Stawrogin (der Fürst) und Schatoff
Schatoff: „Wenn der Mensch sich verändern wird – wie wird er dann mit seinem Verstande leben können? Der Besitz des Verstandes entspricht nur dem gegenwärtigen Organismus.“
Der Fürst: „Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand überhaupt nötig sein wird?“
Schatoff: „Was denn sonst? Wohl etwas Höheres?“
Der Fürst: „Zweifellos etwas viel Höheres.“
Schatoff: „Ja, kann es denn überhaupt etwas Höheres als den Verstand geben?“
Der Fürst: „So fragt die Wissenschaft, aber – sehen Sie, dort an der Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft weiß, daß sie ein Organismus ist, daß sie irgendein Leben lebt und Eindrücke hat, sogar ihre eigene Vorstellung, und Gott weiß was noch alles. Kann aber die Wissenschaft auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natürlich nicht und das wird sie auch niemals können. Um das erfahren zu können, müßte man wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der Wissenschaft das unmöglich ist, so kann ich annehmen, daß sie mir auch das Wesen eines anderen höheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand mehr geben sollte.“
„Sie haben mich ganz wirr gemacht,“ sagt Schatoff, „aber ich werde von Ihnen nicht ablassen.“
Der Fürst: „Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes, d. h. der Erkenntnis, für das höchste Sein von allen, die es überhaupt geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die Wissenschaft, sondern der Glaube, und schließlich kann man sagen, daß hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst zu schätzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit), ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt nötig. Ein jedes Wesen muß sich für das Allerhöchste halten. Die Wanze hält sich bestimmt für höher als Sie, und sie würde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz abgesehen davon, daß sie es nicht kann, sondern würde unbedingt gerade Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schließlich ist alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und merken Sie sich noch, daß der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand über alles stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist, so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, daß es höher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefühl der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der menschliche Verstand ist so eingerichtet, daß er beständig an sich nicht glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine Existenz für ungenügend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar Übergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel fällt niemals, der Teufel ist so gefallen, daß er immer liegt, der Mensch fällt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und die französische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, daß allen verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Prozeß der Umgeburt. Wer ist schuld daran, daß man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird natürlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein Resultat – ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, daß ‚die Zeit nicht mehr sein wird‘, wie der Engel in der Apokalypse schwört. Und vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, daß die Teufel – wissen! Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedächtnis, und nicht nur der Mensch allein, allerdings – vielleicht nicht menschliche Erkenntnis und menschliches Gedächtnis. Sterben kann man gar nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist überhaupt nicht.“
Schatoff: „Solcher Gespräche, wie das unsrige, gibt es in Rußland unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich über mich nur lustig machen?“
„Und was wäre denn dabei so schlimm?“ fragte der Fürst lachend.
Schatoff: „Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtgläubigkeit als das Wesen Rußlands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie Sie, kann nicht darüber spotten.“
Der Fürst: „Das tue ich ja auch gar nicht.“
Schatoff: „Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich würde gern kein Buchmensch sein. Was muß ich dazu tun?“
Der Fürst: „Glauben Sie.“
Schatoff: „An die Rechtgläubigkeit und Rußland?“
Der Fürst: „Ja.“
Schatoff: „Ja, natürlich, dann ist man erlöst. Ich ... vielleicht glaube ich. Warum schweigen Sie?“
Der Fürst: „Sie glauben also nicht.“
Schatoff: „Und Sie?“
Der Fürst: „Aber was habe ich denn damit zu tun?“
Schatoff: „Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen?“
Der Fürst: „Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: ‚ich werde nicht von Ihnen ablassen!‘ Das wünsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich wünsche, daß Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst. Ich habe meine Gründe ...“