V.
Hier war alles unverschlossen. Der Flur und die beiden ersten Zimmer waren dunkel, doch im dritten, in dem Kirilloff wohnte, war es hell, und dort hörte man Lachen und dazwischen ein seltsames frohes Gequiek.
Stawrogin ging auf das Licht zu, blieb aber vor der offenen Tür stehen, ohne zunächst einzutreten.
Der Teetisch war gedeckt. Mitten im Zimmer stand die Alte, die das Haus beaufsichtigte, in einem Unterrock, in Schuhen, doch ohne Strümpfe, und in einer ärmellosen Pelzjacke aus Hasenfell. Sie trug ein anderthalbjähriges Kindchen mit fast weißen Locken, nur mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, mit bloßen, dicken Beinchen und erhitztem, pausbackigem Gesichtchen, auf dem Arm. Offenbar hatte sie es soeben aus der Wiege genommen. Das Kindchen mochte noch vor kurzem geweint haben, denn noch standen dicke Tränen unter seinen Augen, doch war es in diesem Augenblicke froh und lustig, reckte seine Ärmchen und lachte, wie so kleine Kinder zu lachen pflegen: mit juchzenden, schluchzenden Nebentönen.
Vor dem Kindchen spielte Kirilloff mit einem großen roten Gummiball: er warf ihn kräftig auf die Diele, so daß er bis an die Decke sprang, wieder fiel und wieder sprang, während das Kindchen dazu überselig sein „Ba! ... Ba! ...“ rief. Kirilloff fing darauf den „Ba“ auf und gab ihn dem Kindchen, das dann natürlich den „Ba“ wieder gleich mit seinen eigenen, ungeschickten Händchen fortwarf, während Kirilloff ihm nachlief, um ihn aufzuheben. Zum Schluß rollte der „Ba“ unter den Schrank. Kirilloff aber streckte sich sofort längelang auf dem Fußboden aus, um ihn mit der Hand wieder hervorzuholen.
In diesem Augenblick trat Stawrogin ins Zimmer.
Das Kind, das ihn zuerst erblickte, warf sich erschreckt an den Hals der Alten und begann laut ein langgezogenes, eintöniges Kinderweinen, so daß die Alte es sofort hinausbrachte.
„Stawrogin?“ fragte Kirilloff, ohne die geringste Verwunderung über den unerwarteten Besuch, zog seine Hand mit dem Ball unter dem Schrank hervor und erhob sich. „Wollen Sie Tee?“
„Mit dem größten Vergnügen, wenn er warm ist, ich bin ganz durchnäßt.“
„Warm, sogar heiß,“ sagte Kirilloff mit Vergnügen, nachdem er sich davon überzeugt hatte. „Setzen Sie sich. Sie sind schmutzig, tut nichts. Ich kann’s später mit einem nassen Tuch ...“
Stawrogin setzte sich und trank fast auf einen Zug die eingegossene Tasse Tee aus.
„Noch?“
„Nein, danke.“
Kirilloff, der bis dahin gestanden hatte, setzte sich sogleich und fragte: „Wozu sind Sie gekommen?“
„Bitte, lesen Sie diesen Brief. Er ist von Gaganoff. Sie werden sich entsinnen, ich habe Ihnen von ihm schon in Petersburg erzählt.“
Kirilloff nahm den Brief, las ihn durch, legte ihn darauf wieder auf den Tisch und sah Stawrogin erwartungsvoll an.
