Inhalt.
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Vorwort | V-XIV |
Erstes Buch: Der europäische Nihilismus | 1-45 |
1. Geschichte | 1 |
2. Wesen und Ursache | 14 |
3. Krisis | 32 |
Zweites Buch: Kritik der höchsten bisherigen Werte | 46-120 |
(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte.) | |
I. Moral: | |
1. Entstehung und Sieg | 46 |
2. Die moralischen Ideale | 71 |
3. Philosophie und Moral | 99 |
4. Philosophie und Wissenschaft | 107 |
5. Freie Philosophie | 116 |
II. Religion: | |
1. Entstehung | 120 |
2. Christentum | 131 |
Drittes Buch: Prinzip einer neuen Wertsetzung | 156-307 |
I. Die neue Deutung der Welt | 156 |
II. Der Geist – ein Machtwille: | |
1. Wahrnehmung | 163 |
2. Erkenntnis | 177 |
a. Allgemeines | 177 |
b. Logik und Wissenschaft | 185 |
c. Ursache und Wirkung | 195 |
d. Ich und Außenwelt | 204 |
3. Metaphysik | 206 |
Die „wahre“ Welt | 206 |
III. Die Natur – ein Machtwille: | |
1. Die anorganische Natur | 219 |
2. Die organische Natur | 229 |
3. Der Mensch als Naturwesen | 239 |
IV. Die Gesellschaft – ein Machtwille: | |
1. Der Mensch als geselliges Wesen | 253 |
2. Der Staat | 266 |
V. Kunst – ein Machtwille | 277 |
Viertes Buch: Zucht und Züchtung | 308-376 |
1. Die Rangordnung | 308 |
2. Der züchtende Gedanke | 347 |
Erstes Buch.
Der europäische Nihilismus.
1. Geschichte.
1.
Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.
2.
– Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt nichts bisher getan als sich zu besinnen: als ein Philosoph und Einsiedler aus Instinkt, der seinen Vorteil im Abseits, im Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung, in der Zurückgebliebenheit fand; als ein Wage- und – Versuchergeist, der sich schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal verirrt hat; als ein Wahrsagevogel-Geist, der zurückblickt, wenn er erzählt, was kommen wird; als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, – der ihn hinter sich, unter sich, außer sich hat.
3.
Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels, mit dem dies Zukunftsevangelium benannt sein will. „Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte“ – mit dieser Formel ist eine Gegenbewegung zum Ausdruck gebracht in Absicht auf Prinzip und Aufgabe; eine Bewegung, welche in irgendeiner Zukunft jenen vollkommenen Nihilismus ablösen wird, welche ihn aber voraussetzt, logisch und psychologisch, welche schlechterdings nur auf ihn und aus ihm kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus nunmehr notwendig? Weil unsre bisherigen Werte selbst es sind, die in ihm ihre letzte Folgerung ziehen, weil der Nihilismus die zu Ende gedachte Logik unsrer großen Werte und Ideale ist, – weil wir den Nihilismus erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich der Wert dieser „Werte“ war.... Wir haben, irgendwann, neue Werte nötig....
4.
Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung kommt notwendig im Gefolge der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte man bereits die Abnahme der Heiterkeit; Frauen dachten mit jenem weiblichen Instinkt, der immer zugunsten der Tugend Partei nimmt, daß die Immoralität daran schuld sei. Galiani traf ins Schwarze: er zitiert Voltaires Vers:
Un monstre gai vaut mieux
Qu'un sentimental ennuyeux.
Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte Voltairen und sogar Galiani – der etwas viel Tieferes war – in der Aufklärung voraus zu sein: wie weit mußte ich also gar in der Verdüsterung gelangt sein! Dies ist auch wahr: und ich nahm zeitig mich mit einer Art Bedauern in acht vor der deutschen und christlichen Enge und Folgeunrichtigkeit des Schopenhauerschen oder gar Leopardischen Pessimismus und suchte die prinzipiellsten Formen auf (– Asien –). Um aber diesen extremen Pessimismus zu ertragen (wie er hier und da aus meiner „Geburt der Tragödie“ herausklingt), „ohne Gott und Moral“ allein zu leben, mußte ich mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht weiß ich am besten, warum der Mensch allein lacht: er allein leidet so tief, daß er das Lachen erfinden mußte. Das unglücklichste und melancholischste Tier ist, wie billig, das heiterste.