Stepan Trophimowitsch Werchowenski und Schatoff

Schatoff

Schatoff spricht während der Sitzung:

„Ich schäme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjährige Knaben sind klüger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind Sie, meine Herren, vollkommen überzeugt, daß alle, hingerissen von Ihrer Kühnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie fest Sie glauben, daß das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte, endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschließen zu können. Sie sind ja sogar dermaßen davon überzeugt, daß Sie mit ruhigem Gewissen bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu morden. Sie sind so unreife Knaben, daß Sie nicht einmal die gewöhnliche Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen – ganz abgesehen von alldem anderen –, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen kommen, zu Ihnen, den grünen Jungen! Sie sind dermaßen flach und dumm, daß Sie überzeugt sind, Sie hätten eine große Entdeckung gemacht, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, daß die Menschheit das alles wohl schon längst getan hätte, wenn das die Wahrheit wäre, und nicht tausend Jahre lang gelitten hätte, einzig um auf Sie zu warten. Sie schämen sich nicht, so zu lügen, wie Sie es in Ihren Proklamationen tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu übernaiv bemerken, dies sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und daß Sie genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich nicht einmal träumen, daß jede Lüge und jede Entstellung der Tatsachen in ungewöhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und daß dann die Menschen sehen werden, daß Sie absichtliche Lügner sind, und daß Ihnen dann niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest überzeugt, daß die Lügen weiter nichts auf sich hätten, daß sie vielmehr allen gefallen und die Menschen sich über Ihre geschickten Lügen nur freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im Stich lassen werden – Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand –, um zu Ihnen überzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen – ohne dabei selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schämen sich nicht, zu schreiben, daß Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind überzeugt, daß alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden und sich nur nach den Aluminiumpalästen sehnen, in denen man nach Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Männer in besondere Zimmer führen kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, daß eine so kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein Spielzeug, nur verrät, daß Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft die Rute geben müßte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, daß Sie sich nicht einmal bemüht haben, die Proklamation sorgfältiger zu redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Rußland Ihrer Meinung nach verfahren könnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen und sich verwandeln soll, wird es sich nur über Ihre Dummheit wundern; doch wenn es sehen wird, daß Sie außerdem noch Bösewichter sind, wird es Sie als schädliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge beseitigen. Doch leider sind ja auch Alle nicht klüger als Sie und das kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden losgelöst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben geführt und beständig unter Vormundschaft gelebt haben.“

„Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges lieb gewonnen, um für dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht und Leichtsinn aufgehäuft. Wenn man sich um das Leben gemüht, wenn man es sich durch Arbeit erworben hätte, selbständig, mit Leid und Kampf, mit Mühen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch vor allen Dingen durch Arbeit – die eigene Mühe ist ja die Hauptsache –, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so hätte man Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es würden sich lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses Erlebte und Durchlebte würde allen teuer sein. Teuer wäre dann auch das Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch würde man die lebenden Tatmenschen schätzen, die dann einen ganz anderen Einfluß auf die Menschen hätten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt würde die Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! – diese deutsche Vormundschaft! O Gott, was für eine Lehre das ist! Es gibt kein einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus eigener Kraft hat retten können, – selbst in der flammendsten Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, daß eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plünderer und Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord anlocken und für sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, daß diese Gesellschaft überhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und daß dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schön gewesen sei! Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, daß das Volk sich schon vollständig, aber vollständig von Ihnen losgesagt hat! Nun wohl! – versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen!“

Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch. wie außer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom Volke haben ja gerade das bewirkt, daß die Gesellschaft erstens nichts mehr hat, was ihr teuer ist und wofür sie einstehen würde, und zweitens, da sie sieht, daß hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und es dafür einsteht und dabei ein so volles Leben lebt – so hat das der Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgültig zu hassen, also gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff sagen wollte, als er von diesem Haß der Belinski und unserer sämtlichen Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Haß leugnen wollen, so ist es klar, daß sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es doch: sie glaubten, daß sie das Volk „hassend liebten“, und so sagten sie es auch von sich. Aber sie schämten sich nicht einmal ihres Ekels vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berührung kamen. (In der Theorie allerdings liebten sie es.)

Stepan Trophimowitsch (Gr.) sagt: „Ja, aber das Volk wurde doch ebenso bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, daß es russisches Volk geblieben und nicht unter der Vormundschaft entartet ist und nicht Rußland haßt.“

Schatoff: „Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk für etwas Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres, eigenes Leben ließ man ihm unangerührt, und wenn es auch viel zu erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, daß es auch sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen hatten dann bald nur für Deutschland noch Liebe übrig, für ihr Vaterland aber und für ihr eigenes Volk nur Verachtung und Haß. So war es ja überall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse zu mißachten.“

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