VIII.

Drittes Kapitel.
Fremde Sünden.

I.

Es verging ungefähr eine Woche und die Sache begann sich hinzuziehen. Nebenbei bemerkt: ich hatte in dieser Zeit als sein einziger, ihm ewig unentbehrlicher Vertrauter viel auszustehen. Er schämte sich, und das war die Hauptursache seiner Qual. Er schämte sich vor allen Menschen, glaubte, die ganze Stadt wisse es bereits, und so saß er denn nur zu Hause und empfing keinen außer mir! Ja, er schämte sich sogar vor mir, und je mehr er sich mir gegenüber aussprach, um so mehr ärgerte er sich gleichzeitig über mich. Eine Woche war so vergangen, er aber wußte noch immer nicht, ob er nun Bräutigam war oder noch unverlobt. Auch die Braut hatte er noch nicht gesprochen, ja, war sie denn überhaupt seine Braut? ja, war das Ganze überhaupt ernst gemeint? Aus einem ihm unbekannten Grunde lehnte Warwara Petrowna es ab, ihn zu empfangen, und auf einen seiner ersten Briefe (er schrieb natürlich wieder unzählige) hatte sie ihm kurzweg geantwortet, sie müsse ihn bitten, sie für einige Zeit mit Briefen, Fragen und Besuchen zu verschonen, da sie sehr beschäftigt sei; sie habe ihm selbst viel Wichtiges mitzuteilen, warte dazu aber den ersten freieren Augenblick ab und werde ihn dann schon wissen lassen, wann er wieder zu ihr kommen könne. Weitere Briefe werde sie ihm uneröffnet zurückschicken, denn das sei doch nur „Spielerei“.

Doch selbst diese Kränkungen und die Ungewißheit waren noch nichts im Vergleiche zu der Qual eines einzigen und ganz bestimmten Gedankens, der ihn unausgesetzt verfolgte und der die Hauptursache seiner Scheu vor den Menschen war. Natürlich hatte ich die Richtung dieses Gedankens schon längst erraten, und das merkte er, wie es ihm auch nicht entging, daß mich die Häßlichkeit dieses Verdachts, der in ihm beim Suchen nach einer Erklärung für Warwara Petrownas seltsamen Heiratsplan erwacht war, aufrichtig empörte. Er wagte nicht, diesen Verdacht offen auszusprechen, und doch schien er an ihm fast zu ersticken. Er konnte keine zwei Stunden ohne mich auskommen, ließ mich immer wieder zu sich bitten, doch wenn ich dann kam, sprach er wieder bloß von allem Möglichen, nur nicht von dem, was ihn so qualvoll beschäftigte. Das ärgerte mich doppelt und mein Ärger ärgerte wiederum ihn. Manches andere freilich erkannte er sehr richtig und definierte es sogar sehr treffend.

„Oh, wie hat sie sich verändert!“ klagte er unter anderem über Warwara Petrowna. „War sie denn damals so, als wir noch über hohe Dinge diskutierten! Werden Sie es mir glauben, damals hatte sie Gedanken, eigene Gedanken! Jetzt ist alles anders. Sie sagt, das sei alles nur altmodisches Geschwätz! Sie verachtet das Frühere ... Jetzt ist sie so ein Kommis, so ein Ökonom, ein erbitterter Mensch, und immer ärgert sie sich ...“

„Worüber kann sie sich denn jetzt noch ärgern, Sie haben doch ihren Wunsch erfüllt und eingewilligt,“ warf ich ein. – Er sah mich mit einem feinen Lächeln an.

Cher ami, hätte ich nicht eingewilligt, so hätte sie sich allerdings furchtbar geärgert, furcht–bar! Aber immerhin weniger als jetzt, wo ich eingewilligt habe.“

