Zweites Buch.
Kritik der höchsten bisherigen Werte
(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte).
I. Moral.
1. Entstehung und Sieg.
76.
Ich verstehe unter „Moral“ ein System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.
77.
Das Problem der Moral sehen und zeigen – das scheint mir die neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß das in der bisherigen Moralphilosophie geschehen ist.
78.
Mein Problem: Welchen Schaden hat die Menschheit bisher von der Moral sowohl wie von ihrer Moralität gehabt? Schaden am Geiste usw.
79.
Mein Versuch, die moralischen Urteile als Symptome und Zeichensprachen zu verstehen, in denen sich Vorgänge des physiologischen Gedeihens oder Mißratens, ebenso das Bewußtsein von Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen verraten, – eine Interpretationsweise vom Werte der Astrologie, Vorurteile, denen Instinkte soufflieren (von Rassen, Gemeinden, von verschiedenen Stufen, wie Jugend oder Verwelken usw.).
Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral: unsere moralischen Urteile sind Anzeichen von Verfall, von Unglauben an das Leben, eine Vorbereitung des Pessimismus.
Mein Hauptsatz: es gibt keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Interpretation dieser Phänomene. Diese Interpretation selbst ist außermoralischen Ursprungs.
Was bedeutet es, daß wir einen Widerspruch in das Dasein hineininterpretiert haben? – Entscheidende Wichtigkeit: hinter allen andern Wertschätzungen stehen kommandierend jene moralischen Wertschätzungen. Gesetzt, sie fallen fort, wonach messen wir dann? Und welchen Wert haben dann Erkenntnis usw., usw.???
80.
Ehemals sagte man von jeder Moral: „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Ich sage von jeder Moral: „Sie ist eine Frucht, an der ich den Boden erkenne, aus dem sie wuchs“.
81.
Meine Absicht, die absolute Homogeneität in allem Geschehen zu zeigen und die Anwendung der moralischen Unterscheidung nur als perspektivisch bedingt; zu zeigen, wie alles das, was moralisch gelobt wird, wesensgleich mit allem Unmoralischen ist und nur, wie jede Entwicklung der Moral, mit unmoralischen Mitteln und zu unmoralischen Zwecken ermöglicht worden ist –; wie umgekehrt alles, was als unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere und Prinzipiellere ist, und wie eine Entwicklung nach größerer Fülle des Lebens notwendig auch den Fortschritt der Unmoralität bedingt. „Wahrheit“ der Grad, in dem wir uns die Einsicht in diese Tatsache gestatten.
82.
Das sind meine Forderungen an euch – sie mögen euch schlecht genug zu Ohren gehen – : daß ihr die moralischen Wertschätzungen selbst einer Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühlsimpuls, welcher hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: „warum Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral, eben als eure jetzige Form der Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von Moralität, die euch und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit, euer Wille, euch nicht zu betrügen, sich selbst ausweisen muß: „warum nicht? – Vor welchem Forum?“ –
83.
Die Frage nach der Herkunft unsrer Wertschätzungen und Gütertafeln fällt ganz und gar nicht mit deren Kritik zusammen, wie so oft geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgendeine pudenda origo für das Gefühl eine Wertverminderung der so entstandenen Sache mit sich bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung vorbereitet.
Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln selber wert? Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus? Für wen? in bezug worauf? – Antwort: für das Leben. Aber was ist Leben? Hier tut also eine neue, bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine Formel dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.
Was bedeutet das Wertschätzen selbst? Weist es auf eine andere, metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie noch Kant glaubte, der vor der großen historischen Bewegung steht.) Kurz: wo ist es entstanden? Oder ist es nicht „entstanden“? – Antwort: das moralische Wertschätzen ist eine Auslegung, eine Art zu interpretieren. Die Auslegung selbst ist ein Symptom bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urteilen: Wer legt aus? – Unsre Affekte.
84.
Wessen Wille zur Macht ist die Moral? – Das Gemeinsame in der Geschichte Europas seit Sokrates ist der Versuch, die moralischen Werte zur Herrschaft über alle anderen Werte zu bringen: so daß sie nicht nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern auch 1. der Erkenntnis, 2. der Künste, 3. der staatlichen und gesellschaftlichen Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe, alles übrige dazu Mittel (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich bis zur Vernichtung zu bekämpfen....). – Eine ähnliche Bewegung in China. Eine ähnliche Bewegung in Indien.
Was bedeutet dieser Wille zur Macht seitens der moralischen Werte, der in den ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde abgespielt hat?
Antwort: – drei Mächte sind hinter ihm versteckt:
1. der Instinkt der Herde gegen die Starken und Unabhängigen; 2. der Instinkt der Leidenden und Schlechtweggekommenen gegen die Glücklichen; 3. der Instinkt der Mittelmäßigen gegen die Ausnahmen. – Ungeheurer Vorteil dieser Bewegung, wieviel Grausamkeit, Falschheit und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn die Geschichte vom Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des Lebens ist selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen ist....).
85.
