VI.
Die Flurtür des leeren Hauses, in dem Schatoff wohnte, war nicht verschlossen. Im Flur war es stockdunkel, so daß Stawrogin mit der Hand tastend nach der Treppe zu suchen begann. Da wurde plötzlich im oberen Stock eine Tür aufgemacht und ein Lichtschimmer ließ ihn die Treppe sehen. Schatoff trat selbst nicht heraus, er ließ nur die Tür offen stehen. Als Stawrogin oben anlangte und an der Türschwelle stehen blieb, sah er ihn in der anderen Ecke des Zimmers an seinem Tisch stehen und warten ...
„Würden Sie mich in einer Angelegenheit empfangen?“ fragte Stawrogin, ohne einzutreten.
„Treten Sie ein. Setzen Sie sich,“ antwortete Schatoff. „Schließen Sie die Tür. Warten Sie, ich werde selbst ...“
Er schloß die Tür, drehte den Schlüssel um und setzte sich dann Stawrogin gegenüber. Er war in dieser Woche merklich abgemagert und schien jetzt zu fiebern.
„Sie haben mich müde gequält,“ sagte er halblaut murmelnd, den Blick zu Boden gesenkt. „Warum sind Sie nicht früher gekommen?“
„Sie waren so überzeugt, daß ich kommen werde?“
„Ja ... Warten Sie, ich habe im Fieber phantasiert ... vielleicht phantasiere ich auch jetzt noch ... Warten Sie.“
Er stand auf, ging zu seinem Bücherbrett und nahm von dem obersten der drei Bretter einen Gegenstand: es war ein Revolver.
„In einer Nacht träumte mir im Fieber, daß Sie kommen würden, um mich zu töten. Da habe ich mir am anderen Morgen von dem Taugenichts Lämschin für mein letztes Geld diesen Revolver gekauft. Ich wollte mich Ihnen nicht ergeben. Später kam ich wieder zu mir ... Ich habe weder Kugeln, noch Pulver ... seitdem liegt er hier auf dem Bücherbrett. Warten Sie.“
Er ging schon zum Fenster und wollte es öffnen.
„Nicht doch, warum hinauswerfen!“ rief ihn Stawrogin zurück. „Er kostet Geld ... und morgen würden die Leute davon sprechen, daß unter Schatoffs Fenster Mordwerkzeuge liegen. Legen Sie ihn wieder hin. – So. Und jetzt setzen Sie sich. Sagen Sie, warum beichten Sie mir förmlich Ihren Gedanken, daß ich zu Ihnen kommen würde, um Sie zu töten? Ich bin auch jetzt nicht gekommen, um mich mit Ihnen zu versöhnen, sondern um über etwas sehr Notwendiges mit Ihnen zu sprechen. Erklären Sie mir zunächst eines: Sie haben mich doch nicht wegen meiner Verbindung mit Ihrer Frau geschlagen?“
„Sie wissen doch selbst, daß ich nicht deswegen ...“
Schatoff sah wieder zu Boden.
„Und auch nicht wegen des dummen Klatsches über Darja Pawlowna?“
„Nein, nein, natürlich nicht! Blödsinn! Meine Schwester hat mir gleich zu Anfang gesagt ...“ erwiderte Schatoff mit Ungeduld, schroff, und fast stampfte er mit dem Fuß auf.
„Also habe ich es richtig erraten ... und auch Sie haben das andere erraten,“ fuhr Stawrogin ruhig fort. „Sie irren sich nicht, es ist so: Marja Timofejewna Lebädkin ist meine rechtmäßige, mir vor viereinhalb Jahren in Petersburg angetraute Frau. – Sie haben mich doch ihretwegen geschlagen?“
Ganz bestürzt saß Schatoff da, hörte und schwieg.
„Ich ahnte es und konnte es doch nicht glauben,“ murmelte er endlich und sah dabei Stawrogin sonderbar an.
