
The Project Gutenberg EBook of Sämtliche Werke 5-6: Die Dämonen, by
Fjodor Michailowitsch Dostojewski
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Title: Sämtliche Werke 5-6: Die Dämonen
Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Contributor: Dmitri Mereschkowski
Editor: Arthur Moeller van den Bruck
Translator: E. K. Rahsin
Release Date: April 23, 2020 [EBook #61906]
Language: German
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F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
herausgegeben von Moeller van den Bruck
Übertragen von E. K. Rahsin
Erste Abteilung: Fünfter und sechster Band
F. M. Dostojewski
Die Dämonen
Roman

R. Piper & Co. Verlag, München
R. Piper & Co. Verlag, München, 1921
11. bis 20. Tausend
Copyright 1921 by R. Piper & Co.,
Verlag in München.
............
‚Herr, wir haben in dem Dunkel
uns verirrt. Was tun wir nun?
Jede Wegspur ist verloren!
Teufel haben ganz gewiß
uns hier auserkoren, –
zerren jetzt und drehen uns
mit Dämonenmacht
wohl zickzack im Kreis herum,
in dem Schneesturm und der Nacht.
............
Wieviel sind’s? Wohin die Hetze?
Und was singen sie im Trab?
Feiern sie heut Hexenhochzeit?
Oder tanzen sie ums Grab,
das sie grad’ dem Hausgeist graben?‘
............
A. Puschkin.
Es war aber daselbst eine große Herde Säue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, daß er ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er erlaubte ihnen.
Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich vom Abhange in den See, und ersoffen.
Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie, und verkündigten’s in der Stadt und in den Dörfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig, und erschraken.
Und die es gesehen hatten, verkündigten’s ihnen, wie der Besessene war gesund worden.
Evangel. Lukä, Kap. VIII, 32–37
(nach der Übersetzung von Luther).
Inhalt
Seite | ||
Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution. Von M. v. d. B. | IX | |
Vorbemerkung | XXIII | |
Personen-Verzeichnis | XXXI | |
1. | Kapitel: Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus der Biographie des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski | 1 |
2. | Kapitel: Prinz Heinz. Die Brautwerbung | 59 |
3. | Kapitel: Fremde Sünden | 110 |
4. | Kapitel: Die Hinkende | 175 |
5. | Kapitel: Die „allwissende Schlange“ | 229 |
6. | Kapitel: Die Nacht | 304 |
7. | Kapitel: Die Nacht (Fortsetzung) | 384 |
8. | Kapitel: Das Duell | 426 |
9. | Kapitel: Alle in Erwartung | 446 |
10. | Kapitel: Vor dem Fest | 485 |
11. | Kapitel: Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit | 521 |
12. | Kapitel: Bei den Unsrigen | 595 |
13. | Kapitel: Zarewitsch Iwan | 636 |
14. | Kapitel: Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde | 654 |
15. | Kapitel: Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen | 670 |
16. | Kapitel: Die Matinee | 709 |
17. | Kapitel: Das Ende des Festes | 760 |
18. | Kapitel: Ein beendeter Roman | 813 |
19. | Kapitel: Der letzte Beschluß | 847 |
20. | Kapitel: Die Reisende | 887 |
21. | Kapitel: Die mühevolle Nacht | 940 |
22. | Kapitel: Stepan Trophimowitschs letzte Reise | 995 |
23. | Kapitel: Der Schluß | 1052 |
1. | Anhang: Material zum Roman „Die Dämonen“. Aus den Notizbüchern F. M. Dostojewskis | 1073 |
2. | Anhang: Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten Kapitel des Romans „Die Dämonen“ | 1121 |
Anmerkung | 1139 |
Der Keim des Nihilismus lag bereits im Sektenwesen. Die Raskolniki haben zuerst durch das russische Volk eine revolutionäre Stimmung getragen und religiösen Aufruhr verbreitet. Weil der Russe rechtgläubig bleiben wollte, wurde er altgläubig, um andersgläubig und schließlich ungläubig zu werden. Der Raskol war ursprünglich ein Kampf des Volkes um seine einzige Bildung: die geistliche. Es war ein Kampf um das Wenige, das Arme im Geiste besaßen, die an Vorstellungen nicht rühren lassen wollten, in die sie sich durch Jahrhunderte eingewöhnt hatten: an Ritual, Legende und Text. Es war ein Kampf, der zu keiner Reformation führte, sondern zum Schisma, und schließlich zur Häresie. Aber in diesem Kampfe standen Beschränkte wie Besessene, und standen wild bis zum Fanatismus. Das Ende der Zeiten, das tausendjährige Reich, der Antichrist auf Erden wurde von ihnen erwartet. Schon hier wird die Verbindung von Apokalypse und Nihilismus, aber auch Konservativismus deutlich, die in allen russischen Revolutionen irgendwie wiederkehrt.
