Stepan Trophimowitsch und Pjotr Stepanowitsch Werchowenski

Charakteristik Stepan Trophimowitschs

Porträt eines reinen und idealen Westlers mit allen Schönheiten.

Lebt vielleicht (in Moskau) in einer Gouvernementshauptstadt.

Die charakteristischen Züge. – Eine lebenslängliche Ziellosigkeit und Unfestigkeit in den Ansichten und in den Gefühlen, unter der er früher gelitten hat, die aber jetzt zu seiner zweiten Natur geworden ist. (Der Sohn macht sich darüber lustig.)

Ist zum drittenmal verheiratet. (Ein höchst charakteristischer Zug.)

Wünscht sehnsüchtig, verfolgt zu werden, und liebt es, von den früheren Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen, zu sprechen.

Ein Mensch der vierziger Jahre. Denkt gern an dieses Jahrzehnt und die Überlebenden zurück („ich und Timofei Granowski“).

Er ist – ein berühmt gewesener Name (zwei oder drei Artikel, eine kritische Untersuchung, Reise durch Spanien, handschriftliche Aufzeichnungen über den Krimkrieg, die unter seinen Bekannten von Hand zu Hand gingen und ihm die Verfolgung eingetragen haben). Stellt sich unbewußt auf ein Piedestal, wie etwa eine Reliquie, die man anbeten kommt – liebt das. Spricht häufig ohne Fürwörter.

Ist wirklich ehrlich, rein und hält sich für die tiefste Allwissenheit. Widerstandsunfähigkeit in Ansichtssachen.

Großer Poet, jedoch nicht ohne Phrase.

Hat das russische Leben ganz übersehen.

„Tschurrt sich“[77] vor dem Nihilismus und begreift ihn nicht.

55 Jahre alt. Literarische Erinnerungen: Belinski, Granowski, Herzen, Turgenjeff u. a.

Liebt Champagner.

Rolle eines Ssacks[78].

Liebt es, Klagebriefe zu schreiben. Hat hier und da Tränen vergossen.

„Laßt mir Gott und die Kunst. Trete auch Christus ab.“

George Sand und seine Götzen blicken fortwährend durch den Ernst hervor.

Echter Dichter. Dies irae, Goldenes Zeitalter, Griechische Götter! Ein inspiriertes Kapitel. Hat das Pekuniäre gut geordnet. Bildchen, Memoirchen (usw. in dieser Art).

Sein Sohn wird im Auslande erzogen.

Noch eine Gestalt: junge Frau (seit vier Monaten schwanger).

NB. Beweint alle seine Frauen und heiratet immer wieder.

„Kann mich nicht zufrieden geben, sehne mich ewig.“

Ist klug und geistreich.[79]

Zweiter Anhang.
Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten Kapitel des Romans „Die Dämonen“[80]

I.

... Ungefähr um halb elf erreichte Stawrogin die hohe Pforte unseres Spasso-Jefimjeffschen Bogorodskischen Klosters, das außerhalb der Stadt am Fluß lag. Erst hier schien er wieder zu sich zu kommen und sich plötzlich einer Sache zu erinnern: er blieb stehen, befühlte hastig und erregt seine Seitentasche, und – ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Nachdem er eingetreten war, erkundigte er sich bei einem kleinen Klosterdiener, den er hier erblickte, wie er zu dem im Kloster lebenden Bischof Tichon gelangen könnte. Der Kleine verneigte sich mehrmals untertänigst vor ihm und bat ihn höflich, ihm zu folgen; doch an der Treppe, die an dem einen Ende des langen zweistöckigen Klostergebäudes lag, machte ihm ein dicker, grauhaariger Mönch den Gast geschickt und wie mit vollstem Recht einfach abspenstig. Dieser führte nun Stawrogin durch einen langen, schmalen Korridor, verneigte sich gleichfalls fortwährend vor ihm oder eigentlich nickte er nur immer wieder mit dem Kopf, da ihm das Verbeugen bei seiner Korpulenz augenscheinlich schwer fiel, und forderte ihn ununterbrochen auf, ihm zu folgen, obgleich Stawrogin das ohnehin schon tat. Der Mönch stellte auch noch verschiedene Fragen an ihn und sprach vom Archimandriten, da er aber keine Antwort erhielt, verstummte er ehrerbietig. Stawrogin fiel es auf, daß man ihn im Kloster zu kennen schien, obgleich er doch, soweit er sich erinnern konnte, nur in der Kindheit hier gewesen war. Als sie bei der letzten Tür des Korridors angelangt waren, blieb der Mönch stehen und öffnete sie mit einer Miene, als ob er der Bischof selber wäre, erkundigte sich familiär bei dem flink herbeigelaufenen Zellendiener, ob man eintreten könne, stieß aber dann, ohne die Antwort abzuwarten, die Tür weit auf und ließ mit einer Verbeugung den „teuren“ Gast an sich vorüber. Nachdem er aber den klingenden „Dank“ empfangen hatte, verschwand er mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte.