„Und so schlugen Sie?“
Schatoff wurde feuerrot und stammelte fast zusammenhangslos:
„Ich habe es ... wegen Ihrer Erniedrigung ... für Ihren Fall ... Ihre Lüge ... Ich trat nicht an Sie heran, um Sie zu bestrafen ... Als ich auf Sie zuging, wußte ich selbst noch nicht, daß ich schlagen würde. Ich ... habe es deswegen ... weil Sie so viel in meinem Leben bedeutet haben ... Ich –“
„Verstehe, verstehe schon, sparen Sie die Worte. Es tut mir leid, daß Sie heute fiebern, denn ich muß über eine wichtige Sache mit Ihnen sprechen.“
„Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet.“ Schatoff zitterte geradezu und erhob sich vom Stuhl. „Sprechen Sie von Ihrer Angelegenheit, ich werde dann sprechen ... nachher ...“
Er setzte sich wieder.
„Diese Sache hat mit alledem nichts gemein,“ begann Stawrogin, der ihn mit Neugier beobachtete. „Gewisse Umstände haben mich gezwungen, heute noch diese späte Stunde zu wählen, um Sie zu benachrichtigen, daß man Sie vielleicht bald ermorden wird.“
Schatoff blickte ihn wild an.
„Ich weiß, daß mir Gefahr drohen könnte,“ sagte er zurückhaltend, „aber – wie können Sie denn das wissen?“
„Weil ich ebenfalls zu jenen gehöre und eben solch ein Mitglied des Bundes bin, wie Sie.“
„Sie ... Sie ... ein Glied des ... Bundes?“
„Ich sehe an Ihren Augen, daß Sie alles von mir erwartet hätten, nur das nicht,“ sagte Stawrogin, mit kaum merklichem Lächeln. „Aber, erlauben Sie, dann wußten Sie also schon, daß man Sie ermorden will?“
„Nicht einmal gedacht habe ich daran! Und auch jetzt glaube ich es nicht, obschon Sie es sagen! Aber wer kann denn vor diesen Eseln sicher sein!“ rief er plötzlich wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich fürchte sie aber nicht! Ich habe mit ihnen gebrochen. Der eine ist viermal zu mir gekommen und hat mir gesagt, daß man austreten kann ... aber –“ er sah auf Stawrogin – „was wissen Sie denn eigentlich davon?“
„O, fürchten Sie nichts, ich betrüge Sie nicht,“ fuhr Stawrogin kühl fort, mit dem Ausdruck eines Menschen, der nur eine Pflicht erfüllt. „Sie wollen mich examinieren: was ich davon weiß? Ich weiß, daß Sie in diesen Verband eingetreten sind, als Sie noch im Auslande waren, kurz vor Ihrer Reise nach Amerika und, ich glaube, gleich nach unserem letzten Gespräch, über das Sie mir dann ja in Ihrem Brief aus Amerika so viel geschrieben haben. Verzeihen Sie, bitte, daß ich nicht gleichfalls mit einem Brief darauf geantwortet habe, und nur ...“
„Das Geld schickten! Warten Sie einen Augenblick,“ unterbrach ihn Schatoff, zog eilig das Schubfach des Tisches auf und suchte unter einem Stoß von Papieren einen Hundertrubelschein hervor. „Hier, bitte, nehmen Sie die hundert Rubel wieder, die Sie mir schickten, ohne Sie wäre ich dort umgekommen. Ich würde Ihnen die Summe noch lange nicht zurückgeben können, ... wenn nicht Ihre Mutter diese hundert Rubel vor neun Monaten ... nach meiner Krankheit ... mir meiner Armut wegen geschenkt hätte. Doch fahren Sie fort, bitte ...“
Schatoff war vor Aufregung ganz atemlos.