Der religiöse Nihilismus wurde allmählich zum politischen Nihilismus. Als Peter erschien und um weltlicher Reformen willen die Kirche dem Staate unterwarf, da sah man den Antichrist auch in ihm, dem Zaren. Ja, schon wagten die Raskolniki in ihrem Kampfe gegen die Kirche auch den Kampf gegen den Staat. Sie erfuhren Zuzug aus allen Kreisen, die in Reibung mit der Obrigkeit lagen. Im Raskol sammelten sich die Unzufriedenen des Landes. Es kam, wer ein schlechtes Gewissen hatte. Es kam der Beamte, der veruntreut, und der Bauer, der aufbegehrt hatte. Es kam der Soldat, der seiner Truppe entlaufen war. Es kamen Strelitzen, denen dem Blutgerichte von Moskau zu entrinnen gelang. Es kamen kosakische Freibeuter, aber auch ukrainische Patrioten, Leute aus der Anhängerschaft schon des Stenka Rasin und wieder des Mazeppa. Es kamen die Barfüßler. Es kamen Verbrecher. Es kamen Mörder, Räuber und Diebe, sie alle, denen der Kettenweg nach Sibirien drohte. Sie alle kamen und wurden hier Brüder vom Gesindel, doch Brüder in Freiheit.
Die Form dieser Brüderschaft war noch nicht die der Verschwörung. Aber die Taktik der Nihilisten kündigte sich schon unter den Sektierern an. Geheime Beziehungen wurden zwischen den Gemeinden unterhalten, wie hernach zwischen den „Gruppen“. Verfolgte wurden verborgen, falsche Pässe wurden ausgefertigt, und wie man später Proklamationen zusteckte, so wurden damals Hostien, Reliquien und verbotene Postillen geschmuggelt. In den geläuterten Brüderschaften der Stundisten, der Molokanen oder der Duchoborzen, deren Anhänger sich um ein ausgeklügeltes Sonderideechen zu sammeln pflegten, wurde dieser religiöse Nihilismus schließlich ganz brav, ehrbar und pietistisch-tugendhaft. Aber auch von ihnen, freilich auch von den Popenfamilien, in denen auf den orthodoxen Vater der problematische Sohn folgte, ging die nihilistische Unterschichtung des russischen Volkes weiter aus. Noch Raskolnikoff, in dessen Hirn statt der harmlosen Beunruhigung, wie man den Namen des Heilandes richtig zu schreiben habe, die gefährliche Frage nach Gut und Böse wühlte, trug von den Raskolniki den Familiennamen und gehörte ihnen nicht nur nach der Abstammung sondern auch in der Anlage an.
