III.

Neunzehntes Kapitel.
Der letzte Beschluß

I.

An diesem Morgen ist Pjotr Stepanowitsch von sehr vielen gesehen worden, und sie alle sagen jetzt aus, er habe sich in einem ungewöhnlich angeregten Zustande befunden.

Um zwei Uhr nachmittags sprach er bei Gaganoff vor, der erst vor einem Tage von seinem Gut in die Stadt gekommen war und bei dem sich nun ein ganzer Schwarm von Gästen eingefunden hatte, die alle viel und eifrig über die Ereignisse sprachen. Dort hatte Pjotr Stepanowitsch dann noch weit mehr als die anderen gesprochen und schließlich auch erreicht, was er wollte. Vor allem sprach er über Julija Michailowna, ein Thema, das nach dem Vorgefallenen natürlich ungemein interessierte. Er erzählte von ihr, als ihr Vertrauter, der er kürzlich noch gewesen war, viele unerwartete Einzelheiten, und aus Versehen, selbstredend nur aus Versehen, teilte er einige ihrer Bemerkungen über einzelne allen bekannte Persönlichkeiten mit, womit er sofort die Eigenliebe mehrerer Anwesenden empfindlich traf. Es kam bei ihm heute alles so unklar und wirr heraus, ganz so wie bei einem nicht sehr schlauen Menschen, der sich von seinem ehrlichen Gewissen gezwungen sieht, so schnell wie möglich einen ganzen Berg angesammelter Mißverständnisse abzutragen, und der nun in seiner gradherzigen Ungewandtheit selbst nicht weiß, wo er anfangen und wo er enden soll. Ziemlich unvorsichtig, selbstverständlich nur unvorsichtig wirkte es auch, als er die Bemerkung fallen ließ, daß Julija Michailowna um das Ehegeheimnis Stawrogins gewußt und die ganze Intrige geleitet habe. In dieser Weise habe sie dann auch ihn, Pjotr Stepanowitsch, „hereingezogen“, weil er doch auch in diese arme Lisa verliebt war, und dabei habe sie ihn sogar so „gehandhabt“, daß er Lisa beinahe selbst im Wagen zu Stawrogin begleitet hätte.

„Ja, ja, meine Herren, Sie haben gut lachen, aber wenn ich nur gewußt hätte, wenn ich’s nur gewußt hätte, womit das alles enden würde!“ schloß er sein Gerede.

Auf verschiedene erregte Fragen nach Stawrogin erklärte er noch, und zwar mit unerschütterlicher Bestimmtheit, daß die ganze Katastrophe mit den Lebädkins bloß ein reiner Zufall wäre: schuld an ihr sei einzig und allein Lebädkin selbst, da er das erhaltene Geld offen in den Kneipen gezeigt hatte. Das setzte er ganz besonders gut auseinander.

Einer der Zuhörer bemerkte darauf, daß er sich vergeblich „verstelle“, daß er im Hause Julija Michailownas gegessen, getrunken und fast schon geschlafen habe, nun aber sie als erster verleumde – was doch wohl nicht gerade so schön sei, wie er zu glauben scheine.

Doch Pjotr Stepanowitsch verteidigte sich sofort:

„Ich habe nicht deswegen dort gegessen und getrunken, weil ich kein Geld für meine Kost ausgeben wollte, und kann nichts dafür, daß man mich immer eingeladen hat. Im übrigen erlauben Sie mir wohl, selbst zu beurteilen, wie viel Dankbarkeit ich dafür jemandem schuldig bin.“

Der Eindruck, den seine langen, krausen Reden machten, war im allgemeinen für ihn durchaus vorteilhaft. „Mag er auch nicht von weitem her sein,“ meinte man im allgemeinen, denn einige in dem Kreise hielten ihn in der Tat nur für einen unbedeutenden Studenten oder für nicht sehr viel mehr, „aber was kann er denn für Julija Michailownas Dummheiten? Im Gegenteil, jetzt stellt es sich ja heraus, daß er sie noch zurückgehalten hat ...“