„In Amerika änderten Sie dann Ihre Anschauungen, und als Sie nach der Schweiz zurückgekehrt waren, wollten Sie sich vom Bunde lossagen. Man antwortete Ihnen nicht, sondern beauftragte Sie, hier in Rußland von irgend jemandem eine Setzmaschine in Empfang zu nehmen und sie so lange aufzubewahren, bis eine von jenen beauftragte Person sie Ihnen wieder abnehmen würde. Ich bin nicht über alle Einzelheiten unterrichtet, doch in der Hauptsache verhält es sich so, nicht wahr? Sie aber nahmen den Auftrag unter der Bedingung oder vielleicht auch nur in der Hoffnung an, daß es – deren letzte Forderung sei, und Sie dann endgültig frei wären. Alles das habe ich nicht von jenen, sondern ganz zufällig erfahren. Ich möchte Sie nun auf eines aufmerksam machen, was Sie noch nicht zu wissen scheinen: daß nämlich jene Leute durchaus nicht die Absicht haben, Sie freizugeben.“
„Das ist unmöglich!“ brüllte Schatoff auf. „Ich habe ihnen ehrlich erklärt, daß ich geistig nichts mehr mit ihnen gemein habe! Das ist mein Recht, das Recht meines Gewissens und meiner Überzeugung ... Ich werde das nicht dulden! Es gibt keine Macht, die ...“
„Wissen Sie, schreien Sie lieber nicht so,“ fiel ihm Stawrogin sehr ernst ins Wort. „Dieser Werchowenski ist ein Mensch, der vielleicht in diesem Augenblick hier auf Ihrem Treppenflur zuhört, wenn nicht mit eigenen, so doch mit fremden Ohren, – was sich ja schließlich gleich bleibt. Sogar der ewig betrunkene Lebädkin war verpflichtet, Sie zu beobachten, und Sie mußten vielleicht wiederum auf ihn aufpassen, – war’s nicht so? Übrigens, sagen Sie mir lieber, hat sich Werchowenski jetzt mit Ihren Argumenten einverstanden erklärt, oder nicht?“
„Er war einverstanden: er sagte, ich könne – und ich hätte das Recht ...“
„Nun, dann betrügt er Sie. Ich weiß genau, daß sogar Kirilloff, der beinahe überhaupt nicht zu ihnen gehört, beauftragt war, Nachrichten über Sie zu schicken. Agenten haben sie in Mengen, und viele wissen es nicht einmal, daß sie dem Verbande dienen. Auf Sie hat man beständig aufgepaßt. Pjotr Stepanowitsch ist unter anderem auch deshalb hergekommen, um Ihre Angelegenheit endgültig zu erledigen: da Sie zu viel wissen und vielleicht sie alle verraten könnten, hat er die Vollmacht, Sie in einem passenden Augenblick zu beseitigen. Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß jene die feste Überzeugung haben, daß Sie ein Spion sind, der, wenn er auch bis jetzt noch nichts verraten hat, es doch bestimmt tun wird. Ist das wahr?“ fragte Stawrogin in einem ruhigen, ganz gewöhnlichen Tone.
Schatoff verzog den Mund, als er eine solche Frage in einem solchen Tone hörte.
„Und wenn ich ein Spion wäre – wem sollte ich denn etwas verraten?“ fragte er hämisch zurück. „Nein, lassen Sie das! Zum Teufel mit mir! Aber Sie!“ rief er aus, sich plötzlich von neuem auf die Nachricht stürzend, die Stawrogin betraf, und die ihn sichtlich weit mehr erschüttert hatte, als die von seiner eigenen Gefahr. „Aber Sie, Sie, Stawrogin, wie konnten Sie sich in eine so schamlose, geistlose Knechtsgesellschaft verlieren! ... Sie, ein Mitglied dieser Bande! Ist denn das die Heldentat Nicolai Stawrogins!?“ rief er ganz verzweifelt aus und erhob wie fassungslos die Hände, als könnte es nichts Bittereres und Trostloseres für ihn geben, als diese Entdeckung.
