III.

IV.

Arina Prochorowna wußte nichts von dem in der Sitzung gefaßten Beschluß. Wirginski, der ganz schwach nach Hause gekommen war, hatte ihr in seiner Aufregung zwar einiges mitgeteilt, alles jedoch noch nicht zu sagen gewagt. Im Grunde war es nur die Nachricht von Schatoffs bevorstehender Denunziation, die sie erfahren hatte. Wirginski fügte wohl noch hinzu, daß er an diese Nachricht selber nicht ganz glaube, doch Arina Prochorowna war nichtsdestoweniger heftig erschrocken. Aus diesem Grunde entschloß sie sich sofort, als Schatoff sie zu seiner Frau rief, trotz ihrer Müdigkeit (sie hatte in der Nacht vorher auch schon entbunden) zu ihm zu gehen. Sie hatte schon längst, wie sie sagte, diesen Schatoff für fähig gehalten, „eine bürgerliche Gemeinheit zu begehen“, und glaubte darum an eine Anzeige von seiner Seite weit eher als ihr Mann. Als sie aber hörte, daß Marja Ignatjewna zurückgekehrt war, da schöpfte sie sofort neue Hoffnung: Schatoffs Angst, der verzweifelte Ton seiner Bitte ließen sie eine gewisse „Umwandlung in den Gefühlen des Verräters“ ahnen. Ein Mensch, dachte sie, der sich entschlossen hat, sich selbst zu verderben, nur um andere auszuliefern, würde anders aussehen und anders sprechen. Jedenfalls entschloß sich Arina Prochorowna sofort, alles mit eigenen Augen zu untersuchen. Und auf Wirginski wirkte der Entschluß seiner Frau unendlich beruhigend – als ob man ihm „fünf Pud“ von der Seele genommen hätte! Auch in ihm stieg eine neue Hoffnung auf: das Aussehen Schatoffs schien ihm im höchsten Grade Werchowenskis Verdacht zunichte zu machen.

Schatoff hatte sich nicht getäuscht: als er zurückkam, fand er Arina Prochorowna schon in seinem Zimmer. Sie war erst vor ein paar Minuten eingetroffen, hatte den unten an der Treppe Wacht haltenden Kirilloff mit Verachtung weggejagt und sich schnell und so gut das möglich war, mit Marie verständigt. Angetroffen hatte sie ihre Patientin „in der gemeinsten Verfassung“, das heißt, böse, gereizt und „im allerdümmsten Kleinmut“ – aber schon nach wenigen Worten hatte sie Maries sämtliche Einwendungen besiegt.

„Was jammern Sie da, daß Sie keine teure Hebamme haben wollen?“ sagte sie gerade in dem Augenblick, als Schatoff eintrat, „der reinste Blödsinn, verdrehte Gedanken, die von Ihrem unnormalen Zustande kommen. Mit Hilfe irgendeines alten Bauernweibes hätten Sie fünfzig Chancen, schlecht zu enden, jawohl, und dann gibt es schon mehr Scherereien und Ausgaben, als wenn Sie eine teure nehmen. Und woher wissen Sie überhaupt, daß ich teuer bin? Sie können später bezahlen, von Ihnen werde ich nicht mehr verlangen als recht ist, und ich garantiere für eine gute Entbindung: bei mir werden Sie schon nicht sterben, das ist bei mir noch nie vorgekommen. Und das Kind – das kann ich Ihnen morgen noch in einer Anstalt unterbringen, und später geben wir es ins Dorf zur Erziehung, womit die Sache dann abgetan ist. Sie aber werden schnell gesund, machen sich an eine vernünftige Arbeit und ‚entschädigen‘ dann meinetwegen Schatoff für das Zimmer und die Ausgaben, die durchaus nicht so groß sein werden ...“

„Ach, nicht das ... Ich habe nicht das Recht, ihn zu belästigen ...“

„Sehr rationell und bürgerlich gedacht, aber, wie gesagt, Schatoff wird fast überhaupt keine Auslagen haben, glauben Sie mir, – wenn er sich nur aus einem phantastischen Herrn in einen Menschen mit vernünftigen Ideen verwandeln wollte! Vor allem sollte man ihn keine Dummheiten machen, nicht gleich lostrommeln und mit herausgestreckter Zunge durch die Stadt rennen lassen! Er hat jetzt hier zu bleiben! Wenn man ihn nicht mit Gewalt festhält, so schleppt er uns bis zum Morgen womöglich noch sämtliche Ärzte zusammen: er hat doch bei mir alle Hunde zum Kläffen gebracht! Ärzte brauchen wir nicht, ich habe schon gesagt, daß ich für alles garantiere. Ein altes Weib kann man meinetwegen noch zur Bedienung annehmen, das kostet auch weiter nicht viel. Übrigens kann er sich auch selbst nützlich machen, er braucht doch nicht nur zu Dummheiten fähig zu sein. Er hat doch Arme und Beine, kann also in die Apotheke laufen, ohne dabei irgendwie Ihre Gefühle mit ‚Wohltaten‘ zu verletzen. Was Teufel ‚Wohltaten‘! Hat er Sie denn nicht selbst in diese Lage gebracht? Er hat Sie doch damals zum Bruch mit dieser Familie getrieben, in der Sie Lehrerin waren, mit dem selbstsüchtigen Ziel, Sie dann heiraten zu können!? Wir haben doch davon gehört ... Übrigens kam er doch selbst angelaufen und hat bei uns geschrien und getobt wie ein Verrückter. Ich binde mich wahrhaftig niemandem auf und bin nur um Ihretwillen gekommen, aus Prinzip, weil wir unter uns zur Solidarität verpflichtet sind. Das habe ich ihm übrigens auch gesagt. Wenn ich aber nach Ihrer Meinung hier überflüssig bin, dann sagen Sie es nur und – leben Sie wohl! Daß bloß kein Unglück geschieht, was so leicht zu verhüten wäre.“ Und sie erhob sich sogar schon von ihrem Stuhl.

