Vorbemerkung

Personenverzeichnis
(unter Angabe der Aussprache der Namen)

Warwára Petrówna S’tawrógina – Witwe eines Generals.
Nicolaí Wsséwolodowitsch S’tawrógin – ihr Sohn.
S’tepán Trofímowitsch Werchowénski – Dichter und Hauslehrer.
Pjotr S’tepánowitsch Werchowénski – sein Sohn.
Praskówja Iwánowna Drósdowa – Witwe eines Generals.
Lisawéta Nicolájewna Túschina – ihre Tochter aus erster Ehe.
Mawríkij Nicolájewitsch Drósdoff – Offizier, Neffe des verstorbenen Generals Drosdoff.
Iwán Óssipowitsch *** – der frühere Gouverneur.
Andreí Antónowitsch von Lembke – der neue Gouverneur.
Júlija Michaílowna von Lembke – seine Frau.
Karmasínoff – ein berühmter Schriftsteller.
Artémij Páwlowitsch Gagánoff – Rittmeister a. D.
Lebäd’kin – ein angeblicher „Hauptmann a. D.“
Márja Timoféjewna ... – seine Schwester.
Iwán Schátoff}Kinder eines verstorbenen Dieners der Stawrógins.
Dárja Páwlowna Schátowa
(genannt Dá-scha)
Márja Ignátjewna Schátowa – Schátoffs Frau.
Arína Próchorowna Wirgínskaja – eine Hebamme.
Alexeí Nílytsch Kirílloff – ein Ingenieur.
Schigáleff – Verfasser einer Schrift über revolutionäre Theorien.
Tolkatschénko, Erkel und andere Anhänger revolutionärer Ideen.
Lipútin}Beamte.
Wirgínski
Läm’schin
Aljóscha Telät’nikoff – ein ehemaliger Beamter.
Fédjka – ein entsprungener Verbrecher.
Flibustjéroff – ein Polizeioffizier.
Ssemjón Jákowlewitsch – ein „Prophet“.
Tíchon – ein im Kloster zurückgezogen lebender Bischof.
Alexeí Jegórytsch}Dienstboten.
Nas-táß-ja
Agáfja

Ortsnamen:

Skworéschniki, Dúchowo, Brýkowo; die Fabrik der Brüder Schpigúlin, Matwéjewo.

Näheres über die historischen Vorbilder einzelner Gestalten siehe Seite 1118-1120.

Namen einzelner Nebenpersonen hat Dostojewski im Laufe der Erzählung manchmal unbewußt geändert. So nennt er z. B. den alten Gaganoff anfangs Pjotr Pawlowitsch, später dagegen Pawel Pawlowitsch und folglich seinen Sohn Artemij Pawlowitsch. Ferner heißt ein Kanzleibeamter des Gouverneurs zuerst Blümer, später Blüm. Der Name Kirílloff ist bald mit zwei, bald mit einem l geschrieben. Um Mißverständnisse infolge solcher Flüchtigkeiten zu vermeiden, ist in der Übersetzung immer die erste Form beibehalten worden. E. K. R.

Erstes Kapitel.
Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus der Biographie des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski.

I.

Indem ich mich anschicke, die so seltsamen Ereignisse wiederzugeben, die sich unlängst in unserer bisher noch durch nichts hervorgetretenen Stadt zugetragen haben, sehe ich mich gezwungen, da ich mir nicht anders zu helfen weiß, zunächst etwas weiter auszuholen und mit einigen biographischen Einzelheiten über den talentvollen und wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski zu beginnen. Mögen diese Einzelheiten nur als Einleitung zu der geplanten Chronik dienen, doch die Geschichte selbst, die ich zu beschreiben beabsichtige, beginnt erst später.

