III.

IV.

Liputin hatte sich schon vor langer Zeit einen Paß auf einen fremden Namen besorgt. Es ist eigentlich eine sonderbare Vorstellung, daß dieser ordentliche kleine Mensch, dieser eigensinnige Familientyrann und vor allem Beamte (wenn er auch Fourierist war), daß dieser Kapitalist und Kuponschneider schon vor langer Zeit auf den phantastischen Gedanken hatte verfallen können, sich auf alle Fälle so einen Paß zu verschaffen, um sich mit ihm ins Ausland zu retten, wenn ... Er gab also doch die Möglichkeit dieses „Wenn“ zu, obschon er gewiß nicht hätte formulieren können, was er unter diesem „Wenn“ verstand ...

Jetzt aber hatte es sich plötzlich selbst formuliert, und noch dazu auf die allerunerwartetste Weise. Jener tollkühne Gedanke, mit dem er bei Kirilloff eingetreten war, nachdem er Pjotr Stepanowitschs „R–rrrüpel“ eingesteckt hatte, bestand darin, morgen noch, womöglich vor Sonnenaufgang, alles zu verlassen und sich ins Ausland in Sicherheit zu bringen! Wer nicht glauben will, daß so phantastische Dinge in unserer alltäglichen Wirklichkeit geschehen, der möge sich die Lebensgeschichten unserer gegenwärtigen Emigranten im Ausland einmal näher ansehen. Kein einziger von ihnen hat eine vernünftigere Flucht hinter sich. Immer war es die gleiche ungebändigte Herrschaft der Hirngespinste und nichts weiter.

Als Liputin zu Hause anlangte, war das erste, was er tat, daß er seinen Reisesack hervorholte und zu packen begann. Seine größte Sorge war das Geld, wie viel und wie er es retten konnte. Jawohl: „retten“, denn seiner Meinung nach durfte er nicht eine Stunde mehr säumen und mußte womöglich schon bei Sonnenaufgang unterwegs sein. Auch wußte er noch nicht recht, wo er am besten in den Zug steigen sollte; schließlich entschloß er sich, irgendwo auf der zweiten oder dritten Station einzusteigen, bis dorthin aber zu Fuß zu laufen. So plagte er sich denn mit seinem Reisesack herum, einen ganzen Wirbelsturm von Gedanken im Kopf, und – plötzlich warf er alles hin und sank mit einem tiefen Stöhnen auf seinen Diwan und streckte sich auf ihm aus.

Er fühlte deutlich, und plötzlich erkannte er ganz klar, daß er flüchten, nun ja, daß er wirklich flüchten werde, daß er aber die Frage, ob er vor oder nach Schatoff flüchten sollte, jetzt zu beantworten vollkommen außerstande war. Er empfand sich nur noch als einen willenlosen Körper, eine passive Masse, die schon von einer fremden unheimlichen Kraft gelenkt wurde, und er fühlte, daß er, obschon er einen Auslandspaß besaß und ohne weiteres „vor Schatoff“ flüchten konnte (nur deshalb hatte er sich doch so beeilt), – daß er trotzdem nicht „vor Schatoff“, sondern unbedingt erst „nach Schatoff“ flüchten werde, und daß es so schon beschlossen, unterschrieben und versiegelt war. In unerträglicher Qual, zitternd und sich über sich selbst wundernd, seufzend und vergehend vor Angst, erlebte er doch noch, ohne selbst recht zu wissen wie, auf dem Diwan liegend, den nächsten Morgen. Und dann erst erhielt er den entscheidenden Stoß, der seinem schwankenden Entschluß die endgültige Richtung gab. Es war schon elf Uhr, als er die Tür seines Zimmers aufschloß und hinaustrat. Und das erste, was er von den Seinigen erfuhr, war, daß der Räuber, Mörder und entsprungene Zuchthäusler Fedjka, der alle in Schrecken versetzt, Kirchen beraubt und Häuser in Brand gesteckt hatte, daß Fedjka, der berüchtigte Fedjka, den unsere Polizei schon lange verfolgte und immer noch nicht hatte finden können, früh morgens, sieben Werst von der Stadt, erschlagen gefunden worden war. Die ganze Stadt wußte es bereits. Liputin stürzte aus dem Hause, um Näheres darüber zu erfahren. Er hörte, daß man Fedjka, der allem Anscheine nach beraubt worden war, mit zerspaltenem Kopf gefunden, und daß die Polizei auf Grund einiger Anhaltspunkte den Spigulinschen Fomka, mit dem Fedjka bei Lebädkins zweifellos zusammen gemordet und angezündet hatte, für den Mörder hielt. Offenbar waren die beiden unterwegs in Streit geraten, wegen der von Fedjka bei Lebädkin angeblich geraubten und unterschlagenen großen Summe Geldes, die er mit Fomka, wie man annahm, noch nicht geteilt hatte ... Liputin lief noch zu dem Hause, in dem Pjotr Stepanowitsch wohnte, und erfuhr dort, daß der junge Herr, der zwar erst um ein Uhr nachts nach Hause gekommen sei, doch seelenruhig bis acht Uhr morgens in seinem Bett geschlafen habe. Augenscheinlich war also an dem plötzlichen Tode Fedjkas nichts Ungewöhnliches, zumal ja Banditen meistens ein solches Ende nehmen: aber das verhängnisvolle Übereinstimmen der Prophezeiung, daß Fedjka an diesem Abend „zum letztenmal Branntwein getrunken“ habe, mit der nackten Tatsache seines gewaltsamen Endes, war doch so seltsam und unheimlich, daß Liputin plötzlich aufhörte unschlüssig zu sein. Als er nach Hause zurückkam, stieß er mit einem Fußtritt den Reisesack unter den Diwan und am Abend war er der erste auf dem zum Stelldichein mit Schatoff angegebenen Platz, allerdings – mit dem Paß in der Tasche.

Zwanzigstes Kapitel.
Die Reisende

Zwanzigstes Kapitel. Die Reisende
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