Stawrogin trat in das kleine Zimmer, und fast im selben Augenblick erschien in der Tür des Nebenzimmers eine hohe, hagere Gestalt: es war ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, in einem einfachen Leibrock, wie er unter dem Meßgewand getragen wird, ein Mensch, der dem Aussehen nach leidend war, ein sonderbar unbestimmtes Lächeln hatte und einen sonderbaren, gleichsam scheuen Blick. Das war jener Tichon, dessen Namen Stawrogin zum erstenmal von Schatoff gehört hatte.

Stawrogin hatte inzwischen Näheres über ihn zu erfahren gesucht, doch was er an Urteilen über ihn zu hören bekam, war sehr verschieden und sogar äußerst widerspruchsvoll gewesen. Trotzdem hatten selbst die entgegengesetztesten Aussagen etwas Gemeinsames gehabt, und zwar: sowohl die Anhänger wie die Gegner Tichons (und solche gab es) hatten alle gleichsam irgend etwas von ihm verschwiegen – die einen wahrscheinlich aus Geringschätzung oder Verachtung, die anderen, die Anhänger und sogar die leidenschaftlichsten, aus einer gewissen Scheu, als ob sie etwas von ihm hätten verheimlichen wollen, irgendeine seiner Schwächen, vielleicht sogar – eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit. Stawrogin hatte erfahren, daß er schon seit sechs Jahren in unserem Kloster wohnte, und daß zu ihm nicht nur das einfache Volk pilgerte, sondern auch die angesehensten Persönlichkeiten fuhren, daß er sogar im fernen Petersburg leidenschaftliche Anhänger und vornehmlich Anhängerinnen hatte. Andererseits aber hatte er von einem würdevollen alten „Klubherrn“, und zwar einem gottesfürchtigen, gehört, daß „dieser Tichon“ so gut wie vollkommen verrückt oder wenigstens ein ganz unbegabter Mensch sei und „zweifellos mitunter trinke“. Hierzu möchte ich von mir aus bemerken, obgleich ich damit vorgreife, daß letzteres entschieden nicht der Wahrheit entsprach; er hatte nur kranke Füße – irgendein hartnäckiges rheumatisches Leiden – und von Zeit zu Zeit war er irgendwelchen nervösen Krämpfen oder Anfällen unterworfen. Ferner hatte Stawrogin gehört, daß der zurückgezogene Bischof – sei es aus Charakterschwäche oder aus einer „bei seinem Rang unverzeihlichen Nachlässigkeit“ – es nicht verstanden habe, im Kloster besondere Ehrfurcht für sich zu erwecken. Es hieß sogar, daß der Archimandrit, ein in seinen Amtspflichten sehr strenger Mann, der außerdem wegen seiner Gelehrsamkeit berühmt war, zu Tichon ein gewissermaßen feindliches Gefühl nähre und ihm – natürlich nicht offen, sondern nur mittelbar – unordentliches Leben und fast Ketzerei vorwerfe. Die Brüderschaft des Klosters verhielt sich zu dem Kranken, wenn auch nicht gerade nachlässig, so doch, sagen wir, familiär.