Der Dämon des Nihilismus war in einer noch mittelalterlichen Zeit wie ein unheimliches Tier gewesen. In der Zeit der Dekabristen sah man ihn in byronischer Gestalt unter jungen Enthusiasten umgehen. Die Dekabristen waren entzückte Jünglinge, die von der französischen Revolution freisinnige Begriffe gelernt und aus den europäischen Feldzügen fortschrittliche Vorstellungen mitgebracht hatten. Von ein paar idealen Forderungen, Aufhebung der Zensur und Öffentlichkeit des Gerichts, erhofften sie eine Besserung der schlechten russischen Welt. Aber sie hatten keine bestimmte politische Idee. Daran scheiterten sie. Die jungen Politiker und radikalen Ideologen der vierziger Jahre dagegen kamen in Debattierklubs zusammen. Alle ernsten Elemente, die suchten, die sich vorwärtstasteten, freilich auch alle, die in die Irre gingen, sammelten sich in diesen Debattierklubs, deren einer unter dem Namen der Petraschewzen deshalb berühmt geworden ist, weil Dostojewski in die Geschichte der Verschwörung verwickelt wurde, die man seinen Mitgliedern anhing. Dostojewski meinte diese Zeit der Unruhe in Rußland, des Übergangs und der Ungewißheit, als er schrieb: „damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend etwas erwarteten ...“ Aber auch die Petraschewzen hatten noch keine bestimmte politische oder soziale Idee. Sie beschäftigten sich nur mit Ideen. Sie lasen die Bücher von Saint-Simon und Proudhon, von Owen und Fourier. Sie bezogen die „Phalanstère“. Doch eine Einheitlichkeit der Tendenz gab es in diesen Debattierklubs nicht. Unter die Einheitlichkeit eines Programms hätte man die Petraschewzen nicht bringen können. Und für eine Einheitlichkeit der Aktion fehlte jede Voraussetzung. In seinem Rechtfertigungsschreiben merkte Dostojewski an: „man kann sagen, daß man dort nicht drei Menschen fand, die in irgendeinem Punkte über ein beliebig aufgegebenes Thema übereinstimmten.“
Es war die Zeit der literarisch-politischen Forderungen. Auch Dostojewski hatte damals seine Forderungen. Und er hatte, er leugnete es nicht, seine Klagen. Er sprach im Kreise der Petraschewzen für die Aufhebung der Leibeigenschaft und hielt die Bauernbefreiung für unumgänglich. Aber er tat es nicht als Liberaler aus einer Lehrmeinung, die ihre Grundsätze liebt, sondern als Russe aus Liebe für das Volk. Er wollte die Menschen befreien, aber er wollte es in Volklichkeit und nicht durch Vergesellschaftung. Auch er las die Bücher der Sozialisten, weil sie, wie er sagte, mit Begeisterung für das Wohl der Menschen geschrieben seien. Aber den Fourierismus lehnte er ab, während Petraschewski sich für ihn einsetzte. Das Wohl der Menschen schien ihm in Rußland nur vom Volke aus durch den Staat sichergestellt werden zu können.
Auch Dostojewski war ein Revolutionär. Als Russe, als russischer Mensch mit allen seinen russischen Möglichkeiten, die vom Orthodoxen bis zum Nihilistischen reichen, teilte auch er in einem Winkel, in einer verborgenen Abgründigkeit seines sehr zusammengesetzten Wesens diese äußerste aller politischen Möglichkeiten. Als er einmal den Wunsch äußerte, daß auch die Bauernbefreiung wieder „von oben“ gemacht werden solle, und als dagegengehalten wurde, daß dies wohl niemals geschehen werde, da entschied er fast zögernd: „Ja – dann mit Gewalt.“ Er selbst wird in dieser Zeit als ein Mensch geschildert, dessen ganzes Wesen sich zum Verschwörer geeignet habe, still, wortkarg, nur fähig, unter vier Augen sich auszusprechen, doch dann, wenn die Rede ihn hinriß, von mächtiger Überzeugungskraft. Aber Dostojewski war Revolutionär nicht aus Doktrin, sondern beinahe schon aus jener Pathologie, die es zu einer Erlösung für den Russen macht, die Krankheit seines Mitmenschen zu teilen, sie aus Wissen mitzuleiden, und aus Mitleid sich zu empören. Dostojewski, der die Fähigkeit besaß, jedes Revolutionärtum mitzuerleben, hatte als Russe vor allem das Erlebnis des Nihilismus, war mit ihm seelisch vertraut, folgte ihm wahlverwandt. Aber diese Vielseitigkeit, die nur ein Ausdruck seines Russentums war, schloß zugleich die Möglichkeit ein, daß er auch den anderen Weg ging, nicht unbedingt den reaktionären der Uwaroffschen Formel, doch den konservativen eines wissenden Menschen, der schließlich zum Großinquisitor führte.
