III.

IV.

Vielleicht dachte Pjotr Stepanowitsch, daß Nicolai Wszewolodowitsch, sobald er allein wäre, mit den Fäusten an die Wand schlagen würde, welchem Wutausbruch Pjotr Stepanowitsch natürlich für sein Leben gerne heimlich zugesehen hätte, wenn das nur irgendwie möglich gewesen wäre. Doch er täuschte sich sehr. Stawrogin blieb vollkommen ruhig. Wohl ganze zwei Minuten stand er noch in derselben Stellung am Tisch, anscheinend in tiefe Gedanken versunken; doch bald legte sich ein müdes, kaltes Lächeln um seinen Mund. Er setzte sich langsam wieder auf den großen Diwan, auf denselben Platz in der Ecke, und schloß die Augen, wie vor Müdigkeit. Die eine Ecke des Briefes lugte noch immer unter dem Briefbeschwerer hervor, doch er rührte sich nicht einmal, um sie zu bedecken.

Bald vergaß er sich ganz.

Warwara Petrowna hatte sich schon alle die Tage mit Sorgen gequält. Als jetzt auch noch Pjotr Stepanowitsch fortgegangen war, ohne sein Versprechen zu halten und zu ihr zu kommen, hielt sie es nicht länger aus und wagte es, selbst zu ihrem Sohne zu gehen. Die ganze Zeit hatte sie gedacht, vielleicht werde er doch endlich etwas Bestimmtes, Entscheidendes sagen. Leise, wie vorhin, klopfte sie an seine Tür, und da sie keine Antwort erhielt, wagte sie wieder, selbst zu öffnen. Als sie sah, wie er so unbeweglich und sonderbar still dasaß, trat sie, mit klopfendem Herzen, vorsichtig näher. Es machte sie stutzig, daß er so schnell und so aufrecht sitzend eingeschlafen war; sogar das Atmen merkte man kaum. Sein Gesicht war blaß und streng, doch dabei wie völlig erkaltet, regungslos. Die Brauen waren ein wenig zusammengezogen und wirkten finster: so glich er entschieden einer leblosen Wachsfigur. Warwara Petrowna stand wohl ganze drei Minuten vor ihm, mit verhaltenem Atem, und plötzlich wurde sie von einer Angst erfaßt. Auf den Fußspitzen ging sie hinaus, doch an der Tür blieb sie einen Augenblick stehen, wandte sich um, machte das Zeichen des Kreuzes über ihren Sohn und verließ dann unbemerkt den Raum – mit einer neuen schweren Empfindung und neuen Sorgen im Herzen.

Er schlief lange, über eine Stunde, und die ganze Zeit in derselben Erstarrung: kein Muskel seines Gesichtes bewegte sich, nicht das leiseste Zucken ging durch seinen Körper; die Brauen blieben unverändert streng zusammengezogen. Wäre Warwara Petrowna noch weitere drei Minuten vor ihm stehen geblieben, so würde sie das erdrückende Empfinden dieser lethargischen Regungslosigkeit ganz gewiß nicht ertragen und ihn aufgeweckt haben. Doch plötzlich schlug er von selbst die Augen auf, blieb aber, ohne sich zu rühren, wohl noch zehn Minuten unverändert sitzen, nur daß seine offenen Augen jetzt beharrlich und wißbegierig in die eine dunkle Ecke des Zimmers sahen, wie sich hineinsehend in irgendeinen ihn dort fesselnden Gegenstand, obgleich sich dort weder etwas Neues, noch etwas Besonderes befand.

Da begann die große, alte Wanduhr zu schnurren und schlug einen einzigen, schweren Schlag. Stawrogin wandte mit einer gewissen Unruhe den Kopf, um auf das Zifferblatt zu sehen. Doch in demselben Augenblick öffnete sich die Tapetentür, die zum Korridor führte, und der Kammerdiener Alexei Jegorowitsch trat ein. Er brachte einen dicken Mantel, ein Halstuch und einen Hut, und in der rechten Hand hielt er einen silbernen Teller, auf dem ein Zettel lag.

„Halb zehn,“ meldete er mit leiser Stimme und trat, nachdem er den Mantel an der Tür auf einen Stuhl gelegt hatte, zu Nicolai Wszewolodowitsch, dem er das Zettelchen präsentierte, ein kleines, ungeschlossenes Papier, auf dem nur zwei Zeilen mit Bleistift geschrieben standen.

Nachdem Stawrogin sie überflogen hatte, nahm er einen Bleistift vom Tisch und kritzelte ein paar Worte auf dasselbe Papier, das er dann wieder offen auf den Teller zurücklegte.

„Sofort zu übergeben, sobald ich ausgegangen bin,“ sagte er und erhob sich vom Diwan.