Die zwei Zimmer, aus denen die Zelle Tichons bestand, waren etwas sonderbar eingerichtet. Neben den klobigen alten Klostermöbeln, deren Lederbezug schon recht abgenutzt war, befanden sich daselbst drei oder vier elegante Gegenstände: ein teurer Lehnstuhl, ein prachtvoller großer Schreibtisch, ein teurer geschnitzter Bücherschrank, Tischchen und Etageren – lauter geschenkte Sachen; auf dem Fußboden ein kostbarer bucharischer Teppich und neben ihm eine einfache geflochtene Matte. An den Wänden hingen Gravüren mit mythologischen oder „weltlichen“ Darstellungen, in der Ecke aber war ein großer Heiligenschrank, dessen Heiligenbilder in Gold und Silber schimmerten. Eines von ihnen war sehr alt und enthielt Reliquien. Seine Bibliothek, hieß es, sollte gleichfalls sehr sonderbar zusammengesetzt sein: neben den Werken der großen Kirchenväter sollte sie Werke „der Theaterdichtkunst (!), vielleicht aber noch schlimmere“ enthalten.

Nach den ersten Begrüßungsworten, die aus einem ungewissen Grunde von beiden ein wenig befangen und sogar kaum verständlich ausgetauscht wurden, führte Tichon den Gast in sein Kabinett, wies ihm einen Platz neben dem Tisch auf dem Sofa an, und setzte sich selbst auf einen geflochtenen Lehnstuhl. Stawrogin war immer noch sehr zerstreut – er schien es von einer inneren, bedrückenden Erregung zu sein. Man hätte glauben können, daß er sich zu etwas Ungewöhnlichem entschlossen habe, das, einmal getan, nicht mehr rückgängig zu machen wäre, dessen Erfüllung aber seine Kraft doch zu übersteigen schien. Er blickte sich im Zimmer um, doch augenscheinlich ohne etwas zu bemerken; er dachte, doch wußte er natürlich selbst nicht, was. Die Stille weckte ihn schließlich und es schien ihm plötzlich, daß Tichon gleichsam verschämt die Augen zu Boden gesenkt hielt und daß ein ganz überflüssiges, unbeholfenes Lächeln um seine Lippen spielte. Das rief sofort Widerwillen in ihm hervor; er wollte schon aufstehen und weggehen, um so mehr, als Tichon seiner Meinung nach entschieden betrunken war. Da erhob aber Tichon plötzlich die Augen und sah ihn mit einem so festen, gedankendurchdrungenen Blick an und zu gleicher Zeit mit einem so unerwarteten und rätselhaften Ausdruck, daß er fast zusammenfuhr. Es schien ihm plötzlich aus irgendeinem Grunde, daß Tichon schon wisse, warum er zu ihm gekommen war, daß man ihn schon von seinem Besuch benachrichtigt habe (obgleich kein Mensch in der ganzen Welt diesen Grund seines Besuches wissen konnte), und wenn er nicht als erster zu sprechen anfing, dies nur deshalb nicht tat, weil er ihn schonen wollte, – vielleicht weil er fürchtete, ihn zu demütigen.

„Sie kennen mich?“ fragte Stawrogin schroff. „Habe ich mich Ihnen vorgestellt oder nicht, als ich eintrat? Ich bin so zerstreut ...“

„Sie haben sich nicht vorgestellt, aber ich habe Sie schon einmal vor vier Jahren gesehen, hier im Kloster ... zufällig.“

Tichon sprach nicht schnell, gleichmäßig, mit einer weichen Stimme, und er sprach die Worte klar und deutlich aus.

„Vor vier Jahren bin ich überhaupt nicht in diesem Kloster gewesen,“ entgegnete Stawrogin in einem Ton, der an Grobheit grenzte; „nur als Knabe bin ich hier gewesen, als Sie noch gar nicht hier waren.“

„Vielleicht haben Sie es vergessen?“ bemerkte Tichon vorsichtig, doch ohne darauf zu bestehen.

„Nein, ich habe es nicht vergessen; und es wäre auch lächerlich, wenn ich mich dessen nicht mehr erinnern würde,“ bestand Stawrogin wiederum unverhältnismäßig heftig auf seiner Behauptung. „Sie haben vielleicht nur von mir gehört und sich dann irgendeine Vorstellung von mir gemacht, und so glauben Sie jetzt, daß Sie mich gesehen hätten.“

Tichon schwieg. Da bemerkte Stawrogin, daß es über sein Gesicht zuweilen wie ein Nervenzucken lief, ein Kennzeichen seiner Krankheit.

