Stawrogin (Fürst)
Der Fürst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmütiger Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrücker der Bauern.
Er ist Ideenmensch. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie sich in ihm verkörpert, in seine Natur übergeht (immer mit Leiden und Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre sofortige Umsetzung in die Tat.
Während seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine Überzeugungen geändert. Seine Überzeugungen ändern heißt für ihn sofort auch sein ganzes Leben ändern, so daß er schon mit der geheimen Absicht zurückkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen. Er ist plötzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist maßlos mißtrauisch und vermutet immer das Schlimmste, – eine Erscheinung, die bei einem festen Menschen, für den sich entscheiden, die Schiffe verbrennen und handeln heißt, sehr verständlich ist. Dieser Mensch kann noch vor dem Entschluß zweifeln, wenn er noch nicht ganz überzeugt ist; zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus.
Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstüberwindung und daß Gott und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung, desgleichen die Freiheit.
11. März 1870.
Der letzte Entwurf zum Fürsten Stawrogin
Als der Fürst ankam, hatte er bereits alle Zweifel überwunden. Er ist – ein neuer Mensch. Er bricht mit zwei Mädchen, beabsichtigt auch mit der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut spöttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgültige Lösung und die große Idee gefunden hat. Er hört vorläufig alle an, widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmütig lustig über Gr., ist krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt – da er endlich erraten will: worauf diese Menschen so fest stehen können? (NB. Mit W. frühere Beziehungen.) Einzig Goluboff erschüttert ihn, doch mit Enthusiasmus gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), daß dieses ganz und gar auch sein Gedanke ist, die von ihm gefundene Überzeugung. Er ist zurückgekehrt, um seine Verstöße, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder gutzumachen. Versöhnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin, tritt für die verübte Religionsspötterei ein, sucht die Mörder auf, und schließlich erklärt er feierlich dem Zögling, daß er sie liebt, erklärt die Bedingungen. Sie bestehen darin, daß er von nun an ein Russischer Mensch ist und daß man sogar an das glauben muß, was von ihm bei Goluboff gesagt wurde, (daß Rußland und der russische Gedanke die Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Während der ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die wildeste Energie in der neuen Überzeugung aus und setzt seine Mutter in Erstaunen. Dem Zögling sagt er, er habe sie beobachtet und sich überzeugt, daß er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie dieselben Überzeugungen hat. Und dann plötzlich erschießt er sich.
Stawrogin (der Fürst) und Schatoff
Der Hauptgedanke, an dem der Fürst krankt und den er in sich trägt, ist folgender: wir haben die Rechtgläubigkeit, unser Volk ist groß und schön, weil es glaubt und weil es die Rechtgläubigkeit hat; wir Russen sind stark und stärker als alle, weil wir eine unermeßliche rechtgläubige Volksmasse haben. Würde im Volk der Glaube an die Rechtgläubigkeit wankend werden, so würde es sofort anfangen sich zu zersetzen, ein Vorgang, der bei den Völkern des Westens bereits begonnen hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus, Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebüßt, und hat ihn dort einbüßen müssen. (Bei uns ist natürlich die obere Volksschicht, die sogenannte höhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem Westen übernommen – folglich hier nur „Gras im Feuer“ und hat nichts zu bedeuten.)
Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schließlich sogar die Frage: kann man überhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann, wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der Rechtgläubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, früher begonnen, bei uns – wird sie eben später beginnen, beginnen aber wird sie unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar unvermeidlich ist, so muß man sogar wünschen, daß es noch schneller geschehe – je schneller desto besser.
(Der Fürst bemerkt plötzlich, daß er mit den Anschauungen W–s übereinstimmt: daß alles verbrennen das Beste ist.)
Es ergibt sich also folgendes:
1. daß die geschäftigen Leute, die diese Frage für leer und überflüssig halten und glauben, daß man auch ohne sie auskommen könne, Pöbel und Insekten sind, Gras im Feuer;
2. daß es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man zivilisiert, d. h. Europäer ist, überhaupt glauben? Ich meine: einwandlos an die Göttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben? (Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, daß man an Christi Göttlichkeit glaubt.)
NB. Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, daß die Gesellschaft das reine Verständnis Christi nicht hat rein erhalten können (der Katholizismus ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist Molokanentum)[59].
3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann), vermag dann die Menschheit überhaupt ohne Glauben zu leben (mit der Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben bloß irgend etwas, so stürzt die ganze sittliche Grundlage des Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine zieht das andere nach sich.
Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein wissenschaftliches Ethos) überhaupt möglich?
Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtgläubig.
Wenn aber die Rechtgläubigkeit für den Zivilisierten unmöglich ist (und in hundert Jahren wird halb Rußland zivilisiert sein), so ist folglich alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rußlands nur eine zeitweilige. Auf daß sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben?
Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lösen: Kann man überhaupt ernstlich und wahrhaft glauben?
Hierin liegt alles, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes, seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zukünftiges Sein.
Ist es aber unmöglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so unverzeihlich, wenn jemand verlangt, daß man alles verbrennen soll. Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist selbstverständlich menschenfreundlicher.)
Das also wäre das Rätsel?
NB. Sie können natürlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung obiger Thesen vieles einwenden, können streiten, nicht zustimmen, z. B. von der gelehrten rechten Seite behaupten, daß das Christentum nicht in der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man Christus nur als gewöhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen auffaßt (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum sei keineswegs eine Notwendigkeit für die Menschheit und durchaus nicht die Quelle des lebendigen Lebens (die hitzigen Kleinen schreien ja schon, daß es sogar schädlich sei), daß z. B. die Wissenschaft der Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal geben könne. Diese Widersprüche sind natürlich zu erwarten, ist doch die Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie, Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist, daß Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlöser noch Quelle des Lebens sein kann, daß die Wissenschaft allein niemals das ganze menschliche Ideal erfüllen wird, und daß die Lebensquelle, die Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der Verzweiflung und die Bedingung sine qua non für das Sein der ganzen Welt in diesen Worten enthalten ist: Und das Wort ward Fleisch, und im Glauben an diese Worte. Früher oder später werden doch alle darin übereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man an all das glauben, woran zu glauben die Rechtgläubigkeit befiehlt? Wenn nicht, so ist es viel besser und humaner – alles zu verbrennen und sich Werchowenski anzuschließen.