Ich will es sogleich ganz offen sagen: Stepan Trophimowitsch spielte unter uns immer eine gewisse besondere und sozusagen bürgerliche[1] Rolle und liebte diese Rolle bis zur Leidenschaft, – liebte sie sogar so, daß er ohne sie wohl überhaupt nicht hätte leben können. Nicht, daß ich ihn damit einem Schauspieler auf der Bühne vergleichen wollte: Gott behüte, das will ich um so weniger, als ich selber ihn ja doch achte. Hier konnte vielmehr alles Sache der Gewohnheit sein oder, besser gesagt, die Folge einer immerwährenden, im Grunde edlen Neigung, einer Neigung schon von Kindheit an, zu der angenehmen Illusion von seiner schönen bürgerlichen Stellungnahme. So liebte er z. B. ungeheuer seine Lage als „Verfolgter“ und sozusagen „Verbannter“. Um diese beiden Wörtchen spielt nun einmal ein klassischer Glanz eigener Art[2], und eben dieser scheint ihn dann, nachdem er ihn einmal bezaubert hatte, im Laufe so vieler Jahre in seiner Selbsteinschätzung immer mehr erhöht zu haben, bis er schließlich auf einem gewissen überaus hohen und für die Eigenliebe so angenehmen Piedestal zu stehen glaubte. In einem satirischen englischen Roman des vorigen Jahrhunderts hat sich ein gewisser Gulliver im Lande der Liliputaner, wo die Menschen nur einige Zoll groß waren, so daran gewöhnt, sich als Riese zu fühlen, daß er auch in den Straßen Londons unwillkürlich den Passanten und Equipagen zurief, sie sollten vor ihm ausweichen und sich vorsehen, damit er sie nicht irgendwie zertrete, denn er hielt sich immer noch für einen Riesen und die anderen für jene Kleinen. Da lachte man ihn aus und schalt ihn und die rohen Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach ihm: aber war das auch gerecht? Was kann die Gewohnheit nicht alles bewirken? Die Gewohnheit hatte auch unseren Stepan Trophimowitsch fast zu demselben Wahn gebracht, wie den Gulliver, nur daß dieser Wahn sich bei ihm in einer, wenn man sich so ausdrücken darf, unschuldigeren und unverletzenderen Weise äußerte, denn schließlich war er doch ein prächtiger Mensch.

Ich denke es mir sogar so: daß man ihn in der Literatur mit der Zeit allenthalben ganz vergessen hatte; nur darf man deshalb gewiß noch nicht sagen, daß er auch früher nie bekannt gewesen sei. Unstreitig hat auch er einmal zu der berühmten Plejade[3] gewisser gefeierter Dichter der letzten Generation gehört, und eine Zeitlang – übrigens doch nur einen allerkleinsten Augenblick lang – war sein Name von manchen voreiligen Leuten beinahe schon in einer Reihe mit Tschaadajeff, Belinski, Granowski und dem damals im Auslande gerade erst beginnenden Herzen[4] genannt worden. Aber das Wirken Stepan Trophimowitschs endete fast schon im selben Augenblick, in dem es begonnen hatte, – es ward, wie er sich ausdrückte, von einem „Wirbelsturm“ zusammentreffender „Umstände“[5] zerstört. Und was stellt sich nun heraus? Daß es nicht nur keinen „Wirbelsturm“, sondern nicht einmal „Umstände“ damals gegeben hat, wenigstens nicht in seinem Fall. Ich habe erst jetzt, erst vor ein paar Tagen, zu meinem größten Erstaunen erfahren, dafür aber mit vollkommener Glaubwürdigkeit, daß Stepan Trophimowitsch hier bei uns, in unserem Gouvernement, nicht nur nicht in der Verbannung gelebt hat, wie man hier allgemein annahm, sondern daß er nicht einmal, gleichviel wann, unter Aufsicht gestanden hat. Wie groß muß demnach seine Einbildungskraft gewesen sein! Er glaubte doch vor sich selber aufrichtig und sein Leben lang, daß man in gewissen Sphären beständig vor ihm auf der Hut wäre, daß jeder seiner Schritte unablässig beobachtet und vermerkt werde, und daß jedem der drei Gouverneure, die wir im Laufe der letzten zwanzig Jahre hier gehabt haben, schon bei der Übergabe des Gouvernements als erstes von Stepan Trophimowitsch Werchowenski gesprochen worden sei, so daß jeder neue Gouverneur bereits von dort aus eine gewisse eigene, mit Sorgen verbundene Vorstellung von ihm mitgebracht habe. Hätte aber jemand mit unwiderlegbaren Beweisen diesen bei alledem ehrlichsten Menschen beruhigen und überzeugen wollen, daß ihm nicht das Geringste drohe, so würde ihn das unbedingt beleidigt haben. Und dabei war er doch der klügste, der begabteste Mensch, war gewissermaßen sogar ein Mann der Wissenschaft, obgleich er übrigens in der Wissenschaft ... nun, sagen wir, nicht gerade viel geleistet hat, oder gar, wie es scheint, überhaupt nichts. Aber das pflegt ja bei uns in Rußland mit den Männern der Wissenschaft durchgehends so zu sein.

