V.

VI.

Schatoff stand an der Tür und horchte hinaus. Plötzlich sprang er zurück.

„Er kommt herauf, das wußte ich ja!“ rief er wütend mir leise zu. „Jetzt haben wir ihn bis Mitternacht auf dem Halse!“

Ein paar starke Faustschläge an die Tür kündeten Lebädkin an.

„Schatoff! ... Schaa–toff, mach auf!“ brüllte der Betrunkene. „Schatoff, Freund ...“ Und plötzlich sang er los – die bekannte Romanze –:

„‚Kam zu dir mit einem Gruß,

Um zu künden, daß der Mo–o–orgenstrahl

Glühend ... be–ebend ... seinen ersten Kuß

Von den Wipfeln dieser Wä–e–elder stahl!

Laß dir künden vom Erwachen ...‘

Kchä – hm! zum Teufel!“ räusperte er sich –

„‚Vom Erwachen unter Zwei–e–eigen ...‘

Haha! klingt ja fast wie unter Ruten! Nein, lieber von was anderem! ...

‚Jeder Vogel – hat mal Durst!

Weißt du auch, was ich trinke?

Trinke, ja, trinke?

Weiß ich doch ... selber es nicht ...

Was ich ... was ich ...‘

Hm! ... Hol’ sie der Teufel, diese dumme Neugier! Schatoff, begreifst du auch, wie schön es auf Erden zu leben ist!“

„Antworten Sie nicht!“ flüsterte mir Schatoff zu.

„Hör’, mach doch auf! ... Begreifst du auch, daß es etwas Höheres gibt, als Raufereien unter ... der Menschheit? ... Es gibt, weißt du, es gibt Augenblicke im Leben eines edlen Menschen ... Schatoff, ich bin gut, ich verzeihe dir alles ... Nur, weißt du, mach doch auf! ... Schatoff, höre – zum Teufel mit den Proklamationen! – Wie?“

Schweigen.

„Begreifst du auch, Esel, daß ich verliebt bin! Ich habe mir einen Frack gekauft, sieh, einen Frack der Liebe für die Liebe, – fünfzehn Silberrubel! Eines Hauptmannes Liebe verlangt eben gesellschaftlichen Anstand ... Mach auf!“ brüllte er plötzlich wie ein wildes Tier und begann von neuem, in toller Wut mit den Fäusten an die Tür zu donnern.

„Scher’ dich zum Teufel!“ schrie nun auch Schatoff.

„S–s–s–kla–a–ve! Leibeigener Skla–ve, und deine Schwester ist auch eine Skla–a–vin ... eine Die–bin!“

„Und du hast deine Schwester verkauft!“

„Du lügst! Ich dulde aus Edelmut, während ich ... Mit einer einzigen Erklärung könnte ich ... Begreifst du auch, wer sie eigentlich ist?“

„Nun, wer denn?“ Schatoff trat neugierig an die Tür.

„Wirst du es aber auch begreifen?“

„Werd schon begreifen, wenn du es nur sagst – nun, wer ist sie denn?“

„Ich habe den Mut, es zu sagen! Ich habe immer den Mut, dem Publikum alles zu sagen!“

„Scheint doch nicht,“ neckte ihn Schatoff geflissentlich und nickte mir zu, jetzt nur gut aufzumerken.

„Was, du meinst, ich wa–age es nicht?“

„Natürlich wagst du es nicht.“

„Wie, ich wa–a–ge es nicht?“

„So sag’s doch, wenn du die herrschaftlichen Ruten nicht fürchtest ... Bist doch ein Feigling – und willst ein Hauptmann sein!“

„Ich ... ich ... sie ... sie ist ...“ stotterte Lebädkin.

„Nun?“ Schatoff legte das Ohr ans Schlüsselloch.

Ein Schweigen entstand und dauerte mindestens eine halbe Minute an.

„Du Sch–sch–u–uft!“ ertönte es endlich hinter der Tür, und der Hauptmann stolperte so schnell wie er nur konnte und keuchend wie ein Samowar die Treppe hinunter, wobei jede Stufe unter seinem Gewicht knarrte.

„Nein, er ist schlau, selbst in der Betrunkenheit wird er sich nicht verraten.“ Schatoff kam langsam von der Tür zurück.