„Mit diesem Gaganoff,“ erklärte Nicolai Wszewolodowitsch, „bin ich, wie Sie wissen, zum ersten Male in Petersburg vor kaum einem Monat zusammengetroffen, und dann sind wir uns noch ungefähr dreimal in der Gesellschaft begegnet. Wir wurden einander nicht vorgestellt, sprachen auch nicht miteinander und doch fand er Gelegenheit, sich ungezogen mir gegenüber zu benehmen. Ich habe Ihnen das ja damals alles erzählt. Doch was Sie nicht wissen, ist folgendes. Als er darauf Petersburg, noch vor mir, verließ, schrieb er mir einen Brief, der zwar noch nicht so beleidigend war, wie dieser hier, aber doch schon einen durchaus unzulässigen Ton hatte. Dabei stand mit keinem einzigen Worte darin, warum der Brief eigentlich geschrieben worden war. Ich antwortete ihm sofort und erklärte ihm ganz offenherzig, daß ich ‚da es sich wohl um den Vorfall mit seinem Vater vor vier Jahren hier im Klub handeln werde‘, – daß ich meinerseits durchaus bereit sei, ihm noch nachträglich meine Entschuldigung zu machen, einfach aus dem Grunde, weil meine Handlung damals im Krankheitszustande geschehen sei. Er antwortete mir nichts darauf und reiste irgendwohin fort. Nun komme ich hierher und finde ihn hier in einer wahren Tollwut auf mich. Man hat mir öffentliche Äußerungen von ihm mitgeteilt, die regelrechte Beschimpfungen sind, dazu die unglaublichsten Anschuldigungen. Und heute erhalte ich diesen Brief, – einen ähnlichen hat wohl noch nie jemand geschrieben! Mit Ausdrücken wie zum Beispiel ‚Ihre geschlagene Fratze‘. – Ich bin nun zu Ihnen gekommen, da ich hoffe, daß Sie mir nicht abschlagen werden, mein Sekundant zu sein?“
„In der Wut kann man schon ... Puschkin hat auch so geschrieben. Gut, ich komme. Sagen Sie, wie?“
Stawrogin erklärte, daß er ihn bäte, gleich morgen zu Gaganoff zu gehen. Er solle die Entschuldigung wiederholen und sogar noch einen zweiten Entschuldigungsbrief ankündigen – diesen letzteren aber nur unter der Bedingung, daß Gaganoff sein Wort gibt, keinen weiteren Brief irgendwie beleidigenden Inhalts zu schreiben, während sein letzter Brief als nicht erhalten betrachtet werden solle.
„Zu viel Konzessionen, er wird nicht darauf eingehen ...“
„Ich bin vor allem hierhergekommen, um zu erfahren, ob Sie überhaupt bereit sind, ihm solche Bedingungen zu überbringen?“
„Ich werde schon. Aber er wird nicht darauf eingehen ...“
„Das weiß ich.“
„Er will sich schlagen. Sagen Sie, wie?“
„Das ist es eben: ich möchte morgen die ganze Geschichte beendet haben. Sagen wir, um neun sind Sie bei ihm. Er wird Sie anhören und Ihr Ersuchen abschlagen. Dann wird er seinen Sekundanten zu Ihnen schicken, sagen wir – gegen elf. Mit dem besprechen Sie sich also, und um eins oder zwei könnten wir an Ort und Stelle sein. Ich möchte Sie sehr bitten, alles zu tun, was an Ihnen liegt, damit die Angelegenheit diesen Verlauf nimmt. Waffen natürlich Pistolen. Das Weitere – darum bitte ich Sie ganz besonders – richten Sie so ein: Vereinbaren Sie einen Abstand von zehn Schritten zwischen den Barrieren. Stellen Sie einen jeden von uns weitere zehn Schritt von seiner Barriere auf. Nach dem gegebenen Zeichen gehen wir aufeinander zu. Jeder muß unbedingt bis zu seiner Barriere gehen. Doch schießen kann er auch schon früher, im Gehen. So, das wäre alles, denke ich.“
„Zehn Schritt zwischen den Barrieren ist sehr nah,“ bemerkte Kirilloff.
„Nun, dann meinetwegen zwölf, aber nicht mehr. Sie begreifen doch, daß er sich nicht zum Vergnügen duellieren will. Verstehen Sie eine Pistole zu laden?“
„Ja. Ich habe selbst Pistolen. Ich werde mein Wort geben, daß Sie mit meinen noch nicht geschossen haben. Sein Sekundant gibt auch sein Wort für seine Pistolen. Dann werfen wir das Los, ob seine oder unsere.“
„Vorzüglich.“
„Wollen Sie die Pistolen sehen?“
„Meinetwegen.“
Kirilloff hockte vor seinem Koffer nieder, der noch immer unausgepackt in der Ecke stand, zog einen Kasten aus Palmenholz hervor, der innen mit rotem Samt ausgeschlagen war, und entnahm ihm zwei prachtvolle, äußerst kostbare Pistolen.