Die ganze Moral Europas hat den Nutzen der Herde auf dem Grunde: die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen liegt darin, daß alles, was sie auszeichnet, ihnen mit dem Gefühl der Verkleinerung und Verunglimpfung zum Bewußtsein kommt. Die Stärken des jetzigen Menschen sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die Mittelmäßigen sind, wie die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen, – heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal, Schopenhauer.)
Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint, um so gründlicher wird sie in die Acht getan.
86.
Ich lehre: die Herde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten und wehrt sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die davon Entartenden (Verbrecher usw.), als gegen die darüber Emporragenden. Die Tendenz der Herde ist auf Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in ihr.
Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende, Gerechte uns einflößt (im Gegensatz zu der Spannung, Furcht, welche der große, neue Mensch hervorbringt), sind unsere persönlichen Sicherheits-, Gleichheitsgefühle: das Herdentier verherrlicht dabei die Herdennatur und empfindet sich selber dann wohl. Dies Urteil des Wohlbehagens maskiert sich mit schönen Worten – so entsteht „Moral“. – Man beobachte aber den Haß der Herde gegen den Wahrhaftigen. –
87.
Tendenz der Moralentwicklung. – Jeder wünscht, daß keine andere Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung komme außer einer solchen, bei der er selbst gut wegkommt. Grundtendenz folglich der Schwachen und Mittelmäßigen aller Zeiten, die Stärkeren schwächer zu machen, herunterzuziehen: Hauptmittel das moralische Urteil. Das Verhalten des Stärkeren gegen den Schwächeren wird gebrandmarkt; die höheren Zustände des Stärkeren bekommen schlechte Beinamen.
Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen gegen die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken – eine seiner feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten, Feinen, Anspruchsvolleren sich als die Schwachen präsentieren und die gröberen Mittel der Macht von sich weisen –
88.
Der heuchlerische Anschein, mit dem alle bürgerlichen Ordnungen übertüncht sind, wie als ob sie Ausgeburten der Moralität wären – zum Beispiel die Ehe; die Arbeit; der Beruf; das Vaterland; die Familie; die Ordnung; das Recht. Aber da sie insgesamt auf die mittelmäßigste Art Mensch hin begründet sind, zum Schutz gegen Ausnahmen und Ausnahmebedürfnisse, so muß man es billig finden, wenn hier viel gelogen wird.
89.
Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man in sich den moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus ihn versteht, so gehört man zur Herde. Hat man das umgekehrte Gefühl, fühlt man in seinen uneigennützigen und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine Abirrung, so gehört man nicht zur Herde.
90.
Die drei Behauptungen:
Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen Mannes“);
das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen);
das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde, der „Mittleren“).
In der Geschichte der Moral drückt sich also ein Wille zur Macht aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißratenen und An-sich-Leidenden, bald die Mittelmäßigen den Versuch machen, die ihnen günstigsten Werturteile durchzusetzen.
Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt auf Unkosten: der Herrschenden und ihrer spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen und schönen Naturen, der Unabhängigen und Privilegierten in irgendeinem Sinne.
Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der Natur, es zu einem höheren Typus zu bringen. Ihre Wirkung ist: Mißtrauen gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als „unmoralisch“ empfunden werden), – Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden werden), – Entartung und Selbstzerstörung der „höheren Naturen“, weil gerade in ihnen der Konflikt bewußt wird.
91.
„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie nicht stark genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling Comorro zu Baker.
„Für schwache Herzen gibt es kein Unglück“ – sagt man im Russischen.
92.
Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig: so wollt ihr den Menschen? den guten Menschen? Aber mich dünkt das nur der ideale Sklave, der Sklave der Zukunft.
93.
Die Metamorphosen der Sklaverei; ihre Verkleidung unter religiöse Mäntel; ihre Verklärung durch die Moral.
94.
Erwägen wir, wie teuer sich ein solcher moralischer Kanon („ein Ideal“) bezahlt macht. (Seine Feinde sind – nun? Die „Egoisten“.)
Der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in Europa (Pascal, Larochefoucauld), – die innere Schwächung, Entmutigung, Selbstannagung der Nicht-Herdentiere, –
die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeitseigenschaften als der wertvollsten (Bescheidenheit, in Reih und Glied, die Werkzeugnatur), –
das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche, Originale:
– die Unlust also: – also Verdüsterung der Welt der Stärkergeratenen!
– das Herdenbewußtsein in die Philosophie und Religion übertragen: auch seine Ängstlichkeit.
– Lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein selbstlosen Handlung außer Spiel!
95.
Der ideale Sklave (der „gute Mensch“). – Wer sich nicht als „Zweck“ ansetzen kann, noch überhaupt von sich aus Zwecke ansetzen kann, der gibt der Moral der Entselbstung die Ehre – instinktiv. Zu ihr überredet ihn alles: seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Und auch der Glaube ist eine Entselbstung.
Atavismus: wonnevolles Gefühl, einmal unbedingt gehorchen zu können.
Fleiß, Bescheidenheit, Wohlwollen, Mäßigkeit sind ebenso viele Verhinderungen der souveränen Gesinnung, der großen Erfindsamkeit, der heroischen Zielsetzung, des vornehmen Für-sich-seins.
