Neunzehntes Kapitel. Der letzte Beschluß

II.

An Schatoffs Denunziation zweifelte niemand; aber auch daran, daß Pjotr Stepanowitsch mit ihnen wie mit Hampelmännern spielte, zweifelte niemand. Trotzdem wußten sie alle, daß sie am nächsten Tage vollzählig zum Stelldichein erscheinen würden, und sie wußten, daß Schatoffs Schicksal entschieden war. Sie hatten das Gefühl, wie Fliegen in das Spinngewebe einer großen, giftigen Spinne gefallen zu sein; sie waren alle erbost, aber sie zitterten vor Angst.

Pjotr Stepanowitsch hatte zweifellos sträflich unrecht an ihnen getan; es wäre alles viel harmonischer und leichter gewesen, wenn er sich nur ein wenig bemüht hätte, die Wirklichkeit zu verschönen. Anstatt die Tat in einem anständigen Licht zu zeigen, sie als eine altrömisch-staatsbürgerliche Heldentat oder etwas Ähnliches auszumalen, hatte er nur die plumpe Angst vor sie hingestellt und die Gefahr für die eigene Haut, was doch schon einfach unhöflich war. Natürlich: alles ist nur Kampf ums Dasein, und ein anderes Prinzip gibt es überhaupt nicht, das weiß doch ein jeder, aber schließlich ... immerhin ...

Doch Pjotr Stepanowitsch hatte keine Zeit, die alten Römer und ihre Tugenden heraufzubeschwören. Die Flucht Stawrogins hatte ihn für einen Augenblick vollständig aus der Fassung gebracht. Daß Stawrogin vor seiner Abfahrt den Vizegouverneur gesprochen habe, hatte er ihnen einfach vorgelogen: das war es ja gerade, daß er fortgefahren war, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, selbst die eigene Mutter nicht! Und war es nicht tatsächlich rätselhaft, daß man ihn so ganz unbehelligt gelassen hatte? (Späterhin mußte die Stadtobrigkeit darüber besondere Rechenschaft geben.) Pjotr Stepanowitsch hatte sich den ganzen Tag überall nach Näherem erkundigt, jedoch nichts erfahren. Noch nie war er so beunruhigt, so erregt gewesen. Aber wie sollte er denn auch so einfach, so plötzlich auf Stawrogin verzichten können! Das war der Grund, warum er mit den „Unsrigen“ nicht so rücksichtsvoll umging. Dazu banden sie ihm noch die Hände: er wollte Stawrogin sofort nachfahren, und statt dessen mußte er hier bleiben, um vorher noch auf alle Fälle die fünf „unlösbar zusammenzubinden“. Sein Vorhaben mit Schatoff hielt ihn zurück. „Werde doch diese fünf nicht umsonst aus der Hand lassen, können mir noch sehr zustatten kommen.“ So ungefähr wird er wohl bei sich gedacht haben, denke ich mir.

Pjotr Stepanowitsch war wirklich fest überzeugt, daß Schatoff denunzieren werde. Alles, was er den „Unsrigen“ von der Anzeige gesagt hatte, war natürlich gelogen, denn nie hatte er eine solche bei Schatoff gesehen, noch ähnliches von seinen Spionen gehört; aber er war nun einmal überzeugt davon und konnte sich folglich nichts anderes denken. Er glaubte, Schatoff werde auf keinen Fall das jetzt Geschehene ruhig hinnehmen – den Tod Lisas, Marja Timofejewnas Ermordung – und sich gerade jetzt zur Denunziation entschließen. Wer kann es wissen, vielleicht hatte er auch einige Gründe, gerade das von Schatoff zu erwarten. Bekannt ist jetzt nur, daß er Schatoff persönlich haßte. Es hatte einmal einen Streit zwischen ihnen gegeben, Pjotr Stepanowitsch aber verzieh nie eine Beleidigung. Ich glaube sogar, daß dieses Persönliche der hauptsächlichste Beweggrund war.

Die Bürgersteige sind in unserer Stadt sehr schmal, doch Pjotr Stepanowitsch schritt gerade in der Mitte, somit den ganzen Fußweg mit seiner Person einnehmend, und ohne Liputin überhaupt zu beachten. Dieser mußte nun entweder einen Schritt hinter ihm herlaufen oder, um mit ihm sprechen zu können, auf der schmutzigen Fahrstraße neben ihm traben. Plötzlich erinnerte sich Pjotr Stepanowitsch, wie er selbst vor zwei Tagen so durch den Schmutz gelaufen war, um mit Stawrogin, der ganz so wie er jetzt mitten auf dem Bürgersteig ging, Schritt halten und sprechen zu können. Ihm fiel der ganze Weg zu Wirginski ein und eine grenzenlose Wut ergriff ihn jäh.