„Ich sehe nur, daß Sie heute nicht ganz wohl sind,“ sagte er, „ich glaube, ich tue besser, wenn ich fortgehe.“

Er erhob sich sogar vom Sofa.

„Ja, ich fühle seit gestern starke Schmerzen in den Füßen, und in der Nacht habe ich wenig geschlafen ...“

Tichon verstummte. Seinen Gast aber hatte die vorige Nachdenklichkeit schon von neuem und ganz plötzlich überfallen. Das Schweigen dauerte lange an, mehr als zwei Minuten.

„Sie haben mich vorhin beobachtet?“ fragte Stawrogin plötzlich erregt und mißtrauisch.

„Ich habe Sie angesehen und mich dabei der Gesichtszüge Ihrer Mutter erinnert. Zwischen Ihnen und ihr ist bei äußerer Unähnlichkeit viel innere, geistige Ähnlichkeit.“

„Durchaus keine Ähnlichkeit, besonders keine geistige. Sogar überhaupt keine!“ rief Stawrogin wieder ganz unverhältnismäßig erregt und heftig. „Sie sagen das nur so aus Mitleid zu mir und ... Unsinn! ... Kommt denn meine Mutter hierher?“

„Ja, zuweilen.“

„Das wußte ich nicht. Habe es niemals von ihr gehört. Kommt sie oft?“

„Fast in jedem Monat einmal; aber auch öfter.“

„Habe es niemals gehört. Kein einziges Mal ... Nie gehört ... Sie haben dann natürlich von ihr schon erfahren, daß ich verrückt bin?“ fügte er plötzlich hinzu.

„Nein, nicht gerade verrückt. Übrigens habe ich auch von dieser Auffassung gehört, aber von anderen.“

„Sie haben wohl ein gutes Gedächtnis, wenn Sie so viele Dummheiten behalten können. Und von der Ohrfeige haben Sie gleichfalls gehört?“

„Ja, einiges.“

„Das heißt also alles. Sie haben ja ungemein viel Zeit übrig. Und vom Duell?“

„Auch vom Duell.“

„Sie hören hier allerdings erstaunlich viel. Wozu druckt man bei uns eigentlich Zeitungen? Schatoff hat Ihnen wohl gesagt, daß ich kommen werde? Nicht?“

„Nein. Ich kenne Herrn Schatoff, aber jetzt habe ich ihn lange nicht mehr gesehen.“

„Hm. Was haben Sie dort für eine Karte? Sehe ich recht! Die Karte des letzten Krieges! Was machen Sie denn damit?“

„Ich orientiere mich auf der Landkarte nach dem Text. Es ist eine interessante Beschreibung.“

„Zeigen Sie; ja, das ist keine schlechte Darstellung. Aber doch eine sonderbare Lektüre für Sie.“

Er zog das Buch zu sich heran und blickte flüchtig hinein. Es war eine umfangreiche Geschichte des letzten Krieges, gut dargestellt, – übrigens nicht so sehr vom militärischen als vielmehr vom rein literarischen Standpunkte aus. Nachdem er das Buch zu sich umgedreht hatte, schob er es plötzlich ungeduldig wieder zurück.

„Ich weiß wirklich nicht, warum ich hergekommen bin!“ stieß er gereizt hervor, Tichon gerade in die Augen blickend, als ob er von ihm eine Antwort darauf erwartete.

„Sie scheinen auch nicht ganz gesund zu sein?“

„Ja, ich bin nicht ganz gesund.“

Und plötzlich erzählte er in kurzen, schroffen Worten – manches war nur schwer zu verstehen –, daß er besonders nachts so etwas wie Halluzinationen unterworfen sei, daß er zuweilen irgendein boshaftes, ein spöttisches und „vernünftiges“ Wesen neben sich sehe oder fühle, „in verschiedenen Gestalten und von verschiedenem Charakter, doch ist es stets ein und dasselbe Wesen – ich aber ärgere mich dann immer ...“

