III.

IV.

Pjotr Stepanowitsch war gewiß kein dummer Mensch, doch Fedjka, der Zuchthäusler, hatte ihn richtig charakterisiert mit dem Ausspruch: „Der stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er dann mit ihm.“

Pjotr Stepanowitsch verließ Herrn von Lembke in der festen Überzeugung, daß er ihn auf wenigstens sechs Tage beruhigt habe, diese Frist aber brauchte er unbedingt. Doch seine Berechnung war falsch, und zwar weil er sich Herrn von Lembke von allem Anfange an und gleich für immer als vollkommen beschränkten Menschen vorgestellt hatte.

Herr von Lembke war, wie jeder qualvoll mißtrauische Mensch, im ersten Augenblick des Aus-sich-selbst-hinausgehens stets von größter und freudiger Vertrauensseligkeit. Die neue Wendung der Dinge erschien ihm nun zunächst in recht angenehmer Form, trotz der etlichen neueingetretenen Verwicklungen, die Achtsamkeit erheischten. Doch wenigstens zerfielen seine alten Zweifel jetzt in Staub und Asche. Aber die letzten Tage hatten ihn so müde gemacht, und er fühlte sich so gequält und so hilflos, daß seine Seele sich unwillkürlich nach Ruhe sehnte. Leider kam gerade jetzt diese Unruhe wieder über ihn. Das lange Leben in Petersburg hatte in seiner Seele unverwischbare Spuren hinterlassen. Die offizielle und sogar die geheime Geschichte der „neuen Generation“ war ihm ziemlich bekannt – war er doch ein wißbegieriger Mensch, der selbst Proklamationen sammelte –, nur hatte er noch nie auch nur ein Wort von dieser ganzen Geschichte begriffen. Jetzt aber stand er da wie in einem Walde: mit allen Instinkten ahnte er, daß in Pjotr Stepanowitschs Worten etwas schier Unmögliches enthalten war, irgend etwas außerhalb aller Formen und Vereinbarungen – „wenn auch übrigens der Teufel wissen mag, was da in dieser ‚neuen Generation‘ alles möglich ist und überhaupt ... wie sie das da alles machen!“ dachte er bei sich und verlor sich in Erwägungen.

