II. Religion.

2. Christentum.

221.

– Die Kirche ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat – und wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte –

222.

Man soll das Christentum als historische Realität nicht mit jener einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die andern Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und „christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen. Was hat Christus verneint? – Alles, was heute christlich heißt.

223.

Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden soll, die ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das Gegenstück von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben hat.

Das gerade, was im kirchlichen Sinn das Christliche ist, ist das Antichristliche von vornherein: lauter Sachen und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der ewigen Tatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche, Theologie.

Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein....

224.

Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen, und findet die Mittel nicht in der Observanz der jüdischen Kirche –; er rechnet selbst die Realität des Judentums (seine Nötigung, sich zu erhalten) für nichts; er ist rein innerlich. –

Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als „vergöttlicht“ zu fühlen – und wie man nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: „es liegt nichts an Sünde“ ist sein Haupturteil.

Sünde, Buße, Vergebung, – das gehört alles nicht hierher.... das ist ein eingemischtes Judentum, oder es ist heidnisch.

225.

Das Himmelreich ist ein Zustand des Herzens (– von den Kindern wird gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“ ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist...

226.

Der Schächer am Kreuz: – wenn der Verbrecher selbst, der einen schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte“, hat er das Evangelium bejaht: und damit ist er im Paradiese....

227.

Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, als der plumpe Unsinn eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personalfortdauer. Was er bekämpft, das ist die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade die verewigen wollen?

Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn je nach der Leistung: wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!

228.

Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre hineingemengt: es ist alles damit verdorben.

Insgleichen ist die Praxis der ersten ecclesia militans, des Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise als geboten, als voraus festgesetzt dargestellt....

Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen Lebens und Lehrens der ersten Christen: wie als ob alles so vorgeschrieben .... bloß befolgt wäre....

Nun gar die Erfüllung der Weissagungen: was ist da alles gefälscht und zurecht gemacht worden!

229.

Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem Tode – das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen Christentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß.

Das vorbildliche Leben besteht in der Liebe und Demut; in der Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, auf Verteidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden haben: die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.

Nachdem die Kirche die ganze christliche Praxis sich hatte nehmen lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welches Jesus bekämpft und verurteilt hatte, sanktioniert hatte, mußte sie den Sinn des Christentums irgendwo anders hinlegen: in den Glauben an unglaubwürdige Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, „Belohnung“ – alles ganz unbeträchtlich und fast ausgeschlossen vom ersten Christentum – kommt jetzt in den Vordergrund.

Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und Judentum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurteilen, die Rangordnung usw.

230.

Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Kruditäten umgesetzt:

1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden als „Leben diesseits“ und „Leben jenseits“;

2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben der Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“;

3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der Transsubstantiation“;

4. die „Auferstehung –“ als Eintritt in das „wahre Leben“, als „wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann nach dem Tode eintritt;

5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die „zweite Person der Gottheit“ – gerade das weggeschafft: das Sohnverhältnis jedes Menschen zu Gott, auch des niedrigsten;

6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es keinen anderen Weg zur Sohnschaft Gottes gibt als die von Christus gelehrte Praxis des Lebens) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare Abzahlung der Sünde zu glauben habe, welche nicht durch den Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist:

Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. Dieser Tod war an sich durchaus nicht die Hauptsache.... er war nur ein Zeichen mehr, wie man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe – nicht sich wehren.... Darin lag das Vorbild.

231.

Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches zu verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine Personnage ersten Ranges sei.... Dieser Schluß ist falsch, aber er ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehen, wäre möglich, erstens, daß sie sich irrten über den Wert dessen, was sie dem Christentum verdanken: Überzeugungen beweisen nichts für das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch einen Verdacht dagegen.... Es wäre zweitens möglich, daß, was dem Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche usw. Der Begriff „Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße Gelegenheitsursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als die Kirche wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgendwann dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, – am Anfang... Man denke, mit welcher Freiheit Paulus das Personalproblem Jesus behandelt, beinahe eskamotiert – jemand, der gestorben ist, den man nach seinem Tode wiedergesehen hat, jemand, der von den Juden zum Tode überantwortet wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die Musik macht er dann dazu....

232.

Ein Religionsstifter kann unbedeutend sein, – ein Streichholz, nichts mehr!

233.

Wie eine Ja-sagende arische Religion, die Ausgeburt der herrschenden Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. (Die Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, daß es in der Kriegerkaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester.)