„Aber was soll denn das alles bedeuten?“ fragte ich.

Schatoff winkte nur mit der Hand, ging wieder zur Tür, öffnete sie und begann nach unten zu lauschen. Lange horchte er, ging sogar ein paar Stufen hinab ... endlich kam er wieder zurück.

„Es ist nichts zu hören, hat sie also nicht geprügelt, wird wohl gleich eingeschlafen sein. Es ist Zeit, Sie müssen nach Hause gehen.“

„Hören Sie, Schatoff, was soll ich aus all dem schließen?“

„Eh, schließen Sie daraus, was Sie wollen!“ antwortete er mit müder und schlecht gelaunter Stimme und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Ich ging. Ein unerhörter Gedanke bemächtigte sich meiner mehr und mehr. Mit Sorge dachte ich an den nächsten Tag.

VII.

Dieser nächste Tag – der Sonntag, an dem Stepan Trophimowitschs Schicksal sich unwiderruflich entscheiden sollte – war einer der merkwürdigsten Tage meiner Geschichte, war ein Tag der Überraschungen, an dem Altes seine Lösung fand und Neues sich knüpfte, ein Tag greller Erklärungen und – noch schlimmerer Verwirrung.

Wie ich schon erzählt habe, mußte ich meinen Freund am Morgen zu Warwara Petrowna begleiten, und um drei Uhr sollte ich dann bei Lisaweta Nicolajewna sein, um ihr zu erzählen ... ja, ich wußte selbst nicht, was! und ihr zu verhelfen – wozu? das wußte ich ebensowenig. Und nun fand plötzlich alles eine Lösung, die weder ich noch sonst jemand erwartet hatte ... Kurz, es war ein Tag seltsam zusammentreffender Zufälle.

Er begann damit, daß wir, Stepan Trophimowitsch und ich, als wir um elf bei Warwara Petrowna erschienen, sie nicht zu Hause antrafen: sie war noch nicht aus der Kirche zurückgekehrt. Mein armer Freund war aber dermaßen nervös oder innerlich erregt, daß schon dieser eine Umstand ihn sofort gleichsam vernichtete, und völlig erschöpft sank er im Empfangssalon auf einen Sessel. Ich bot ihm ein Glas Wasser an, doch trotz seines bleichen Gesichts und seiner zitternden Hände lehnte er es mit Würde ab. Übrigens möchte ich hier bemerken, daß er diesmal mit geradezu erlesener Eleganz gekleidet war: er trug die feinste Batistwäsche, die weiße Halsbinde war meisterhaft geschlungen, hielt in der einen Hand einen neuen Hut und strohfarbene Handschuhe, und zu all dem kam noch ein leiser, ganz leiser Parfümduft.

Kaum hatten wir uns gesetzt, als Schatoff, vom Diener geführt, eintrat. Warwara Petrowna hatte offenbar auch ihn um diese Zeit zu sich gebeten. Stepan Trophimowitsch erhob sich schon, um ihm die Hand zu reichen, doch Schatoff, der zunächst aufmerksam zu uns herübersah, wandte sich plötzlich zur Seite und setzte sich auf einen Stuhl an der Wand, ohne uns auch nur mit dem Kopf zuzunicken. Mein armer Freund sah mich wieder ganz erschrocken an.

So saßen wir noch eine ganze Weile in tiefstem Schweigen. Stepan Trophimowitsch begann zwar einmal mir irgend etwas zuzuflüstern, doch da er wahrscheinlich selbst nicht recht wußte, was er sagen wollte, so verstummte er bald wieder. Nach einiger Zeit kam der Diener noch einmal herein, um irgend etwas auf dem Tisch zu ordnen; oder richtiger – um nach uns zu sehen. Da wandte sich plötzlich Schatoff an ihn und fragte laut:

„Alexei Jegorytsch, ist Darja Pawlowna gleichfalls zur Kirche gefahren?“

„Nein, Warwara Petrowna geruhten allein zum Gottesdienst zu fahren, Darja Pawlowna aber sind zu Hause geblieben, sie fühlten sich nicht ganz wohl,“ meldete Alexei Jegorytsch mit Anstand.