Es handelt sich nicht um ein Vorangehen (– damit ist man bestenfalls Hirt, das heißt oberster Notbedarf der Herde), sondern um ein Für-sich-gehen-können, um ein Anders-sein-können.
96.
Die gelobten Zustände und Begierden: – friedlich, billig, mäßig, bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu, gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hilfreich, gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam, uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam –
Zu unterscheiden: inwiefern solche Eigenschaften bedingt sind als Mittel zu einem bestimmten Willen und Zweck (oft einem „bösen“ Zweck); oder als natürliche Folgen eines dominierenden Affektes (zum Beispiel Geistigkeit): oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als Existenzbedingung (zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.).
Summa: sie sind allesamt nicht um ihrer selber willen als „gut“ empfunden, sondern bereits unter dem Maßstab der „Gesellschaft“, „Herde“, als Mittel zu deren Zwecken, als notwendig für deren Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen Herdeninstinktes im einzelnen: somit im Dienste eines Instinktes, der grundverschieden von diesen Tugendzuständen ist. Denn die Herde ist nach außen hin feindselig, selbstsüchtig, unbarmherzig, voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.
Im „Hirten“ kommt der Antagonismus heraus: er muß die entgegengesetzten Eigenschaften der Herde haben.
Todfeindschaft der Herde gegen die Rangordnung: ihr Instinkt zugunsten der Gleichmacher (Christus). Gegen die starken Einzelnen (les souverains) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden, frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch, rachsüchtig.
97.
Zur Kritik der Herdentugenden. – Die inertia tätig 1. im Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nötig macht; – 2. in der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und Unterwerfung notwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, hochzuschätzen und die Machtverschiedenheit als Wertverschiedenheit auszudeuten: so daß das Verhältnis nicht mehr revoltiert; – 3. im Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das Minimum von geistiger Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr anstrengend); – 4. in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen, gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl anzunehmen, ist eine Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das Aktivum gehalten, welches die eigensten Rechte des Werturteils sich wahrt und beständig betätigt (letzteres gibt keine Ruhe); – 5. in der Unparteilichkeit und Kühle des Urteils: man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt sich lieber abseits, „objektiv“; – 6. in der Rechtschaffenheit: man gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich und anderen befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen – : lieber sich unterwerfen als reagieren; – 7. in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben des Rechts, des Richtens.
98.
Moral der Wahrhaftigkeit in der Herde. „Du sollst erkennbar sein, dein Inneres durch deutliche und konstante Zeichen ausdrücken, – sonst bist du gefährlich: und wenn du böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu verstellen, das Schlimmste für die Herde. Wir verachten den Heimlichen, Unerkennbaren. – Folglich mußt du dich selber für erkennbar halten; du darfst dir nicht verborgen sein, du darfst nicht an deinen Wechsel glauben.“ Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit setzt die Erkennbarkeit und die Beharrlichkeit der Person voraus. Tatsächlich ist es Sache der Erziehung, das Herdenmitglied zu einem bestimmten Glauben über das Wesen des Menschen zu bringen: sie macht erst diesen Glauben und fordert dann daraufhin „Wahrhaftigkeit“.
99.
Es tut gut, „Recht“, „Unrecht“ usw. in einem bestimmten, engen, bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „tue Recht und scheue niemand“: das heißt, einem bestimmten, groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit tun.
– Denken wir nicht gering von dem, was ein paar Jahrtausende Moral unserm Geiste angezüchtet haben!
100.
Maßstab, wonach der Wert der moralischen Wertschätzungen zu bestimmen ist.
Die übersehene Grundtatsache: Widerspruch zwischen dem „Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung des Typus Mensch.
Homo natura. Der „Wille zur Macht“.
101.
Die Moralwerte als Scheinwerte, verglichen mit den physiologischen.
102.
Alle Tugenden physiologische Zustände: namentlich die organischen Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden. Alle Tugenden sind eigentlich verfeinerte Leidenschaften und erhöhte Zustände.
Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des Geschlechtstriebes. Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes. Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. Ehre als Anerkennung des Ähnlichen und Gleichmächtigen.
103.
Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine bestimmte Perspektive: Erhaltung des Individuums, einer Gemeinde, einer Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Kultur. – Vermöge des Vergessens, daß es nur ein perspektivisches Schätzen gibt, wimmelt alles von widersprechenden Schätzungen und folglich von widersprechenden Antrieben in einem Menschen. Das ist der Ausdruck der Erkrankung am Menschen, im Gegensatz zum Tiere, wo alle vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen.
Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große Methode der Erkenntnis: er fühlt viele Für und Wider, er erhebt sich zur Gerechtigkeit – zum Begreifen jenseits des Gut- und Böseschätzens.
Der weiseste Mensch wäre der reichste an Widersprüchen, der gleichsam Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine großen Augenblicke grandiosen Zusammenklangs – der hohe Zufall auch in uns! Eine Art planetarischer Bewegung –
104.
Welche Werte bisher obenauf waren.
Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie (selbst bei den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine „wahre Welt“ geben.
Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was ist eigentlich Moral? Der Instinkt der décadence, es sind die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise Rache nehmen und die Herren machen....
Historischer Nachweis: die Philosophen immer décadents, immer im Dienst der nihilistischen Religionen.
Der Instinkt der décadence, der als Wille zur Macht auftritt. Vorführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel.
Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein Spezialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der Unmoralität.
Warum die gegnerischen Werte immer unterlagen.
1. Wie war das eigentlich möglich? Frage: warum unterlag das Leben, die physiologische Wohlgeratenheit überall? Warum gab es keine Philosophie des Ja, keine Religion des Ja?....
Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische Religion. Dionysos gegen den „Gekreuzigten“. Die Renaissance. Die Kunst.
2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und die Kranken; die Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, wer der Stärkere ist....
Gesamtaspekt der Geschichte: Ist der Mensch damit eine Ausnahme in der Geschichte des Lebens? – Einsprache gegen den Darwinismus. Die Mittel der Schwachen, um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind „Menschlichkeit“ geworden, sind „Institutionen“....
3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten, in unsern sozialen Werturteilen, in unsern Künsten, in unserer Wissenschaft.
Die Niedergangsinstinkte sind Herr über die Aufgangsinstinkte geworden.... Der Wille zum Nichts ist Herr geworden über den Willen zum Leben!
– Ist das wahr? ist nicht vielleicht eine größere Garantie des Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren? – ist es vielleicht nur ein Mittel in der Gesamtbewegung des Lebens, eine Tempoverzögerung? eine Notwehr gegen etwas noch Schlimmeres?
– Gesetzt, die Starken wären Herr, in allem, und auch in den Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Konsequenz, wie sie über Krankheit, Leiden, Opfer denken würden! Eine Selbstverachtung der Schwachen wäre die Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich auszulöschen.... Und wäre dies vielleicht wünschenswert? – und möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?....
Wir haben zwei „Willen zur Macht“ im Kampfe gesehen (im Spezialfall: wir hatten ein Prinzip, dem einen recht zu geben, der bisher unterlag, und dem, der bisher siegte, unrecht zu geben): wir haben die „wahre Welt“ als eine „erlogene Welt“ und die Moral als eine Form der Unmoralität erkannt. Wir sagen nicht: „der Stärkere hat unrecht“.
Wir haben begriffen, was bisher den obersten Wert bestimmt hat und warum es Herr geworden ist über die gegnerische Wertung – : es war numerisch stärker.
Reinigen wir jetzt die gegnerische Wertung von der Infektion und Halbheit, von der Entartung, in der sie uns allen bekannt ist.
Wiederherstellung der Natur: moralinfrei.
105.
Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine Moral, mit der sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende décadence wehrt, – und eine andere Moral, mit der eben diese décadence sich formuliert, rechtfertigt und selber abwärts führt.
Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (– der Stoizismus selbst war eine solche Hemmschuh-Moral); die andere ist schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und „schönen Gefühle“ für sich (– das erste Christentum war eine solche Moral).
106.
Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: die letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen zum Beispiel sind von den Philosophen eigentlich niemals als Problem genommen worden. Die „Verbesserung“ des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt, wie als ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen hinausgehoben wären, warum gerade „verbessern“? Inwiefern ist es wünschbar, daß der Mensch tugendhafter wird? oder klüger? oder glücklicher? Gesetzt, daß man nicht schon das „Warum?“ des Menschen überhaupt kennt, so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn man das eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das andere nicht wollen? Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zugleich verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und Einsicht? Dubito; ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, das Gegenteil zu beweisen. Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel im rigorosen Sinne nicht tatsächlich bisher im Widerspruch mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie andererseits nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung als notwendiges Mittel? Und wenn die höchste Einsicht das Ziel wäre, müßte man nicht eben damit die Steigerung des Glücks ablehnen? und die Gefahr, das Abenteuer, das Mißtrauen, die Verführung als Weg zur Einsicht wählen?.. Und will man Glück, nun, so muß man vielleicht zu den „Armen des Geistes“ sich gesellen.
107.
Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche Umdrehungen bereits das moralische Urteil durchgemacht hat und wie wirklich mehrere Male schon im gründlichsten Sinne „Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit der Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht: es gab einen Herden-Gewissensbiß.
108.
Die Vorherrschaft der moralischen Werte. – Folgen dieser Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw., das Verhängnis überall, das an ihr hängt. Was bedeutet diese Vorherrschaft? Worauf weist sie hin? –
Auf eine gewisse größere Dringlichkeit eines bestimmten Ja und Nein auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten Imperative darauf verwendet, um die moralischen Werte als fest erscheinen zu lassen: sie sind am längsten kommandiert worden: – sie scheinen instinktiv, wie innere Kommandos. Es drücken sich Erhaltungsbedingungen der Sozietät darin aus, daß die moralischen Werte als undiskutierbar empfunden werden. Die Praxis: das will heißen, die Nützlichkeit, untereinander sich über die obersten Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion erlangt. Wir sehen alle Mittel angewendet, wodurch das Nachdenken und die Kritik auf diesem Gebiete lahmgelegt wird: – welche Attitüde nimmt noch Kant an! Nicht zu reden von denen, welche es als unmoralisch ablehnen, hier zu „forschen“ –
109.