Doch auch Liputin verging der Atem vor Wut ob dieser beleidigenden Unhöflichkeit. Mochte Pjotr Stepanowitsch mit den „Unsrigen“ umgehen, wie er wollte, aber mit ihm? – mit ihm! Er, Liputin, wußte doch mehr von der ganzen Geschichte, als alle die anderen der „Fünf“, er stand der Sache doch am nächsten, war am intimsten eingeweiht und hatte doch bisher, wenn auch nur mittelbar, aber jedenfalls erfolgreich, bei allen diesen Anzettelungen mitgewirkt! Oh, er wußte, daß Pjotr Stepanowitsch ihn sogar schon jetzt vernichten konnte, wenn es ihm darauf ankam, sagen wir, in einem äußersten Fall. Aber er haßte ihn schon lange; und weit mehr noch, als wegen dieser Gefahr, haßte er ihn wegen seines anmaßend-hochmütigen Verhaltens. Und jetzt, wo man sich zu einer solchen Sache entschließen mußte, erboste er sich über diese Umgangsart mehr als alle die anderen zusammen. Doch ach, trotzdem wußte er, daß er morgen bestimmt als erster „wie ein Sklave“ zur Stelle sein und womöglich noch die anderen heranschleppen werde! Aber wenn er jetzt, noch vor morgen, diesen Pjotr Stepanowitsch auf irgendeine Weise hätte totschlagen können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, so hätte er es unbedingt getan.

In seine Empfindungen versunken, schwieg er und trottete hinter seinem Quälgeist her, der ihn ganz vergessen zu haben schien. Da blieb Pjotr Stepanowitsch plötzlich auf einer unserer belebtesten Straßen stehen und trat in ein Gasthaus.

„Wohin denn?“ rief erschrocken Liputin. „Das ist doch ein Gasthaus!“

„Ich will ein Beefsteak essen.“

„Ich bitte Sie! ... aber hier ist es doch allezeit vollgepfropft!“

„Macht nichts.“

„Aber ... wir verspäten uns! Es ist schon gleich zehn.“

„Zu dem da kann man nie zu spät kommen.“

„Aber ich komme dann doch zu spät! Die warten doch dort auf mich!“

„Na, mögen sie doch. Es wäre nur dumm von Ihnen, wenn Sie zu jenen noch zurückkehrten. Dank der Schererei mit Ihnen da habe ich heute noch nicht zu Mittag gespeist. Zu Kirilloff aber kommt man je später, desto besser.“

Pjotr Stepanowitsch wünschte in einem besonderen Zimmer zu speisen. Liputin setzte sich geärgert und gekränkt in einen Sessel und sah zu, wie er aß. Es verging eine gute halbe Stunde. Pjotr Stepanowitsch beeilte sich nicht, aß mit großem Appetit, klingelte und verlangte anderen Senf, darauf Bier und sprach die ganze Zeit über kein Wort. Er war tief nachdenklich – er konnte tatsächlich beides zugleich: mit Appetit essen und tief nachdenklich sein. Liputins Haß steigerte sich schließlich so weit, daß er nicht mehr fähig war, seine Blicke von ihm loszureißen: das war fast schon eine Art Nervenkrampf. Er begleitete jedes Stückchen Fleisch vom Teller bis zum Munde, und er haßte Pjotr Stepanowitsch sogar schon dafür, wie er den Mund aufmachte, wie er kaute, wie er die saftigeren Bissen sich schmecken ließ, ja er haßte schließlich das Beefsteak selbst. Zum Schluß begann alles sich vor seinen Augen zu drehen; dazu im Kopf ein leises Schwindelgefühl; heiß und kalt lief es ihm abwechselnd über den Rücken.

„Sie haben nichts zu tun, lesen Sie dies,“ sagte plötzlich Pjotr Stepanowitsch und warf ihm ein Blatt Papier zu.

Liputin näherte sich dem Licht. Das Papier war mit einer kleinen, unleserlichen Handschrift eng beschrieben und fast auf jeder Zeile korrigiert. Als er es durchgelesen, bemerkte er, daß Pjotr Stepanowitsch schon bezahlt hatte und bereits im Begriff war, fortzugehen. Auf der Straße reichte ihm Liputin das Papier zurück.

„Behalten Sie es,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, „werde Ihnen später sagen, wozu. Übrigens: wie finden Sie es?“

Liputin erbebte förmlich vor Wut.

„Ich finde ... eine solche Proklamation ... ist nichts weiter als eine einzige blödsinnige Lächerlichkeit ...“

Seine Wut brach durch; es war ihm, als werde er plötzlich hochgehoben und weggetragen.