Plötzlich, noch während er bei Gaganoff war, bald nach zwei Uhr, kam die Nachricht, daß Stawrogin, über den so viel geredet wurde, mit dem Mittagszuge nach Petersburg abgereist sei. Diese Kunde überraschte alle nicht wenig und erregte neue Dispute; viele runzelten die Stirn. Pjotr Stepanowitsch war so betroffen, daß, wie man erzählt, sein ganzes Gesicht sich veränderte und er sonderbar ausrief: „Wer hat ihn denn fortlassen können?“ Und er verließ sogleich die Gesellschaft. Aber man hat ihn an diesem Tage noch in drei oder vier anderen Häusern gesehen.

In der Dämmerstunde gelang es ihm endlich, wenn auch erst nach vieler Mühe, zu Julija Michailowna, die nichts mehr von ihm wissen wollte, vorzudringen. Von dieser ihrer Begegnung erfuhr ich erst drei Wochen später, und zwar von Julija Michailowna selbst, – es war kurz vor ihrer Abreise nach Petersburg: sie teilte mir allerdings nichts Näheres mit, sondern bemerkte nur zusammenschaudernd, er hätte sie damals „über alle Maßen in Erstaunen versetzt“. Ich nehme an, daß er ihr einfach gedroht hat, sie als Helfershelferin anzuzeigen, wenn es ihr einfiele, irgend etwas zu „sagen“. Die Notwendigkeit aber, sie einzuschüchtern, war mit seinen damaligen Absichten, die sie natürlich nicht kannte, eng verbunden, und erst später, nach fünf Tagen, erriet sie, warum er ihrem Schweigen noch nicht getraut und sich vor neuen Ausbrüchen ihres Unwillens gefürchtet hatte.

Es war gegen acht Uhr abends und schon ganz dunkel, als am Rande der Stadt, in einem kleinen, schiefen Häuschen, in dem der Fähnrich Erkel wohnte, die Unsrigen sich versammelten. Diese Zusammenkunft der „Fünf“ war von Pjotr Stepanowitsch selbst angesagt worden, er aber, der präsidieren sollte, verspätete sich unverzeihlich: die fünf warteten schon über eine Stunde auf ihn. Der junge Erkel war derselbe Fähnrich, der an jenem Abend bei Wirginski die ganze Zeit mit einem Bleistift in der Hand und einem Notizbuch vor sich stumm dagesessen hatte. Er war vor nicht langer Zeit bei uns eingetroffen, hatte sich in einer stillen Gasse am Rande der Stadt bei zwei alten Schwestern aus dem Bauernstande eingemietet und sollte schon bald wieder wegreisen. Bei ihm nun war es wohl am unauffälligsten, sich zu versammeln. Dieser sonderbare Junge zeichnete sich durch eine ganz außergewöhnliche Schweigsamkeit aus: er konnte zehn Abende in lustiger Gesellschaft und bei den ungewöhnlichsten Gesprächen zubringen, ohne selbst ein Wort zu sprechen, und bloß mit seinen großen Kinderaugen aufmerksam die Sprechenden beobachten und ihnen zuhören. Sein Gesicht war reizend und sogar durchaus nicht dumm. Zur „Fünf“ gehörte er zwar nicht, doch die anderen glaubten, er hätte irgendwelche besonderen Aufträge. Jetzt weiß man, daß er überhaupt keine Aufträge gehabt hat und vielleicht selbst nicht einmal seine Stellung zu den anderen begriff. Er richtete sich einfach in allen Dingen nach Pjotr Stepanowitsch, den er erst vor kurzem kennen gelernt hatte. Ich glaube, wenn er statt seiner irgendein Monstrum kennen gelernt hätte und von diesem unter irgendeinem sozial-romantischen Vorwande überredet worden wäre, eine Räuberbande zu gründen und zur Kraftprobe irgendeinen ersten Besten zu ermorden und zu bestehlen – er hätte es getan, er wäre hingegangen und hätte den ersten Besten ermordet und bestohlen. Er besaß noch irgendwo eine kranke Mutter, der er die Hälfte seines armseligen Gehaltes zuschickte, – wie muß die wohl dieses blonde Köpfchen ihres Einzigen geküßt, wie für ihn gezittert, wie für ihn gebetet haben! Ich erzähle so viel von ihm, weil er mir so leid tut.