In Sibirien kam Dostojewski dem russischen Volke ganz nahe. In der Katorga lernte er es in einem täglichen Umgange erst kennen. Und er erkannte, wie tiefe und starke Menschen es doch in diesem Volke gab, die voll von der eigenen Echtheit und schweren Ursprünglichkeit einer besonderen russischen Natur waren. Sie hatten Verbrechen begangen: aber Dostojewski war Psychologe und Amoralist genug, um den Verbrecher zu verstehen. Wenn er sie prüfte, dann fand er heraus, daß sie im Grunde alle gütig waren. Und wenn er die Menschen, mit denen er in der Katorga zusammentraf, mit den Petersburger Doktrinären verglich, die von europäischen Konstitutionen und Revolutionen redeten, dann fiel der Vergleich sehr zuungunsten der Doktrinäre aus. Diese Verbrecher hatten in ihrem analphabetischen Wesen die Schönheit der autochthonen Kraft vor jenen voraus. Für diese autochthone Kraft trat Dostojewski in der Folge ein, wobei er sowohl gegen die Uwaroffs wie gegen die europäisch-radikalen Elemente zu kämpfen hatte. Mit diesem autochthonen russischen Volke fühlte er sich verbunden und in der Gewißheit eins, daß es auch dann, wenn es nicht geneigt sein sollte, das Bestehende zu erhalten, in seiner Grundlage so unverstörbar sein werde, wie es seiner noch dunklen Bestimmung sicher sein konnte. Er fühlte voraus, was heute in Rußland Ereignis geworden ist, fühlte, daß Rußland durch Untergang werde hindurch gehen müssen, und sagte: „Noch ist die zukünftige, selbständige russische Idee nicht geboren, nur ist die Erde unheimlich schwanger von ihr und schon schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären.“
Dostojewski liebte das russische Volk wegen seiner angeborenen Empfänglichkeit für eine naive Sittlichkeit. Aber er erkannte auch, wie unberechenbar in seinen Trieben, im Widerspruche seiner Leidenschaften, in der Heftigkeit von Zuneigung oder Abneigung es war. Seine Gier, seine Fleischlichkeit, seine verhängnisvolle Selbstverschwendung war wie eine zweite Natur, die eine erste Natur ständig verschlang. Seine Maßlosigkeit war die Gegenseite seiner Anspruchlosigkeit. Nicht anders schien sein angeborenes Empörertum nur der Gegensatz zu sein, den ein Volk, das so unausgeglichen war, ständig aus sich hervorzubringen und von sich abzustoßen suchte. Dostojewski erkannte, daß ein solches Volk konservativ gezügelt werden mußte. Und mit einem politischen Denken, das auf Bindung nicht auf Auflösung gerichtet war, begann Dostojewski, als er aus Sibirien zurückgekehrt war, in Rußland bewußt zu wirken: mit einem konservativen Denken, das auf Menschenkenntnis beruhte und von Volkskenntnis herkam, mit den Überzeugungen eines psychologischen Konservativismus, der einem Volke entsprach, dessen Wesen selbst ein ewig beunruhigter und doch wieder hergestellter Konservativismus ist.
In Rußland fand Dostojewski eine völlig veränderte politische Lage vor. Die Aufhebung der Leibeigenschaft sollte endlich erfolgen. Und manche andere liberale Reform stand bevor. Aber gleichzeitig hatte unter der Oberfläche des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens, in den Winkeln, Mansarden und Schlupfwinkeln der Hauptstadt, in den Verschwörerkreisen der Londoner und Züricher Emigration eine Bewegung eingesetzt, von der die liberalen Forderungen der vierziger Jahre bereits anarchisch überboten wurden: die nihilistische. Ihre Erscheinungen reichten bis in die Zeit der Petraschewzen zurück. Dostojewski selbst bestätigte den Nihilisten, daß sie von den Petraschewzen herstammten, obwohl diese noch keine Nihilisten gewesen seien. Zwar war der Untersuchungsrichter im Petraschewzenprozesse im Unrecht gewesen, wenn er die wachsende Zahl der von ihren Bauern erschlagenen Gutsbesitzer, oder die der Brandstiftungen auf dem Lande, der Diebstähle und Einbrüche, auf die politische Rechnung der Angeklagten schrieb. Das waren Erscheinungen, die sich ohne Zutun der Petersburger Doktrinäre aus dem tumultuarischen Zuge der Bauernbewegung ergaben, die der Aufhebung der Leibeigenschaft voranging und die nicht mit ihr aufhörte. Nach wie vor traten Sektiererrevolten hinzu, und noch immer kam es wie zu Nicolais Zeiten vor, daß die Alt- und Andersgläubigen sich zu Tausenden zusammenrotteten, um ihre Kirchen vor Niederlegung zu bewahren, und das Militär, das mit der Exekutive betraut war, schimpflich davonjagten. Das religiöse Motiv im russischen Empörertum verband sich mit dem sozialen Motive.
