VII.

Zwölftes Kapitel.
Bei den Unsrigen

I.

Wirginski wohnte in seinem eigenen Hause, oder richtiger, in dem seiner Frau. Es war ein einstöckiges Holzgebäude, das keine anderen Mieter hatte. Unter dem Vorwande, daß der Hausherr seinen Namenstag feiern wolle, versammelten sich an diesem Abend bei ihm ungefähr fünfzehn Gäste, doch glich die kleine Abendgesellschaft sehr wenig den bei uns in der Provinz üblichen „Geburtstagsgesellschaften“. Das Ehepaar Wirginski war schon gleich zu Anfang seiner Ehe darin übereingekommen, daß „Geburtstage feiern“ furchtbar dumm sei: es sei doch durchaus kein Grund vorhanden, sich an solchen Tagen besonders zu freuen! Und da sie diesen Grundsatz schließlich auch auf alle anderen Festtage übertrugen, so war es ihnen schon in ein paar Jahren gelungen, ohne jeden Verkehr zu leben. Wirginski kam zudem den Leuten wirklich nur wie ein Sonderling vor, der bloß die Einsamkeit liebte und zum Überfluß noch „anmaßend“ erschien – warum „anmaßend“, das weiß ich allerdings nicht. Frau Wirginski aber stand, da sie Hebamme war, gesellschaftlich sowieso sehr niedrig – und hinzu kam dann noch ihr dummes und unverzeihlich offenes Verhältnis zu dem „Hauptmann“ Lebädkin, das sie eigentlich nur „aus Prinzip“ begonnen hatte. Nachdem dieses Verhältnis bekannt geworden war, wandten sich selbst unsere nachsichtigsten Damen mit deutlicher Verachtung von ihr ab. Frau Wirginskaja aber tat noch, als hätte sie gerade das nötig und wünsche es selber so. Bemerkenswert ist jedoch, daß dieselben strengdenkenden Damen sich in gewissen Fällen nur und ausschließlich an sie wandten, obgleich wir noch drei andere Hebammen in der Stadt hatten. Man schickte sogar aus den Kreisstädten nach Arina Prochorowna: so anerkannt und allgemein bekannt waren ihre Kenntnisse, war ihr Glück und ihre Geschicktheit in ihrem Beruf. Daher kam es denn ganz von selbst, daß sie ihre Praxis nur in den reichsten Häusern hatte: denn Geld liebte sie bis zur Habgier. Nachdem sie erst einmal ihre Macht erkannt hatte, tat sie auch ihrem Charakter keinen Zwang mehr an. Unser Stabsarzt Rosanoff beteuerte, daß Arina Prochorowna gerade in den Augenblicken, wenn ihre schwachnervigen Patientinnen alles Heilige anzurufen pflegen, plötzlich „wie ein Flintenschuß“ mit einer unerhörten Blasphemie herausfahre, die dann gewöhnlich entscheidend auf die armen Frauen wirke. Übrigens vergaß Arina Prochorowna, wenn sie sonst auch Nihilistin war, doch nie gewisse alte Bräuche, die ihr etwas einbrachten. So hätte sie zum Beispiel für keinen Preis die Taufe des von ihr empfangenen Erdenbürgers versäumt: dann erschien sie stets in einem grünen Seidenkleide, das sogar eine Schleppe hatte, und mit eingelegten Locken, während sie sich sonst unglaublich nachlässig kleidete. Und wenn sie auch sonst unentwegt, ja sogar während der Erfüllung des Wunders der Geburt, ihre Frechheit zum Entsetzen aller Anverwandten bewahrte, so trug sie doch nach der Taufe sehr sittsam und eigenhändig den Champagner herein (nur zu dem Zweck erschien sie und putzte sie sich heraus) und dann hätte es einer nur versuchen sollen, ihr, nachdem er einen Pokal genommen, nicht das übliche Taufschmausgeld auf den Teller zu legen!