Wild und wirr war dieses Geständnis; man hätte wirklich glauben können, daß ein tatsächlich Wahnsinniger es machte. Doch bei alledem sprach Stawrogin mit einer so sonderbaren Aufrichtigkeit, wie sie wohl noch nie jemand an ihm gesehen hatte, mit einer Offenheit, die ihm sonst gar nicht eigen war, daß man glauben konnte, der frühere Mensch in ihm sei plötzlich – und auch für ihn selbst ganz unverhofft – spurlos verschwunden. Er schämte sich nicht im geringsten, die Angst zu zeigen, die er vor seinem Gespenst hatte. Doch das währte nur einen Augenblick und verschwand dann ebenso schnell, wie es sich eingestellt hatte.

„Aber alles das ist natürlich Unsinn,“ unterbrach er sich plötzlich ärgerlich. „Ich werde zum Arzt gehen.“

„Tun Sie das unbedingt,“ riet ihm Tichon zu.

„Sie sagen das so bestimmt ... Haben Sie denn solche Menschen schon je gesehen, wie mich, mit solchen Erscheinungen?“

„Ja, aber nur sehr selten. Ich erinnere mich nur noch eines Offiziers, nach dem Tode seiner Frau, seines unersetzlichen Kameraden. Von einem anderen habe ich nur gehört. Beide sind sie im Auslande geheilt worden ... Leiden Sie schon lange daran?“

„Ungefähr seit einem Jahr, aber das ist ja alles Unsinn. Ich werde zum Arzt gehen. Das ganze ist ja doch nur ein Unsinn, ein furchtbarer Unsinn! Das bin ich selbst in verschiedenen Gestalten und weiter ist es nichts. – Da ich soeben diese ... Phrase hinzugefügt habe, denken Sie jetzt gewiß, daß ich immer noch zweifle und mich noch nicht überzeugt habe, daß ich es bin und nicht wirklich der Teufel?“

Tichon blickte ihn fragend an.

„Und ... Sie sehen ihn wirklich?“ fragte er, ohne die Erklärung Stawrogins, daß es ganz zweifellos eine krankhafte Halluzination sei, überhaupt zu beachten, „sehen Sie wirklich eine Gestalt?“

„Sonderbar, daß Sie das noch fragen, nachdem ich Ihnen doch schon gesagt habe, daß ich ihn sehe,“ entgegnete Stawrogin, nach jedem Wort mehr und mehr gereizt. „Selbstverständlich sehe ich ihn. Ich sehe ihn so, wie ich jetzt Sie vor mir sehe, zuweilen aber sehe ich ihn und bin doch nicht überzeugt, daß ich sehe, obgleich ich sehe ... zuweilen aber bin ich überzeugt, daß ich sehe, und ich weiß bloß nicht, wen ich sehe: mich oder ihn ... Ach, Unsinn ist das alles! Sie aber – können Sie sich denn das ganz und gar nicht vorstellen, daß es wirklich ein Teufel ist?“ fügte er lachend die Frage hinzu: er ging etwas gar zu schnell auf den spöttischen Ton über. „Das wäre doch Ihrem Beruf angemessener?“

„Es ist wahrscheinlich nur Krankheit, wenn es auch ...“

„Wenn es auch was?“

„Wenn es auch Teufel zweifellos gibt, doch kann man sie sehr verschieden auffassen.“

„Ich werde Ihnen sagen, warum Sie vorhin Ihren Blick senkten,“ unterbrach ihn Stawrogin mit gereiztem Spott. „Sie schämten sich für mich, weil ich – an den Teufel glaube, doch unter dem Anscheine, daß ich selbst nicht glaube, Ihnen schlau die Frage stellte: gibt es ihn in Wirklichkeit oder nicht?“

Tichon lächelte unbestimmt.

„Und wissen Sie, es steht Ihnen durchaus nicht, wenn Sie die Augen niederschlagen: es ist unnatürlich, geziert und lächerlich. Und um Ihnen in der Grobheit Genüge zu tun, werde ich Ihnen sofort vollkommen ernst und unverschämt die ganze Wahrheit sagen: ja, ich glaube an den Teufel, glaube kanonisch an ihn, an den Teufel als Persönlichkeit, nicht als Allegorie, und ich brauche überhaupt niemanden zu fragen oder etwas über ihn erfahren zu wollen, – da haben Sie alles! Sie müssen jetzt sehr froh sein ...“

Nervös, unnatürlich lachte er auf.