Die Versammelten waren sehr erregt. Die Ereignisse der letzten Nacht hatten sie doch betroffen gemacht, und ich glaube, ihnen war sogar recht bange geworden. Der simple, wenn auch systematisch vorbereitete Skandal, an dem sie bis jetzt so eifrig Anteil genommen, hatte sich plötzlich auf eine für sie ganz unerwartete Weise entladen. Der Brand, die Ermordung der Lebädkins, die Wut des Volkes auf Lisa und deren Tod – das waren lauter Überraschungen, die sie in ihrem Programm nicht vorgesehen hatten. Erregt warfen sie der sie lenkenden Hand Despotismus und Unaufrichtigkeit vor, und, während sie nun auf Pjotr Stepanowitsch warteten, redeten sie sich so in Hitze, daß sie zum Schluß beschlossen, endgültig eine kategorische Erklärung von ihm zu verlangen; sollte er aber auch diesmal eine Antwort umgehen wollen, so wollte man die „Fünf“ einfach auflösen und an ihrer Stelle einen neuen geheimen Verband zur „Propaganda der Idee“ gründen – jetzt aber von sich aus und auf wirklich gleichberechtigenden und demokratischen Grundsätzen. Liputin, Schigaleff und der Volkskenner unterstützten besonders diesen Gedanken. Lämschin schwieg, doch sah er einverstanden aus. Wirginski war noch unentschlossen und wollte erst noch Pjotr Stepanowitsch anhören. Und so kam denn der Beschluß zustande, nach dem man zuerst Pjotr Stepanowitsch noch einmal vernehmen sollte. Dieser aber kam noch immer nicht; eine solche Vernachlässigung trug entschieden nicht zur Beruhigung der Gemüter bei. Erkel schwieg natürlich und reichte bloß den Tee herum, den er persönlich von den beiden Schwestern in Gläsern auf einem Teebrett brachte, da er das Dienstmädchen nicht hereinlassen wollte und auch den Samowar nicht im Zimmer aufstellen ließ.

Endlich erschien Pjotr Stepanowitsch. Es war schon neun Uhr. Er trat mit schnellen Schritten an den runden Tisch vor dem Sofa, an dem die Gesellschaft Platz genommen hatte, behielt die Mütze in der Hand und für Tee dankte er. Er sah böse, streng und hochmütig aus. Offenbar hatte er den Gesichtern sofort angemerkt, daß man „rebellierte“.

„Bevor ich meinen Mund aufmache, bringen Sie Ihre Sachen vor. Scheinen ja so was zu beabsichtigen,“ bemerkte er mit einem bösen Spottlächeln, während seine Augen über die Physiognomien glitten.

Da begann Liputin „im Namen aller“ und erklärte mit einer Stimme, der man das Gekränktsein anhörte, daß man, wenn man so fortfahren wollte, um seinen eigenen Kopf spielte. Oh, nicht, daß sie sich fürchteten, nein, durchaus nicht, und sie seien sogar zu allem bereit, jedoch nur für die allgemeine Sache! (Bewegung und Zustimmung der anderen.) Darum soll man aber aufrichtig zu ihnen sein, damit sie im voraus Bescheid wüßten, denn „wohin soll das sonst führen?“ (wieder zustimmende Bewegung und ein paar dumpfe Kehllaute). So zu handeln sei aber erniedrigend und gefährlich ... Nicht, daß man sich fürchte, wie gesagt, aber wenn nur ein einziger handeln wolle und die anderen bloß gehorchen müßten, so könne zum Beispiel dieser eine lügen und die anderen fielen dann alle „wie die Tölpel herein“, (Ausrufe: ja, ja! Allgemeine Zustimmung.)

