II.
Das Zimmer, in das sich Pjotr Stepanowitsch zurückzog, war ein großes ovales Vorzimmer. Bis zu seinem Erscheinen hatte der alte Diener Alexei Jegorytsch hier gesessen, den hatte er aber jetzt weggeschickt.
Nicolai Wszewolodowitsch schloß die Saaltür hinter sich und blieb in Erwartung stehen. Pjotr Stepanowitsch sah ihn schnell und prüfend an.
„Nun?“
„Das heißt, wenn Sie es schon wissen sollten –“ begann Pjotr Stepanowitsch eilig und als wolle er mit den Augen Stawrogin in die Seele springen, „so ist selbstverständlich niemand von uns schuld daran, besonders nicht Sie, denn es ist nur ein zufälliges Zusammentreffen ... eine Reihe von Zufällen ... mit einem Wort, juridisch kann man Ihnen nichts anhaben, und ich bin nur gekommen, um Sie zu benachrichtigen.“
„Sie sind verbrannt? Ermordet?“
„Ermordet, aber nicht verbrannt, das ist eben das Dumme! Doch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich bin nicht schuld daran! Das heißt, wenn Sie die ganze Wahrheit wissen wollen: sehen Sie, ich hatte wirklich einmal den Gedanken – Sie selbst haben ihn mir eingegeben (nicht im Ernst, natürlich, Sie neckten mich ja nur damit, denn Sie werden doch nicht im Ernst so etwas sagen!) – doch ich hätte mich niemals zur Ausführung entschlossen, für nichts in der Welt, nicht für hundert Rubel, – denn ich habe ja gar keinen Vorteil davon, gar keinen – das heißt, ich, ich persönlich ...“ (Er überhastete sich furchtbar und sprach wie eine Plappermühle.) „Aber nun hören Sie, was für ein Zusammentreffen von Zufällen: ich gab ihm von meinem Gelde, von Ihrem war nicht ein Rubel dabei, Sie wissen das selbst, ich gab also dem betrunkenen Dummkopf Lebädkin zweihundertunddreißig Rubel, vor drei Tagen, noch am Abend, – hören Sie: vor drei Tagen, und nicht erst gestern nach der Matinee, beachten Sie das: das ist sehr wichtig! Denn ich wußte damals noch nicht, ob Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen fahren würde oder nicht: – gab ihm von meinem eigenen Gelde, nur darum, weil Sie nun mal die Idee hatten, Ihr Geheimnis allen aufzudecken. Nun, darüber werde ich mich nicht weiter verbreiten, ... das ist Ihre Sache ... Ritter, und so weiter ... Ich gestehe aber, ich wunderte mich doch sehr, als ob ich mit einer Keule einen Schlag vor den Kopf bekommen hätte. Da mir aber diese Tragödien scheußlich langweilig geworden waren – ich spreche jetzt, merken Sie sich das wohl, im Ernst, wenn ich auch burschikose Ausdrücke gebrauche –, da nun alles das meine Pläne kreuzte, so schwor ich mir, Lebädkin, was es auch koste, und auch ohne Ihr Wissen, nach Petersburg zu schicken. Nur einen Fehler habe ich da vielleicht begangen: ich gab ihm das Geld in Ihrem Namen! War das nun ein Fehler oder nicht? Vielleicht war es auch kein Fehler! Aber hören Sie jetzt, hören Sie, wohin das alles geführt hat ... –“
Im Eifer der Rede war er Stawrogin immer näher gerückt und wollte ihn schließlich am Rockaufschlag anfassen (vielleicht, bei Gott, mit Absicht). Stawrogin schlug ihm mit einem heftigen Schlag die Hand herunter.
