß, daß er verrückt ist; bitte, von was anderem; als ob es nicht genug Toren gäbe! So waren Sie in Amerika? Ich habe davon gehört, Sie haben von dort geschrieben.“

„Ja, ich ... habe nach Paris geschrieben.“

„Genug, und bitte von was anderem. Sie sind aus Überzeugung Slawophile?“

„Ich ... das heißt, nicht daß ich gerade ... Infolge der Unmöglichkeit, Russe zu sein, bin ich Slawophile geworden,“ sagte er, gezwungen lächelnd, mit der Schwerfälligkeit eines Menschen, der zur unrechten Zeit und nur mit genauer Not einen Witz zustande bringt.

„Sie sind nicht Russe?“

„Nein, ich bin nicht Russe.“

„Nun, das sind alles Dummheiten. Setzen Sie sich doch endlich, ich bitte Sie. Was laufen Sie immer hin und her? Sie denken, ich phantasiere? Vielleicht werde ich auch phantasieren. Sie sagen, es gibt hier nur Sie und ihn im Hause?“

„Ja, nur wir zwei ... und unten wohnte ...“

„Und alles solche Kluge! Wer wohnte unten? Sie sagten ‚unten‘?“

„Jetzt nicht mehr ... –“

„Was, ‚jetzt nicht mehr‘? Ich will es wissen.“

„Ich wollte nur sagen, daß jetzt nur wir zwei hier wohnen, unten aber wohnten früher Lebädkins ...“

„Das sind die, die man heute Nacht ermordet hat?“ fuhr sie plötzlich auf. „Ich hörte davon. Wie ich ankam, hörte ich davon. Und dann hat es gebrannt?“

„Ja, Marie, ja, und vielleicht begehe ich eine furchtbare Erbärmlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich diese Schurken ungestraft lasse ...“

Er war aufgestanden und schritt wie ein Verzweifelnder mit erhobenen Armen durch das Zimmer.

Aber Marie verstand ihn nicht ganz. Sie war zu zerstreut. Sie fragte mehr, als daß sie zuhörte.

„Ja, schöne Sachen spielen sich hier bei euch ab. Ach, wie das alles gemein ist! Was für Schurken sie alle sind! Aber so setzen Sie sich doch, ich bitte Sie, endlich einmal! – oh, wie Sie mich reizen!“

Und erschöpft senkte sie den Kopf auf das Kissen.

„Marie, ich werde ja nicht ... Du legst dich vielleicht ein wenig hin, Marie?“

Sie antwortete nicht und schloß nur übermüdet die Augen. Sie schlief fast sofort ein. Ihr bleiches Gesicht sah in diesem Augenblick wie das einer Toten aus. Schatoff sah sich im Zimmer um, setzte das Licht fester in den Leuchter, sah noch einmal unruhig auf ihr Antlitz, preßte fest die Hände vor sich zusammen und ging dann leise auf den Fußspitzen aus dem Zimmer in den Treppenflur. Dort stellte er sich mit dem Gesicht in eine Ecke, stützte die Stirn an die Wand und stand so zehn Minuten lang reglos. Er hätte wohl noch länger so gestanden, doch plötzlich vernahm er unten auf der Treppe leise, vorsichtige Schritte.

Jemand kam die Treppe herauf.

Schatoff erinnerte sich, daß er die Hofpforte zu schließen vergessen hatte.

„Wer da?“ fragte er verhalten.

Der Unbekannte stieg langsam höher, ohne zu antworten. Als er oben angelangt war, blieb er stehen. Ihn zu erkennen war in der Dunkelheit unmöglich. Plötzlich hörte man die vorsichtige Frage:

„Iwan Schatoff?“

Schatoff nannte seinen Namen und streckte schnell den Arm aus, um dem Fremden den Weg zu verlegen; dieser aber griff nach seiner Hand und – in derselben Sekunde fuhr Schatoff zusammen, als hätte er ein Reptil berührt.

„Warten Sie hier,“ flüsterte er schnell, „kommen Sie nicht herein, ich kann Sie jetzt nicht empfangen. Meine Frau ist angekommen. Ich bringe das Licht her.“

Als er mit dem Licht zurückkehrte, sah er einen jungen Fähnrich vor sich stehen, dessen Namen er nicht kannte, dessen Gesicht er aber schon einmal irgendwo gesehen haben mußte.