Wie eine Ja-sagende semitische Religion, die Ausgeburt der herrschenden Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, das alte Testament in den älteren Teilen. (Der Muhammedanismus, als eine Religion für Männer, hat eine tiefe Verachtung für die Sentimentalität und Verlogenheit des Christentums ... einer Weibsreligion, als welche er sie fühlt –.)

Wie eine Nein-sagende semitische Religion, die Ausgeburt der unterdrückten Klasse, aussieht: das Neue Testament (– nach indisch-arischen Begriffen: eine Tschandala-Religion).

Wie eine Nein-sagende arische Religion aussieht, gewachsen unter den herrschenden Ständen: der Buddhismus.

Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion unterdrückter arischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse ist obenauf oder geht zugrunde.

234.

Heidnisch – christlich. – Heidnisch ist das Jasagen zum Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die Natürlichkeit“. Christlich ist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeitsgefühl im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.

„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat im Vergleich mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld verloren. Da aber zuletzt auch der christliche status bloß ein Naturzustand sein muß, sich aber nicht als solchen begreifen darf, so bedeutet „christlich“ eine zum Prinzip erhobene Falschmünzerei der psychologischen Interpretation....

235.

Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der zum Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der geschlechtlichen Symbole empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das Geheimnis an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht der Zukunft: der Wiedergeburt, Unsterblichkeit.

236.

Buddha gegen den „Gekreuzigten“. – Innerhalb der nihilistischen Religionen darf man immer noch die christliche und die buddhistische scharf auseinanderhalten. Die buddhistische drückt einen schönen Abend aus, eine vollendete Süßigkeit und Milde, – es ist Dankbarkeit gegen alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was fehlt: die Bitterkeit, die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs ist hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von diesem hat es noch seine geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut. (– Herkunft aus den obersten Kasten –.)

Die christliche Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung aus Abfalls- und Ausschußelementen aller Art: sie drückt nicht den Niedergang einer Rasse aus, sie ist von Anfang an eine Aggregatbildung aus sich zusammendrängenden und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie ist deshalb nicht national, nicht rassebedingt: sie wendet sich an die Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem Grunde gegen alles Wohlgeratene und Herrschende: sie braucht ein Symbol, welches den Fluch auf die Wohlgeratenen und Herrschenden darstellt.... Sie steht im Gegensatz auch zu aller geistigen Bewegung, zu aller Philosophie: sie nimmt die Partei der Idioten und spricht einen Fluch gegen den Geist aus. Ranküne gegen die Begabten, Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie errät in ihnen das Wohlgeratene, das Herrschaftliche.

237.

Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, alles, was Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort“ – nur insofern wird gewarnt vor dem Bösen. Denn Handeln – das hat keinen Sinn, Handeln hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren Zweck man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und deshalb perhorreszieren sie alle Antriebe seitens der Affekte. Zum Beispiel ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! – Der Hedonismus der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab. Nichts ist dem Buddhisten ferner als der jüdische Fanatismus eines Paulus: Nichts würde mehr seinem Instinkt widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des religiösen Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, welche das Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt hat. Zu alledem sind es die gebildeten und sogar übergeistigten Stände, die im Buddhismus ihre Rechnung finden: eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen Philosophenkampf abgesotten und müde gemacht, nicht aber unterhalb aller Kultur wie die Schichten, aus denen das Christentum entsteht.... Im Ideal des Buddhismus erscheint das Loskommen auch von Gut und Böse wesentlich: es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt, unter der Voraussetzung, daß man auch die guten Handlungen bloß zeitweilig nötig hat, bloß als Mittel, – nämlich, um von allem Handeln loszukommen.

238.

Eine nihilistische Religion wie das Christentum, einem greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke entsprungen und gemäß – Schritt für Schritt in andre Milieus übertragen, endlich in die jungen, noch gar nicht gelebt habenden Völker eintretend – sehr seltsam! Eine Schluß-, Hirten-, Abendglückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisiert, barbarisiert werden! Solchen, die ein Walhall geträumt hatten – : die alles Glück im Kriege fanden! – Eine übernationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, wo noch nicht einmal Nationen da waren –.

239.

