2. Die moralischen Ideale.

3. Philosophie und Moral.

174.

Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie bisher am meisten aufgehalten worden.

175.

Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung als „Kriterium der Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners als Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht durch die ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller Unschuld diese Denkerkorruption mit dem Begriff „praktische Vernunft“ zu verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchen Fällen man sich nicht um die Vernunft zu kümmern brauche: nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn die Moral, wenn die „Pflicht“ redet.

176.

Die Philosophen sind eingenommen gegen den Schein, den Wechsel, den Schmerz, den Tod, das Körperliche, die Sinne, das Schicksal und die Unfreiheit, das Zwecklose.

Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis um der Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und Glück im Bunde, 4. an die Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen. Sie sind von instinktiven Wertbestimmungen geleitet, in denen sich frühere Kulturzustände spiegeln (gefährlichere).

177.

Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr galt – was als unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll ehemals verachtet wurde – : alle diese Blumen wachsen heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.

Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist kein Begriff darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt, – wir sind nicht mehr grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen zu müssen.... Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu.... Und wenn Wahrheit im alten Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war, weil die alte Moral zu ihr ja sagte, ja sagen durfte: so folgte daraus, daß wir auch keine Wahrheit von ehedem mehr nötig haben.... Unser Kriterium der Wahrheit ist durchaus nicht die Moralität: wir widerlegen eine Behauptung damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, als inspiriert durch edle Gefühle beweisen.

178.

Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der, der an sie glaubt, der sie verehrt, will eben diesen Charakter nicht anerkennen. Die Philosophen glauben allesamt an diese Werte, und eine Form ihrer Verehrung war die Bemühung, aus ihnen a priori-Wahrheiten zu machen. Fälschender Charakter der Verehrung....

Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen Rechtschaffenheit: aber es gibt in der ganzen Geschichte der Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, – sondern die „Liebe zum Guten“....

Der absolute Mangel an Methode, um den Wert dieser Werte zu prüfen; zweitens: die Abneigung, diese Werte zu prüfen, überhaupt sie bedingt zu nehmen. – Bei den Moralwerten kamen alle antiwissenschaftlichen Instinkte zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft auszuschließen....

179.

Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte ich es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich, mich darin festzusetzen, hielt sie für schädlich, – und zuletzt: ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisieren kann?? – Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals eine erkenntnistheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken entstanden ist, – daß sie einen Wert zweiten Ranges hat, sobald man erwägt, was im Grunde zu dieser Stellung zwang.

Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer – sowohl die skeptisch-epochistische Haltung, als die historisierende, als die pessimistische – sind moralischen Ursprungs. Ich sah niemanden, der eine Kritik der moralischen Wertgefühle gewagt hätte: und den spärlichen Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich bald den Rücken. –

Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der moralischen Werturteile? (Es war eine Konsequenz seiner Theodicee!)

180.

Die drei großen Naivitäten:

  • Erkenntnis als Mittel zum Glück (als ob....),
  • als Mittel zur Tugend (als ob....),
  • als Mittel zur „Verneinung des Lebens“, –

insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist – (als ob....).

181.

Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft feindlich gesinnt: schon Sokrates war dies – und zwar deshalb, weil die Wissenschaft Dinge als wichtig nimmt, welche mit „gut“ und „böse“ nichts zu schaffen haben, folglich dem Gefühl für „gut“ und „böse“ Gewicht nehmen. Die Moral nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte Kraft zu Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines solchen, der zum Verschwenden nicht reich genug ist, wenn der Mensch sich ernstlich um Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft eingeschleppt hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe, wie die in der Gesinnung eines Demokrit, Hippokrates und Thukydides, ist nicht zum zweiten Male erreicht worden.

182.

Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln einer Erkenntnistheorie respektive Skepsis: und wozu? Immer zugunsten der Moral.... (Der Haß gegen die Physiker und Ärzte.) Sokrates, Aristipp, die Megariker, die Zyniker, Epikur, Pyrrho – Generalansturm gegen die Erkenntnis zugunsten der Moral.... (Haß auch gegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits sind die Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema der Wahrheit, des wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: zum Beispiel das Atom, die vier Elemente (Juxtaposition des Seienden, um die Vielheit und Veränderung zu erklären –). Verachtung gelehrt gegen die Objektivität des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse, zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis....

Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1. deren Pathos (Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt gegen deren Nützlichkeit), 3. deren Resultate (als kindisch).

Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der Kirche, im Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie erbt das ganze antike Rüstzeug zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie spielt dabei dieselbe Rolle wie bei Kant, wie bei den Indern.... Man will sich nicht darum zu bekümmern haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“.

Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand in Hand zu gehen – : ich glaube, man nennt das Freiheit....

Darin drückt sich die décadence aus: der Instinkt der Solidarität ist so entartet, daß die Solidarität als Tyrannei empfunden wird: sie wollen keine Autorität, keine Solidarität, keine Einordnung in Reih und Glied zu unedler Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise, das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den langen Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen Menschen.