Mit dieser Bemerkung schien er sehr zufrieden zu sein. Aber die Zufriedenheit hielt nicht lange vor; bald war er wieder finsterer und erregter als je. Was nun mich betrifft, so ärgerte ich mich vor allem darüber, daß er noch immer nicht Drosdoffs seinen Besuch machte, obschon diese ihn längst erwarteten. Dabei hatte er selbst eine Art Sehnsucht nach Lisaweta Nicolajewna und schien zu hoffen, in ihrer Gegenwart gewissermaßen eine Erleichterung seiner jetzigen Qualen und Klarheit über seine Zweifel zu finden. Nach dem Entzücken zu urteilen, mit dem er von ihr sprach, mußte er sie für ein außergewöhnliches Wesen halten. Und doch ging er nicht hin, sondern schob den Besuch von Tag zu Tag auf. Ich ärgerte mich darüber maßlos, denn: ich brannte darauf, ihr vorgestellt zu werden, und diesen Dienst konnte nur er mir erweisen. Gesehen hatte ich sie schon oft, aber natürlich nur auf der Straße, wenn sie in Begleitung eines hübschen Offiziers, ihres sogenannten Verwandten, spazieren ritt. Meine Verblendung dauerte zwar nur kurze Zeit und ich sah ja die Aussichtslosigkeit meiner Schwärmerei sehr bald ein, aber damals war ich doch empört über meinen Freund wegen seiner Scheu, Drosdoffs seinen Besuch zu machen oder auch nur das Haus zu verlassen. Und das alles wegen jenes häßlichen Verdachts! Unser Freundeskreis war von ihm schon am ersten Tage brieflich benachrichtigt worden, daß die Abende bei ihm zeitweilig ausfallen müßten, und später hatte ich noch auf seine inständige Bitte hin, (damit nur ja niemand sich darüber wundere und eine andere Ursache vermute) jeden einzeln aufsuchen und ihm erklären müssen, daß Warwara Petrowna „unserem Alten“, wie wir ihn unter uns nannten, eine große eilige Arbeit aufgetragen habe: einen mehrjährigen Briefwechsel in Ordnung zu bringen und Ähnliches. Nur zu Liputin war ich noch nicht gegangen und ich wollte es auch nicht recht; ich wußte im voraus, daß er mir doch kein Wort glauben, vielmehr sofort argwöhnen werde, daß man gerade vor ihm etwas geheimhalten wolle. Und dann würde er natürlich in der Stadt überall herumlaufen, um sich zu erkundigen, und dabei nur Klatsch verbreiten. Da traf ich ihn plötzlich ganz zufällig auf der Straße. Ich begann mich zu entschuldigen, ich sei noch nicht dazu gekommen, ihn gleichfalls aufzusuchen usw., doch er unterbrach mich sogar und zeigte seltsamerweise gar keine Neugier, ja, er ging selbst sofort auf ein anderes Thema über und begann seinerseits die Neuigkeiten zu erzählen, die sich bei ihm inzwischen angesammelt hatten. Zunächst berichtete er von der Ankunft der Gemahlin unseres neuen Gouverneurs, die „neue Gesprächsthemata“ mitgebracht habe, und von der Opposition gegen diese Themata, die sich im Klub schon gebildet habe; alle Welt rede jetzt von neuen Ideen, alle seien hinter ihnen her usw. usw. Kurz, er erzählte eine gute Viertelstunde, und zwar so amüsant, daß ich mich nicht loszureißen vermochte, obschon ich ihn persönlich nicht ausstehen konnte. Er war in meinen Augen der geborene Spion, der alle Stadtgeheimnisse wußte, besonders alle skandalösen, und sein vorherrschender Charakterzug war, wie mir schien, der Neid. Als ich Stepan Trophimowitsch von dieser Begegnung erzählte, regte er sich, zu meiner Verwunderung, unglaublich auf und stellte die seltsame Frage: „Weiß Liputin schon etwas davon oder weiß er noch nichts?“ Ich suchte ihn zu beruhigen und zu überzeugen, daß Liputin doch unmöglich von Warwara Petrownas Plan etwas gehört haben könne; durch wen denn? Aber sein Argwohn blieb und plötzlich sagte er:

„Glauben Sie es mir oder glauben Sie es nicht, aber ich bin überzeugt, daß ihm nicht nur unsere Lage bereits bekannt ist, sondern daß er außerdem noch etwas weiß, was weder ich noch Sie wissen, und was wir vielleicht auch nie erfahren werden, oder erst dann, wenn es schon zu spät ist, wenn es kein Zurück mehr gibt!“

Ich schwieg, aber diese Worte deuteten doch vieles an. Er aber bereute sichtlich schon im nächsten Augenblick, sie ausgesprochen und seinen Verdacht verraten zu haben.

II.
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