Tichon blickte ihn mit einem weichen, beinahe ein wenig schüchternen Blick fast neugierig an.

„Glauben Sie an Gott?“ warf ihm plötzlich Stawrogin die Frage zu.

„Ich glaube.“

„Es steht doch geschrieben, wenn du glaubst und dem Berge befiehlst, von der Stelle zu rücken, so wird er von der Stelle rücken ... Übrigens, Blödsinn! Aber ich will Sie doch fragen: werden Sie einen Berg von der Stelle rücken oder nicht?“

„Wenn Gott es befiehlt, werde ich auch Berge versetzen,“ sagte Tichon leise und zurückhaltend, und allmählich senkte er wieder den Blick.

„Nun, das ist ebensogut, wie: Gott macht es selbst. Nein, Sie, Sie, als Belohnung für den Glauben an Gott?“

„Es kann sein, daß ich ihn vielleicht auch nicht von der Stelle rücken werde.“

„‚Vielleicht‘? Das ist nicht übel. Warum zweifeln Sie denn?“

„Ich glaube nicht vollkommen.“

„Wie? Sie nicht vollkommen? Nicht ganz?“

„Ja ... vielleicht glaube ich nicht vollkommen.“

„Nun! Aber wenigstens glauben Sie doch, daß Sie ihn mit Gottes Hilfe von der Stelle rücken würden, und das ist schließlich nicht wenig. Das ist immerhin mehr, als jenes ‚très peu[281] eines, der gleichfalls Bischof, Erzbischof war ... Allerdings – das ist wahr – unter dem Säbel ... Sie sind natürlich auch Christ?“

„Deines Kreuzes, Herr, werde ich mich nicht schämen,“ sagte Tichon flüsternd, – es war ein sonderbares Flüstern, und er senkte den Kopf noch tiefer. Seine Mundwinkel zuckten nervös.

„Aber kann man auch an den Teufel glauben, wenn man überhaupt nicht an Gott glaubt?“ fragte Stawrogin lächelnd.

„Oh, sogar sehr, das tun fast alle,“ sagte Tichon, erhob seinen Blick und lächelte gleichfalls.

„Ich bin überzeugt, daß Sie solch einen Glauben immerhin achtbarer finden, als volle Glaubenslosigkeit ... Oh, Pope!“ rief Stawrogin auflachend. Wieder lächelte Tichon ihm zu.

„Im Gegenteil, der vollständige Atheismus ist weit achtbarer, als die weltliche Gleichgültigkeit,“ entgegnete er heiter und gutmütig.

„Oho, also so sind Sie!“

„Der vollständige Atheist steht auf der vorletzten höchsten Stufe zum vollständigsten Glauben – mag er sie dann betreten oder nicht –, der Gleichmütige dagegen hat überhaupt keinen Glauben außer einer schlechten Angst.“

„Aber Sie ... – Haben Sie die Apokalypse gelesen?“

„Ja.“

„Erinnern Sie sich der Stelle: ‚Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe ...‘“

„Ich weiß, wundervolle Worte.“

„Wundervoll? Sonderbarer Ausdruck für einen Bischof, und überhaupt sind Sie ein Sonderling ... wo haben Sie hier das Buch?“ fragte Stawrogin auffallend eilig und erregt und seine Augen suchten es auf dem Tisch, „ich will es Ihnen vorlesen ... haben Sie die russische Übersetzung?“

„Ich weiß, ich kenne die Stelle, ich kenne sie ganz genau,“ sagte Tichon.

„Kennen Sie sie auswendig? Sagen Sie sie!“ ...

Er senkte schnell die Augen, stützte beide Hände auf die Knie und wartete ungeduldig.

Tichon sagte Wort für Wort:

„Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das saget Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich, und habe gar satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß ...“

„Genug,“ unterbrach ihn Stawrogin, „das ist für die Mittelsorte, für die Gleichmütigen, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe Sie sehr.“

„Und ich Sie,“ sagte Tichon halblaut.

