Stepan Trophimowitsch Werchowenski und Schatoff
Stepan Trophimowitsch zitiert Tschatzki[61]:
„Zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel,
Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ...“
Schatoff greift sofort auf: „Tschatzki begriff überhaupt nicht, als beschränkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im stärksten Unwillen: ‚Den Wagen mir, den Wagen!‘ weil er nicht einmal fähig ist, von selbst darauf zu verfallen, daß man die Zeit auch anders als ‚zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel‘ verbringen kann – sogar in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und für ihn existierte außer seinem Kreise überhaupt nichts, – das ist der Grund, warum er über das Leben der höheren Moskauer Gesellschaft in solche Verzweiflung gerät, ganz als ob es außer diesem Leben in Rußland ein anderes gar nicht gegeben hätte. Das russische Volk übersah er einfach, wie dies alle unsere ‚Vorderen‘[62] taten, übersah es um so mehr, je mehr er zu den ‚Vorderen‘ gehörte. Je mehr Herr er war und je mehr Vorderster, um so mehr empfand er Haß – nicht gegen die russischen Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. Über das russische Volk, über seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine Bedeutung und seine große Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als über den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und überhaupt alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64]
Tschatzki ließ sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde in Paris leben zu können, Cousin zu hören und womöglich mit Tschaadajeffschem[65] oder Fürst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden oder, wenn er Freidenker war, mit einem Haß auf Rußland, wie etwa Belinski und tutti quanti[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht einmal vorstellen, daß es in Rußland noch eine andere Welt als die der Moskauer höheren Gesellschaft geben könnte, weil – er selbst ein Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klüger waren als er! Aber wenn er auch dumm war, dafür hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht von weitem her war, dafür war sein Gedanke doch originell – denn damals waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie, was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wüßten, wie weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst tuenden Moskowitern zurückgeblieben sind, und dabei halten Sie und Ihresgleichen sich immer noch für ‚Vordere‘! Wer auf den alten Formen des Liberalismus reitet, der ist schon zurückgeblieben. Die Form des Liberalismus muß immer originell sein, jede Generation muß eine neue haben. Ich spreche nicht vom Wesen des Liberalismus, sondern von seiner Form. Liberalismus, der mit Antinationalismus und persönlichem Haß gegen Rußland endet, ist Rückstand und Blödsinn, Sie aber sehen das nicht ein und halten es noch für das Vorderste und Höchste, das es überhaupt gibt.
Und bitte auch nicht zu vergessen, daß der Zar das Volk befreit hat, nicht Sie und Ihre Zeitgenossen. Herrgott, Sie haben ja noch nicht einmal begriffen, daß die Zaren unvergleichlich liberaler und fortgeschrittener waren, als Sie, denn die Zaren sind immer Hand in Hand mit dem Volke gegangen, sogar zu Birons[68] Zeiten. Der Gedanke, das Volk zu befreien, war den Zaren schon längst vertraut, dem Dekabristen Tschatzki aber kam er überhaupt nicht in den Sinn. Ja, diese Tschatzkis wurden manchmal sogar wegen grausamer Behandlung ihrer Bauern unter Kuratel gestellt, – und warum nur? Waren sie denn so schlechte Menschen? Taten sie es etwa aus Bosheit? Keineswegs. Sie taten es, weil sie einfach nicht origineller auf Rußland zu sehen verstanden, weil sie ihre Moskauer höhere Gesellschaft für ganz Rußland hielten. Ich könnte wetten, daß die Dekabristen das Volk sofort befreit hätten, bestimmt aber ohne ihm Land zu geben – wofür das Volk ihnen unbedingt sofort die Köpfe abgedreht und ihnen damit zu ihrer größten Verwunderung bewiesen hätte, daß nicht die Moskauer Gesellschaft allein ganz Rußland ausmacht. Aber, schließlich – auch ohne Köpfe hätten sie nichts verstanden, obgleich es gerade ihre Köpfe waren, die sie am meisten am Verstehen hinderten. Nein, mit Verlaub, das war Raskol, seit Peter dem Großen hat es bei uns zwei Raskole gegeben, einen oberen und einen unteren“.[69]
Stepan Trophimowitsch und Schatoff
„Sie, meine Herren, Sie Verneiner Gottes und Christi, haben nicht einmal daran gedacht, wie ohne Christus alles in der Welt sofort schmutzig und sündhaft wird. Sie verurteilen Christus und lachen über Gott, aber was für Beispiele geben Sie denn der Menschheit? Wie kleinlich sind Sie, wie verderbt, wie neidisch, wie ruhmsüchtig! Indem Sie Christus beseitigen –, entfernen Sie das unerreichbare Ideal der Schönheit und Güte aus der Menschheit. Und was schlagen Sie zum Ersatz Gleichwertiges vor?“
Stepan Trophimowitsch: „Ich glaube, hierüber ließe sich noch ein wenig streiten – aber wer hindert einen denn, wenn man an Christus nicht als an Gott glauben will, ihn als Ideal der Vollkommenheit und sittlichen Schönheit zu verehren?“
Schatoff: „Und zu gleicher Zeit doch nicht an ‚das Wort ward Fleisch‘ zu glauben, d. h. daß das Ideal leibhaftig gegenwärtig war, folglich auf Erden nicht unmöglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist? Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, daß auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so himmlischen Glanze tatsächlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht nur geistig, als Ideal – daß das sowohl möglich wie natürlich ist. Die Anhänger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergötterten, bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glück es ist, diese Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die da sahen, welch ein Glück diese Leibhaftigkeit gab, kaum daß der Mensch anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer Schönheit zu nähern, – wunderten sich, staunten, und wollten schließlich selbst diese Seligkeit genießen: sie wurden Christen und freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben darin, daß ‚das Wort‘ wirklich ‚Fleisch ward‘. Darin liegt der ganze Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. Übrigens, Sie würden es ihr nehmen können, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen könnten. So zeigen Sie es doch!“
Stepan Trophimowitsch sagt: „Immerhin muß man sich doch über das übermäßige Quantum Dummheit wundern, das in Rußland steckt.“
Der Fürst: „Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen.“
Stepan Trophimowitsch: „Die aber bei uns doch so viel Stützkraft gefunden haben und finden, und zu denen alles hinströmt, – wenn auch die Hinströmenden meinetwegen nur Knaben und Mädchen sind, so sind es doch nicht zehnjährige, sondern immerhin zwanzig- und über zwanzigjährige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so dumm zu sein.“
Schatoff: „Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst die Sechzigjährigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen? Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar Professoren und Direktoren und alle möglichen Autoritäten für die Idee der Aufteilung Rußlands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein! Ist das denn nicht ebenso dumm?
Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor kurzem erzählte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren mit Belinski darüber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klüger? Ist denn die Idee, daß alle Völker des Westens national sein und wir sie deswegen achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden Volkes andächtig anerkennen müssen, die Russen aber unter keinen Umständen sie selbst sein dürfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], – ist diese Idee etwa nicht dümmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den Genossenschaften reden? Ja, genau genommen stützen sich diese Knaben gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat durch die Unkenntnis Rußlands und die Verleugnung seiner Selbständigkeit die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhältnis zu jeder Gesellschaft, also dürfen sie sich auch nicht wundern oder sich beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, daß sie vor moralischen Pedanterien nicht zurückschrecken, sondern morden und brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen übergeben, sich von allem Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster einschreiben können. Folglich können alle, die das nicht wollen, auch mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren.“