„Zum Teufel, was wollen Sie denn?“

„Was für eine Beziehung haben die Intrigen des Herrn Stawrogin zu der allgemeinen Sache?“ brauste Liputin auf. „Mag er da meinetwegen auf irgendeine geheimnisvolle Weise zur Zentrale gehören, – wenn nur diese phantastische Zentrale überhaupt existiert! – Das ist es, was wir wissen wollen! Und währenddessen wird ein Mord begangen, die Polizei aufgeweckt – und nach dem Faden kann man bis zum Knäuel gehen.“

„Sie werden mit diesem Stawrogin schon hereinfallen, und wir gleichfalls,“ fügte der Volkskenner hinzu.

„Und ganz unnütz für die allgemeine Sache,“ schloß Wirginski wehmütig.

„Welch ein Blödsinn! Dieser Mord ist ein Zufall, von Fedjka begangen, um zu rauben.“

„Hm! Ein merkwürdiges Zusammentreffen,“ meinte Liputin gewunden.

„Aber wenn Sie wollen, so sind gerade Sie daran schuld.“

„Wieso ich?“

„Ja, gerade Sie. Erstens haben Sie selbst an dieser Intrige teilgenommen, und zweitens, die Hauptsache, Ihnen war befohlen, Lebädkin fortzuschicken, das Geld hatten Sie schon erhalten – was aber taten Sie? Wenn Sie ihn fortgeschickt hätten, wäre nichts passiert.“

„Was? Aber waren denn Sie es nicht selbst, der die Idee gab, daß es nicht übel wäre, wenn man ihn das Gedicht vorlesen ließe?“

„Eine Idee ist kein Befehl. Der Befehl war: abschicken!“

„Befehl! Ein etwas sonderbarer Ausdruck ... Nein, im Gegenteil, Sie befahlen ja gerade, das Abschicken aufzuschieben.“

„Sie haben sich getäuscht und nichts als Dummheit und Eigenmächtigkeit gezeigt. Der Mord aber ist Fedjkas Sache, und der hat ihn aus keinem anderen Grunde begangen, als dem, zu rauben. Sie hören bloß, daß man so redet, und schon glauben Sie alles aufs Wort! Haben ja einfach Angst bekommen! Stawrogin ist nicht so dumm, und der Beweis – er ist um zwölf Uhr mittags nach einer Aussprache mit dem Vizegouverneur fortgefahren: wenn etwas derartiges gewesen wäre, so hätte man ihn nicht am hellichten Tage nach Petersburg reisen lassen!“

„Aber wir behaupten ja gar nicht, daß Herr Stawrogin selber ermordet hat!“ versetzte Liputin bissig und schon ohne Zurückhaltung. „Er hat sogar überhaupt nichts davon wissen können, ganz so wie ich; Sie aber wissen nur zu gut, daß ich von nichts wußte, wenn ich auch gleichzeitig selber wie ein Schaf in den Kessel kroch!“

„Wen beschuldigen Sie denn?“ fragte Pjotr Stepanowitsch und sah ihn finster an.

„Ja, eben dieselben, die es nötig haben, Städte in Brand zu stecken.“

„Das Dümmste ist dabei, daß Sie sich herauszureden suchen. Übrigens, wollen Sie nicht so freundlich sein, das durchzulesen und dann den anderen zu zeigen. Nur zur Kenntnisnahme.“ Mit diesen Worten zog er Lebädkins Brief an Lembke aus der Tasche und reichte ihn Liputin. Der las den Brief augenscheinlich erstaunt durch und reichte ihn dann nachdenklich dem nächsten. Der Brief machte schnell die Runde um den Tisch.

„Ist das aber auch wirklich Lebädkins Handschrift?“ erkundigte sich Schigaleff.

„Ja, es ist seine Handschrift,“ bestätigten Liputin und Tolkatschenko (der Volkskenner).

„Ich zeigte ihn nur zur Kenntnisnahme, und da ich wußte, daß Sie sich Lebädkins Tod so zu Herzen nehmen,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, indem er den Brief wieder zu sich steckte. „Auf diese Weise hat uns nun Fedjka vollkommen zufällig von einem sehr gefährlichen Menschen befreit. So kann einem manchmal der Zufall zustatten kommen! Lehrreich, nicht wahr?“

Die fünf tauschten schnell vielsagende Blicke aus.