Nach seiner Rückkehr aus dem Auslande hatte er als Lektor auf dem Lehrstuhl einer Universität geglänzt, bereits ganz am Ende der vierziger Jahre. Es gelang ihm aber nur, ein paar Vorlesungen zu halten, ich glaube, über die Araber; es gelang ihm auch noch, eine glänzende Dissertation zu verteidigen: über die in der Epoche zwischen 1413 und 1428 aufkeimende kulturelle und hanseatische Bedeutung des deutschen Städtchens Hanau und zugleich über jene besonderen und etwas unklaren Gründe, weshalb es zu dieser Bedeutung dann doch überhaupt nicht gekommen ist. Diese Dissertation traf mit einem feinen Stich geschickt und schmerzhaft die damaligen Slawophilen und schuf ihm mit einem Schlage unzählige und grimmige Feinde unter ihnen. Dann – übrigens schon nach dem Verlust des Lehrstuhls – schrieb und veröffentlichte er noch wahrscheinlich aus Rache und um zu zeigen, wen sie verloren hatten) in einer fortschrittlichen Monatsschrift, die aus Dickens übersetzte und George Sand verkündete, den Anfang einer tiefsinnigsten Untersuchung – ich glaube, über die Gründe der außergewöhnlich edlen sittlichen Anschauungen irgendwelcher Ritter in irgendeiner Epoche, oder etwas Ähnliches. Jedenfalls war es ein hoher, ungemein edler Gedanke, den er darin durchführte. Nur wurde, wie man später erzählte, die Fortsetzung dieser Untersuchung schleunigst verboten und sogar die fortschrittliche Zeitschrift soll wegen der gedruckten ersten Hälfte zu leiden gehabt haben. Das ist auch sehr gut möglich, denn was geschah damals nicht? In diesem Falle aber ist es doch wahrscheinlicher, daß nichts Derartiges geschah und nur der Autor selber die Mühe scheute, den Aufsatz zu beenden. Seine Vorlesungen über die Araber jedoch stellte er deshalb ein, weil ein von ihm an irgend jemanden geschriebener Brief mit der Darlegung irgend welcher „Umstände“ irgendwie von irgend jemandem (offenbar von einem seiner reaktionären Feinde) aufgefangen worden war, woraufhin irgendjemand irgendwelche Erklärungen von ihm verlangte[6]. Ich weiß zwar nicht, ob es wahr ist, aber man behauptete außerdem, daß gerade damals in Petersburg eine riesige, widernatürliche und antistaatliche Gesellschaft, bestehend aus nahezu dreizehn Mann, aufgespürt worden sei, eine Gesellschaft, die das Gebäude fast erschüttert hätte. Man sagte, sie hätten nichts Geringeres vorgehabt, als Fourier selber zu übersetzen[7]. Und ausgerechnet zur selben Zeit mußte dann noch in Moskau eine Dichtung Stepan Trophimowitschs beschlagnahmt werden, ein Poem, das er schon sechs Jahre zuvor in Berlin geschrieben hatte, in seiner ersten Jugend, und dessen Abschriften, unter der Hand weitergegeben, bei zwei Liebhabern der Dichtkunst und einem Studenten gefunden wurden. Ein Exemplar davon liegt jetzt auch in meinem Schreibtisch: erst im vorigen Jahre erhielt ich es von Stepan Trophimowitsch persönlich, in eigenhändiger neuester Abschrift, mit autographischer Widmung und in prachtvollem roten Saffianeinbande. Das Poem ist übrigens nicht ohne Poesie, ja es ist nicht einmal ohne ein gewisses Talent verfaßt, ist allerdings etwas sonderbar, aber damals (d. h. richtiger in den dreißiger Jahren) wurde oft in dieser Art geschrieben. Das Thema des Poems wiederzugeben, macht mir freilich Schwierigkeiten, denn, wenn ich die Wahrheit sagen soll: ich habe es überhaupt nicht verstanden. Es ist irgend so eine Allegorie in lyrisch-dramatischer Form, die an den zweiten Teil des Faust erinnert. Die Dichtung beginnt mit einem Chor der Frauen, dann folgt ein Chor der Männer, darauf ein Chor irgendwelcher Kräfte, und zum Schluß der Chöre tritt ein Chor von Seelen auf, die