„Habe alles. Pulver, Kugeln, Patronen. Auch einen Revolver, warten Sie.“
Er kramte wieder in seinem Koffer und zog einen zweiten Kasten mit einem sechsläufigen Revolver hervor.
„Sie haben ja Waffen mehr als nötig! Und sehr teuere.“
„Sehr.“
Der gänzlich mittellose Kirilloff, der übrigens seine Armut selbst nie bemerkte, zeigte sichtlich nicht ohne Stolz seine Kostbarkeiten, die er zweifellos mit unglaublichen Opfern erstanden hatte.
„Sie haben immer noch dieselbe Absicht?“ fragte Stawrogin mit einer gewissen Vorsicht, nach minutenlangem Schweigen.
„Dieselbe,“ antwortete Kirilloff kurz: am Ton der Stimme hatte er sofort erkannt, wovon sein Gast sprach.
„Und – wann?“ fragte Stawrogin noch vorsichtiger, und wieder nach längerem Schweigen.
Kirilloff hatte inzwischen beide Kasten in den Koffer zurückgelegt und setzte sich nun auf seinen alten Platz.
„Das hängt nicht von mir ab. Sie wissen doch. Wann man mir sagen wird,“ murmelte er mehr vor sich hin, als wäre die Frage ihm ein wenig lästig, doch gleichzeitig war er, das fühlte man, durchaus bereit, auf andere Fragen zu antworten.
Er sah dabei mit seinen schwarzen glanzlosen Augen Stawrogin unverwandt an, mit einem seltsam gelassenen, doch guten und freundlichen Gefühl.
„Ich verstehe das gewiß – sich zu erschießen ...“ begann Stawrogin von neuem, nachdem er lange, wohl drei Minuten lang grübelnd geschwiegen hatte, während sein Gesicht sich verdüsterte. „Ich habe mir das selbst zuweilen vorgestellt. Aber es findet sich dann immer ein gewisser neuer Gedanke ein: wie, wenn man, zum Beispiel, ein Verbrechen beginge, oder etwas vor allem Schimpfliches, das heißt Schmachvolles, eine Schande, nur muß sie unendlich gemein sein und zugleich ... lächerlich – eine Schandtat, die von der Menschheit in tausend Jahren nicht vergessen wird, über die sie tausend Jahre lang flucht, und nun plötzlich der Gedanke: ‚ein Schuß in die Schläfe und es ist nichts mehr da‘. Was gehen einen dann noch die Menschen an, und daß sie einem tausend Jahre lang fluchen werden! Ist es nicht so?“
„Sie meinen, das ist ein neuer Gedanke?“ sagte Kirilloff, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte.
„Nein ... das nicht ... aber als ich ihn zum ersten Male dachte, da empfand ich ihn als ganz neu.“
„Sie empfanden einen Gedanken –“ sprach ihm Kirilloff nach. „Das ist gut. Es gibt viele Gedanken, die waren immer da, und plötzlich werden sie neu. Das ist richtig. Jetzt sehe ich vieles wie zum erstenmal.“
„Nehmen wir an, Sie waren auf dem Monde,“ unterbrach ihn Stawrogin, ohne Kirilloffs Worte zu beachten, und spann seinen eigenen Gedanken weiter. „Nehmen wir an, Sie haben dort oben alle diese lächerlichen Schmutzereien begangen. Sie wissen ganz genau, daß man Ihnen dort oben fluchen wird, tausend Jahre lang, ewig, auf dem ganzen Monde ... Aber Sie sind jetzt hier auf der Erde und sehen auf den Mond von hier aus: was geht es Sie dann hier auf der Erde an, was Sie dort oben alles getan haben – und daß die dort tausend Jahre lang bei Ihrem Namen ausspeien werden, – ist es nicht so?“
„Weiß nicht,“ antwortete Kirilloff. „Ich bin nicht auf dem Monde gewesen,“ fügte er hinzu, aber ohne jede Spur von Ironie, einfach als Ausdruck der Tatsache.