„Jetzt aber, meine Herren, ist die Reihe an mir, zu fragen,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, und nahm eine steifere Haltung an. „Gestatten Sie mir, Sie zu fragen, aus welchem Grunde Sie ohne Erlaubnis die Stadt in Brand gesteckt haben?“

„Wa–as! Was heißt das? Wir die Stadt in Brand gesteckt? Der Kerl ist wohl krank!“ ertönten erregte Ausrufe in der Runde.

„Ich verstehe ja, Sie waren schon zu sehr in Schwung gekommen,“ fuhr Pjotr Stepanowitsch unbeirrt fort, „aber so etwas ist doch nicht mehr ein Skandälchen mit Julija Michailowna. Ich habe Sie, meine Herren, hierhergerufen, um Ihnen die Größe der Gefahr zu zeigen, einer Gefahr, die Sie sich so dumm auf den Hals geladen haben und die jetzt außer Ihnen noch so viele andere bedroht.“

„Erlauben Sie, wir wollten gerade Sie auf diesen Grad von Despotismus, mit dem man hinter dem Rücken der Mitglieder eine so ernste und zugleich so sonderbare Maßregel getroffen hat, aufmerksam machen,“ sagte fast unwillig der bis dahin schweigsame Wirginski.

„Sie leugnen also? Ich aber behaupte, daß Sie die Stadt in Brand gesteckt haben, Sie allein, meine Herren, und sonst niemand. Meine Herren, leugnen Sie es nicht, ich bin genau unterrichtet. Mit Ihrer eigenmächtigen Handlung haben Sie sogar die allgemeine Sache der Gefahr ausgesetzt. Sie sind hier nur ein einziger kleiner Knoten in einem riesigen Netz, und sind der Zentrale blinden Gehorsam schuldig. Währenddessen haben aber drei von Ihnen die Spigulinschen zur Brandstiftung überredet, ohne dazu auch nur die geringste Instruktion zu haben.“

„Welche drei? Wer das? Welche drei von uns?“

„Vorgestern haben Sie, Tolkatschenko, gegen vier Uhr nachts Fomka Sawjäloff in der Kneipe ‚Zum Vergißmeinnicht‘ zur Brandstiftung beredet.“

„Aber hören Sie mal!“ rief dieser aufspringend. „Ich habe ihm kaum ein Wort gesagt, ja, und selbst das ganz absichtslos, ganz einfach, nur so, weil man ihn mit den anderen am Morgen geprügelt hatte! Und ich ließ es gleich wieder bleiben, da ich sah, daß er doch zu betrunken war. Hätten Sie mich jetzt nicht daran erinnert, so würde ich es überhaupt ganz vergessen haben! Von diesem einen Worte konnte kein Brand entstehen!“

„Sie sind wie der Mann, der sich wundert, daß von einem einzigen kleinen Funken eine ganze Pulverfabrik in die Luft fliegt.“

„Ich habe es ihm in der Ecke und flüsternd ins Ohr gesagt ... Wie haben Sie das überhaupt erfahren können?“ fragte plötzlich Tolkatschenko, selbst ganz betroffen.

„Ich saß dort unterm Tisch. Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren, ich weiß jeden einzelnen Ihrer Schritte. Sie belieben hämisch zu lächeln, Herr Liputin? Ich weiß aber, zum Beispiel, daß Sie vorgestern um Mitternacht in Ihrem Schlafzimmer Ihre Frau gekniffen haben.“

Liputin blieb der Mund offen und er wurde blaß.

(Später stellte es sich heraus, daß Pjotr Stepanowitsch von dieser nächtlichen Heldentat Liputins durch dessen Magd Agafja, der er von Anfang an für Spionage Geld gezahlt hatte, unterrichtet worden war.)

„Dürfte ich eine Tatsache konstatieren?“ fragte plötzlich Schigaleff, sich vom Stuhl erhebend.

„Konstatieren Sie.“

Schigaleff setzte sich und sammelte seine Gedanken.