„Wie ... was!? ... Na ... bloß, so können Sie einem ja die Hand brechen ... Die Hauptsache ist nun, was daraus alles entstanden ist ...“ schnatterte er dann schon weiter, ohne sich über den Schlag viel zu wundern. „Am Abend gebe ich ihm das Geld, damit er mit seiner Schwester am nächsten Morgen, sowie es hell wird, sich davonmacht: beauftrage mit dieser Sache den Schuft Liputin, der ihn selbst einpacken und fortschicken soll. Aber der Schuft Liputin mußte mit dem Publikum seinen dummen Schulbubenstreich machen, – Sie haben wohl schon davon gehört? auf der Matinee? Nun hören Sie, hören Sie doch: beide betrinken sich und schmieden Verse. Liputin zieht dem anderen einen Frack an und versteckt ihn hinter den Kulissen (mir versichert er dabei, er habe ihn am Morgen auf die Bahn gebracht), um ihn im gegebenen Moment auf die Tribüne zu schubsen. Lebädkin aber betrinkt sich inzwischen wieder vollständig. Darauf folgt der bekannte Skandal – Lebädkin wird steif betrunken nach Hause gebracht, schlafend, Liputin nimmt ihm die zweihundert Rubel aus der Brieftasche und läßt ihm nur das Kleingeld. Zum Unglück aber hatte Lebädkin schon am Morgen das Geld gezeigt und damit herumgeprahlt. Da aber Fedjka nur darauf wartete – er hatte bei Kirilloff etwas davon gehört (erinnern Sie sich noch Ihrer Anspielung?), so entschloß er sich, die Gelegenheit zu benutzen. Ich bin aber doch froh, daß Fedjka wenigstens das Geld nicht vorgefunden hat, – dabei hat der Schurke eigentlich auf Tausende gerechnet! Er beeilte sich also, aber das Feuer scheint ihn dann selbst erschreckt zu haben ... Glauben Sie, mir ist dieser Brand wie ein Keulenschlag vor den Kopf! Das ist ja ... der Teufel weiß, was das ist! Das ist eine solche Eigenmächtigkeit ... Sehen Sie, ich werde Ihnen, da ich so viel von Ihnen erwarte, nichts verheimlichen: ich habe schon lange selber diese Idee, Feuer anzulegen, in mir herumgetragen. Das ist so populär, so volklich ... aber ich habe sie immer für die kritische Zeit aufbewahrt, für den großen Augenblick, wenn wir uns alle erheben und ... Und da haben sie das jetzt plötzlich eigenmächtig und ohne Befehl getan, und das noch in einem Augenblick, wo man den Atem anhalten und alles verheimlichen müßte! Nein, das ist eine solche Eigenmächtigkeit! ... Ich weiß ja noch nichts darüber: man spricht von zweien aus der Spigulinschen Fabrik ... wenn aber von den unseren jemand dabei war, wenn auch nur einer seine Hand dabei im Spiele hat – gnade ihm Gott! Sehen Sie, was das heißt, sie ein bißchen vernachlässigen! Oh, dieses demokratische Pack mit seinen ‚Fünfern‘ ist, das sehe ich, eine schlechte Stütze! Ein einziger großartiger, götzenhafter, despotischer Wille tut not, einer, der sich nicht auf etwas Zufälliges und außerhalb Stehendes stützt ... Dann werden auch die ‚Fünfer‘ gehorsam und vielleicht noch von Nutzen sein. Doch jedenfalls, wenn sie jetzt auch alle schreien und in die Trompete blasen, daß Stawrogin sich von seiner Frau befreien wollte, und daß darum die Stadt brennen mußte, so –“
„Also man schreit das schon?“