Diese nihilistische Religion sucht sich die décadence-Elemente und Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich:

a) die Partei der Schwachen und Mißratenen (den Ausschuß der antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten von sich stieß....);

b) die Partei der Vermoralisierten und Antiheidnischen;

c) die Partei der Politisch-Ermüdeten und Indifferenten (blasierte Römer....), der Entnationalisierten, denen eine Leere geblieben war;

d) die Partei derer, die sich satt haben, – die gern an einer unterirdischen Verschwörung mitarbeiten –

240.

A. In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....

B. In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich, wirkt aber anziehend und verführend, weil es dem morbiden Charakter ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht.... sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren – die décadents aller Art –

Man hat hier zwischen A und B streng zu scheiden. Im Fall A ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (– es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Rohheit zu brechen). Im Fall B ist es ein Symptom der Krankheit selbst, vermehrt die décadence; hier wirkt es einem korroborierenden System der Behandlung entgegen, hier ist es der Krankeninstinkt gegen das, was ihm heilsam ist –

241.

Das christlich-jüdische Leben: hier überwog nicht das Ressentiment. Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt herausgetrieben haben – sowohl die Glut der Liebe, als die des Hasses.

Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann wird man aggressiv; man verdankt den Sieg des Christentums seinen Verfolgern.

Die Asketik im Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort, wo es auch ohne Christentum Asketik gibt.

Das hypochondrische Christentum, die Gewissenstierquälerei und -folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben das ist sein Wesen: Christentum ist ein Typus der décadence.

242.

Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen konnte, war die kleine jüdische Familie der Diaspora, mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen füreinander, mit ihrem verborgenen und in Demut verkleideten Stolz der „Auserwählten“, mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat. Das als Macht erkannt zu haben, diesen seligen Zustand als mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu haben – ist das Genie des Paulus: den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszunützen zu einer „jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses“, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der Gemeindeselbsterhaltung unter der Fremdherrschaft, auch die jüdische Propaganda – das erriet er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art kleiner Leute: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten („Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art Mensch“).

Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip der Liebe her: es ist eine leidenschaftlichere Seele, die hier unter der Asche von Demut und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so ist es eine Erhöhung der Temperatur der Seele bei jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung, daß das elendeste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperaturerhöhung....

Es versteht sich, daß eine solche Übertragung nicht stattfinden konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen hatten die schlechten Manieren gegen sich, – und was Stärke und Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe ekelerregend (– ich sehe diese schlechten Manieren, wenn ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und Not mit dem hier redenden Typus des niederen Volkes verwandt sein, um das Anziehende zu empfinden... Es ist eine Probe davon, ob man etwas klassischen Geschmack im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament steht (vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, wer dabei nicht ehrlich und gründlich etwas von foeda superstitio empfindet, etwas, wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht, was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie Goethe –

243.

Reaktion der kleinen Leute: – Das höchste Gefühl der Macht gibt die Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern eine Art Mensch redet.

„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, Gott liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“; das heißt: alle Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nicht jenes Gefühl von Macht und Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt; – aus Liebe tut man nichts Schlimmes, man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend täte.

Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im Großen und Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als Summe des Lebensgefühls empfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.

Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine Alteration der Persönlichkeit erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken, eine fremde Rede, ein „Evangelium“, – diese Neuheit war es, welche ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen – : er meinte, daß Gott vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. – „Gott kommt zu den Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, in einen Gott (insofern an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst). Jesus ist der Nächste, so wie dieser zur Gottheit, zur Machtgefühl erregenden Ursache umgedacht wurde.

244.

Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang zum Glück offen steht, – daß man nichts zu tun hat, als sich von der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts weiter, als die typische Sozialistenlehre.

Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrtümer, Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die Sozialistenlehre.

Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen könnte.... (Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits auf der Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt Revolutionen, sondern daß das Volk en mangeant Appetit bekommen hat....)

245.

Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine friedliche Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die großen Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt, womöglich gar als Maß des Menschen.

Bacon von Verulam sagt: Infimarum virtutum apud vulgus laus est, mediarum admiratio, supremarum sensus nullus. Das Christentum aber gehört, als Religion, zum vulgus; es hat für die höchste Gattung virtus keinen Sinn.

246.

Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem Apostel Paulus, daß sie den kleinen Leuten so viel in den Kopf gesetzt haben, als ob es etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen Tugenden. Man hat es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die wertvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, sie haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen Seele gegeneinander gesetzt, sie haben die tapfern, großmütigen, verwegenen, exzessiven Neigungen der starken Seele irregeleitet, bis zur Selbstzerstörung....