Was ist das Kriterium der unmoralischen Handlung? 1. ihre Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw. Aber das ist Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren und zusehen, was jedesmal das Kriterium ist und was sich darin ausdrückt: ein Glaube „ein solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“. Unmoralisch heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese Gemeinschaften, in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie wieder nötig hatte, zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“. Zu Zeiten, wo das Gemeingefühl für die Gesellschaft (zum Beispiel im imperium Romanum) nicht verlangt werden konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der Seele“, religiös gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch geredet. Denn auch die griechischen Moralphilosophen empfanden nicht mehr mit ihrer πόλις.
110.
Unsre heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf oberste Werte sind Urteile unsrer Muskeln.
111.
Daß der Wert einer Handlung von dem abhängen soll, was ihr im Bewußtsein vorausging – wie falsch ist das! – Und man hat die Moralität danach bemessen, selbst die Kriminalität....
Der Wert einer Handlung muß nach ihren Folgen bemessen werden – sagen die Utilitarier – : sie nach ihrer Herkunft zu messen, impliziert eine Unmöglichkeit, nämlich diese zu wissen.
Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht. Wer kann sagen, was eine Handlung anregt, aufregt, wider sich erregt? Als Stimulans? Als Zündfunke vielleicht für einen Explosivstoff?.... Die Utilitarier sind naiv.... Und zuletzt müssen wir erst wissen, was nützlich ist: auch hier geht ihr Blick nur fünf Schritt weit.... Sie haben keinen Begriff von der großen Ökonomie, die des Übels nicht zu entraten weiß.
Man weiß die Herkunft nicht, man weiß die Folgen nicht: – hat folglich eine Handlung überhaupt einen Wert?
Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im Bewußtsein, das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung folgt: liegt der Wert einer Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen? (– das hieße den Wert der Musik nach dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das sie uns macht.... das sie ihrem Komponisten macht....). Sichtlich begleiten sie Wertgefühle, ein Macht-, ein Zwang-, ein Ohnmachtsgefühl zum Beispiel, die Freiheit, die Leichtigkeit, – anders gefragt: könnte man den Wert einer Handlung auf physiologische Werte reduzieren: ob sie ein Ausdruck des vollständigen oder gehemmten Lebens ist? – Es mag sein, daß sich ihr biologischer Wert darin ausdrückt....
Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch nach ihren Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwertbar ist, so ist ihr Wert x, unbekannt....
112.
Es ist eine Entnatürlichung der Moral, daß man die Handlung abtrennt vom Menschen; daß man den Haß oder die Verachtung gegen die „Sünde“ wendet; daß man glaubt, es gebe Handlungen, welche an sich gut oder schlecht sind.
Wiederherstellung der „Natur“: eine Handlung an sich ist vollkommen leer an Wert: es kommt alles darauf an, wer sie tut. Ein und dasselbe „Verbrechen“ kann im einen Fall das höchste Vorrecht, im andern das Brandmal sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden, welche eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis zum eigenen Nutzen oder Schaden (– oder im Verhältnis zur Ähnlichkeit oder Nichtverwandtschaft mit sich).
113.
Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen. – Die Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös. Sie will dem Menschen ein Anrecht schaffen, sich für seine hohen Zustände und Handlungen als Ursache denken zu dürfen: sie ist eine Form des wachsenden Stolzgefühls.
Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man sagt: es muß „Wille“ sein vor diesem Zustand, – sonst gehört er ihm nicht an. Die Tugend ist der Versuch, ein Faktum von Wollen und Gewollt-haben als notwendiges Antezedenz vor jedes hohe und starke Glücksgefühl zu setzen: – wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen im Bewußtsein vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen Wirkung ausgelegt werden. – Das ist eine bloße Optik der Psychologie: immer unter der falschen Voraussetzung, daß uns nichts zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein haben. Die ganze Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser naiven Psychologie, daß nur der Wille Ursache ist, und daß man wissen muß, gewollt zu haben, um sich als Ursache glauben zu dürfen.
– Kommt die Gegenbewegung: die der Moralphilosophen, immer noch unter dem gleichen Vorurteil, daß man nur für etwas verantwortlich ist, das man gewollt hat. Der Wert des Menschen, als moralischer Wert angesetzt: folglich muß seine Moralität eine causa prima sein; folglich muß ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als causa prima. – Hier ist immer der Hintergedanke: wenn der Mensch nicht causa prima ist als Wille, so ist er unverantwortlich, – folglich gehört er gar nicht vor das moralische Forum, – die Tugend oder das Laster wären automatisch und machinal....
In summa: damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig sein, auch böse zu werden.
114.
Die Schauspielerei als Folge der Moral des „freien Willens“. – Es ist ein Schritt in der Entwicklung des Machtgefühls selbst, seine hohen Zustände (seine Vollkommenheit) selber auch verursacht zu haben, – folglich, schloß man sofort, gewollt zu haben....