„Das heißt, nein, noch gar nicht, und ich muß gestehen, ich habe davon bis jetzt noch nichts gehört, aber was ist mit dem Volk denn anzufangen, besonders mit den Abgebrannten? Vox populi, vox Dei! Braucht es denn viel Zeit, um selbst das dümmste Gerücht zu verbreiten? Sie, wie gesagt, haben sich vor nichts zu fürchten. Juridisch ist alles einwandfrei, vor Ihrem Gewissen gleichfalls, denn Sie wollten das doch nicht? Sie wollten das doch nicht? Beweise gibt es keine, alles war nur Zufall ... Es sei denn, daß Fedjka sich Ihrer damaligen unvorsichtigen Worte bei Kirilloff erinnert (wozu haben Sie sie damals auch ausgesprochen?), aber das beweist doch nichts. Und Fedjka machen wir schnell mundtot. Ich werde ihm noch heute ...“
„Und die Leichen sind gar nicht verbrannt?“
„Nein: diese Kanaille hat nichts wie es sich gehört zu machen verstanden. Aber ich freue mich vor allen Dingen, daß Sie so ruhig sind ... denn wenn Sie daran auch gar keine Schuld tragen, nicht mal in Gedanken, so ist es doch – na, immerhin. Jedenfalls werden Sie mir aber zugeben, daß das alles sehr schön Ihre Angelegenheiten in Ordnung bringt: Sie sind plötzlich ein freier Witwer und können noch in dieser Stunde das schönste Mädchen mit einem riesigen Vermögen heiraten, – ein Mädchen, das noch dazu schon in Ihren Händen ist. Sehen Sie, was ein einfacher, grober Zufall alles tun kann, nicht wahr?“
„Sie wollen mich einschüchtern, Sie Dummkopf?“
„Nun, schon gut, schon gut, warum gleich Dummkopf, und was ist das für ein Ton? Wer sollte sich mehr freuen, als Sie? Ich bin hergelaufen, um Sie zu benachrichtigen ... Womit sollte ich Sie denn einschüchtern? Als ob ich Ihnen zu drohen nötig hätte! Ich brauche Ihren freien Willen, aber nicht einen erzwungenen! Sie sind das Licht und die Sonne. Ich fürchte Sie, aber nicht Sie mich! Ich bin doch nicht Mawrikij Nicolajewitsch ... Stellen Sie sich vor, ich sause hierher in einer Droschke – und wen sehe ich? – Mawrikij Nicolajewitsch! An Ihrem Gartenzaun, ganz am Ende des Gartens, – im Mantel, völlig durchnäßt, er muß wohl die ganze Nacht dort gewartet haben! Wunderbar! Wie weit die Menschen doch den Verstand verlieren können!“
„Mawrikij Nicolajewitsch! Ist das wahr?“
„Es ist wahr, es ist wahr. Steht am Gartenzaun. Von hier – na, dreihundert Schritte von hier, wenn ich mich nicht irre. Ich beeilte mich, an ihm vorüber zu kommen, aber er hat mich doch gesehen. Sie wußten es nicht? In dem Fall bin ich sehr froh, daß ich nicht vergessen habe, es Ihnen mitzuteilen. Sehen Sie, solch einer ist am gefährlichsten! wenn der einen Revolver bei sich hat! und zuletzt, die Nacht, die Nässe, die Erregung, und dann – wie ist denn seine Lage jetzt, ha, ha! Was meinen Sie, warum sitzt er da?“
„Er wartet natürlich auf Lisaweta Nicolajewna.“
„So–o! Ja warum sollte sie denn zu ihm hinausgehen? Und ... in diesem Regen ... so ein Esel!“ ...
„Sie wird sogleich zu ihm hinausgehen.“
„Aha! Das ist mir mal eine Neuigkeit! Also ... Aber hören Sie, jetzt hat sich doch Ihre Situation völlig geändert: wozu braucht sie jetzt den Mawrikij? Sie sind doch jetzt ein freier Witwer und können sie doch morgen heiraten? Weiß sie noch nichts? Dann überlassen Sie es mir, ich werde gleich alles in Ordnung bringen. Wo ist sie, man muß ihr doch auch eine Freude machen!“
„Eine Freude?“
„Sie fragen noch! Gehen wir.“
„Und Sie glauben, daß sie vor diesen Leichen nichts errät?“ fragte Stawrogin, indem er ihn mit halb zugekniffenen Augen ansah.