Es fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, daß er einen leichten Samtrock an hatte, so überlegte er einen Augenblick und befahl dann, ihm einen Tuchrock zu bringen, der zu zeremoniellen Abendbesuchen besser paßte. Nachdem er sich ganz angekleidet und den Hut schon aufgesetzt hatte, verschloß er die Tür, durch die vorhin Warwara Petrowna eingetreten war, zog dann den Brief unter dem Briefbeschwerer hervor, steckte ihn zu sich und ging schweigend aus dem Zimmer. Alexei Jegorowitsch folgte ihm. Aus dem Korridor gingen sie über eine schmale steinerne Hintertreppe in den Hausflur hinab, aus dem man unmittelbar in den Park treten konnte. In einer Ecke des Flurs hatte Alexei Jegorowitsch eine Laterne und einen Regenschirm versteckt.

„Infolge des starken Regens ist der Schmutz in den Straßen ganz unerträglich,“ meldete Alexei Jegorowitsch wie mit einem entfernten letzten Versuch, seinen Herrn von dem Ausgehen abzubringen.

Doch Stawrogin machte den Schirm auf und trat schweigend hinaus in den alten Park, der wie ein Keller dunkel, feucht und naß war. Der Wind brauste und rauschte und schaukelte die Wipfel der großen, halb schon kahlen Bäume, die schmalen Sandwege waren weich und glatt. Alexei Jegorowitsch ging so, wie er war, im braunen Frack und ohne Mütze, mit der kleinen Laterne in der Hand, drei Schritte vor seinem Herrn, und beleuchtete den Weg.

„Wird man es nicht bemerken?“ fragte plötzlich Nicolai Wszewolodowitsch.

„Aus den Fenstern wird man es nicht bemerken und außerdem ist alles vorgesehen,“ antwortete der Diener leise und maßvoll.

„Meine Mutter schläft?“

„Haben sich nach der Gewohnheit der letzten Tage gleich nach neun Uhr zurückgezogen, und daß die gnädige Frau es erfährt, ist ganz ausgeschlossen. Wann befehlen der Herr, daß ich Ihn zurückerwarte?“

„Um eins, halb zwei, nicht später als zwei.“

„Zu Befehl.“

Sie umgingen auf den sich schlängelnden Wegen fast den ganzen Park, bis sie an der Ecke der großen Steinmauer stehenblieben, wo ein kleines Pförtchen auf eine schmale entlegene Nebengasse führte.

„Wird die Tür nicht kreischen?“ fragte Nicolai Wszewolodowitsch. Doch Alexei Jegorowitsch sagte, daß er zweimal, „sowohl gestern wie auch heute,“ die Angeln geschmiert habe. Er war bereits ganz durchnäßt vom Regen. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, reichte er Nicolai Wszewolodowitsch den Schlüssel.

„Wenn der Herr geruhen, einen weiten Weg zu unternehmen, so möchte ich vorher darauf aufmerksam machen, daß den Leuten hier herum nicht zu trauen ist, besonders nicht in entlegenen Gassen und ... am allerwenigsten jenseits des Flusses,“ wagte er nochmals zu warnen.

Er war ein alter Diener, der einst Nicolai Wszewolodowitsch auf den Armen gewiegt und wie eine Kinderfrau mit ihm gespielt hatte, ein ernster, strenger Mann, der das Gotteswort kannte und gern in der Bibel las.

„Beunruhige dich nicht, Alexei Jegorowitsch.“

„Gott segne Euch, Herr, aber nur beim Anfang guter Taten.“

„Wie?“ Nicolai Wszewolodowitsch, der schon über die Schwelle getreten war, blieb stehen.

Der alte Diener wiederholte mit fester Stimme seinen Segenswunsch. Nie hätte er sich früher unterstanden, solche Worte zu seinem Herrn zu sagen.

Stawrogin sagte nichts, schloß die Tür, steckte den Schlüssel in die Tasche und ging die Gasse entlang, wobei seine Füße bei jedem Schritt an die drei Zoll tief im Schlamm versanken. Endlich erreichte er eine lange, einsame Straße, die wenigstens gepflastert war. Die Stadt kannte er genau: immerhin hatte er noch einen weiten Weg bis zur Bogojawlenskstraße.

Es war schon nach zehn Uhr, als er endlich vor der verschlossenen Pforte des Filippoffschen Hauses stehen blieb.

Die untere Etage war unbewohnt, seitdem man Lebädkins fortgeschafft hatte. Die Fensterläden waren geschlossen. Nur oben in Schatoffs Dachzimmer sah man noch Licht. Da es an der Pforte keine Klingel gab, so klopfte Stawrogin. Nichts rührte sich zunächst. Aber schließlich, nach abermaligem Klopfen, öffnete sich oben ein Klappfenster und Schatoff steckte den Kopf heraus. Es war stockdunkel und daher schwer, jemanden zu erkennen.

Schatoff sah lange hinunter.

„Sind Sie es?“ fragte er plötzlich.

„Ja.“

Schatoff schlug das Fenster zu, kam nach unten und öffnete die Pforte.

Stawrogin trat über die hohe Schwelle und ging stumm an ihm vorüber in den Flügel zu Kirilloff.

V.

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