„Soweit ich verstanden habe, und man kann ja da gar nichts mißverstehen, haben Sie selbst in der ersten Zeit und später noch einmal äußerst beredt – wenn auch gar zu theoretisch – von Rußland ein Bild entworfen, nach dem es von einem endlosen Netz von Fünfergruppen bedeckt ist. Jede der tätigen Gruppen hat, indem sie Proselyten macht und sich ins Endlose verzweigt, die Aufgabe, mit systematisch sich ausbreitender Propaganda das Ansehen der Regierung und ihrer Vertreter zu untergraben, in den Dörfern Zweifel, Zynismus, Skandale, volle Glaubenslosigkeit um jeden Preis zu verbreiten, was dann alles die Sehnsucht nach einem besseren Zustande hervorrufen soll, und schließlich mit Brandstiftungen, als dem volkstümlichsten Mittel, das Land im vorgeschriebenen Moment, wenn’s nicht anders geht, selbst ins Verderben zu stürzen. – Sind das Ihre Worte, die buchstäblich zu behalten ich mich bemüht habe? Ist das Ihr Programm, das Sie in der Eigenschaft eines von dem Zentralkomitee Bevollmächtigten uns mitgeteilt haben? eines zentralen, aber für uns bis jetzt vollkommen unbekannten und nahezu phantastischen Komitees?“

„Allerdings, nur könnten Sie sich kürzer fassen.“

„Jeder hat das Recht, so zu sprechen, wie er spricht. Indem Sie uns zu verstehen geben, daß es solcher einzelnen Knotenpunkte eines großen Netzes, das ganz Rußland bedeckt, schon mehrere hundert gibt, und indem Sie die Voraussetzung entwickeln, daß, falls jede Gruppe ihre Sache erfolgreich macht, ganz Rußland zum festgesetzten Termin, auf das Signal ...“

„Ach, zum Teufel, auch ohne Sie hat man schon genug zu tun!“ fiel ihm Pjotr Stepanowitsch ungeduldig ins Wort und bewegte sich auf seinem Sessel.

„Gut, ich werde mich kürzer fassen und nur noch eine Frage stellen: wir haben doch schon mehrere Skandale hier gehabt, wir haben die Unzufriedenheit der Bevölkerung gesehen, wir waren anwesend und beteiligten uns bei dem Sturz der hiesigen Administration und, endlich, sahen wir mit eigenen Augen den Brand. Womit sind Sie nun unzufrieden? Ist das nicht Ihr Programm? Und wessen können Sie uns beschuldigen?“

„Der Eigenmächtigkeit!“ schrie Pjotr Stepanowitsch jähzornig auf. „Solange ich hier bin, haben Sie nicht das Recht, ohne meine Erlaubnis zu handeln. Basta! Jetzt ist die Anzeige bereits fertig und vielleicht morgen oder heute Nacht schon wird man Sie alle verhaften. Da haben Sie es jetzt! Ich weiß es genau.“

Nun blieben schon alle Münder offen.

„Man wird Sie nicht nur als Brandstifter verhaften, sondern als ‚Fünf‘! Dem Denunzianten ist das ganze Geheimnis des Netzes bekannt. Sehen Sie jetzt, was Sie da angerichtet haben!“

„Bestimmt Stawrogin!“ rief Liputin plötzlich.

„Wie ... warum Stawrogin?“ Pjotr Stepanowitsch stockte gleichsam. „Nein –“ er faßte sich sofort wieder „– es ist Schatoff! Ich nehme an, Sie wissen alle, daß Schatoff seinerzeit auch zu uns gehörte. Ich muß gestehen, daß ich, der ich ihn von Personen, denen er vertraute, habe beobachten lassen, zu meinem Erstaunen erfahren mußte, daß ihm sogar die ganze weitere Einrichtung des Netzes kein Geheimnis ist, und daß er ... mit einem Wort – alles weiß. Um sich nun von der Beschuldigung der früheren Teilnahme zu befreien, will er jetzt alle anzeigen. Bis gestern schwankte er vielleicht noch und ich schonte ihn. Jetzt aber haben Sie ihm mit dieser Brandstiftung den letzten Stoß versetzt: jetzt ist er erschüttert, aufgebracht, entschlossen. Morgen werden wir alle verhaftet ... als Brandstifter und politische Verbrecher.“

„Ist das wahr? ... Wie kann Schatoff das wissen? ...“

Die Aufregung war unbeschreiblich.