Mein armer Freund warf mir hierauf wieder einen erregten Blick zu, so daß ich mich schon geärgert von ihm abwenden wollte. Da ertönte draußen das Rollen einer Equipage, die vorfuhr, und ein gewisses fernes Hinundher im Hause kündete uns an, daß die Herrin zurückgekehrt war. Wir standen auf. Schritte näherten sich. Aber was war das? Wir hörten Schritte von mehreren Personen. War denn Warwara Petrowna nicht allein zurückgekehrt? Das war doch etwas sonderbar, da sie selbst uns zu dieser Stunde und zu diesem besonderen Zweck zu sich gebeten hatte. Schließlich vernahmen wir seltsam schnelle Schritte, fast ein Eilen, so aber pflegte Warwara Petrowna sonst doch nicht zu gehen. Und plötzlich flog die Türe auf und tatsächlich – Warwara Petrowna erschien, atemlos und in ungewöhnlicher Erregung. Hinter ihr aber kam, langsamer, leiser, Lisaweta Nicolajewna, und die führte an der Hand – Marja Timofejewna Lebädkina! Hätte ich das im Traum gesehen, so hätte ich selbst dann meinen Augen nicht getraut.

Was war geschehen?

Nun muß ich um etwa eine Stunde zurückgreifen und erzählen, was sich inzwischen in der Kirche zugetragen hatte.

An eben diesem Sonntage war der Adel und die ganze Gesellschaft der Stadt fast vollzählig zum Morgengottesdienst erschienen. Man wußte, daß die neue Gouverneurin zum erstenmal nach ihrer Ankunft bei uns in die Kirche gehen werde. Es hatte sich schon herumgesprochen, daß sie eine Freidenkerin sei und die „neuesten Anschauungen“ teile. Und überdies wußten schon alle Damen, daß sie in einer prächtigen, sehr eleganten Toilette erscheinen werde, weshalb sich denn alle gleichfalls auf das sorgfältigste geputzt hatten. Nur Warwara Petrowna war wieder schlicht und ganz in Schwarz erschienen, genau so, wie sie sich in den letzten vier Jahren immer kleidete. Während des Gottesdienstes stand sie auf ihrem alten Platz, links, in der ersten Reihe, und vor ihr hatte ihr Diener in Livree ein Samtkissen hingelegt, kurz, alles war so, wie es immer gewesen war. Manche Leute wollten zwar bemerkt haben, daß Warwara Petrowna an diesem Morgen ganz besonders lange und inbrünstig gebetet habe; ja, später, als man sich alles wieder vergegenwärtigte, versicherte man sogar, sie habe Tränen in den Augen gehabt. Die Messe war schließlich zu Ende und unser Oberpriester, der Vater Pawel, trat aus der Sakristei, um eine feierliche Predigt zu halten. Seine Predigten wurden bei uns sehr geschätzt und man hatte ihm schon oft zugeredet, sie doch drucken zu lassen, wozu er sich aber nie entschließen konnte. An diesem Sonntage nun fiel die Predigt jedoch besonders lang aus.

Da kam, nachdem die Predigt schon begonnen hatte, noch eine Dame in einer leichten Mietdroschke angefahren, in einem von jenen altmodischen Vehikeln, auf denen Herren rittlings, Damen nur seitlich sitzen konnten, weshalb sie sich an dem Gürtel des Kutschers festhalten mußten, da sie bei jedem Stoß des Wagens wie ein Wiesengräschen im Winde schaukelten. Diese Droschken gibt es auch heute noch in unserer Stadt. Der Kutscher hielt an der Kirchenecke, da er wegen der vielen Equipagen und sogar Gendarmen vor dem Portal nicht weiterzufahren wagte. Die Dame sprang ab und gab dem Kutscher vier Kopeken.

„Was, ist es zu wenig, Wanjä?“[31] fragte sie erschrocken, als sie sah, daß der Kutscher ein Gesicht schnitt. „Das ist aber alles, was ich habe,“ fügte sie traurig hinzu.