Die Gesellschaft – fast nur Herren –, die sich diesmal bei Wirginski versammelt hatte, nahm sich eigentlich recht sonderbar aus. Es gab weder Imbiß noch Karten. Im großen Gastzimmer, das schon seit undenklich langer Zeit immer ein und dieselben alten blauen Tapeten hatte, waren zwei Tische zusammengerückt und mit einem großen, nicht einmal ganz sauberen Tischtuch bedeckt. Auf ihnen kochten zwei Samoware und stand ein riesiges Teebrett mit fünfundzwanzig Gläsern, sowie ein flacher Korb mit gewöhnlichem Weißbrot, das wie in Pensionen für junge Mädchen oder Knaben in viele, viele gleiche Stücke geschnitten war. Den Tee goß die Schwester der Hausfrau ein – ein dreißigjähriges, hochblondes Fräulein, ohne Augenbrauen, sonst schweigsam, aber tödlich boshaft –, eine Dame, die gleichfalls die „neuesten Anschauungen“ teilte und vor der Wirginski in seinem eigenen Hause zitterte. Außer der Hausfrau und ihrer augenbrauenlosen Schwester war noch ihre Schwägerin anwesend: Fräulein Wirginskaja, die gerade aus Petersburg eingetroffen war. Arina Prochorowna (Wirginskis Frau), an sich eine nicht häßliche Frau von siebenundzwanzig Jahren, saß, in einem wollenen Alltagskleide von grünlicher Farbe, am oberen Tischende und betrachtete die Gäste mit einem Blick, als wollte sie sagen: „Seht, wie ich mich vor nichts fürchte!“ Wirginskis Schwester, die gleichfalls nicht häßlich aussah, dabei Studentin und Nihilistin, war rotwangig und rundlich wie ein kleiner Ball: sie saß halbwegs noch in ihren Reisekleidern neben Arina Prochorowna, mit irgendeiner Papierrolle in der Hand, und sah sich mit ungeduldigen, springenden Blicken die Gäste an. Wirginski fühlte sich an diesem Abend nicht ganz wohl, doch hatte er sich trotzdem in einem Lehnstuhl an den Teetisch gesetzt. Die Gäste saßen auf Stühlen um den ganzen Tisch herum, und in dieser steifen Gruppierung lag etwas, was nicht an ein Fest, sondern an eine Sitzung erinnerte. Ganz ersichtlich erwarteten alle irgend etwas, und wenn sie auch über alles mögliche laut miteinander sprachen, so merkte man doch sofort, daß es Nebensachen waren, die eigentlich niemanden interessierten: es war ein künstliches, gezwungenes Gespräch.

Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, verstummten plötzlich alle.

Zur besseren Übersicht werde ich wohl einige weitläufigere Erklärungen geben müssen.