Aber auch manche Vorformen des politischen Nihilismus waren Dostojewski aus seiner ersten Petersburger Zeit bekannt. Ein Petraschewze hatte zuerst die Idee der „Fünf“ ausgeheckt, die Dostojewski hernach der Komposition seiner „Dämonen“ als Skelett zugrunde legte: die Idee eines großen politischen Bundes, in dem Gruppen der Tat, die einander nicht kannten, von geheimnisvoller Oberleitung abhingen. Der Bund nannte sich die „Gesellschaft der Propaganda“ und einer von den Mitgliedern hatte gar eine „Brüderschaft der Leute von anarchischer Gesinnung zu gegenseitiger Hilfe“ vorgeschlagen. Entwürfe für die Organisation solcher Verbände wurden ausgearbeitet. Die Aussichten eines Aufstandes wurden erörtert. Nicht zuletzt gehörten die geheimen Druckereien als rätselhafte Herkunftsorte massenhafter Flugschriften oder die heimlichen Versammlungen der Petersburger Gesinnungsgenossen in ingermanländischen Städten zu den Erscheinungen, die Dostojewski als „Dämonen“motive herübernehmen und auf den terroristischen Schauplatz einer ungenannten russischen Gouvernementsstadt verlegen konnte. In der Zeit seiner Verbannung war die Taktik der Nihilisten ausgebildet worden. Man suchte eine Verbindung mit Leuten aus dem Volke, um so in den Massen eine Aufklärung über die Fremdform der russischen Zustände zu verbreiten. Die Zeit kündigte sich an, in der die Studenten „ins Volk gingen“. Typ wie Rolle der nihilistischen Studentin bereitet sich vor. In den Städten kam es zu ersten Arbeiterstreiks. Und schon ging von ersten Attentaten der Schrecken der nihilistischen Bewegung über das Land aus.
Der Nihilismus hatte noch keine Idee. Als Turgenjeff das Wort und den Begriff fand, die allmählich auf die ganze Zeitveranlagung und Geistesverfassung übertragen wurden, da wollte er mit Nihilismus den russischen Ausdruck des europäischen Positivismus bezeichnen. In der Tat war der Nihilismus zunächst durchaus aufklärerisch. Er war zu atheistisch, um religiös zu sein. Er war rein verneinend. Und es hat lange gedauert, bis er das praktische Christentum Tolstois aufnahm, das ihn endlich wenigstens mit russischen Gehalten erfüllte. Eine Idee aber bekam er erst dann, als die Revolution die Klassentheorie für sich in Anspruch nahm und Marx der Diktator der russischen Ideologen wurde.
Die Nihilisten waren Märtyrer, solange sie um ihrer Ziele willen ihr eigenes Leben zerstörten. Wie aber – wenn sie das Leben der anderen zerstörten! Wie aber – wenn sie Rußland zerstörten! Auch Dostojewski hatte, genau wie Tolstoi, und wie jeder Russe, schon aus altruistischen Gründen in seiner apostolischen Lehre soziale Elemente. Aber das war das Große an Dostojewski, und das unterscheidet ihn von der Einstellung der Marxisten, daß er die ökonomischen Probleme eine Schicht tiefer faßte, als der Sozialismus sie sah und noch heute sieht: nicht im Wirtschaftlichen, sondern im Menschlichen. Man sollte dem Volke nicht sein Volkstum nehmen, weil man ihm dann sein Menschentum nahm! Man sollte nicht Hand an das Volk legen! Und das Volk sollte nicht Hand an sich selbst legen! Um des Volkes willen nahm Dostojewski den Kampf gegen den Radikalismus auf. In seinen politischen Schriften untersuchte er den Urgrund, auf dem Rußland steht, und brachte dessen ewige Gegebenheiten in eine Übereinstimmung mit seinen eigenen menschlichen Erlebnissen, die ihn einmal sagen ließ, daß „wir Revolutionäre aus Konservativismus sind“, d. h. Kämpfer für das urrussische Wesen, zu dem die europäische Staatsauffassung, Liberalismus und Parlamentarismus, ebensowenig paßte, wie etwa die europäische Tracht. In den „Dämonen“ aber ließ er Schatoff, den Russengläubigen, diesen Einzigen, dem er je die verhaltene Begeisterung eines volksuchenden Helden gab und dessen Gestalt er wie die eines Jüngers liebte, das Wort sagen: „Wer kein Volk hat, der hat auch keinen Gott.