Marie war aber so hilflos, litt dermaßen und – um die Wahrheit zu sagen – fürchtete sich so maßlos vor dem, was ihr bevorstand, daß sie es jetzt selbst nicht mehr wagte, die Wirginskaja von sich zu lassen. Dafür aber war ihr diese Frau plötzlich geradezu verhaßt: die sprach da von ganz anderem, nur nicht von dem, was in Maries Seele vorging! Doch die Möglichkeit, in den Händen einer ungeschickten Hebamme zu sterben, besiegte den Widerwillen. Zu Schatoff jedoch wurde sie von nun an noch herrischer, noch unnachsichtiger: schließlich verbot sie ihm nicht nur, sie anzusehen, sondern er durfte nicht einmal mit dem Gesicht zu ihr gewandt stehen. Dabei wurden ihre Schmerzen immer stärker und ihre Flüche und selbst Schimpfworte immer sinnloser.

„Ach, was da! wir schicken ihn einfach hinaus,“ schnitt Arina Prochorowna kurz ab. „Mit seinem Gesicht erschreckt er Sie nur: bleich ist er wie ein Toter! Was haben denn Sie zu fürchten, Sie komischer Mensch? Das ist mir mal eine Komödie!“

Schatoff antwortete nicht: er hatte sich vorgenommen, um nicht unnütz zu reizen, einfach nichts zu erwidern.

„Ach, habe ich dumme Väter in solchen Fällen gesehen! Die verlieren nun mal immer den Verstand. Aber die haben dann doch wenigstens ...“

„Hören Sie auf, oder gehen Sie, damit ich endlich sterbe! Kein Wort mehr! Ich will nicht, will nicht!“ keuchte Marie in Qualen.

„Da kann man ja überhaupt nichts mehr sprechen! Ich sehe nur, daß Sie die Vernunft verloren haben. Doch zur Sache: sagen Sie, haben Sie schon etwas vorbereitet? Antworten Sie, Schatoff, denn sie hat jetzt keinen Sinn dafür.“

„Sagen Sie, bitte, was denn eigentlich nötig ist.“

„Also nichts vorbereitet.“

Sie zählte ihm das unbedingt Nötige auf, wirklich nur das Notwendigste.

Einiges fand sich auch bei Schatoff. Marie zog einen kleinen Schlüssel hervor und reichte ihn ihm, damit er in ihrer Reisetasche suche. Da aber seine Hände zitterten, so dauerte es etwas länger, bis er das ihm unbekannte Schloß aufgemacht hatte, worüber Marie wieder außer sich geriet, doch als nun Arina Prochorowna ihm helfen und schneller öffnen wollte, da erlaubte sie wieder unter keiner Bedingung, daß diese ihre Tasche anrühre, und bestand mit kindischem Geschrei und Weinen darauf, daß nur Schatoff allein sie öffne.

Nach anderen Sachen mußte er zu Kirilloff gehen. Kaum aber war er aus dem Zimmer, da rief ihn Marie auch schon wie rasend wieder zurück und beruhigte sich erst, nachdem Schatoff sofort wieder von der Treppe zurückgelaufen kam und ihr dann auseinandersetzte, daß er nur auf eine Minute und auch nur nach dem Notwendigsten fortgehen und sofort wieder da sein werde.

„Na, Sie zu befriedigen ist aber schwer,“ meinte Arina Prochorowna lachend, „bald muß man mit dem Gesicht zur Wand stehen und darf sich nicht mal umkehren, bald ist es wieder so nicht recht; und wenn man Ihretwegen auf einen Augenblick fortgehen muß, fangen Sie zu weinen an. Na, nun regen Sie sich aber nicht so auf, reiben Sie sich nicht die verweinten Augen, – ich lache doch nur.“

„Er darf sich nicht unterstehen, überhaupt etwas zu denken!“

„Tatata, wenn er nicht wie ein Bock in Sie verliebt wäre, würde er doch nicht die Hunde der ganzen Stadt zum Heulen bringen und wie verrückt durch die Straßen rennen! Bei mir hat er fast den Fensterrahmen herausgeschlagen.“

V.

V.
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