Da steckte zum Unglück wieder Blümer seinen Kopf durch die Tür. Die ganze Zeit während der Anwesenheit Pjotr Stepanowitschs hatte er in der Nähe gewartet. Dieser Blümer war mit Herrn von Lembke sogar verwandt, wenn auch allerdings nur weitläufig, doch diese Verwandtschaft wurde sorgfältig und ängstlich geheimgehalten. Ich bitte den Leser um Entschuldigung, daß ich hier über diesen unbedeutenden Menschen ein paar Bemerkungen einfüge. Blümer gehörte als Mensch zu der sonderbaren Abart der „unglücklichen“ Deutschen – jedoch nicht infolge seiner tatsächlich großen Talentlosigkeit, sondern einfach Gott weiß weshalb. Diese „unglücklichen“ Deutschen sind keine Mythe, sondern sind wirklich vorhanden, sogar in Rußland, und haben ihren besonderen Typ. Herr von Lembke hatte für diesen Blümer von jeher ein geradezu rührendes Mitgefühl und verschaffte ihm, wo er nur konnte, und natürlich im Verhältnis zu seinen eigenen Fortschritten, immer bessere Stellen in seinem Ressort; doch Blümer hatte nirgends Glück. Bald wurde der Posten aufgehoben, bald bekam er einen neuen Vorgesetzten, und einmal hätte man ihn beinahe mit anderen zusammen vors Gericht gebracht. Er war gewissenhaft, doch leider irgendwie so, daß es schon zuviel war – zwecklos gewissenhaft, und außerdem ewig mürrisch, was ihm überall schadete, – dabei rothaarig, groß, ein wenig krumm, wehmütig, sogar gefühlvoll, und bei all seiner Unterwürfigkeit doch eigensinnig und halsstarrig wie ein Stier, freilich immer am unrechten Ort und zur unrechten Zeit. An Lembke hing er nebst seiner Frau und seinen zahllosen Kindern mit einer langjährigen und ehrfürchtigen, treuen und ergebenen Anhänglichkeit. Außer Lembke gab es keinen Menschen, der ihn je auch nur gemocht hatte. Julija Michailowna hatte ihn sofort und mit aller Entschiedenheit abgelehnt, doch verabschieden konnte sie ihn nicht, weil der Widerstand ihres Mannes in diesem Punkte nicht zu brechen war. Ja, dieser Blümer war die Ursache ihres ersten ehelichen Streites gewesen, und zwar gleich in den ersten süßen Tagen nach der Hochzeit, als sie plötzlich das kränkende Geheimnis dieser neuen Verwandtschaft erfahren hatte. Es half auch nichts, daß ihr Gatte flehend, mit gefalteten Händen, auf sie einredete und ihr gefühlvoll Blümers ganze Lebensgeschichte erzählte, sowie die Geschichte ihrer Freundschaft von Kindheit an: Julija Michailowna hielt sich für unwiderruflich blamiert und versuchte sogar mit Ohnmachtsanfällen ihren Willen durchzusetzen. Doch von Lembke wich trotzdem nicht einen Schritt von seinem Standpunkt und erklärte nur, daß er seinen Blümer um keinen Preis von sich entfernen werde, so daß sie sich schließlich ehrlich über ihn wunderte und gezwungen war, ihm diesen Blümer zu „gestatten“. Es wurde nur beschlossen, die Verwandtschaft mit ihm noch sorgfältiger als bisher geheimzuhalten, wenn das überhaupt möglich war, und sogar seinen Ruf- und Vatersnamen durch andere zu ersetzen, denn auch Blümer hieß sonderbarerweise genau wie von Lembke Andrei Antonowitsch. Hier bei uns verkehrte Blümer mit keinem Menschen, außer mit einem deutschen Apotheker, hatte auch bei niemandem Besuch gemacht und, seiner Gewohnheit getreu, zurückgezogen und sparsam gelebt. Ihm waren auch die literarischen Sünden von Lembkes bekannt, denn er war es, der den Zuhörer abgeben mußte, wenn von Lembke seinen Roman vorlesen wollte, was er natürlich nur mit aller Vorsicht und bei verschlossenen Türen tat: dann saß Blümer an die sechs Stunden wie ein Pfosten da, schwitzte und strengte sich krampfhaft an, nicht einzuschlafen, sondern wach zu bleiben und zu lächeln. Kam er dann nach Hause, so seufzte er zusammen mit seiner hageren, großfüßigen Frau über die unselige Vorliebe ihres Wohltäters für die russische Literatur.

Andrei Antonowitsch litt geradezu, als er den eintretenden Blümer erblickte.

„Ich bitte dich, Blümer, mich jetzt in Ruh zu lassen,“ begann er erregt und schnell, sichtlich bemüht, eine Fortsetzung des Gespräches, das Pjotr Stepanowitsch unterbrochen hatte, zu vermeiden.

„Man kann das ja auf die schonendste Weise machen. Sie haben doch die Vollmacht,“ bestand Blümer ehrerbietig aber hartnäckig auf dem Seinen, und näherte sich mit kleinen Schritten und krummem Rücken immer mehr dem Schreibtisch.

„Blümer, du bist mir wirklich in einem Grade zugetan und in deinem Amt diensteifrig, daß mir schon angst und bange vor dir wird, wenn ich dich nur erblicke!“

„Sie machen immer scharfsinnige Bemerkungen, aber dann lassen Sie sich von dem Vergnügen an dem Gesagten ruhig einschläfern. Damit schaden Sie sich selbst.“

„Blümer, ich habe mich soeben überzeugt, daß etwas ganz anderes dahintersteckt, etwas ganz anderes!“

„Doch nicht aus den Worten dieses falschen, lasterhaften Menschen, den Sie selbst verdächtigen? Hat er Sie glücklich mit falschem Lob Ihres literarischen Talentes so weit geblendet?“

„Blümer, du ahnst ja nichts! Dein Projekt ist eine Absurdität, sage ich dir. Wir werden nichts finden, es wird sich nur unnützes Geschrei erheben und dann Gelächter und dann Julija Michailowna ...“