„Erlauben Sie –“ wunderte Stawrogin sich tatsächlich, „Sie scheinen ja förmlich eine Sonne in mir zu sehen und sich selbst, im Vergleich zu mir, für so etwas wie ein Insekt zu halten? Auch aus Ihrem Brief aus Amerika habe ich das ...“
„Sie ... Sie wissen ... Eh, lassen wir mich aus dem Spiel!“ brach Schatoff plötzlich das ab. „Aber wenn Sie über sich selbst etwas sagen, erklären könnten? ... Auf meine Frage? – So tun Sie es!“ bat er erregt.
„Mit Vergnügen. Sie fragen, wie ich mich in diesen Kreis verlieren konnte, in diese geistige Spelunke? Ich bin jetzt sogar verpflichtet, Ihnen einige Mitteilungen darüber zu machen. Genau genommen, gehöre ich durchaus nicht zu diesem Bunde, habe auch früher nicht zu ihm gehört und habe weit mehr das Recht, als Sie, ihn zu verlassen, da ich ausdrücklich niemals in ihn eingetreten bin. Im Gegenteil, ich habe den Leuten gleich zu Anfang erklärt, daß ich ihnen durchaus nicht sonderlich gewogen bin, – und wenn ich ihnen zufällig einmal geholfen habe, so habe ich das nur wie ein müßiger Mensch getan. Ich habe teilweise an der Reorganisation des Verbandes nach einem neuen Plane mitgearbeitet, doch das ist auch alles. Jene aber sind jetzt bedenklich geworden und mit sich übereingekommen, daß auch ich ihnen gefährlich werden könnte, und deshalb bin auch ich, wenn ich mich nicht irre, zum Tode verurteilt.“
„Oh, mit Todesurteilen sind sie gleich bei der Hand, das geht bei ihnen schnell – und alles vorschriftsmäßig auf bestempeltem Papier, das dann von dreieinhalb Menschen unterschrieben wird! Und Sie glauben, daß die dazu fähig wären! ...“
„Hierin haben Sie teilweise recht, teilweise auch nicht,“ fuhr Stawrogin mit der früheren Gleichmütigkeit, fast Faulheit, fort. „Zweifellos ist auch viel Phantasie dabei, wie ja gewöhnlich in solchen Fällen, und in der Phantasie vergrößert das Häufchen sein Wachstum und seine Bedeutung. Ja, meiner Meinung nach besteht die ganze Gesellschaft, wenn Sie wollen, einzig und allein aus Pjotr Werchowenski, und er ist schon etwas zu bescheiden, wenn er sich nur für einen Agenten des Verbandes hält. Der Hauptgedanke, der der ganzen Sache zugrunde liegt, ist nicht gerade dümmer, als bei anderen Verbänden dieser Art. Sie haben Beziehungen zur Internationale. Es ist ihnen gelungen, sich in Rußland Agenten anzulegen, und sie haben sogar ein ziemlich originelles Verfahren erfunden ... doch selbstverständlich nur theoretisch. Was nun Sie und mich betrifft, ich meine, ihre Absichten mit uns, so ist ihre russische Organisation eine so dunkle Sache, daß man in der Tat auf alles mögliche gefaßt sein kann. Und vergessen Sie nicht, Werchowenski ist ein Mensch, der das, was er will, auch durchsetzt.“
„Diese Wanze, dieser ungebildete Flegel, dieser Flachkopf, der von Rußland überhaupt nichts versteht!“ rief Schatoff wütend aus.
„Sie kennen ihn nur flüchtig. Es ist wahr, daß sie alle nur wenig von Rußland verstehen, aber schließlich doch wohl nur wenig weniger als Sie und ich. Außerdem ist Werchowenski Enthusiast.“
„Werchowenski Enthusiast?“
„O ja. Es gibt einen Punkt, wo er aufhört, bloß Narr zu sein, und sich in einen ... Halbverrückten verwandelt. Erinnern Sie sich bitte eines Ihrer eigenen Aussprüche: ‚wissen Sie auch, wie stark ein einzelner Mensch sein kann‘? Bitte, lachen Sie nicht, er ist sogar sehr fähig, den Hahn eines Gewehres abzudrücken. Die Leute sind überzeugt, daß auch ich ein Spion bin. Und da sie die Sache nicht anzufassen verstehen, so beschuldigen sie mit Vorliebe andere der Spionage.“
„Aber Sie fürchten sie doch nicht.“
„N–nein ... Ich fürchte sie nicht sehr ... Doch mit Ihnen ist es etwas ganz anderes. Ich habe Sie wenigstens gewarnt, damit Sie sich einzurichten wissen. Es braucht einen nicht zu beleidigen, daß einem von Dummköpfen Gefahr droht. Aber wie ich sehe, ist es schon viertel nach elf.“ Stawrogin blickte auf seine Uhr und erhob sich. „Ich möchte nur noch eine ganz nebensächliche Frage an Sie stellen.“
„Um Gottes willen!“ rief Schatoff und sprang jäh auf.