247.

Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind;

sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben den Priester – und dann sofort den Tschandala....

Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des Tschandala: der Ursprung des Christentums.

Damit, daß sie den Krieger nur als ihren Herrn kannten, brachten sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den Vornehmen, gegen den Edlen, Stolzen, gegen die Macht, gegen die herrschenden Stände – : sie sind Entrüstungspessimisten....

Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der Spitze der Tschandalas, – gegen die vornehmen Stände....

Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: auch im jüdischen Priestertum empfand es noch die Kaste, den Privilegierten, den Vornehmen – es strich den Priester aus

Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt.... der Tschandala, der sich selbst erlöst....

Deshalb ist die französische Revolution die Tochter und Fortsetzerin des Christentums.... sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die Vornehmen, gegen die letzten Privilegien – –

248.

Die tiefe Verachtung, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die Instinktabneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien und selbstbewußten Stände gegen die, welche sich durchdrücken und schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl verbinden.

Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich unvornehmen Art Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu haben, ja allen Wert zu haben, hat in der Tat etwas Empörendes, – auch heute noch.

249.

Das ursprüngliche Christentum ist Abolition des Staates: es verbietet den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstverteidigung und Verteidigung irgendeines Ganzen, den Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden; insgleichen die Ständeordnung.

Das Vorbild Christi: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles tun; er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er „reicht die linke Wange“ (auf die Frage „bist du Christus?“ antwortet er, „und von nun an werdet ihr sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger ihn verteidigen; er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben könnte, aber nicht will.

Das Christentum ist auch Abolition der Gesellschaft: es bevorzugt alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und Verurteilten, den Aussätzigen jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“, den Prostituierten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die „Korrekten“....

250.

Zur Geschichte des Christentums. – Fortwährende Veränderung des Milieus: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr Schwergewicht.... Die Begünstigung der Niederen und kleinen Leute.... Die Entwicklung der caritas.... Der Typus „Christ“ nimmt schrittweise alles wieder an, was er ursprünglich negierte (in dessen Negation er bestand –). Der Christ wird Bürger, Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“.... er nimmt alle Tätigkeiten wieder auf, die er abgeschworen hat (– die Selbstverteidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen....). Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben, von dem Christus die Loslösung predigte...

Die Kirche gehört so gut zum Triumph des Antichristlichen, wie der moderne Staat, der moderne Nationalismus.... Die Kirche ist die Barbarisierung des Christentums.

251.

Das Christentum ist möglich als privateste Daseinsform; es setzt eine enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, – es gehört ins Konventikel. Ein „christlicher Staat“, eine „christliche Politik“ dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals imstande gewesen, christliche Politik zu machen....; und wenn Reformatoren Politik treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger Macchiavells sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.

252.

Wann auch die „Herren“ Christen werden können. – Es liegt in dem Instinkt einer Gemeinschaft (Stamm, Geschlecht, Herde, Gemeinde), die Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, als an sich wertvoll zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit, Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, – somit alles, was denselben im Wege steht oder widerspricht, herabzudrücken.

Es liegt insgleichen in dem Instinkt der Herrschenden (seien es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die Unterworfenen handlich und ergeben sind, zu patronisieren und auszuzeichnen (– Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie möglich sein können).

Der Herdeninstinkt und der Instinkt der Herrschenden kommen im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen überein, – aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus.

Die Unterwerfung der Herrenrassen unter das Christentum ist wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum eine Herdenreligion ist, daß es Gehorsam lehrt: kurz, daß man Christen leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda.

Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben, wobei sie sich riskieren, wobei aber ein non plus ultra von Machtgefühl erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der heroischen Instinkte ihrer Brüder: – das Christentum erscheint da als eine Form der Willensausschweifung, der Willensstärke, als eine Donquixoterie des Heroismus....

253.

Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden, was sein Stifter tat und wollte. Es ist die große antiheidnische Bewegung des Altertums, formuliert mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“ des Stifters des Christentums, aber in einer absolut willkürlichen Interpretation nach dem Schema grundverschiedener Bedürfnisse: übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden unterirdischen Religionen

Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (– während Jesus den Frieden und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.

Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und Geschmack; die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, die vornehme Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form. Ihr Todfeind ist der Römer ebensosehr als der Grieche.

Versuch des Antiheidentums, sich philosophisch zu begründen und möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen Figuren der alten Kultur, vor allem für Plato, diesen Antihellenen und Semiten von Instinkt.... Insgleichen für den Stoizismus, der wesentlich das Werk von Semiten ist (– die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personalsouveränität – das ist semitisch. Der Stoiker ist ein arabischer Scheich in griechische Windeln und Begriffe gewickelt).

254.

Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch auf intellektuelle Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, bei der Berührung mit dem Neuen Testament etwas wie ein unaussprechliches Mißbehagen zu empfinden: denn die zügellose Frechheit des Mitredenwollens Unberufenster über die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf Richtertum in solchen Dingen übersteigt jedes Maß. Die unverschämte Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen (Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens) geredet wird, wie als ob sie keine Probleme wären, sondern einfach Sachen, die diese kleinen Mucker wissen!

255.

Dies war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden dagewesen ist: – wenn diese verlogenen kleinen Mißgeburten von Muckern anfangen, die Worte „Gott“, „jüngstes Gericht“, „Wahrheit“, „Liebe“, „Weisheit“, „heiliger Geist“ für sich in Anspruch zu nehmen und sich damit gegen „die Welt“ abzugrenzen, wenn diese Art Mensch anfängt, die Werte nach sich umzudrehen, wie als ob sie der Sinn, das Salz, das Maß und Gewicht vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen Irrenhäuser bauen und nichts weiter tun. Daß man sie verfolgte, das war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm man sie zu ernst, damit machte man aus ihnen einen Ernst.

Das ganze Verhängnis war dadurch ermöglicht, daß schon eine verwandte Art von Größenwahn in der Welt war, der jüdische (– nachdem einmal die Kluft zwischen den Juden und den Christen-Juden aufgerissen, mußten die Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer letzten Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden –); andererseits dadurch, daß die griechische Philosophie der Moral alles getan hatte, um einen Moralfanatismus selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten und schmackhaft zu machen.... Plato, die große Zwischenbrücke der Verderbnis, der zuerst die Natur in der Moral nicht verstehen wollte, der bereits die griechischen Götter mit seinem Begriff „gut“ entwertet hatte, der bereits jüdisch-angemuckert war (– in Ägypten?).

256.

Was ist denn das, dieser Kampf des Christen „wider die Natur“? Wir werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen nicht täuschen lassen! Es ist Natur wider etwas, das auch Natur ist. Furcht bei vielen, Ekel bei manchen, eine gewisse Geistigkeit bei anderen, die Liebe zu einem Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem „Auszug der Natur“ bei den Höchsten – diese wollen es ihrem Ideale gleichtun. Es versteht sich, daß Demütigung an Stelle des Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht vor den Begierden, die Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten (wodurch wieder ein höheres Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit der Gefühlseffusion – alles einen Typus zusammensetzt: in ihm überwiegt die Reizbarkeit eines verkümmernden Leibes, aber die Nervosität und ihre Inspiration wird anders interpretiert. Der Geschmack dieser Art Naturen geht einmal 1. auf das Spitzfindige, 2. auf das Blumige, 3. auf die extremen Gefühle. – Die natürlichen Hänge befriedigen sich doch, aber unter einer neuen Form der Interpretation, zum Beispiel als „Rechtfertigung vor Gott“, „Erlösungsgefühl in der Gnade“ (– jedes unabweisbare Wohlgefühl wird interpretiert! –), der Stolz, die Wollust usw. – Allgemeines Problem: was wird aus dem Menschen, der sich das Natürliche verlästert und praktisch verleugnet und verkümmert? Tatsächlich erweist sich der Christ als eine übertreibende Form der Selbstbeherrschung: um seine Begierden zu bändigen, scheint er nötig zu haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen.

257.

Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und unsterblich: unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, sündhaftes Dasein, eine Strafexistenz.... Das Leiden, der Kampf, die Arbeit, der Tod werden als Einwände und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt, als etwas Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen das man Heilmittel braucht – und hat!....

Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem unnormalen Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn für die Schuld Adams hergegeben, um diesem unnormalen Zustande ein Ende zu machen: der natürliche Charakter des Lebens ist ein Fluch; Christus gibt dem, der an ihn glaubt, den Normalzustand zurück: er macht ihn glücklich, müßig und unschuldig. – Aber die Erde hat nicht angefangen, fruchtbar zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne Schmerzen Kinder, die Krankheit hat nicht aufgehört; die Gläubigsten befinden sich hier so schlecht wie die Ungläubigsten. Nur daß der Mensch vom Tode und von der Sünde befreit ist – Behauptungen, die keine Kontrolle zulassen –, das hat die Kirche um so bestimmter behauptet. „Er ist frei von Sünde“ – nicht durch sein Tun, nicht durch einen rigorosen Kampf seinerseits, sondern durch die Tat der Erlösung freigekauft – folglich vollkommen, unschuldig, paradiesisch....

Das wahre Leben nur ein Glaube (das heißt ein Selbstbetrug, ein Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende, wirkliche Dasein voll Glanz und Finsternis nur ein schlechtes, falsches Dasein: von ihm erlöst werden ist die Aufgabe.

„Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich“ – diese Konzeption der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor allem zu kritisieren. Warum ist die Schuld, die Arbeit, der Tod, das Leiden (und, christlich geredet, die Erkenntnis....) wider die höchste Wünschbarkeit? – Die faulen christlichen Begriffe „Seligkeit“, „Unschuld“, „Unsterblichkeit“ – – –

258.

Krieg gegen das christliche Ideal, gegen die Lehre von der „Seligkeit“ und dem „Heil“ als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten.

Wann und wo hat je ein Mensch, der in Betracht kommt, jenem christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie sie ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß! – man blättere alle Helden Plutarchs durch.

259.

Der höhere Mensch unterscheidet sich von dem niederen in Hinsicht auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung des Unglücks: es ist ein Zeichen von Rückgang, wenn eudämonistische Wertmaße als oberste zu gelten anfangen (– physiologische Ermüdung, Willensverarmung –). Das Christentum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch. Eine volle Kraft will schaffen, leiden, untergehen: ihr ist das christliche Muckerheil eine schlechte Musik und hieratische Gebärden ein Verdruß.

260.

Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der Vergleichung, wir können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das Selbstbewußtsein der Historie überhaupt. Wir genießen anders, wir leiden anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsre instinktivste Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir haben kein feindseliges Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei schlecht wegkommen, unsre entgegenkommende und beinahe liebevolle Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten Dinge los....

„Alles ist gut“ – es kostet uns Mühe, zu verneinen. Wir leiden, wenn wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen.... Im Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi – –

261.

Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der Begriffe wir Europäer noch leben. Daß man hat glauben können, das „Heil der Seele“ hänge an einem Buche!.... Und man sagt mir, man glaube das heute noch.

Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung, wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröte zur Leibfarbe gemacht hat?

262.

Der Humor der europäischen Kultur: man hält das für wahr, aber tut jenes. Zum Beispiel was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik, wenn die kirchliche Interpretation der Bibel, die protestantische so gut wie die katholische, nach wie vor aufrecht erhalten wird!

263.

Nachzudenken: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle Glaube an die göttliche Providenz – dieser für Hand und Vernunft lähmendste Glaube, den es gegeben hat – fortbesteht; inwiefern unter den Formeln „Natur“, „Fortschritt“, „Vervollkommnung“, „Darwinismus“, unter dem Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit von Glück und Tugend, von Unglück und Schuld immer noch die christliche Voraussetzung und Interpretation ihr Nachleben hat. Jenes absurde Vertrauen zum Gang der Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische Resignation, die des Glaubens ist, jedermann habe nur seine Pflicht zu tun, damit alles gut gehe – dergleichen hat nur Sinn unter der Annahme einer Leitung der Dinge sub specie boni. Selbst noch der Fatalismus, unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität, ist eine Folge jenes längsten Glaubens an göttliche Fügung, eine unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf uns ankomme, wie alles geht (– als ob wir es laufen lassen dürften, wie es läuft: jeder Einzelne selbst nur ein Modus der absoluten Realität –).

264.

Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein konsequenter Nihilismus der Tat. – So wie ich alle die Phänomene des Christentums, des Pessimismus verstehe, so drücken sie aus: „wir sind reif, nicht zu sein; für uns ist es vernünftig, nicht zu sein“. Diese Sprache der „Vernunft“ wäre in diesem Falle auch die Sprache der selektiven Natur.