(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und nicht mehr gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen und oft krankhaften Personalzustand aus. Die persönliche Vollkommenheit als bedingt durch Willen, als Bewußtsein, als Vernunft mit Dialektik, ist eine Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch.... Der Grad von Bewußtheit macht ja die Vollkommenheit unmöglich.. Form der Schauspielerei.)
115.
Kritik der subjektiven Wertgefühle. – Das Gewissen. Ehemals schloß man: das Gewissen verwirft diese Handlung; folglich ist diese Handlung verwerflich. Tatsächlich verwirft das Gewissen eine Handlung, weil dieselbe lange verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft keine Werte. Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen zu verwerfen, war nicht das Gewissen: sondern die Einsicht (oder das Vorurteil) hinsichtlich ihrer Folgen.... Die Zustimmung des Gewissens, das Wohlgefühl des „Friedens mit sich“ ist von gleichem Range wie die Lust eines Künstlers an seinem Werke, – sie beweist gar nichts.... Die Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Wertmaß für das, worauf sie sich bezieht, als ihr Mangel ein Gegenargument gegen den Wert einer Sache. Wir wissen bei weitem nicht genug, um den Wert unsrer Handlungen messen zu können: es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu zu stehen: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir nicht Richter, sondern Partei.... Die edlen Wallungen, als Begleiter von Handlungen, beweisen nichts für deren Wert: ein Künstler kann mit dem allerhöchsten Pathos des Zustandes eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte man sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken unsern Blick, unsre Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht, von dem Verdacht, daß wir eine Dummheit machen.. sie machen uns dumm –
116.
Wir sind die Erben der Gewissensvivisektion und Selbstkreuzigung von zwei Jahrtausenden: darin ist unsre längste Übung, unsre Meisterschaft vielleicht, unser Raffinement in jedem Fall; wir haben die natürlichen Hänge mit dem bösen Gewissen verschwistert.
Ein umgekehrter Versuch wäre möglich: die unnatürlichen Hänge, ich meine die Neigungen zum Jenseitigen, Sinnwidrigen, Denkwidrigen, Naturwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt Weltverleumdungsideale waren, mit dem schlechten Gewissen zu verschwistern.
117.
Die großen Verbrechen in der Psychologie:
1. Daß alle Unlust, alles Unglück mit dem Unrecht (der Schuld) gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld genommen);
2. daß alle starken Lustgefühle (Übermut, Wollust, Triumph, Stolz, Verwegenheit, Erkenntnis, Selbstgewißheit und Glück an sich) als sündlich, als Verführung, als verdächtig gebrandmarkt worden sind;
3. daß die Schwächegefühle, die innerlichsten Feigheiten, der Mangel an Mut zu sich selbst mit heiligenden Namen belegt und als wünschenswert im höchsten Sinne gelehrt worden sind;
4. daß alles Große am Menschen umgedeutet worden ist als Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für andere; daß selbst am Erkennenden, selbst am Künstler die Entpersönlichung als die Ursache seines höchsten Erkennens und Könnens vorgespiegelt worden ist;
5. daß die Liebe gefälscht worden ist als Hingebung (und Altruismus), während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben infolge eines Überreichtums von Persönlichkeit. Nur die ganzesten Personen können lieben; die Entpersönlichten, die „Objektiven“ sind die schlechtesten Liebhaber (– man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe zu Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber sitzen. (Der Egoismus als die Ver-Ichlichung, der Altruismus als die Ver-Änderung).
6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die Leidenschaften als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos.
Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der Verhinderung, eine Art Vermauerung aus Furcht; einmal will sich die große Menge (die Schlechtweggekommenen und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die Stärkeren (– und sie in der Entwicklung zerstören....), andrerseits alle die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen und allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische Priesterschaft.
118.
Die Überreste der Naturentwertung durch Moral-Transzendenz: Wert der Entselbstung, Kultus des Altruismus: Glaube an eine Vergeltung innerhalb des Spiels der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das „Genie“ selbst, wie als ob das eine wie das andere Folgen der Entselbstung wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des bürgerlichen Lebens; absolutes Mißverstehen-wollen der Historie (als Erziehungswerk zur Moralisierung) oder Pessimismus im Anblick der Historie (– letzterer so gut eine Folge der Naturentwertung wie jene Pseudorechtfertigung, jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der Pessimist sieht....).
119.
„Die Moral um der Moral willen“ – eine wichtige Stufe in ihrer Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als letzter Wert. In dieser Phase hat sie die Religion mit sich durchdrungen: im Judentum zum Beispiel. Und ebenso gibt es eine Phase, wo sie die Religion wieder von sich abtrennt und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann zieht sie das unpersönliche Ideal vor.... Das ist jetzt der Fall.
„Die Kunst um der Kunst willen“ – das ist ein gleichgefährliches Prinzip: damit bringt man einen falschen Gegensatz in die Dinge, – es läuft auf eine Realitätsverleumdung („Idealisierung“ ins Häßliche) hinaus. Wenn man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „Das Schöne um des Schönen willen“, „das Wahre um des Wahren willen“, „das Gute um des Guten willen“ – das sind drei Formen des bösen Blicks für das Wirkliche.