„Erkel,“ stellte sich der Jüngling vor. „Sie haben mich bei Wirginski gesehen.“

„Ich erinnere mich; Sie saßen und schrieben. Hören Sie,“ brauste Schatoff plötzlich auf, wild und wütend auf den Jungen zuschreitend, wenn er auch die Stimme immer noch dämpfte. „Sie haben beim Händedruck ein Zeichen gemacht. Wissen Sie, daß ich auf alle diese Zeichen einfach spucke! Ich erkenne sie nicht an ... will sie nicht ... Ich könnte Sie gleich die Treppe hinunter werfen, wissen Sie das auch ...!“

„Nein, das weiß ich gar nicht, und ich verstehe auch gar nicht, warum Sie sich so ärgern,“ sagte der Gast ganz ungekränkt und fast gutmütig. „Ich soll Ihnen nur etwas mitteilen, und darum bin ich gleich heute gekommen, um nicht unnütz Zeit zu verlieren. Sie haben eine Druckmaschine, die nicht Ihnen gehört und über deren Verbleib Sie Rechenschaft zu geben verpflichtet sind, wie Sie wohl selbst wissen werden. Man hat mich nun beauftragt, von Ihnen zu verlangen, diese Druckmaschine morgen um Punkt sieben Uhr abends Liputin zu übergeben. Und außerdem hat man mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, daß man weiter nichts mehr von Ihnen verlangen wird.“

„Nichts mehr? Hat man das ausdrücklich –?“

„Nicht das geringste. Ihre Bitte wird erfüllt und Sie sind von jetzt ab für immer ausgeschlossen. Dieses Ihnen mitzuteilen, hat man mich, wie gesagt, beauftragt.“

„Wer hat Sie beauftragt?“

„Die, die mir das Zeichen mitteilten.“

„Kommen Sie aus dem Auslande?“

„Das ... das kann Ihnen, glaube ich, gleichgültig sein.“

„Eh, zum Teufel! Aber warum sind Sie nicht früher gekommen, wenn Sie beauftragt waren?“

„Ich folgte den Instruktionen und ich war nicht allein.“

„Verstehe, verstehe schon, Sie waren nicht allein. Eh ... Teufel! Aber warum ist denn Liputin nicht selbst gekommen?“

Der Fähnrich überhörte die Frage.

„So werde ich denn morgen um sechs zu Ihnen kommen und wir gehen dann zu Fuß – dorthin. Außer uns dreien wird niemand da sein.“

„Werchowenski auch nicht?“

„Nein. Werchowenski fährt morgen vormittag mit dem Elfuhrzuge fort.“

„Dachte ich es mir doch!“ murmelte Schatoff knirschend und schlug sich mit der Faust aufs Bein. „Er zieht los, die Kanaille!“

Er dachte einen Augenblick erregt nach. Erkel sah ihn aufmerksam an, schwieg und wartete.

„Wie wollen Sie denn die ganze Druckerpresse wegschaffen? So etwas kann man doch nicht einfach ausgraben und in der Hand forttragen.“

„Das ist auch gar nicht nötig. Sie zeigen uns nur die Stelle und wir überzeugen uns, ob sie wirklich dort vergraben ist. Wir wissen doch nur im allgemeinen, wo der Ort ist, aber nicht genau, an welcher Stelle. Haben Sie sonst jemandem die Stelle gezeigt?“

Schatoff sah ihn an.

„Und Sie, Sie, solch ein Knabe, – solch ein dummer kleiner Knabe, – auch Sie sind mit dem Kopf in diese Falle gekrochen, wie ein richtiges Schaf? Aber was! – die brauchen ja gerade solchen Saft! Nun, gehen Sie! E–eeh! dieser Schuft! dieser! – Er hat euch alle betrogen und nun macht er sich selbst aus dem Staube!“

Erkel sah ihn klar und ruhig an, aber als verstehe er ihn nicht ganz.

„Werchowenski geflohen! Also richtig geflohen!“ knirschte Schatoff voll Ingrimm.

„Aber er ist ja noch hier, er ist ja noch gar nicht fortgefahren. Er wird erst morgen fortfahren,“ bemerkte Erkel weich und begütigend. „Ich forderte ihn ausdrücklich auf, als Zeuge bei der Übergabe zugegen zu sein; an ihn ging auch meine ganze Instruktion,“ plauderte er als junger unerfahrener Knabe aus. „Aber er willigte leider nicht ein, und dabei sagte er dann, daß er in diesen Tagen fortfahren müsse.“

Schatoff blickte noch einmal mitleidig auf den naiven armen Jungen und schlug dann mit der Hand, als wollte er sagen: „Lohnt es sich denn überhaupt, daß man sie bedauert?“

„Gut, ich komme,“ sagte er plötzlich kurz, „aber gehen Sie jetzt, marsch!“

„Also ich werde Sie morgen um Punkt sechs abholen,“ sagte Erkel nochmals, grüßte dann höflich und stieg, ohne sich zu beeilen, die Treppe hinunter.

„Kleiner Dummkopf!“ konnte sich Schatoff nicht enthalten, ihm nachzurufen.

„Wie?“ fragte der andere schon von unten zurück.

„Nichts, gehen Sie.“

„Ich dachte, Sie sagten noch etwas.“

II.
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