Was über alle Begriffe dagegen zu verurteilen ist, das ist die zweideutige und feige Halbheit einer Religion, wie die des Christentums: deutlicher, der Kirche: welche, statt zum Tode und zur Selbstvernichtung zu ermutigen, alles Mißratene und Kranke schützt und sich selbst fortpflanzen macht –

Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form des großen kontagiösen Nihilismus erzielt werden: eine solche, welche mit wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit den freiwilligen Tod lehrt und übt (– und nicht das schwächliche Fortvegetieren mit Hinsicht auf eine falsche Postexistenz –)?

Man kann das Christentum nicht genug verurteilen, weil es den Wert einer solchen reinigenden großen Nihilismusbewegung, wie sie vielleicht im Gange war, durch den Gedanken der unsterblichen Privatperson entwertet hat: insgleichen durch die Hoffnung auf Auferstehung: kurz, immer durch ein Abhalten von der Tat des Nihilismus, dem Selbstmord ... Es substituierte den langsamen Selbstmord; allmählich ein kleines, armes, aber dauerhaftes Leben; allmählich ein ganz gewöhnliches, bürgerliches, mittelmäßiges Leben usw.

265.

Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche Menschen wie Pascal zugrunde gerichtet hat. Man soll nie aufhören, eben dies am Christentum zu bekämpfen, daß es den Willen dazu hat, gerade die stärksten und vornehmsten Seelen zu zerbrechen. Man soll sich nie Frieden geben, solange dies Eine noch nicht in Grund und Boden zerstört ist: das Ideal vom Menschen, welches vom Christentum erfunden worden ist, seine Forderungen an den Menschen, sein Nein und sein Ja in Hinsicht auf den Menschen. Der ganze absurde Rest von christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei und Theologie geht uns nichts an; er könnte noch tausendmal absurder sein, und wir würden nicht einen Finger gegen ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen wir, das mit seiner krankhaften Schönheit und Weibsverführung, mit seiner heimlichen Verleumderberedsamkeit allen Feigheiten und Eitelkeiten müdgewordener Seelen zuredet – und die Stärksten haben müde Stunden –, wie als ob alles das, was in solchen Zuständen am nützlichsten und wünschbarsten scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit, Anspruchslosigkeit, Geduld, Liebe zu seinesgleichen, Ergebung, Hingebung an Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen Ichs, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei; wie als ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das tugendhafte Durchschnittstier und Herdenschaf Mensch nicht nur den Vorrang vor der stärkeren, böseren, begehrlicheren, trotzigeren, verschwenderischeren und darum hundertfach gefährdeteren Art Mensch habe, sondern geradezu für den Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maß, die höchste Wünschbarkeit abgebe. Diese Aufrichtung eines Ideals war bisher die unheimlichste Versuchung, welcher der Mensch ausgesetzt war: denn mit ihm drohte den stärker geratenen Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch, in denen der Wille zur Macht und zum Wachstum des ganzen Typus Mensch einen Schritt vorwärts tut, der Untergang; mit seinen Werten sollte das Wachstum jener Mehr-Menschen an der Wurzel angegraben werden, welche um ihrer höheren Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig auch ein gefährlicheres Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung der Unternehmerkosten ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christentum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Mut entmutigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnot verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, – bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung zugrunde gehen: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgibt.

266.

Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich. Es ist an keines der unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom persönlichen Gott, noch von der Sünde, noch von der Unsterblichkeit, noch von der Erlösung, noch vom Glauben; es hat schlechterdings keine Metaphysik nötig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche „Naturwissenschaft“.... Das Christentum ist eine Praxis, keine Glaubenslehre. Es sagt uns, wie wir handeln, nicht, was wir glauben sollen.

Wer jetzt sagte, „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere mich nicht um die Gerichte“, „die Dienste der Polizei werden von mir nicht in Anspruch genommen“, „ich will nichts tun, was den Frieden in mir selbst stört: und wenn ich daran leiden muß, nichts wird mir den Frieden erhalten als Leiden“ – der wäre Christ.

267.

Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werturteile sind damit absolut nicht überwunden. „Christus am Kreuze“ ist das erhabenste Symbol – immer noch. –

Drittes Buch.
Prinzip einer neuen Wertsetzung.

Drittes Buch. Prinzip einer neuen Wertsetzung.
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