IV.
Erst am Abend, um acht Uhr, traf ich ihn zu Haus. Zu meiner Verwunderung hatte er Besuch: Alexei Nilytsch Kirilloff und ein Herr Schigaleff – der Bruder der Frau Wirginski – waren bei ihm.
Dieser Schigaleff war erst seit ungefähr zwei Monaten in unserer Stadt; ich weiß nicht, woher er kam. Wirginski hatte ihn mir gelegentlich auf der Straße vorgestellt und ich wußte von ihm wenig mehr, als daß in einem fortschrittlichen Petersburger Blatt einmal ein Artikel von ihm erschienen war. Wir hatten uns damals nur flüchtig begrüßt und kaum ein Wort miteinander gewechselt. Das einzige, was ich von ihm behalten hatte, war der Eindruck, in meinem ganzen Leben noch nie ein so finsteres, griesgrämiges, mürrisches Gesicht gesehen zu haben. Er schaute drein, als erwarte er den Untergang der ganzen Welt, und zwar nicht nach irgendwelchen Voraussagungen, die schließlich auch nicht in Erfüllung zu gehen brauchten, sondern genau so, als wisse er sogar schon die Stunde des Untergangs mit tödlicher Sicherheit: etwa übermorgen früh, punkt fünf Minuten vor halb elf. Und dann waren mir noch ganz besonders seine Ohren aufgefallen, Ohren von einer geradezu übernatürlichen Größe, lang, breit und dick, die noch obendrein fast im rechten Winkel nach links und rechts vom Kopf wegstrebten. Seine Bewegungen waren plump und langsam. Wenn Liputin vielleicht hin und wieder davon geträumt hatte, daß die Phalansterien sich auch in unserem Gouvernement verwirklichen könnten, so wußte dieser Schigaleff sicher Tag und Stunde voraus, wann das geschehen werde. Jedenfalls hatte er geradezu den Eindruck eines Unheilverkünders auf mich gemacht; und daß ich gerade ihn jetzt bei Schatoff antraf, wunderte mich sehr, – um so mehr, als Schatoff Besuch schon an und für sich nicht ausstehen konnte.
Bereits auf der Treppe hörte ich, daß sie alle drei ungewöhnlich laut miteinander sprachen und, wie mir schien, sich heftig stritten. In dem Augenblick aber, als ich eintrat, verstummten sie sofort. Und plötzlich setzten sie sich, während sie bis dahin gestanden hatten. So mußte auch ich mich setzen. Wir schwiegen alle. Schigaleff tat so, als kenne er mich überhaupt nicht. Mit Kirilloff tauschte ich einen Gruß, und ich weiß nicht, weshalb wir uns nicht die Hand reichten. Schigaleff sah mich streng und finster an, mit einem Ausdruck, der völlig naiv die feste Überzeugung zeigte, daß ich sofort aufstehen und wieder weggehen würde. Da erhob sich endlich Schatoff und die anderen folgten seinem Beispiel. Sie gingen fort, ohne ein Wort zu sagen, noch sich zu verabschieden. Erst an der Tür wandte sich Schigaleff noch einmal zu Schatoff und sagte in drohendem Tone:
„Vergessen Sie aber nicht, daß Sie Rechenschaft schuldig sind!“
„Zum Teufel mit eurer Rechenschaft, ich bin keinem von euch etwas schuldig!“ rief Schatoff ihnen wütend nach, schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel um.
„Narren!“ sagte er, nachdem sein Blick mich gestreift hatte, mit kurzem, eigentümlich gehässigem Auflachen.
Sein Gesicht sah böse aus, und ich wunderte mich, daß er diesmal als erster zu sprechen begann. Früher war es gewöhnlich so gewesen, wenn ich ihn besuchte, was freilich sehr selten geschah, daß er sich mißmutig in einen Winkel setzte und auf meine Fragen mürrisch antwortete. Erst nach längerer Zeit begann er aufzutauen und dann erst sprach er mit Vergnügen. Beim Abschied aber wurde er jedesmal wieder unwirsch, und wenn er einen zur Tür geleitete, tat er es mit einer Miene, als dränge er seinen persönlichen Feind aus dem Hause.
„Ich habe gestern bei diesem Herrn Kirilloff Tee getrunken,“ sagte ich, um ein Gespräch anzuknüpfen. „Bei ihm scheint der Atheismus ein bißchen zur fixen Idee geworden zu sein.“
„Der russische Atheismus ist noch nie über ein schlechtes Wortspiel hinausgekommen,“ brummte Schatoff, während er den alten Lichtstumpf aus dem Leuchter nahm und ein neues Licht einsetzte.
„Ich glaube nicht, daß es diesem Kirilloff um Wortspiele zu tun ist. Er versteht ja, wie’s scheint, überhaupt kaum zu sprechen – wie sollte er da noch an Wortspiele denken!“
„Papierene Menschen; aus Lakaientum kommen ihnen alle diese Gedanken,“ bemerkte Schatoff ruhig, nachdem er sich in der Zimmerecke auf einen Stuhl gesetzt und die Handflächen auf die Kniee gestützt hatte.