„Es ist vollkommen wahr. Ich habe nicht das Recht, Ihnen die Wege, auf denen ich alles erfahren habe, mitzuteilen. Nur eines kann ich für Sie tun: durch einen Menschen kann ich auf Schatoff so weit einwirken, daß er, ohne Verdacht zu schöpfen, die Denunziation noch aufschiebt, aber nur auf vierundzwanzig Stunden – länger geht es nicht. Mehr tun – kann ich nicht. Und so können Sie sich noch bis übermorgen früh sicher fühlen.“

Alle schwiegen.

„Ja – kann man ihn denn nicht zum Teufel schicken!“ schrie da als erster Tolkatschenko.

„Hätte man schon längst tun sollen!“ rief Lämschin und schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Aber wie?“ brummte Liputin.

Pjotr Stepanowitsch griff sofort diese Frage auf und setzte seinen Plan auseinander. Der bestand darin, Schatoff zur Abgabe der versteckten Setzmaschine an den einsamen Ort zu locken, wo sie vergraben war, morgen bei Anbruch der Nacht, und dann – „dort schon das Nötige zu erledigen“. Pjotr Stepanowitsch erging sich in vielen wesentlichen Einzelheiten, die ich jetzt übergehe, und setzte noch einmal umständlich das uns schon bekannte Verhältnis Schatoffs zur Zentrale auseinander.

„Das ist schon so,“ bemerkte Liputin etwas unsicher, „aber nun wieder ... ein neuer Fall von derselben Art ... ob das nicht doch zu auffallend sein wird ...“

„Allerdings,“ bestätigte Pjotr Stepanowitsch, „aber auch das ist vorgesehen. Wir haben ein Mittel, den Verdacht vollständig abzulenken.“

Und mit der vorigen Ausführlichkeit erzählte er von Kirilloff, von dessen Absicht, sich zu erschießen, und daß er versprochen habe, mit dem Selbstmord bis zur bestimmten Zeit zu warten, und obendrein noch einen Brief, in dem er alles auf sich nahm, was man ihm in die Feder diktierte, zu hinterlassen.

„Seine feste Absicht, sich das Leben zu nehmen – sie ist philosophisch, doch meiner Meinung nach einfach verrückt –, wurde dort bekannt,“ fuhr Pjotr Stepanowitsch fort zu erklären. „Dort aber verliert man weder ein Haar noch ein Stäubchen umsonst, alles wird zum Nutzen der allgemeinen Sache verwandt. Da man den Nutzen, den er damit bringen konnte, sofort einsah und sich überzeugte, daß sein Vorsatz unerschütterlich war, so gab man ihm das Geld zur Rückreise nach Rußland (aus irgendeinem Grunde wollte er nur in Rußland sterben), gab ihm einen Auftrag, den zu erfüllen er auf sich nahm (was er auch getan hat), und außerdem verpflichtete man ihn zu dem besagten Versprechen, sich erst dann zu erschießen, wenn man ihm das Signal geben würde. Er versprach alles. Und nicht zu vergessen, daß er aus ganz besonderen Gründen der Sache angehört und selbst wünscht, ihr nützlich zu sein. Mehr darf ich Ihnen nicht mitteilen. Morgen, nach Schatoff, werde ich ihm den Brief diktieren, daß er Schatoff umgebracht hat. Das wird sehr glaublich erscheinen: sie waren beide Freunde, fuhren zusammen nach Amerika, dort haben sie sich entzweit, und das wird alles im Brief erklärt werden ... und ... und ich glaube, je nach den Umständen, wird man ihm vielleicht noch einiges diktieren können, zum Beispiel, was die Proklamationen betrifft, und vielleicht teilweise auch den Brand. Übrigens, darüber werde ich noch nachdenken. Beruhigen Sie sich, er hat keine Vorurteile: er unterschreibt alles.“

Trotzdem wurden einige Zweifel laut. Die Geschichte erschien doch zu phantastisch. Von Kirilloff hatten alle schon mehr oder weniger gehört. Liputin natürlich am meisten.