Ich glaube, wie gesagt, daß sich damals alle in der angenehmen Hoffnung, etwas ganz besonders Interessantes zu erfahren, eingefunden hatten. Sie gehörten sämtlich zu den knallrotesten Liberalen unserer Stadt und waren von Wirginski zu dieser „Sitzung“ sorgfältigst ausgesucht worden. Einige von ihnen waren noch nie bei Wirginski gewesen und hätten ihn auch sonst bestimmt nicht mit ihrem Besuche beehrt. Natürlich hatte die Mehrzahl der Gäste keine rechte Vorstellung davon, was eigentlich geschehen sollte: sie alle hielten damals Pjotr Stepanowitsch für einen vom ausländischen Verbande geschickten Auskundschafter, dem bestimmte Vollmachten gegeben worden waren – eine Ansicht, die sich sofort und ganz plötzlich festgesetzt hatte und ihnen ungeheuer schmeichelte. Währenddessen aber gab es auch unter den versammelten Gästen einige, denen bereits ganz bestimmte Vorschläge gemacht worden waren. Pjotr Werchowenski war es inzwischen schon gelungen, bei uns eine ähnliche „Fünf“ zu gründen, wie er es in Moskau getan hatte – und außerdem noch eine, wie es sich jetzt erwiesen hat, in der Kreisstadt, unter den Offizieren. Es heißt sogar, daß er noch eine dritte im H–schen Gouvernement zustande gebracht habe. Die fünf Auserwählten saßen jetzt am großen Tisch und verstanden es vorzüglich, sich den Anschein der harmlosesten Leute zu geben. Es waren das – da es heute kein Geheimnis mehr ist – erstens: Liputin und Wirginski, dann dessen Schwager mit den trauernden Ohren, Schigaleff, ferner Lämschin und ein gewisser Tolkatschenko, ein sonderbarer Mensch, etwa vierzig Jahre alt, und bekannt wegen seiner Studien, die er am Volk, hauptsächlich an Spitzbuben und Banditen machte, und der absichtlich zu diesem Zweck (das heißt, nicht gerade ausschließlich zu diesem Zweck) in den schmutzigsten Schenken verkehrte und auch unter uns sich in schlechten Kleidern, Schmierstiefeln und Kernausdrücken am besten gefiel. Ein oder zweimal hatte ihn Lämschin auch zu Stepan Trophimowitsch mitgebracht, wo er jedoch nicht besonders gut abschnitt. In der Stadt erschien er gewöhnlich nur zeitweilig, meistens dann, wenn er wieder einmal ohne Stellung war. Diese fünf nun befanden sich in dem festen Glauben, eine „Fünf“ zu bilden – eine unter hunderten, tausenden gleicher „Fünfer-Gruppen“, die angeblich über ganz Rußland verstreut und alle von irgendeiner mächtigen „Zentrale“ abhängig waren, welche wiederum ihrerseits mit der europäischen Revolutionsbewegung verbunden sein sollte. Nur muß ich zu meinem Bedauern hinzufügen, daß sogar schon damals Uneinigkeit zwischen ihnen herrschte. Die Sache war nämlich die, daß sie, die schon seit dem Frühling Pjotr Werchowenski erwarteten, der ihnen zuerst von Tolkatschenko und dann von Schigaleff angekündigt worden war, nun, als er endlich erschien, sofort auf seinen ersten Wink hin den von ihm geplanten Kreis oder die „Gruppe“ gebildet hatten: kaum aber hatten sie sich zu ihrer „Fünf“ zusammengeschlossen, als sie sich auch alle ohne Ausnahme irgendwie dadurch gekränkt fühlten, daß sie es getan hatten – so schnell und ohne weitere Erwägung, im Grunde wohl nur deshalb, damit man von ihnen nicht sagen könne, sie hätten es nicht gewagt! Vor allem, so empfanden sie, hätte Pjotr Werchowenski ihre edle Heldentat doch auch wirklich schätzen und ihnen nun zur Belohnung wenigstens irgendein Hauptgeheimnis mitteilen müssen. Werchowenski aber dachte nicht einmal daran, ihre gerechte Neugier zu befriedigen, und erzählte so gut wie gar nichts, behandelte sie im Gegenteil mit Strenge und andererseits wiederum fast mit Nachlässigkeit. Das aber reizte natürlich die „Fünf“, und einer von ihnen, Schigaleff, stachelte denn auch schon die anderen auf, von ihm einen „Rechenschaftsbericht“ zu fordern, allerdings nicht gleich heute bei Wirginski, denn dort gab es zu viele Fremde ...