„Natürlich nicht,“ antwortete Pjotr Stepanowitsch, den Dummen spielend, „denn juridisch ... Ach, Sie! Und wenn sie es auch errät! Von den Frauen wird das alles so schnell abgetan! Sie kennen die Frauen noch nicht! Außerdem muß sie Sie doch ganz einfach heiraten, denn sie hat sich doch nun mal kompromittiert, ganz abgesehen davon, daß ich ihr von der ‚Barke‘ schon erzählt habe: und habe gesehen, daß man gerade damit Eindruck auf sie macht – da sieht man gleich, von welchem Kaliber das Mädchen ist. Beruhigen Sie sich, sie wird über diese Leichen so hinwegtreten, wie nichts! Außerdem sind Sie ja doch tatsächlich ganz unschuldig, vollständig unschuldig, nicht wahr? Sie wird die Erinnerung an diese Leichen nur aufbewahren, um Sie vom zweiten Jahre Ihrer Ehe an damit zu peinigen. Jedes Weib, das zum Altar geht, rächt sich so an ihrem Mann, aber was dann sein wird ... was wieder übers Jahr sein wird? Ha, ha, ha!“
„Sie sind mit einer Droschke gekommen? Die Droschke wartet noch? Dann fahren Sie in dieser Droschke mit Lisa zu Mawrikij Nicolajewitsch. Sie hat mir soeben gesagt, daß sie mich nicht lieben kann, daß sie von mir geht, da wird sie selbstverständlich keine Equipage von mir annehmen.“
„Aber was soll denn das bedeuten? Ist das wirklich ihr Ernst? Was hat denn das veranlassen können?“ Pjotr Stepanowitsch sah ihn mit einem recht dummen Gesicht an.
„Sie hat es irgendwie erraten, in dieser Nacht, daß ich sie gar nicht liebe ... was sie natürlich schon immer gewußt hat.“
„Ja, aber wie – lieben Sie sie denn nicht?“ fragte Pjotr Stepanowitsch mit der Miene grenzenlosen Erstaunens. „Aber wenn das so ist, warum haben Sie ihr das dann nicht gestern gleich gesagt, daß Sie sie nicht lieben? Das ist doch eine schreckliche Gemeinheit von Ihnen, und wie stehe ich denn jetzt vor ihr da?“
Stawrogin begann plötzlich zu lachen.
„Ich lache über meinen Affen,“ erklärte er sofort.
„Ah! Sie haben’s durchschaut, daß ich den Bajazzo spiele!“ Pjotr Stepanowitsch lachte sogleich furchtbar lustig mit. „Ich hab’s ja nur getan, um Sie zu amüsieren! Stellen Sie sich vor, ich hab’s doch im Augenblick, wie Sie aus der Tür traten, Ihrem Gesicht angesehen, daß es bei Ihnen ‚Unglück‘ gegeben hat. Vielleicht sogar einen vollständigen Mißerfolg, wie? Nun, ich möchte schwören,“ rief er, sich vor Entzücken fast verschluckend, „daß Sie die ganze Nacht im Saal nebeneinander wie Puppen auf den Stühlen gesessen, über hohe Sachen sich gestritten und so die ganze kostbare Zeit verbracht haben ... Doch, verzeihen Sie, verzeihen Sie, was geht das mich an! Ich wußte ja schon gestern, daß es bei Ihnen mit einer Dummheit enden werde. Ich habe sie Ihnen ja auch überhaupt nur gebracht, um Ihnen ein Vergnügen zu verschaffen, und um Ihnen zu beweisen, daß Sie es mit mir nicht langweilig haben werden! Dreihundertmal kann ich Ihnen noch mit so was dienen! Ich liebe es überhaupt, den Menschen gefällig zu sein. Und wenn Sie sie jetzt also nicht mehr brauchen, worauf ich ja rechnete, dann – nun ja, dann bin ich eben hierhergefahren, um ...“
„So haben Sie sie mir also nur zu meinem Vergnügen gebracht?“
