Stawrogin (der Fürst) und Schatoff
Der Fürst: „Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz besonders hervor, daß diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies ist, daß wir beide ihre unermeßliche Bedeutung und die unbedingte Notwendigkeit ihrer Lösung erkannt haben.“
„Ach! Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslösen!“ rief Schatoff (d. h. also die langsame Zersetzung). „Besser ist, wir leben in der Gegenwart und erfüllen das Gegenwärtige, ohne daran zu zweifeln, daß weiterhin Gott helfen wird.“
„Versuchen Sie es, so zu leben!“ sagte der Fürst lachend und ging.
Stawrogin (der Fürst) und Schatoff
„Darum ist Werchowenski auch so ruhig,“ sagt der Fürst, „weil er überzeugt ist, daß das Christentum für das lebendige Leben der Menschheit nicht nur nicht unbedingt nötig, sondern sogar positiv schädlich sei, und daß die Menschheit, wenn man das Christentum vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, wirklichem Leben aufleben würde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch sie untergehen.“
„Und was wird dann sein?“
„Eine tote Maschine, die natürlich nicht zu verwirklichen ist, aber ... vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten wird man die Welt schon so weit ertöten können, daß sie vor Verzweiflung wirklich lieber wird tot sein wollen. ‚Berge fallt über uns und deckt uns zu.‘ Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der Wissenschaft sich für die Ernährung als unzureichend erweisen und es eng sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ... werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das andere geschieht. Es wird so sein müssen, besonders wenn die Wissenschaft es so für richtig hält).“
„Erklären Sie das näher,“ sagt Schatoff.
„Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten müssen. Die Wissenschaft sagt: ‚Du bist nicht schuld daran, daß die Natur es so eingerichtet hat‘, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb, folglich heißt es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie, nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische Erfahrung bestätigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich, was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevölkerung ohne Nahrung und Heizmaterial aushalten können? Und wird dann die Wissenschaft zur rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen könnte? Das Verbrennen der Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im Menschen, der einzig seinen eigenen Kräften überlassen ist, – sind bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden das vorläufig noch schändlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir nicht einmal bemerken oder womöglich für Tugenden halten). Jetzt sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum eine Notwendigkeit ist und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes für die Menschheit, die der Mensch allein, von sich aus, nie würde erlangt haben, – wenn Sie glauben, daß der Mensch von seiner Wiege an in unmittelbarer Verbindung mit Gott steht, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der Erscheinung Christi, und schließlich, wenn Sie glauben, daß der Mensch, nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt, unfehlbar untergegangen wäre, und man folglich glauben muß, daß Gott mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, – dann (d. h. wenn Sie sich dem Christentum ergeben haben) würden Sie sich niemals mit dem Gefühl des Kinder-Verbrennens aussöhnen. Da haben Sie jetzt eine vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthält nur das Christentum allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen und untergehen.
Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn die Frage bloß darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu Gleichgültigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch andererseits glaube ich fest, daß das Christentum die Menschheit retten würde.“
Schatoff: „Wie, wie?“
Der Fürst: „Es enthält alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, daß alle Christusse wären, würde dann der Pauperismus überhaupt möglich sein? Im Christentum wäre sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial erträglich (nicht die Neugeborenen umbringen, sondern selbst für meinen Bruder sterben).“
Schatoff: „Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem?“
Der Fürst: „Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch überhaupt glauben?
Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten Plan. Übrigens, viele mühen sich darum, schreiben und reden darüber. Wir sorgen uns aus Leichtsinn und aus Ärger nur um das Gegenwärtige und glauben, das sei alles, was nötig ist. Andere wiederum denken sich verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, daß das Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation, nicht nur mit der gegenwärtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist und daß es nur zwei Initiativen gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich für das zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um festzustellen, was in seiner Kraft aus der Überzeugung kommt und was einfach nur aus der Natur.“