Stawrogin verstummte und versank wieder in seine Gedanken. Das kam wie ein Anfall über ihn, schon zum drittenmal. Und auch das „ich liebe Sie“ hatte er wie in einem Anfall gesagt, wenigstens ganz überraschend für sich selbst. Es verging mehr als eine Minute.

„Ärgere dich nicht,“ sagte Tichon plötzlich ganz leise, und berührte mit dem Finger vorsichtig, als ob er sich scheue, seinen Ellenbogen.

Stawrogin fuhr zusammen und runzelte unwillig die Stirn.

„Woher wissen Sie, daß ich mich ärgerte?“ fragte er hastig. Tichon wollte etwas sagen, doch er unterbrach ihn in ungewöhnlicher Erregung.

„Warum glaubten Sie, daß ich mich unbedingt ärgern mußte? Ja, ich ärgerte mich, Sie haben recht, und gerade deswegen, weil ich Ihnen gesagt hatte: ‚ich liebe Sie‘. Sie haben recht, aber Sie sind ein grober Zyniker, niedrig denken Sie von der menschlichen Natur. Es hätte kein Ärger zu sein brauchen, wenn es nur ein anderen Mensch gewesen wäre, und nicht ich ... Übrigens, hier handelt es sich nicht um den Menschen, sondern um mich. Immerhin sind Sie ein Sonderling und ein Geistesschwacher ...“

Er regte sich immer mehr auf und, sonderbar, tat sich in den Worten überhaupt keinen Zwang an:

„Hören Sie, ich liebe keine Spione und Psychologen, wenigstens nicht solche, die in meine Seele kriechen. Ich rufe niemanden in meine Seele, ich brauche niemanden, ich verstehe mit mir selbst auszukommen. Sie glauben, daß ich Sie fürchte?“ fragte er mit lauterer Stimme und erhob herausfordernd sein Gesicht. „Sie sind wohl vollkommen überzeugt, daß ich gekommen bin, Ihnen ein ‚furchtbares‘ Geheimnis zu offenbaren? Nun, so hören Sie denn, daß ich Ihnen überhaupt nichts sagen werde, nichts von einem Geheimnis, denn ich habe Sie überhaupt nicht nötig ...“

„Es hat Sie betroffen gemacht, daß das Lamm den kalten mehr liebt als den bloß lauen,“ sagte Tichon, „Sie wollen nicht nur lau sein. Ich ahne es, daß eine ungewöhnliche, vielleicht furchtbare Absicht Sie quält. Wenn es so ist, so flehe ich Sie an, quälen Sie sich nicht und sagen Sie alles, womit Sie gekommen sind.“

„Und Sie wissen es so genau, daß ich mit irgend etwas gekommen bin?“

„Ich ... erriet es an Ihrem Gesicht,“ flüsterte Tichon und senkte wieder den Blick.

Stawrogin war etwas bleich und seine Hände zitterten ein wenig. Einige Sekunden lang sah er unbeweglich und stumm Tichon an, als ob er sich endgültig entschlösse. Dann zog er aus der Seitentasche seines Rockes irgendwelche Druckbogen hervor und legte sie auf den Tisch.

„Das sind die Blätter, die zur Verbreitung bestimmt sind,“ sagte er mit einer etwas stockenden Stimme. „Wenn auch nur ein einziger Mensch sie liest, dann, das sage ich Ihnen, werde ich sie nicht mehr verbergen, dann werden alle sie lesen. So ist es beschlossen. Ich habe Sie überhaupt nicht nötig, denn ich habe selbst schon alles bei mir beschlossen. Aber lesen Sie ... Während des Lesens sagen Sie nichts, aber wenn Sie es gelesen haben – dann sagen Sie alles ...“

„Soll ich?“ fragte Tichon unentschlossen, zögernd.

„Lesen Sie; ich bin schon längst ruhig.“

„Nein, ohne Brille kann ich es nicht entziffern ... kleine Schrift ... ausländisch.“

„Hier ist die Brille,“ sagte Stawrogin, reichte sie ihm vom Tisch und lehnte sich zurück in die Ecke des Sofas. Tichon versenkte sich in die Lektüre.

II.
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