„Nun, schon gut ... hab nicht an Verdienst gedacht ...“ Der Wanjka winkte mit der Hand und sah sie an, als dächte er: „Wäre ja auch Sünde, dich zu kränken ...“

Er steckte seinen Lederbeutel unter die Bluse und fuhr, begleitet vom Spott der anderen wartenden Kutscher, wieder davon. Spötteleien und Verwunderung begleiteten auch die Dame, so lange sie sich durch die Volksmenge und die wartenden Diener bis zur Kirchentür drängte. Aber es war auch wirklich etwas Ungewöhnliches und Überraschendes in dem Erscheinen einer solchen Person so plötzlich irgendwoher und am Sonntagmorgen mitten unter dem Volk.

Sie war krankhaft mager und hinkte; ihr Gesicht war stark gepudert und geschminkt und der lange Hals war unbedeckt. Sie hatte weder ein Tuch noch einen Umwurf, war nur in einem alten dunklen Kattunkleide, trotz des kühlen, windigen, wenn auch sonnigen Septembertages. Ihr Kopf war gleichfalls unbedeckt und in den kleinen Haarknoten im Nacken hatte sie an der rechten Seite eine Rose aus Seidenpapier gesteckt, eine von solchen, mit denen die Ostercherubim geschmückt werden. So einen Ostercherub in einem Kranz aus Papierrosen hatte ich gerade am Abend vorher unter den Heiligenbildern bemerkt, als ich bei Marja Timofejewna saß. Hinzu kam, daß die Dame, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen, doch mit einem beinahe mehr als heiteren, fast verschmitzten Lächeln durch das Volk ging. Vielleicht hätte man sie, wenn sie noch einen Augenblick länger in der Menge geblieben wäre, überhaupt nicht in die Kirche eintreten lassen. So aber gelang es ihr noch, durch das Portal zu schlüpfen, und unauffällig schob sie sich dann weiter nach vorn.

Obgleich die Predigt noch nicht zu Ende war und die ganze Kirche andächtig zuhörte, wandten sich manche Augen doch interessiert und verwundert heimlich der Neueingetretenen zu. Diese kniete zunächst nieder, beugte ihr gepudertes Gesicht auf den Fußboden, und berührte ihn mit der Stirn; so kniete sie lange, und wie es schien, weinte sie; nachdem sie sich aber wieder aufgerichtet und von den Knien erhoben hatte, begann sie alsbald fast heiter und mit sichtlichem Vergnügen die Menschen und die Kirchenwände zu betrachten. Einzelne Damen schienen sie besonders zu interessieren, und sie stellte sich sogar auf die Fußspitzen, um besser sehen zu können, und zweimal kicherte sie dabei ganz eigentümlich. Doch schließlich erreichte auch die Predigt ihr Ende und man trug das Kreuz vor den Altar. Die Gouverneurin trat sofort vor, doch schon nach ein paar Schritten blieb sie stehen, um Warwara Petrowna den Vortritt zu geben, die gleichfalls gerade auf das Kreuz zuschritt und dabei tat, als sei ihr niemand im Wege. Die ungewöhnliche Bescheidenheit der Gouverneurin sollte natürlich ein feiner Stich für Warwara Petrowna sein – so faßten es wenigstens die Damen der Gesellschaft auf. Auch Warwara Petrowna hatte den Stich wohl verstanden, übersah ihn jedoch und küßte mit unerschütterlicher Vornehmheit das Kreuz, worauf sie dann sofort dem Ausgange der Kirche zuschritt. Ihr Diener in Livree bemühte sich ganz unnützerweise, einen Weg durch die Anwesenden zu bahnen, da alle schon von selbst höflich vor ihr zur Seite traten. Da geschah es aber, daß in der Vorhalle, wo das Volk dicht gedrängt stand, Warwara Petrowna dennoch einen Augenblick stehen bleiben und warten mußte. Und hier nun drängte sich plötzlich das sonderbare Geschöpf, mit der Papierrose im Haar, durch das Volk zu ihr hin – und fiel vor ihr auf die Kniee. Warwara Petrowna, die man nicht leicht erschrecken konnte, besonders nicht in der Öffentlichkeit, sah ruhig, streng und erhaben auf die Kniende herab.