„Wessen Kind war das vorhin?“
„Die Schwiegermutter der Alten ist angekommen. Nein, Schwiegertochter ... einerlei. Vor drei Tagen. Liegt jetzt krank mit dem Kind. In der Nacht schreit es viel. Der Magen. Die Mutter schläft, und die Alte bringt es dann her. Ich spiele Ball mit ihm. Ein Hamburger Ball, hab’ ihn in Hamburg gekauft. Das stärkt den Rücken. Ein kleines Mädchen.“
„Sie lieben Kinder?“
„Ja,“ antwortete Kirilloff, übrigens ziemlich gleichmütig.
„Dann lieben Sie wohl auch das Leben?“
„Ja, auch das Leben. Wieso?“
„Wenn Sie doch beschlossen haben, sich zu erschießen.“
„Wieso denn? Warum zusammen? Das Leben für sich und jenes für sich. Leben ist, aber Tod ist überhaupt nicht.“
„So glauben Sie an ein zukünftiges ewiges Leben?“
„Nein, nicht an ein zukünftiges ewiges, sondern an ein diesseitiges ewiges. Es gibt Minuten, sie kommen zu den Minuten, und die Zeit bleibt plötzlich stehen und wird ewig sein.“
„Sie hoffen, zu so einer Minute zu kommen?“
„Ja.“
„Das ist in unserer Zeit wohl kaum möglich,“ meinte Stawrogin, gleichfalls ohne jede Spur von Ironie, langsam und wie in Gedanken verloren. „In der Apokalypse schwört der Engel, daß es keine Zeit mehr geben werde.“
„Ich weiß. Das ist dort sehr richtig. Ist deutlich und genau. Wenn der ganze Mensch das Glück erreicht, dann wird es keine Zeit mehr geben, weil sie nicht nötig ist. Ein sehr richtiger Gedanke.“
„Wo wird man sie denn hinstecken?“
„Nirgendwo wird man sie hinstecken. Zeit ist kein Gegenstand, sondern eine Idee. Sie wird auslöschen im Verstande.“
„Alte philosophische Gemeinplätze, immer ein und dieselben von allem Anfange an,“ murmelte Stawrogin wie mit einem gewissen angeekelten Bedauern.
„Ein und dieselben! Ja, immer ein und dieselben vom Anfang aller Jahrhunderte an und gar keine anderen niemals!“ griff Kirilloff mit blitzenden Augen Stawrogins Wort auf, ganz als läge in diesem Gedanken fast ein Triumph!
„Ich glaube, Sie sind sehr glücklich, Kirilloff?“
„Ja, sehr glücklich,“ antwortete dieser, als gäbe er die allergewöhnlichste Antwort.
„Aber noch vor kurzem waren Sie doch so betrübt und ärgerten sich über Liputin.“
„Hm! ... Aber jetzt nicht. Damals wußte ich noch nicht, daß ich glücklich war. Haben Sie ein Blatt gesehn? Ein Blatt vom Baum?“
„Freilich.“
„Ich sah vor kurzem ein gelbes, etwas grün noch, an den Rändern angefault. Es kam mit dem Wind. Als ich zehn Jahre war, schloß ich im Winter die Augen und stellte mir ein Blatt vor, ein grünes, glänzendes, mit Äderchen, und die Sonne leuchtet. Ich schlug die Augen auf und glaubte nicht, denn es war so schön, und schloß sie wieder.“
„Was soll das? Eine Allegorie?“
„N–nein ... warum? Keine Allegorie. Einfach ein Blatt. Nur ein Blatt. Ein Blatt ist gut. Alles ist gut.“
„Alles?“
„Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer es erfährt, der wird sofort gleich glücklich sein, im selben Augenblick. Diese Schwiegertochter wird sterben, und das Kind bleibt – alles ist gut. Ich habe es plötzlich entdeckt.“
„Und wenn jemand vor Hunger stirbt, oder wenn jemand ein kleines Mädchen entehrt und schändet – ist das auch gut?“
„Auch gut. Und wenn man ihm für das Mädchen den Kopf zerspaltet, auch das ist gut. Und wenn man ihm den Kopf nicht zerspaltet, auch das ist gut. Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, daß – alles gut ist. Wenn sie wüßten, daß sie es gut haben, dann würden sie es auch gut haben. Aber so lange sie nicht wissen, daß sie es gut haben, so lange werden sie es auch nicht gut haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze, und außer ihm gibt es überhaupt gar keinen.“
„Wann haben Sie es denn erfahren, daß Sie so glücklich sind?“
„In der vorigen Woche am Dienstag, nein, am Mittwoch, denn es war schon Mittwoch. In der Nacht.“
„Und bei welcher Gelegenheit denn?“
„Ich weiß nicht mehr. So. Ich ging im Zimmer ... Einerlei. Ich brachte die Uhr zum Stehen. Es war siebenunddreißig Minuten nach zwei.“
„Wohl zum Symbol dessen, daß die Zeit stehen bleiben muß?“
Kirilloff schwieg.