„Wir werden bestimmt alles finden, was wir suchen,“ Blümer schritt fest auf ihn zu, die rechte Hand ans Herz gepreßt. „Wir können die Durchsuchung seiner Wohnung ganz früh am Morgen vornehmen, und ganz plötzlich, ohne alle Vorbereitungen, mit aller Schonung seiner Person, und dabei streng nach der Vorschrift des Gesetzes. Die jungen Leute, Lämschin und Telätnikoff, versichern felsenfest, daß wir bei ihm alles Gewünschte finden werden. Sie haben ihn früher oft besucht. Für Herrn Werchowenski ist hier niemand sehr zu haben, und die Generalin Stawrogin hat ihm formell ihre Wohltaten für weiterhin gekündigt, und jeder ehrliche Mensch, wenn es solch einen in dieser rohen Stadt überhaupt gibt, ist überzeugt, daß dort immer die Quelle des Unglaubens und der sozialen Lehren gewesen ist. Er besitzt alle verbotenen Bücher, sämtliche Werke Herzens, Rylejeffs ‚Dumy‘[44] ... Ich habe mir schon auf alle Fälle ein Verzeichnis seiner Bücher ...“

„Gott, diese Bücher hat heute doch schon ein jeder! Wie naiv du bist, mein armer Blümer!“

„Und eine Menge Proklamationen,“ fuhr Blümer fort und tat, als habe er die Bemerkung nicht gehört. „Wir werden auf diese Weise bestimmt auf die Spur der neuen Proklamationen kommen. Dieser junge Werchowenski kommt mir ungemein, ungemein verdächtig vor.“

„Aber du verwechselst ja den Vater mit dem Sohn! Sie vertragen sich durchaus nicht. Der Sohn verspottet ihn ja ganz ungeniert.“

„Das ist doch nur Verstellung, Maske!“

„Blümer, du hast wohl geschworen, mich zu Tode zu quälen! Denk doch ein bißchen nach! Er ist doch hier in der Stadt immerhin eine geachtete Persönlichkeit. Er war Professor, er ist überall bekannt, und wenn er zu schreien anfängt, wird es gleich alle Welt wissen, und dann beginnt das Witzeln über uns, und dann gelingt uns nichts mehr ... und bedenke doch nur, was wird Julija Michailowna sagen ...“

Blümer kam immer näher und hörte auf keinen Einwand.

„Er war nur Dozent und weiter nichts, nur Dozent, und ist dem Titel nach nur Kollegienassessor außer Dienst.“ Blümer preßte heftig seine rechte Hand auf die Brust. „Keinen einzigen Orden hat er und zum Staatsdienst ist er überhaupt nicht herangekommen, weil man seine Absichten gegen die Regierung kannte. Er stand im geheimen unter polizeilicher Aufsicht und steht wohl zweifellos auch jetzt noch darunter. In Anbetracht der beginnenden Unordnungen sind Sie geradezu verpflichtet, zu tun, was ich Ihnen riet. Sie aber lassen eine solche Möglichkeit, sich auszuzeichnen, wieder vorübergehen! Sehen dem Hauptschuldigen einfach durch die Finger! ...“

„Julija Michailowna! Sch–scher dich zum ...“ rief plötzlich von Lembke, der die Stimme seiner Frau im Nebenzimmer gehört hatte.

Blümer zuckte zusammen, doch ergab er sich noch nicht.

„So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch,“ er trat immer näher und preßte jetzt schon beide Hände an die Brust.

„Sch–scher dich, pack dich!“ knirschte Andrei Antonowitsch. „Mach, was du willst ... später ... O Gott!“

Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna erschien. Als sie Blümer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn hochmütig und beleidigend vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre schon seine bloße Anwesenheit kränkend für sie. Blümer machte stumm eine tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor Ehrerbietung, auf den Fußspitzen zur Tür.

War es nun, daß er die letzten Worte von Lembkes für die Erlaubnis nahm, so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise, jedoch in der festen Überzeugung tat, seinem Wohltäter zu einem Orden zu verhelfen, – das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir weiterhin sehen werden, aus diesem Gespräch des Vorgesetzten mit seinem Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte, als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt.

V.
348 of 718
4 pages left
CONTENTS
Chapters
Highlights