noch nicht gelebt haben, aber doch gar zu gern auch mal leben möchten. Alle diese Chöre singen von etwas sehr Unbestimmtem, größtenteils von irgendeinem Fluch, aber sie singen es wie mit einem Schimmer höheren Humors. Doch plötzlich verwandelt sich die Szene und es beginnt ein „Fest des Lebens“, auf dem sogar die Insekten singen; dann tritt eine Schildkröte auf mit allerhand lateinischen sakramentalen Worten und es singt irgend etwas, wenn ich mich recht erinnere, sogar ein Mineral, also ein sonst doch schon ganz unbelebter Gegenstand. Überhaupt singen alle ununterbrochen, reden sie aber einmal miteinander, so ist es mehr ein unbestimmtes Schimpfen, aber wiederum wie mit einem Schimmer höherer Bedeutung. Schließlich, nach einem abermaligen Szenenwechsel, sieht man eine wildromantische Gegend, in der zwischen Felsen ein zivilisierter junger Mann umherirrt und irgendwelche Gräser abreißt, an denen er dann saugt. Auf die Frage einer Fee, warum er das tue, antwortet er, er suche Vergessenheit, weil er ein Übermaß von Leben in sich fühle, und diese Vergessenheit im Safte dieser Gräser finde, sein Hauptwunsch aber sei – möglichst bald den Verstand zu verlieren (ein Wunsch, der vielleicht schon überflüssig ist). Darauf erscheint plötzlich auf einem schwarzen Pferde ein Jüngling von unbeschreiblicher Schönheit und ihm folgen in fürchterlicher Menge alle Völker. Der Jüngling stellt den Tod dar und die Völker lechzen alle nach ihm. Und schließlich, in der allerletzten Szene, erscheint plötzlich der babylonische Turm und irgendwelche Athleten bauen ihn nun schon zu Ende und singen dazu einen Sang der neuen Hoffnung, und wie sie die höchste Spitze vollenden, da läuft der Beherrscher, sagen wir des Olymps, in komischer Form davon, und die Menschheit, die jetzt endlich begreift, beginnt sofort, indem sie sich seines Platzes bemächtigt, ein neues Leben mit vollkommenem Durchschauen der Dinge. Dieses Poem also wurde damals für gefährlich befunden. Im vorigen Jahre schlug ich Stepan Trophimowitsch vor, es nunmehr drucken zu lassen, da es in unserer Zeit doch eine ganz unschuldige Dichtung sei, aber er lehnte den Vorschlag mit sichtbarem Mißbehagen ab. Die Auffassung, daß es eine vollkommen unschuldige Dichtung sei, gefiel ihm offenbar gar nicht, und diesem Umstande schreibe ich auch die gewisse Kühle zu, die seinerseits mir gegenüber volle zwei Monate andauerte. Doch siehe da! Plötzlich, und fast zur selben Zeit, als ich ihm vorschlug, das Poem hier drucken zu lassen, wurde unser Poem dort gedruckt, d. h. im Auslande, und erschien in einem der revolutionären Sammelbände, ohne daß Stepan Trophimowitsch überhaupt etwas davon wußte. Er erschrak zunächst nicht wenig, stürzte zum Gouverneur, entwarf einen hochedlen Rechtfertigungsbrief für Petersburg, las ihn mir zweimal vor, schickte ihn aber dann doch nicht ab, da er, wie sich herausstellte, gar nicht wußte, an wen er ihn senden sollte. Kurz, er regte sich einen ganzen Monat lang auf, doch ich bin überzeugt, daß er dabei in den geheimen Buchten seines Herzens ungemein geschmeichelt war. Von dem ihm zugestellten Exemplar des Sammelbandes trennte er sich überhaupt nicht mehr, ja er schlief fast mit ihm, am Tage aber versteckte er es unter die Matratze, weshalb er das Mädchen kaum noch das Bett aufbetten ließ, und obschon er Tag für Tag ein gewisses Telegramm erwartete, schaute er doch sehr von oben herab. Das Telegramm kam aber nicht. Da söhnte er sich auch mit mir wieder aus, was wiederum von der großen Güte seines sanften, nicht nachtragenden Herzens zeugt.

II.
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