„Haß ist auch dabei,“ sagte er nach einer Weile des Schweigens. „Diese Leute würden selbst als erste sterbensunglücklich sein, wenn Rußland sich auf irgendeine Weise veränderte, und wäre es auch genau nach ihrem Wunsch, und plötzlich unermeßlich reich und glücklich werden würde. Dann hätten sie ja niemanden mehr, den sie hassen, auf den sie spucken, über den sie spotten könnten! Hier ist’s nichts als ein einziger tierischer, grenzenloser Haß auf Rußland, der sich in ihren Organismus hineingefressen hat ... Und von irgendwelchen heimlichen Tränen, die sich angeblich hinter dem sichtbaren Lachen verbergen sollen[30], ist hier überhaupt keine Spur vorhanden! Noch nie ist in Rußland etwas Dümmeres gesagt worden, als dieses falsche Wort von den ‚heimlichen Tränen‘!“ sagte er fast jähzornig.
„Weiß Gott, Sie sind aber wütend!“ sagte ich lachend.
„Und Sie sind ‚gemäßigt liberal‘.“ Schatoff lächelte flüchtig. „Wissen Sie,“ sagte er nach einer Weile ganz plötzlich, „ich habe das vorhin vielleicht falsch gesagt, das vom ‚Lakaientum der Gedanken‘. Sie werden gewiß bei sich gedacht haben: ‚Das sagt er nur, weil er von einem Lakai geboren ist, ich aber bin’s nicht.‘“
„Aber das habe ich durchaus nicht gedacht ... wie kommen Sie darauf! ...“
„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich fürchte Sie nicht. Früher stammte ich nur von einem Lakaien ab, jetzt bin ich selber zu einem geworden, zu genau so einem, wie auch Sie einer sind. Unser russischer Liberaler ist vor allen Dingen Lakai und wartet nur darauf, wie und wo er jemandem die Stiefel putzen kann.“
„Was für Stiefel? Was meinen Sie mit dieser Allegorie?“
„Was Allegorie! Sie lachen, wie ich sehe ... Stepan Trophimowitsch hat ganz recht, wenn er sagt, daß ich unter einem Stein liege, schon halb erdrückt, aber noch nicht zerdrückt bin und mich nur noch in den letzten Krämpfen winde. Das hat er gut gesagt.“
„Stepan Trophimowitsch behauptet, daß die Deutschen Ihnen zur fixen Idee geworden sind,“ entgegnete ich leichthin. „Und es ist ja auch etwas Wahres dabei: wir haben uns doch vieles Deutsche eingesackt.“
„Ja, zwanzig Kopeken haben wir von ihnen genommen und dafür hundert Rubel vom eigenen Kapital gegeben.“ – Wir schwiegen ... „Diese Ideen hat er sich in Amerika an den Hals gelegen.“
„Wer das? Was an den Hals gelegen?“
„Ich meine Kirilloff. Wir haben dort beide vier Monate lang in einer Hütte auf dem Fußboden gelegen.“
„Ja, sind Sie denn je in Amerika gewesen?“ fragte ich verwundert. „Sie haben nie davon gesprochen.“
„Wozu davon sprechen. Vor drei Jahren zogen wir mit einem Emigrantentransport für unser letztes Geld nach den Vereinigten Staaten von Amerika, um das Leben eines amerikanischen Arbeiters, oder vielmehr: ‚um den Zustand eines Menschen in der allerschwersten sozialen Lage praktisch, d. h. durch persönliche Erfahrung kennen zu lernen.‘ Das war unser Ziel, war der Grund, warum wir auswanderten.“
„Herrgott!“ rief ich aus. „Das hätten Sie doch ebensogut zur Erntezeit in unserem Gouvernement durch ‚persönliche Erfahrung‘ kennen lernen können, ohne deshalb nach Amerika dampfen zu müssen!“
Doch Schatoff fuhr fort: „Wir verdingten uns als Arbeiter bei einem Exploiteur. Im ganzen waren wir sechs Russen: Studenten, sogar Gutsbesitzer und Offiziere waren unter uns, und alle hatten dasselbe großartige Ziel. Und so arbeiteten wir denn, quälten uns und rackerten uns ab – bis Kirilloff und ich fortgingen: wir wurden krank, hielten es nicht aus. Bei der Abrechnung zog uns dann der Exploiteur noch das Fell gehörig über die Ohren, zahlte anstatt der dreißig Dollar, die er uns laut der Abmachung schuldig war, mir nur acht und Kirilloff fünfzehn aus. Übrigens hat man uns obendrein noch geprügelt, und nicht nur einmal ... Ja, und damals war es denn, daß wir beide in einem elenden Städtchen vier Monate lang zusammen in einer Hütte auf dem Fußboden lagen. Kirilloff dachte seine Gedanken und ich dachte meine Gedanken.“
„Und der Exploiteur hat Sie wirklich geprügelt? Da werden Sie ihm wohl auch nicht schlecht mitgespielt haben?“
„Keineswegs. Im Gegenteil, wir sahen beide sofort ein, daß ‚wir Russen im Vergleich zu den Amerikanern kleine Kinder sind und daß man entweder in Amerika geboren oder lange Jahre mit ihnen zusammen gearbeitet haben muß, um die Höhe ihrer Leistung zu erreichen‘. Wir waren natürlich entzückt von Amerika und lobten dort alles: den Spiritismus, das Lynchgesetz, die Revolver und die Vagabunden. Und wenn man für eine Dreikopekensache von uns einen Dollar verlangte, so zahlten wir ihn nicht nur mit Vergnügen, sondern mit Begeisterung. Einmal, in der Eisenbahn, zog mein Nachbar aus meiner Rocktasche meine Haarbürste heraus und begann sich damit sein Haar zu striegeln. Kirilloff und ich tauschten nur einen Blick aus und stimmten sofort darin überein, daß mein Nachbar vollkommen im Recht war und seine Handlungsweise uns sehr gefiel ...“
„Sonderbar, daß solche Ideen uns Russen nicht nur in den Kopf kommen, sondern von uns auch vollführt werden,“ bemerkte ich.