Ich muß hier bemerken, daß Warwara Petrowna, wenn sie auch sparsamer, ja, wie manche behaupteten, sogar ein bißchen geizig geworden war, zu wohltätigen Zwecken doch immer noch viel Geld ausgab. Noch vor einem Jahr, als in einzelnen Gegenden unseres Gouvernements Hungersnot herrschte, hatte sie an das Hilfskomitee fünfhundert Rubel gesandt. Und schließlich hatte sie noch in der letzten Zeit, kurz vor der Ernennung des neuen Gouverneurs, bereits ein Damenkomitee zustandegebracht, das den ärmsten Wöchnerinnen in der Stadt und im Gouvernement Unterstützungen zukommen lassen sollte. Man warf ihr bei uns Ehrgeiz vor, doch ihr fester, durchsetziger Wille hatte die Hindernisse fast schon beseitigt, das Komitee war bereits so gut wie gegründet, und Warwara Petrowna dachte schon mit Begeisterung daran, ein ähnliches Komitee auch in Moskau zu gründen, und wie dieser Gedanke schließlich in jedem Gouvernement fruchtbar gemacht werden könnte. Da kam aber der Wechsel des Gouverneurs, und alles geriet ins Stocken; die neue Gouverneurin aber hatte, wie es hieß, schon Zeit gehabt, in der Gesellschaft einige spitze und schließlich nicht ganz unsachliche Bemerkungen über die Unzweckmäßigkeit des Grundgedankens solcher Komitees zu äußern. Diese Bemerkungen aber waren – selbstredend mit Ausschmückungen – Warwara Petrowna sofort hinterbracht worden. Zwar kann nur Gott allein wissen, was in der Tiefe eines Menschenherzens vorgeht, aber in diesem Fall glaube ich doch, annehmen zu dürfen, daß Warwara Petrowna in diesem Augenblick nicht ungern vor der Knienden stehen blieb, zumal sie ja wußte, daß sogleich die Gouverneurin und dann die ganze höhere Gesellschaft an ihr vorübergehen mußte. – „So mag sie jetzt doch sehen, wie gleichgültig mir das ist, was sie da über meinen Ehrgeiz in meinen Wohltätigkeitsplänen spöttelt. Was geht sie mich an!“

„Was haben Sie, meine Liebe, um was bitten Sie?“ fragte Warwara Petrowna und musterte aufmerksam die vor ihr kniende Bittstellerin.

Diese sah mit entsetzlich zaghaftem, verschämtem und fast andächtigem Blick zu ihr auf, und plötzlich lachte sie wieder mit jenem absonderlichen Kichern.

„Was hat sie? Wer ist sie?“ Warwara Petrowna sah mit befehlendem und fragendem Blick die Umstehenden an.

Alles schwieg.

„Sie sind wohl unglücklich? Sie brauchen eine Unterstützung?“

„Ich kam ... ich wollte ...“ stammelte die Kniende mit einer Stimme, die vor Aufregung versagte. „Ich bin nur gekommen, um Ihnen die Hand zu küssen“ ... und wieder kicherte sie. Und mit einem schmeichelnden Ausdruck im Gesicht, wie kleine Kinder ihn haben, wenn sie etwas erbitten möchten, wollte sie schon Warwara Petrownas Hand ergreifen, doch plötzlich, als hätte irgend etwas sie erschreckt, zog sie ihre Hände bang zurück.

„Nur deshalb sind Sie gekommen?“ Warwara Petrowna lächelte mitleidig, zog schnell ihr Perlmutterportemonnaie hervor, entnahm ihm einen Zehnrubelschein und gab ihn der Unbekannten.

Diese nahm ihn an. Warwara Petrowna war sichtlich sehr interessiert und hielt die Unbekannte offenbar nicht für eine gewöhnliche Bittstellerin.

„Sieh, volle zehn Rubel hat sie gegeben!“ flüsterte jemand in der Volksmenge.

„Ihre Hand, bitte,“ stammelte wieder die Kniende, die mit den Fingern der linken Hand den Schein nur an einem Eckchen krampfhaft festhielt, während der Windzug ihn bewegte.

Warwara Petrowna runzelte aus einem unbekannten Grunde ein wenig die Stirn, reichte jedoch mit ernster, strenger Miene ihre Hand hin: die Unglückliche küßte sie andächtig. Ihr dankbarer Blick leuchtete jetzt geradezu wie in Seligkeit auf.