„Sie meinen?“ Stawrogin sah ihn fragend an.
„Sagen Sie, stellen Sie die Frage ... um Gottes willen!“ wiederholte Schatoff in unbeschreiblicher Aufregung. „Aber mit der Bedingung, daß auch ich dann eine Frage stellen kann! Ich flehe Sie an ... daß auch ich ... Ich kann nicht mehr! – Stellen Sie Ihre Frage.“
Stawrogin wartete ein wenig, dann begann er:
„Ich hörte, Sie hätten hier einigen Einfluß auf Marja Timofejewna gehabt, und diese soll Sie gern gesehen und Ihnen zugehört haben. Ist das wahr?“
„Ja ... sie sah ... Ja – sie sah mich ...“ stammelte Schatoff ein wenig wirr.
„Ich habe die Absicht, in diesen Tagen meine Heirat mit ihr hier in der Stadt öffentlich bekanntzumachen.“
„Ist das möglich?“ flüsterte Schatoff fast entsetzt.
„Sie meinen das – in welchem Sinne? ... Es liegen durchaus keine Schwierigkeiten vor. Die Trauzeugen sind hier. Es geschah, wie gesagt, damals in Petersburg vollkommen ruhig und rechtmäßig in Gegenwart der beiden Trauzeugen, Kirilloff und Pjotr Werchowenski, und von Lebädkin, den ich jetzt das Vergnügen habe, meinen Verwandten zu nennen. Es blieb bisher allen unbekannt, weil diese drei ihr Wort gaben, darüber zu schweigen.“
„Ich meinte nicht das ... Sie sagen es so ruhig ... aber fahren Sie fort! Hören Sie, man hat Sie doch nicht mit Gewalt zu dieser Ehe gezwungen, doch nicht mit Gewalt?“
„Nein, mich hat niemand mit Gewalt dazu gezwungen.“ Stawrogin lächelte über Schatoffs einfältigen Eifer.
„Und was sie da von ihrem Kinde redet? ...“ beeilte sich Schatoff, wirr, wie im Fieber.
„Von ihrem Kinde redet? Bah! Das wußte ich nicht; höre es zum erstenmal. Sie hat nie ein Kind gehabt und hätte es auch gar nicht haben können: Marja Timofejewna ist Mädchen.“
„Ah! Das dachte ich mir auch! Hören Sie!“
„Was fehlt Ihnen, Schatoff?“
Schatoff bedeckte sein Gesicht mit den Händen, wandte sich ab, kehrte sich dann wieder um und packte plötzlich Stawrogin fest an den Schultern.