„Plötzlich kann er aber nachdenken und nicht mehr wollen,“ sagte Schigaleff, „denn so oder so, wie man’s auch nimmt, er ist doch nun einmal verrückt, also kann man da gar nicht sicher sein.“

„Seien Sie unbesorgt, er wird wollen,“ schnitt Pjotr Stepanowitsch kurz ab. „Nach jener Abmachung bin ich verpflichtet, ihn am Vorabend zu benachrichtigen, also heute noch. Ich würde vorschlagen, daß Liputin mit mir zu ihm geht und sich selbst überzeugt und Ihnen dann mitteilt – er kann ja von dort hierher zurückkehren –, ob ich die Wahrheit gesagt habe, oder nicht. Übrigens,“ brach er plötzlich ab, maßlos gereizt und hochmütig, als ob er diesen Leuten schon zuviel Ehre antat, wenn er sich in dieser Weise mit ihnen abgab, „übrigens, machen Sie, was Sie wollen. Wenn Sie sich nicht entschließen, so ist der Bund zerrissen – und zwar einzig wegen Ihres Ungehorsams und Verrats. So sind wir denn von diesem Augenblick an getrennt – ein jeder für sich. Doch vergessen Sie nicht, daß Sie sich in diesem Fall, außer der Schatoffschen Anzeige und deren Folgen, noch eine andere kleine Unannehmlichkeit zuziehen, die Ihnen bei der Gründung Ihrer Gruppe bestimmt und unmißverständlich erklärt wurde, wessen Sie sich wohl noch erinnern werden. Was mich betrifft, meine Herren, so fürchte ich Sie nicht gerade sonderlich ... Aber denken Sie nur nicht, daß ich mich mit Ihnen gar so eng verbunden fühle ... Übrigens, das ist ja gleichgültig.“

„Nein, wir entschließen uns,“ erklärte Lämschin.

„Einen anderen Ausweg gibt es nicht,“ murmelte Tolkatschenko, „und wenn Liputin uns das von Kirilloff bestätigt, so ...“

„Ich bin dagegen! Ich protestiere mit allem, was mir heilig ist, gegen einen solchen blutigen Entschluß!“ rief Wirginski, plötzlich aufstehend.

„Aber?“ fragte Pjotr Stepanowitsch.

„Was ‚aber‘?“

„Sie sagten ‚aber‘ ... und ich warte.“

„Ich glaube, ich sagte nicht ‚aber‘ ... Ich wollte nur sagen, daß, wenn man sich dazu entschließt, so ...“

„So?“

Wirginski verstummte.

„Ich denke, man kann sich über die eigene Lebensgefahr hinwegsetzen,“ sagte plötzlich Erkel, der jetzt zum erstenmal den Mund auftat, „– wenn das aber der allgemeinen Sache schaden kann, so, denke ich, darf man es nicht mehr wagen ... sich über die eigene Lebensgefahr hinwegzusetzen ...“

Er verwirrte sich und wurde rot. Wie beschäftigt auch ein jeder mit sich selbst war, sie blickten ihn doch alle erstaunt an – dermaßen unerwartet kam es, daß auch er einmal sprach.

„Ich bin für die allgemeine Sache,“ sagte plötzlich Wirginski leise.

Alle erhoben sich von den Plätzen. Es wurde beschlossen, einander am nächsten Tage um die Mittagszeit noch einmal zu benachrichtigen, ohne daß sich alle zu versammeln brauchten, und dann alles endgültig festzusetzen. Die Stelle, wo die Setzmaschine vergraben war, wurde mitgeteilt, und jedem seine Rolle und seine besondere Aufgabe eingeschärft. Darauf begaben sich Liputin und Pjotr Stepanowitsch, ohne Zeit zu verlieren, zu Kirilloff.

II.
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