Und gerade in diesem Augenblick kam die Gouverneurin, strömte die ganze Schar unserer Damen und höheren Würdenträger dem Ausgang zu. Die Gouverneurin mußte vor dem Gedränge am Portal stehen bleiben und ein wenig warten, und die anderen folgten ihrem Beispiel.

„Sie zittern ja, Sie haben wohl kalt?“ fragte plötzlich Warwara Petrowna, warf sofort ihren Mantel ab, den der Diener auffing, und zog von ihren Schultern einen schwarzen (keineswegs billigen) Schal, den sie eigenhändig um den entblößten Hals der immer noch vor ihr Knienden schlang.

„Aber so stehen Sie doch auf, stehen Sie auf, ich bitte Sie!“

Diese erhob sich.

„Wo wohnen Sie? Weiß denn hier wirklich niemand, wo sie wohnt?“ wandte sich Warwara Petrowna wieder ungeduldig an die Umstehenden.

„Ich glaube, das ist die Lebädkin,“ meinte schließlich jemand – es war das unser ehrenwerter Kaufmann Andrejeff: ein Mann mit langem Bart, einer in Silber gefaßten Brille und in russischer Tracht. Seinen runden Filzhut hielt er jetzt in der Hand. „Die wohnen bei Filippoff in der Bogojawlenskstraße,“ fügte er hinzu.

„Lebädkin? Bei Filippoff? Ich habe den Namen gehört ... Ich danke Ihnen, Nikon Semjonytsch, aber wer ist dieser Lebädkin?“

„Nennt sich ‚Hauptmann‘ ... ein Mensch, der sozusagen ... keinen Halt hat. Die hier ist wohl seine Schwester. Sie muß aber, denke ich, seiner Aufsicht entlaufen sein,“ bemerkte er leiser und blickte dabei Warwara Petrowna bedeutsam an.

„Ich verstehe schon, danke, Nikon Semjonytsch. Meine Liebe, Sie sind Fräulein Lebädkin?“

„Nein, ich heiße nicht Lebädkin.“

„Aber vielleicht heißt Ihr Bruder Lebädkin?“

„Mein Bruder heißt Lebädkin.“

„Also, hören Sie, meine Liebe, ich werde Sie jetzt zu mir bringen und von mir aus wird man Sie dann zu Ihnen nach Hause fahren. Wollen Sie mit mir kommen?“

„Ach ja, ach ja, ich will, ich will!“ und Fräulein Lebädkin klatschte in die Hände vor Vergnügen.

„Tante, Tante! Nehmen Sie auch mich mit!“ ertönte plötzlich Lisaweta Nicolajewnas Stimme.

Lisa war an diesem Sonntage mit der Gouverneurin, ihrer Verwandten, zum Gottesdienst erschienen, während Praskowja Iwanowna auf den Rat des Arztes hin eine Spazierfahrt unternommen und Mawrikij Nicolajewitsch gebeten hatte, sie zu begleiten. Lisa, die mit der Gouverneurin die Kirche verlassen wollte, ließ nun plötzlich ihre Verwandte einfach stehen und drängte sich ungestüm zu Warwara Petrowna.

„Liebling, du weißt doch, daß ich dich immer gern bei mir sehe, aber was wird deine Mutter dazu sagen?“ begann Warwara Petrowna würdevoll, doch plötzlich gewahrte sie Lisas ungewöhnliche Aufregung und wurde unsicher.

„Tante, Tante, ich muß jetzt unbedingt mit Ihnen fahren!“ flehte Lisa und küßte Warwara Petrowna ungestüm.

Mais qu’avez-vous donc, Lise?[87] fragte die Gouverneurin mit ausdrucksvoller Verwunderung.

„Ach, verzeihen Sie, Liebste, chère cousine![88] Ich fahre zu Tante!“ Lisa hatte sich schon im Fluge zu ihrer unangenehm berührten chère cousine herumgewandt und küßte sie schnell zweimal. „Bitte, sagen Sie maman, daß sie gleich zu Tante kommen soll, um mich abzuholen. Maman wollte heute unbedingt zu Tante fahren, sie hat es gestern selbst gesagt, ich vergaß nur, Ihnen das vorhin schon zu sagen!“ beteuerte Lisa, zitternd vor Aufregung. „Verzeihen Sie mir, Julie, seien Sie mir nicht böse ... chère cousine! ... Tante, ich bin bereit!“

„Tante,“ flüsterte sie dieser zu, „wenn Sie mich jetzt nicht mitnehmen, laufe ich zu Fuß Ihrer Equipage nach!“

Zum Glück hörte das niemand. Warwara Petrowna trat vor Schreck sogar einen Schritt zurück und sah entsetzt das anscheinend wahnsinnige Mädchen an. Dieser Blick entschied: sie beschloß, Lisa auf jeden Fall mitzunehmen.