Was aber diese Fremden betrifft, so glaube ich, daß die vorhin genannten Glieder der ersten „Fünf“ geneigt waren, an jenem Abend bei Wirginski unter den Gästen noch andere Mitglieder anderer „Gruppen“, von denen sie nichts wußten und die derselbe Werchowenski vielleicht geheimnisvoll organisiert hatte, zu vermuten. So kam es denn, daß zu guter Letzt sich alle Gäste gegenseitig verdächtigten und ein jeder eine ganz besondere Haltung annahm, was denn der ganzen Versammlung etwas Irreführendes, ja zum Teil sogar Romantisches verlieh. Außerdem gab es da einen Major, einen vollkommen unschuldigen Menschen und nahen Verwandten Wirginskis, der uneingeladen zum Namenstage erschienen war. Der Hausherr beunruhigte sich nun freilich weiter nicht, denn der Major hätte „auf keine Weise denunzieren können“: trotz seiner Dummheit liebte es dieser Verwandte Wirginskis, dorthin zu gehen, wo es Liberale gab, doch nicht etwa, weil er deren Anschauungen teilte, sondern einfach, weil er ihnen gerne zuhörte. Und dazu war er selbst, von früher her, noch ein wenig kompromittiert: in seiner Jugend waren einmal ganze Lager revolutionärer Schriften durch seine Hände gegangen, und wenn er für seine Person sich auch gefürchtet hatte, sie auch nur aufzubinden, so würde er doch die Weigerung, die Gefälligkeit zu erweisen und sie zu verbreiten, für eine grenzenlose Gemeinheit gehalten haben – solche Russen gibt es nun einmal und sogar heute noch. Die übrigen Gäste gehörten entweder zu dem Typ der „zu Galle gewordenen gekränkten Eigenliebe“, oder zu dem des „ersten edlen Ausbruchs feuriger Jugend“. Da waren auch zwei oder drei Lehrer, von denen der eine – ein Lehrer am Gymnasium – lahm und schon fünfundvierzig Jahre alt war, ein ungewöhnlich boshafter und eitler Mensch, und zwei oder drei Offiziere. Zu den letzteren gehörte ein ganz junger Artillerist, ein Fähnrich, der erst vor ein paar Tagen aus einer Kriegsschule gekommen war, ein netter, schweigsamer Jüngling. Noch hatte er in der Stadt keine einzige Bekanntschaft gemacht, und schon saß er bei Wirginski im Kreise der Eingeladenen mit einem Bleistift in der Hand und machte sich von Zeit zu Zeit in sein Taschenbuch irgendwelche Notizen. Alle sahen das, doch alle taten aus irgendeinem Grunde, als bemerkten sie es nicht. Außerdem war ein herumbummelnder Seminarist anwesend, der Lämschin geholfen hatte, jene schändlichen Photographien in den Sack der Bibelverkäuferin zu stecken, ein großer Bursche mit ungezwungenem Benehmen, jedoch immer etwas argwöhnisch, und mit einem ewig alles besser wissenden Lächeln, dabei aber von dem ruhigen Gehaben der siegenden Vollkommenheit, die für ihn in seiner Person verkörpert war. Ferner war, ich weiß nicht, weshalb, noch der Sohn unseres Stadthauptes zugegen, ein schändlicher, früh verlebter junger Mann. Der schwieg aber fast nur. Und schließlich war da noch ein achtzehnjähriger Gymnasiast, der mit der finsteren Miene eines in seiner Würde gekränkten jungen Mannes da saß und augenscheinlich unter seinen achtzehn Jahren litt. Dieser Bengel war schon der „Chef“ einer Verschwörung der Oberprimaner, die sich, wie sich später zum allgemeinen Erstaunen herausstellte, im Gymnasium gebildet hatte, und zwar vollkommen selbständig. Beinahe hätte ich Schatoff vergessen, der am unteren Tischende saß, seinen Stuhl ein wenig aus der Reihe zurückgeschoben hatte, die ganze Zeit schwieg, auch für den Tee dankte, beständig zu Boden sah und seine Mütze nicht aus der Hand legte, als hätte er damit zu verstehen geben wollen, daß er nicht als Gast, sondern nur aus irgendwelchen sachlichen Gründen gekommen war, und, wenn es ihm einfiel, einfach aufstehen und fortgehen könne. Nicht weit von ihm hatte sich dann noch Kirilloff hingesetzt: dieser schwieg gleichfalls, doch sah er nicht zu Boden, sondern blickte im Gegenteil jedem, der da sprach, gerade ins Gesicht, mit seinem unbeweglichen, glanzlosen Blick, und hörte allen ohne die geringste Verwunderung vollkommen ruhig zu. Einige von den Gästen, die ihn noch nicht gesehen hatten, beobachteten ihn verstohlen. Es ist bis heute ungewiß, ob eigentlich Frau Wirginskaja etwas von der bestehenden „Fünf“ wußte. Ich nehme an, daß sie durch ihren Mann über alles unterrichtet war. Die Studentin hatte natürlich von nichts eine Ahnung, doch dafür war sie mit ihrer eigenen Sorge beschäftigt: sie beabsichtigte, nur einen oder zwei Tage bei Wirginskis zu bleiben und dann weiter und weiter zu reisen, durch alle Universitätsstädte, um „Teilnahme an den Leiden der armen Studierenden zu erwecken und sie zum Protest aufzurufen“. Sie führte einige hundert Exemplare eines lithographierten, wenn ich mich nicht täusche, von ihr selbst verfaßten Aufrufs mit sich. Merkwürdigerweise begann der Gymnasiast die Studentin schon vom ersten Blick an zu hassen, und zwar gleich bis aufs Blut, ungeachtet dessen, daß er sie zum erstenmal im Leben sah, und sie erwiderte diesen Haß in genau demselben Maße. Der Major war ihr leiblicher Onkel, der sie vor gut zehn Jahren zum letztenmal gesehen hatte. Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, waren ihre Wangen rot wie Preißelbeeren: sie hatte mit dem Onkel gerade über die Frauenfrage aufs heftigste gestritten.

II.
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