„Die Menschen sind nicht gut,“ begann er plötzlich wieder, „weil sie nicht wissen, daß sie gut sind. Wenn sie es wissen werden, so werden sie auch nicht mehr ein kleines Mädchen vergewaltigen. Sie müssen nur alle erfahren, daß sie gut sind, und alle werden sogleich gut sein. Alle ohne Ausnahme.“
„Nun, Sie selbst, zum Beispiel, Sie haben es nun erfahren, also sind Sie jetzt gut?“
„Ich bin gut.“
„Damit bin ich übrigens einverstanden,“ sagte Stawrogin, mit gerunzelter Stirn, vor sich hin.
„Wer da lehren wird, daß alle gut sind, wird die Welt beenden.“
„Der das lehrte, den haben sie gekreuzigt,“ sagte Stawrogin.
„Er wird kommen und sein Name wird sein Menschgott.“
„Gottmensch?“
„Nein, Menschgott. Das ist der Unterschied.“
„Sind nicht vielleicht Sie es, der hier das Lämpchen vor dem Heiligenbilde angezündet hat?“
„Ja, ich habe es angezündet.“
„Wieder gläubig geworden?“
„Die Alte liebt, daß das Lämpchen ... Heute hatte sie keine Zeit,“ sagte Kirilloff undeutlich.
„Aber selbst beten Sie noch nicht?“
„Ich bete zu allem. Sehen Sie, eine Spinne kriecht dort an der Wand und ich bin ihr dankbar dafür, daß sie kriecht.“
Seine Augen brannten wieder. Er sah immer noch unverwandt Stawrogin an, mit festem, standhaftem Blick. Stawrogin beobachtete ihn finster und widerwillig, doch in seinem Blick lag kein Spott.
„Ich wette, daß Sie, wenn ich nächstens wiederkomme, bereits an Gott glauben werden.“
Er stand auf und nahm seinen Hut.
„Wieso?“ Kirilloff erhob sich gleichfalls.
„Wenn Sie wüßten, daß Sie an Gott glauben, dann würden Sie an ihn glauben. Da Sie aber noch nicht wissen, daß Sie an ihn glauben, so glauben Sie auch noch nicht an ihn,“ sagte Stawrogin mit einem flüchtigen Lächeln.
„Das ist es nicht.“ Kirilloff dachte nach. „Sie haben den Gedanken umgekehrt. Ein Kavalierscherz. Denken Sie daran, was Sie in meinem Leben bedeutet haben, Stawrogin.“
„Leben Sie wohl, Kirilloff.“
„Kommen Sie wieder nachts; wann?“
„Ja, haben Sie denn schon vergessen, was morgen bevorsteht?“
„Ach, richtig, ich vergaß. Aber seien Sie unbesorgt, ich werde nicht verschlafen. Ich verstehe aufzuwachen, wann ich will. Ich lege mich hin und sage: um sieben Uhr – und wache auf um sieben Uhr; um zehn Uhr – und wache auf um zehn Uhr.“
„Sie haben ja merkwürdige Eigenschaften.“ Stawrogin sah in sein bleiches Gesicht.
„Ich werde die Hofpforte aufmachen.“
„Bemühen Sie sich nicht, Schatoff wird mich hinauslassen.“
„Ach so, Schatoff. Gut. Leben Sie wohl.“