„Papierene Menschen,“ wiederholte Schatoff.
„Aber immerhin, über einen ganzen Ozean schwimmen, in ein unbekanntes Land, und wenn auch ‚um durch persönliche Erfahrung‘ usw. etwas kennen zu lernen – darin liegt, weiß Gott, doch eine gewisse Großzügigkeit ... Wie sind Sie denn wieder zurückgekommen?“
„Ich schrieb an einen Menschen nach Europa und der schickte mir hundert Rubel.“
Die ganze Zeit, während der Schatoff sprach, hatte er, wie immer, zu Boden gesehen, selbst dann, wenn er erregt sprach. Jetzt aber hob er plötzlich den Kopf.
„Wollen Sie wissen, wer dieser Mensch war?“
„Nun, wer war es denn?“
„Nicolai Stawrogin.“
Er stand plötzlich auf, trat an seinen Schreibtisch – es war ein einfacher Tisch aus Lindenholz – und tat, als suche er etwas auf ihm.
Es ging bei uns damals das dunkle, aber glaubwürdige Gerücht, Schatoffs Frau hätte mit Nicolai Stawrogin in Paris eine Zeitlang gelebt, und zwar gerade vor etwa zwei Jahren, also in eben der Zeit, als Schatoff in Amerika war – freilich schon lange nachdem sie ihn in Genf verlassen hatte. „Wenn es sich so verhält, was plagte ihn dann, mir jetzt diesen Namen zu nennen und das ... noch breitzutreten?“ fragte ich mich.
„Ich habe sie ihm bis heute noch nicht zurückgegeben,“ sagte er, sich wieder zu mir wendend, und nachdem er mich kurz, aber prüfend angesehen hatte. Dann setzte er sich wieder. Und plötzlich fragte er mich schroff und schon in ganz anderem Tone:
„Sie sind natürlich mit einer bestimmten Absicht zu mir gekommen; was wünschen Sie?“
Ich erzählte ihm sofort alles und betonte besonders, daß ich Lisa unter allen Umständen helfen und das ihr gegebene Wort halten möchte. Auch beteuerte ich ihm, daß sie ihn mit der Buchangelegenheit keineswegs habe beleidigen wollen, daß er sie völlig mißverstanden haben müsse. Sein plötzlicher Aufbruch habe sie denn auch aufrichtig betrübt.
Er hörte mich sehr aufmerksam an.
„Vielleicht habe ich in der Tat wieder einmal eine Dummheit gemacht ... Aber wenn sie nicht verstanden hat, warum ich fortging – um so besser für sie!“
Er stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und horchte hinaus.
„Sie wollen sie selbst sehen?“
„Ja, das ist es ja eben! Wie ließe sich das machen?“ Ich erhob mich schon erfreut.
„Gehen wir ganz einfach hin, solange sie noch allein ist. Lebädkin darf natürlich nicht erfahren, daß wir bei ihr gewesen sind, sonst peitscht er sie wieder. Heimlich gehe ich oft zu ihr. Gestern habe ich ihn gründlich geprügelt, als er sie wieder zu schlagen anfing.“
„Ist das wirklich wahr, daß er sie schlägt?“
„Gewiß; an den Haaren hab ich ihn von ihr fortgerissen. Er wollte sich schon mit den Fäusten auf mich stürzen, aber ich konnte ihm doch noch einen Schrecken einjagen. Dabei blieb es. Nun fürchte ich, ihm könnte das wieder einfallen, wenn er heute betrunken zurückkehrt, und dann wird er sie erst recht hauen.“
Wir gingen sogleich nach unten.