“ Dostojewski stand in seinem Kampfe mit der Leidenschaft eines Eiferers, mit den ungeheuren Kräften, die der schwächliche Mensch aus der Idee holt, von der er besessen ist. Als Fanatiker hatte er die Massivität nicht, um das Volk durch Reform vor der Revolution zu bewahren. Und als Erscheinung blieb Dostojewski in der Reihe der großen Problematiker, die von Rousseau bis Nietzsche geht, wenn er auch als Dichter die epische Form und als Denker das apostolische Wort vor ihnen voraus hat. Aber als Mystiker wußte er, daß der Mensch seiner Unvollkommenheit überantwortet ist. Als Politiker ging er davon aus, daß jede Opposition, die der Mensch aus Doktrin an den Unterbau und das Gefüge des Seienden setzt, nur die geringe Wichtigkeit eines Endlichen haben kann, die von einem Unendlichen eingeschlossen wird. Und als Russe verkündete er dem russischen Volke, in dessen Glauben allein sich das Christentum unversehrt erhalten habe, daß es das Gottesträgervolk der Erde sei, das dereinst dieses Christentum verwirklichen und die Eigenliebe durch die Menschenliebe überwinden werde. Es ist wahr, Dostojewski ging in seinem Kampfe, den er mit Hohn und jeder geistigen Überlegenheit führte, mit einfachen Menschen zusammen, mit echtrussischen Leuten, mit allzu russischen Leuten. Er ging mit dem Inquisitor Pobjedonosszeff zusammen. Auch dieses Wissen war in seiner Menschenkenntnis, in seiner Russenkenntnis, daß der russische Mensch sogar für die Liebe zu schwach ist, die ihm gebracht wird, und daß sich mit ihr, wenn man sie nicht an den Menschen verschwenden, sondern ihn durch Liebe behaupten will, Macht über den Menschen verbinden muß.
Dostojewski erkannte früh, daß Radikalismus nicht Wurzelung sondern Entwurzelung bedeutet. Was war es denn schließlich, das der Radikalismus in Rußland entwurzeln wollte? War es nicht: die europäische Form? Um so zorniger war daher sein Kampf gegen die halbgebildeten Radikalen und europaverehrenden Westler, weil sie diese europäische Form auch noch in ihren letzten und schalsten Äußerungen – als Republik, als Konstitutionalismus und Kapitalismus – auf atheistischer Grundlage in Rußland einführen wollten. Er fühlte, daß die russische Revolution kommen werde. Dostojewski war kein Pazifist und fürchtete niemals den Krieg. Er sagte: „Nicht immer muß man den Frieden predigen, und nicht im Frieden allein liegt die Erlösung – die kann zuweilen auch der Krieg bringen.“ Aber er fühlte, daß diese Revolution die Erlösung noch nicht bringen werde. Er fürchtete die Revolution um Rußlands willen. Er fürchtete sie, weil er ihre Träger kannte, die er dann in den „Dämonen“ in einer Reihe von Karikaturen vorführte, von absonderlichen und lächerlichen, aber gefährlichen Gestalten. Er deckte in den „Dämonen“ die Zusammenhangslosigkeit des gottlosen und volklosen Nur-Ich-Menschen auf, die ihn aus seiner Natur reißt und in Tendenzen absondert. Er deckte die Wurzellosigkeit auf.
Die russische Revolution hat Dostojewski bis jetzt recht gegeben. Hinter ihrem ersten Abschnitte stand Tolstoi. Sie kam aus der Aufklärung. Und sie bedeutete die Auflösung. Aber in dem Augenblicke, in dem sich entscheidet, daß auch sie nicht nur Zerfall bringt, sondern daß nach grausamer Umschichtung ein Aufbau aus ihr hervorgeht, wird hinter ihrem zweiten Abschnitte wieder Dostojewski stehen. Er bedeutet Wiederanknüpfung.
M. v. d. B.