„Dem muß ein Ende gemacht werden!“ entfuhr es ihr unwillkürlich. „Ich nehme dich mit Vergnügen mit, Lisa,“ fügte sie laut hinzu, „aber natürlich nur, wenn Julija Michailowna damit einverstanden ist,“ wandte sich Warwara Petrowna mit offenem Blick und freundlicher Würde unmittelbar an die Gouverneurin.

„Oh, gewiß! Ich werde sie doch nicht um dieses Vergnügen bringen wollen,“ zwitscherte mit erstaunlicher Liebenswürdigkeit die Gouverneurin Julija Michailowna, „zumal ich ja schon weiß, was für ein phantastisches, eigenwilliges Köpfchen auf diesem Hälschen sitzt!“ – und sie lächelte geradezu bezaubernd.

„Ich danke Ihnen aufrichtig,“ dankte Warwara Petrowna mit sehr höflichem Gruß, aber wie immer noch voll Würde.

„Und es ist mir um so angenehmer, diesen Wunsch Lisas zu erfüllen,“ fuhr Julija Michailowna in ihrer plappernden Redeweise fort und errötete sogar vor angenehmer Erregung, „als Lisa jetzt nicht nur das Vergnügen haben wird, zu Ihnen zu fahren, sondern mit diesem Vergnügen noch einer so schönen Regung nachgeben kann, wie es das Mitgefühl mit dieser ...“ (sie blickte bezeichnend auf die „Unglückliche“) „... wie es die Barmherzigkeit ist ... und ... und das noch gewissermaßen an der Schwelle der Kirche ...“

„Eine solche Auffassung macht Ihnen unbedingt Ehre,“ äußerte Warwara Petrowna in bewundernder Weise ihren Beifall.

Und Julija Michailowna streckte sofort mit liebenswürdigem Eifer die Hand aus und Warwara Petrowna drückte sie mit aufrichtiger Bereitwilligkeit. Der allgemeine Eindruck war vorzüglich. Die Gesichter der Anwesenden erstrahlten vor Vergnügen und viele lächelten süß und wohlgefällig.

Kurz, die ganze Stadt sah plötzlich ein, daß nicht die Gouverneurin aus angeblicher Mißachtung Warwara Petrowna bisher noch nicht ihren Besuch gemacht hatte, sondern daß, im Gegenteil, Warwara Petrowna es war, die zu Julija Michailowna „Distance wahrte,“ während diese, wie man jetzt meinte, wohl schon zu Fuß zu Warwara Petrowna geeilt wäre, wenn sie nur gewußt hätte, ob sie überhaupt empfangen werden würde. Und so stieg denn Warwara Petrownas Ansehen plötzlich wieder aufs höchste.

„Steigen Sie ein, meine Liebe,“ sagte Warwara Petrowna zu der Lebädkin und wies auf die vorgefahrene Equipage.

Und die Unglückliche eilte fröhlich zum Wagenschlag, wo der Diener schon bereitstand und sie hineinhob.

„Wie! Sie hinken!“ rief plötzlich Warwara Petrowna entsetzt und erbleichte. (Alle haben es damals bemerkt, jedoch nicht verstanden, warum.) ...

Die Equipage rollte davon. Warwara Petrownas Stadthaus lag ganz in der Nähe der Kirche. Lisa erzählte mir später, die Lebädkin habe während der ganzen drei Minuten der Fahrt hysterisch gelacht, Warwara Petrowna aber habe dagesessen „wie in einem hypnotischen Schlaf“ – das waren Lisas Worte.

Fünftes Kapitel.
Die „allwissende Schlange“

Fünftes Kapitel. Die „allwissende Schlange“
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