„Wenn wir uns entschließen,“ sagte er, am ganzen Körper vibrierend, „solche Proklamationen zu verbreiten, so erreichen wir nur, daß man uns ob unserer Dummheit und Unkenntnis der wahren Verhältnisse einfach verachtet!“

„Hm! Ich denke anders,“ meinte Pjotr Stepanowitsch, fest weiterschreitend.

„Ich aber so. Sollten Sie das wirklich selbst verfaßt haben?“

„Das ist nicht Ihre Sache.“

„Ich glaube auch, daß das jämmerliche Gedicht ‚Die helle Persönlichkeit‘, diese erbärmlichste Reimerei, die es überhaupt geben kann, nie und nimmer von Herzen selbst verfaßt worden ist!“

„Das ist nicht wahr, das Gedicht ist gut.“

„Ich wundere mich auch darüber,“ fuhr Liputin zitternd und atemlos fort, „wie man uns überhaupt anempfehlen kann, so zu handeln, daß alles zusammenkracht. In Europa mag das zu wünschen, und für Europa mag’s auch das einzig Richtige sein, denn dort gibt es Proletariat, wir aber sind hier, meiner Meinung nach, bloß Liebhaber und tun nur groß.“

„Ich dachte, Sie wären Fourierist.“

„Bei Fourier ist das ganz anders, ist es gar nicht das.“

„Ich weiß, daß es Unsinn ist.“

„Nein, das ist es nicht bei Fourier ... Verzeihung, aber ich kann unmöglich glauben, daß im Mai der Aufstand beginnen werde!“

Liputin knöpfte sogar seinen Mantel auf, dermaßen heiß war ihm geworden.

„Na, genug davon. Jetzt aber, damit ich es nicht vergesse,“ Pjotr Stepanowitsch ging erstaunlich kaltblütig auf ein anderes Thema über, „dieses Blatt werden Sie eigenhändig setzen und drucken. Schatoffs Setzmaschine graben wir aus und morgen noch nehmen Sie sie zu sich. In möglichst kurzer Zeit setzen Sie und drucken Sie so viele Exemplare davon wie nur möglich, und dann werden wir sie den ganzen Winter über verbreiten. Die Mittel werden Ihnen angewiesen werden. So viele Exemplare wie nur möglich! Man wird sich von verschiedenen Stellen an Sie wenden.“

„Nein, erlauben Sie schon, ich übernehme nicht eine solche ... Ich lehne es ab.“

„Und werden es doch übernehmen. Ich handle nach der Instruktion der Zentrale und Sie müssen gehorchen.“

„Ich glaube aber, daß unsere ausländischen Zentren die russische Wirklichkeit vergessen und jede Verbindung mit ihr eingebüßt haben, und darum einfach phantasieren ... Ich glaube sogar, daß statt der vielen Hunderte von ‚Fünfer‘-Gruppen in Rußland wir allein die einzige sind, und ein Netz überhaupt nicht existiert!“ keuchte Liputin endlich hervor.

„Um so verächtlicher von Ihnen, daß Sie, ohne an die Sache zu glauben, ihr doch nachgelaufen sind ... und jetzt noch mir nachlaufen wie ein Hündchen.“

„Nein, ich laufe nicht nach. Wir haben das volle Recht, zurückzutreten und eine neue Gesellschaft zu gründen.“

„R–rrrüpel!“ donnerte plötzlich Pjotr Stepanowitsch drohend und mit blitzenden Augen.

Beide standen sich eine Zeitlang gegenüber. Dann wandte sich Pjotr Stepanowitsch und setzte selbstbewußt seinen Weg fort.

Wie ein Blitz zuckte es durch Liputins Kopf:

„Ich kehre um und gehe zurück. Wenn ich jetzt nicht umkehre, so werde ich nie mehr umkehren.“

So dachte er genau zehn Schritte lang, beim elften aber flammte in ihm ein neuer und tollkühner Gedanke auf: er kehrte nicht um und ging nicht zurück.

Sie näherten sich dem Filippoffschen Hause, doch noch bevor sie es erreichten, bogen sie in eine Quergasse ein, oder richtiger, in einen Fußweg auf dem abschüssigen Grabenrande am Zaun, an dem man sich halten mußte, um nicht auszugleiten. An der dunkelsten Ecke dieses alten schiefen Zaunes nahm Pjotr Stepanowitsch ein Brett heraus und kroch dann selbst schnell durch die Öffnung. Liputin wunderte sich, kroch aber trotzdem nach. Daran lehnten sie das Brett wieder so an, wie es vorher gestanden hatte. Das war derselbe geheime Gang, durch den Fedjka sich nachts zu Kirilloff stahl.

„Schatoff darf es nicht wissen, daß wir hier sind,“ flüsterte Pjotr Stepanowitsch in strengem Tone Liputin zu.

III.
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