„Wissen Sie denn auch, wissen Sie denn wenigstens,“ rief er wieder laut, „warum Sie das alles getan haben und warum Sie sich jetzt zu dieser Buße entschließen?“
„Ihre Frage ist klug und boshaft, aber ich habe die Absicht, auch Sie in Erstaunen zu setzen. Ja, fast weiß ich es, warum ich damals geheiratet und warum ich mich jetzt entschlossen habe, diese ‚Buße‘, wie Sie sagen, auf mich zu nehmen.“
„Lassen wir das ... davon später ... warten Sie ... sprechen Sie von der Hauptsache, von der Hauptsache ... Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet!“
„Ja?“
„Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet, ich habe ununterbrochen an Sie gedacht! Sie sind der einzige Mensch, der’s könnte ... Ich habe Ihnen schon aus Amerika davon geschrieben ...“
„Ich erinnere mich nur zu gut Ihres langen Briefes.“
„Der zu lang war, um durchgelesen zu werden? Einverstanden. Sechs Bogen ... Schweigen Sie, schweigen Sie! Sagen Sie: können Sie mir noch zehn Minuten schenken, aber gleich, jetzt gleich ... Ich habe zu lange auf Sie gewartet!“
„Bitte, auch eine halbe Stunde, aber nicht mehr, wenn’s Ihnen möglich ist, sich damit zu begnügen.“
„Aber ... nur mit der Bedingung,“ unterbrach ihn Schatoff jähzornig, „daß Sie Ihren Ton ändern. Hören Sie, ich verlange es, ich fordere es, während ich Sie doch darum anflehen müßte ... Verstehen Sie, was das heißt, zu fordern, wenn man weiß, daß man flehen müßte?“
„Ich verstehe, daß Sie sich so über alles Gewöhnliche erheben wollen, um eines höheren Zweckes willen.“ Stawrogin lächelte kaum merklich. „Und mit Bedauern sehe ich, daß Sie im Fieber sind.“
„Ich bitte, mich zu achten, ich verlange es!“ rief Schatoff. „Nicht meine Person selbst, zum – Teufel mit ihr, – aber das andere ... nur diesen einen Augenblick, für diese paar Worte ... Wir sind zwei Wesen und treffen uns hier außerhalb von Raum und Zeit ... zum letztenmal in der Welt. Lassen Sie diesen Ihren Ton, und nehmen Sie einen menschlichen an! Sprechen Sie doch ein einziges Mal im Leben mit einer menschlichen Stimme! Nicht um meinetwillen, sondern um Ihretwillen! Verstehen Sie denn nicht, daß Sie mir diesen Schlag in Ihr Gesicht schon deshalb verzeihen müssen, weil ich Ihnen damit Gelegenheit gegeben habe, Ihre grenzenlose Macht zu fühlen. Schon wieder lächeln Sie Ihr verächtliches, angeekeltes Gesellschaftslächeln! Oh, wann werden Sie mich endlich verstehen! Zum Teufel mit dem verfluchten Herrensohn in Ihnen! So begreifen Sie doch, daß ich das verlange, sonst will ich nicht mit Ihnen sprechen, werde es nicht tun, um keinen Preis, für nichts in der Welt!“
Seine fanatische Wut grenzte schon an Fieberwahnsinn. Stawrogins Gesicht verfinsterte sich und er wurde vorsichtiger.
„Da ich nun schon eingewilligt habe, noch eine halbe Stunde hier zu bleiben,“ sagte er eindringlich und ernst, „obgleich meine Zeit sehr kostbar ist, so könnten Sie mir doch glauben, daß ich die Absicht habe, Sie wenigstens mit Interesse anzuhören.“
Er setzte sich wieder auf seinen Platz.
„Setzen Sie sich!“ rief Schatoff plötzlich und setzte sich dann gleichfalls.
„Einstweilen erlauben Sie mir aber noch, Sie daran zu erinnern, daß ich meine Bitte an Sie, wegen Marja Timofejewna, eine Bitte, die wenigstens für Marja Timofejewna von großer Wichtigkeit ...“
„Nun?“ Schatoff ärgerte sich, wie ein Mensch, den man plötzlich an der wichtigsten Stelle seiner Rede unterbricht, und der dann, wenn er seinen Widerpart auch ansieht, doch noch nicht den Sinn der Worte versteht.
„... Und Sie unterbrachen mich, noch bevor ich meine Bitte zu Ende sprechen konnte,“ schloß Stawrogin lächelnd.
„Eh, was, Unsinn, nachher!“ rief Schatoff und winkte, da er endlich diese Anmaßung begriff, nur angewidert ab und ging sofort gerade auf sein Ziel los.