– Kunst, Erkenntnis, Moral sind Mittel: statt die Absicht auf Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen, hat man sie zu einem Gegensatz des Lebens in Bezug gebracht, zu „Gott“, – gleichsam als Offenbarungen einer höheren Welt, die durch diese hier und da hindurchblickt....
„Schön und häßlich“, „wahr und falsch“, „gut und böse“ – diese Scheidungen verraten Daseins- und Steigerungsbedingungen, nicht vom Menschen überhaupt, sondern von irgendwelchen festen und dauerhaften Komplexen, welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der Krieg, der damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als Mittel der Absonderung, die die Isolation verstärkt....
120.
Daß man endlich die menschlichen Werte wieder hübsch in die Ecke zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als Eckensteherwerte. Es sind schon viele Tierarten verschwunden; gesetzt, daß auch der Mensch verschwände, so würde nichts in der Welt fehlen. Man muß Philosoph genug sein, um auch dies Nichts zu bewundern (– Nil admirari –).
121.
Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die – glücklicherweise – ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick, ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den Gesamtcharakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan, Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen, die dumme Notwendigkeit.... Gegen diese Betrachtung empört sich etwas in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu, „das alles muß falsch sein: denn es empört.... Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und der Mensch trotzalledem, mit Kant zu reden – –“
122.
Der Sieg eines moralischen Ideals wird durch dieselben „unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge, Verleumdung, Ungerechtigkeit.
123.
Wer weiß, wie aller Ruhm entsteht, wird einen Argwohn auch gegen den Ruhm haben, den die Tugend genießt.
124.
Vom Ideal des Moralisten. – Dieser Traktat handelt von der großen Politik der Tugend. Wir haben ihn denen zum Nutzen bestimmt, welchen daran liegen muß, zu lernen, nicht wie man tugendhaft wird, sondern wie man tugendhaft macht, – wie man die Tugend zur Herrschaft bringt. Ich will sogar beweisen, daß, um dies eine zu wollen – die Herrschaft der Tugend –, man grundsätzlich das andere nicht wollen darf; eben damit verzichtet man darauf, tugendhaft zu werden. Dies Opfer ist groß: aber ein solches Ziel lohnt vielleicht solch ein Opfer. Und selbst noch größere.... Und einige von den berühmten Moralisten haben so viel riskiert. Von diesen nämlich wurde bereits die Wahrheit erkannt und vorweggenommen, welche mit diesem Traktat zum ersten Male gelehrt werden soll: daß man die Herrschaft der Tugend schlechterdings nur durch dieselben Mittel erreichen kann, mit denen man überhaupt eine Herrschaft erreicht, jedenfalls nicht durch die Tugend..
Dieser Traktat handelt, wie gesagt, von der Politik der Tugend: er setzt ein Ideal dieser Politik an, er beschreibt sie so, wie sie sein müßte, wenn etwas auf dieser Erde vollkommen sein könnte. Nun wird kein Philosoph darüber in Zweifel sein, was der Typus der Vollkommenheit in der Politik ist; nämlich der Macchiavellismus. Aber der Macchiavellismus, pur, sans mélange, cru, vert, dans toute sa force, dans toute son âpreté ist übermenschlich, göttlich, transzendent, er wird von Menschen nie erreicht, höchstens gestreift. Auch in dieser engeren Art von Politik, in der Politik der Tugend, scheint das Ideal nie erreicht worden zu sein. Auch Plato hat es nur gestreift. Man entdeckt, gesetzt, daß man Augen für versteckte Dinge hat, selbst noch an den unbefangensten und bewußtesten Moralisten (und das ist ja der Name für solche Politiker der Moral, für jede Art Begründer neuer Moralgewalten) Spuren davon, daß auch sie der menschlichen Schwäche ihren Tribut gezollt haben. Sie alle aspirierten, zum mindesten in ihrer Ermüdung, auch für sich selbst zur Tugend: erster und kapitaler Fehler eines Moralisten, – als welcher Immoralist der Tat zu sein hat. Daß er gerade das nicht scheinen darf, ist eine andere Sache. Oder vielmehr, es ist nicht eine andere Sache: es gehört eine solche grundsätzliche Selbstverleugnung (moralisch ausgedrückt, Verstellung) mit hinein in den Kanon des Moralisten und seiner eigensten Pflichtenlehre: ohne sie wird er niemals zu seiner Art Vollkommenheit gelangen. Freiheit von der Moral, auch von der Wahrheit, um jenes Zieles willen, das jedes Opfer aufwiegt: um der Herrschaft der Moral willen, – so lautet jener Kanon. Die Moralisten haben die Attitüde der Tugend nötig, auch die Attitüde der Wahrheit; ihr Fehler beginnt erst, wo sie der Tugend nachgeben, wo sie die Herrschaft über die Tugend verlieren, wo sie selbst moralisch werden, wahr werden. Ein großer Moralist ist unter anderem notwendig auch ein großer Schauspieler; seine Gefahr ist, daß seine Verstellung unversehens Natur wird, wie es sein Ideal ist, sein esse und sein operari auf eine göttliche Weise auseinander zu halten; alles, was er tut, muß er sub specie boni tun, – ein hohes, fernes, anspruchsvolles Ideal! Ein göttliches Ideal! Und in der Tat geht die Rede, daß der Moralist damit kein geringeres Vorbild nachahmt als Gott selbst: Gott, diesen größten Immoralisten der Tat, den es gibt, der aber nichtsdestoweniger zu bleiben versteht, was er ist, der gute Gott....