183.

Die Sophisten sind nichts weiter als Realisten: sie formulieren die allen gang und gäben Werte und Praktiken zum Rang der Werte, – sie haben den Mut, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu wissen....

Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Freistädte, welche sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien geleitet wurden? Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?

Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden, war nur vollendeten Tartüffs möglich – oder Abseitsgestellten, Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität.... Alles Leute, die negierten, um selber leben zu können –

Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie Juden oder ich weiß nicht was –. Die Taktik Grotes zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, – aber ihre Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben....

184.

Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf moralischen Vorurteilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu allem Guten (– also gleichsam „zurück“ –). Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen guten Gott als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns unsre Sinnesurteile verbürgt. Abseits von einer religiösen Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit – woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maß des Wirklichen sei, – daß, was nicht gedacht werden kann, nicht ist, – ist ein plumpes non plus ultra einer moralistischen Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem Augenblick widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern es ist....

185.

Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man hier die Sicherheit eines Instinkts zu erreichen suchte: so daß weder die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst ins Bewußtsein traten. So wie der Soldat exerziert, so sollte der Mensch handeln lernen. In der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine Kombinationen unbewußt....

Was bedeutet nun die Reaktion des Sokrates, welcher die Dialektik als Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere gehört zu ihrer Güte, – ohne Unbewußtheit taugt sie nichts!.... Scham erregen war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!....

Es bedeutet exakt die Auflösung der griechischen Instinkte, als man die Beweisbarkeit als Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese großen „Tugendhaften“ und Wortemacher.

In praxi bedeutet es, daß die moralischen Urteile aus ihrer Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen Grund und Boden ausgerissen werden und, unter dem Anschein von Sublimierung, entnatürlicht werden. Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden losgemacht von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und als frei gewordene „Ideen“ Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von Entitäten: man erdichtet eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie herkommen....

In summa: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei Plato.... Und nun hatte man nötig, auch den abstrakt-vollkommenen Menschen hinzu zu erfinden: – gut, gerecht, weise, Dialektiker – kurz, die Vogelscheuche des antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden losgelöst; eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen „beweist“. Das vollkommen absurde „Individuum“ an sich! die Unnatur höchsten Ranges....

Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz, einen entartenden Typus des Menschen zu schaffen, – „den Guten“, „den Glücklichen“, „den Weisen“. – Sokrates ist ein Moment der tiefsten Perversität in der Geschichte der Werte.

186.

Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach Aristoteles. Dagegen die Epikuräer, die sich die sensualistische Theorie der Erkenntnis des Aristoteles zunutze machten: gegen das Suchen der Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; „Philosophie als eine Kunst des Lebens“.

187.

Hegel: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen: er stellt den Fortschritt der Menschheit dar. Versuch, die Herrschaft der Moral aus der Geschichte zu beweisen.

Kant: ein Reich der moralischen Werte, uns entzogen, unsichtbar, wirklich.

Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des moralischen Reichs.

Wir wollen uns weder auf die Kantsche noch Hegelsche Manier betrügen lassen: – wir glauben nicht mehr, wie sie, an die Moral und haben folglich auch keine Philosophien zu gründen, damit die Moral recht behalte. Sowohl der Kritizismus als der Historizismus hat für uns nicht darin seinen Reiz: – nun, welchen hat er denn? –

188.

Moral als höchste Abwertung.Entweder ist unsre Welt das Werk und der Ausdruck (der modus) Gottes: dann muß sie höchst vollkommen sein (Schluß Leibnizens....) – und man zweifelte nicht, was zur Vollkommenheit gehöre, zu wissen –, dann kann das Böse, das Übel nur scheinbar sein (radikaler bei Spinoza die Begriffe Gut und Böse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet sein (– etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung Gottes, der zwischen Gut und Böse zu wählen erlaubt: das Privilegium, kein Automat zu sein; „Freiheit“ auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen.... zum Beispiel bei Simplicius im Kommentar zu Epiktet).

Oder unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die Schuld sind real, sind determiniert, sind absolut ihrem Wesen inhärent; dann kann sie nicht die wahre Welt sein: dann ist Erkenntnis eben nur der Weg, sie zu verneinen, dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt werden kann. Dies ist die Meinung Schopenhauers auf Grund Kantischer Voraussetzungen. Noch desperater Pascal: er begriff, daß dann auch die Erkenntnis korrupt, gefälscht sein müsse, – daß Offenbarung not tue, um die Welt auch nur als verneinenswert zu begreifen....

189.

Nichts ist seltener unter den Philosophen als intellektuelle Rechtschaffenheit: vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich, daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisen müssen, sie erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über diese „Wahrheiten“ einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von Moralität: es gibt Fälle – und der Fall der Philosophen gehört hierher –, wo ein solcher Glaube einfach eine Unmoralität ist.

4. Philosophie und Wissenschaft.
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