125.
Mit der Tugend selbst gründet man nicht die Herrschaft der Tugend; mit der Tugend selbst verzichtet man auf Macht, verliert den Willen zur Macht.
126.
Mit welchen Mitteln eine Tugend zur Macht kommt? – Genau mit den Mitteln einer politischen Partei: Verleumdung, Verdächtigung, Unterminierung der entgegenstrebenden Tugenden, die schon in der Macht sind, Umtaufung ihres Namens, systematische Verfolgung und Verhöhnung. Also: durch lauter „Immoralitäten“.
Was eine Begierde mit sich selber macht, um zur Tugend zu werden? – Die Umtaufung; die prinzipielle Verleugnung ihrer Absichten; die Übung im Sich-Mißverstehen; die Allianz mit bestehenden und anerkannten Tugenden; die affichierte Feindschaft gegen deren Gegner. Womöglich den Schutz heiligender Mächte erkaufen; berauschen, begeistern; die Tartüfferie des Idealismus; eine Partei gewinnen, die entweder mit ihr obenauf kommt oder zugrunde geht...., unbewußt, naiv werden....
127.
Die Moral in der Wertung von Rassen und Ständen. – In Anbetracht, daß Affekte und Grundtriebe bei jeder Rasse und bei jedem Stande etwas von ihren Existenzbedingungen ausdrücken (– zum mindesten von den Bedingungen, unter denen sie die längste Zeit sich durchgesetzt haben), heißt verlangen, daß sie „tugendhaft“ sind:
daß sie ihren Charakter wechseln, aus der Haut fahren und ihre Vergangenheit auswischen:
heißt, daß sie aufhören sollen, sich zu unterscheiden:
heißt, daß sie in Bedürfnissen und Ansprüchen sich anähnlichen sollen, – deutlicher, daß sie zugrunde gehen...
Der Wille zu einer Moral erweist sich somit als die Tyrannei jener Art, der diese eine Moral auf den Leib geschnitten ist, über andere Arten: es ist die Vernichtung oder die Uniformierung zugunsten der herrschenden (sei es, um ihr nicht mehr furchtbar zu sein, sei es, um von ihr ausgenutzt zu werden). „Aufhebung der Sklaverei“ – angeblich ein Tribut an die „Menschenwürde“, in Wahrheit eine Vernichtung einer grundverschiedenen Spezies (– Untergrabung ihrer Werte und ihres Glücks –).
Worin eine gegnerische Rasse oder ein gegnerischer Stand seine Stärke hat, das wird ihm als sein Bösestes, Schlimmstes ausgelegt: denn damit schadet er uns (– seine „Tugenden“ werden verleumdet und umgetauft).
Es gilt als Einwand gegen Mensch und Volk, wenn er uns schadet: aber von seinem Gesichtspunkt aus sind wir ihm erwünscht, weil wir solche sind, von denen man Nutzen haben kann.
Die Forderung der „Vermenschlichung“ (welche ganz naiv sich im Besitz der Formel „was ist menschlich?“ glaubt) ist eine Tartüfferie, unter der sich eine ganz bestimmte Art Mensch zur Herrschaft zu bringen sucht: genauer, ein ganz bestimmter Instinkt, der Herdeninstinkt. – „Gleichheit der Menschen“: was sich verbirgt unter der Tendenz, immer mehr Menschen als Menschen gleich zu setzen.
Die „Interessiertheit“ in Hinsicht auf die gemeine Moral. (Kunstgriff: die großen Begierden Herrschsucht und Habsucht zu Protektoren der Tugend zu machen).
Inwiefern alle Art Geschäftsmänner und Habsüchtige, alles, was Kredit geben und in Anspruch nehmen muß, es nötig hat, auf gleichen Charakter und gleichen Wertbegriff zu dringen: der Welthandel und -austausch jeder Art erzwingt und kauft sich gleichsam die Tugend.
Insgleichen der Staat und jede Art Herrschaft in Hinsicht auf Beamte und Soldaten; insgleichen die Wissenschaft, um mit Vertrauen und Sparsamkeit der Kräfte zu arbeiten. – Insgleichen die Priesterschaft.
– Hier wird also die gemeine Moral erzwungen, weil mit ihr ein Vorteil errungen wird; und um sie zum Sieg zu bringen, wird Krieg und Gewalt geübt gegen die Unmoralität – nach welchem „Rechte“? Nach gar keinem Rechte: sondern gemäß dem Selbsterhaltungsinstinkt. Dieselben Klassen bedienen sich der Immoralität, wo sie ihnen nützt.