„Wozu denn sonst?“
„Und nicht deshalb, um mich zu zwingen, meine Frau zu ermorden?“
„So–o, ja haben Sie sie denn ermordet? Was für ein tragischer Mensch Sie sind!“
„Gleichviel, Sie haben sie ermordet.“
„Wieso denn ich? Aber ich sage Ihnen doch, ich bin da auch nicht mit einem Tropfen beteiligt. Indessen, Sie fangen an mich zu beunruhigen ...“
„Fahren Sie fort, Sie sagten: ‚Wenn Sie sie also jetzt nicht mehr brauchen, so ...‘“
„So überlassen Sie sie mir, selbstverständlich! Ich werde sie glänzend mit Mawrikij Nicolajewitsch verheiraten, den nicht ich unten am Gartenzaun aufgestellt habe – setzen Sie sich nicht auch das noch in den Kopf! Ich fürchte ihn jetzt sogar. Wahrhaftig, wenn er vorhin einen Revolver gehabt hätte! ... Gut, daß auch ich einen habe! Da ist er –“ (er zog einen Revolver aus der Tasche, zeigte ihn, steckte ihn aber schnell wieder ein), „ich habe ihn wegen des weiten Weges zu mir gesteckt ... Übrigens, ich werde das alles im Augenblick beilegen: es wird ihr gerade jetzt wegen Mawrikij am Herzchen nagen ... es muß ja so sein ... und wissen Sie, bei Gott, sie tut mir sogar ein wenig leid! Bringe ich sie wieder mit Mawrikij zusammen, so wird sie von Stund an nur an Sie denken, Sie verhimmeln und ihn schelten, – ein Weiberherz! Nun, Sie lachen schon wieder? Es freut mich riesig, daß Sie so heiter geworden sind. Nun, wie – gehen wir? Ich fange sogleich von Mawrikij an, von denen aber ... den Toten ... wissen Sie, sollte man nicht jetzt lieber darüber schweigen? Sie wird es ja später doch erfahren.“
Plötzlich stand Lisa in der Tür.
„Was werde ich erfahren? Wer ist tot? Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch?“
„Ah! Sie haben uns belauscht?“
„Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch? Ist er tot?“
„Ah! so haben Sie doch nichts gehört! Beruhigen Sie sich, Mawrikij Nicolajewitsch lebt und ist gesund, wovon Sie sich schon im Augenblick werden überzeugen können, denn er steht hier unten, am Wege, am Gartenzaun ... und steht dort, glaube ich, die ganze Nacht, durchnäßt, im Mantel ... Ich fuhr an ihm vorüber, er hat mich gesehn.“
„Das ist nicht wahr. Sie sagten ... Wer ist getötet?“
„Ermordet ist nur meine Frau, ihr Bruder Lebädkin und die Aufwärterin,“ sagte Stawrogin mit fester Stimme.
Lisa zuckte zusammen und erbleichte unheimlich.
„Ein ganz sonderbarer Zufall, Lisaweta Nicolajewna, der dümmste Fall von einem Raubmord,“ trommelte sofort wieder Pjotr Stepanowitsch los – „ein Räuber, der den Brand benutzen wollte: der Dummkopf Lebädkin hatte allzu offen sein Geld gezeigt ... das benutzte dann Fedjka, ein entsprungener Zuchthäusler – Sie werden von ihm gehört haben ... Ich bin sofort hierher geeilt ... ich war wie von einem Stein getroffen, wie Sie sich denken können, und Stawrogin war denn auch so erschüttert, als ich ihm das Geschehene mitteilte. Wir berieten uns gerade: ob man es Ihnen jetzt gleich sagen sollte oder noch nicht?“
„Nicolai Wszewolodowitsch, sagt er die Wahrheit?“ brachte Lisa kaum hörbar hervor.
„Nein, er sagt die Unwahrheit.“
„Wie, die Unwahrheit?“ fuhr Pjotr Stepanowitsch erschrocken auf. „Was soll denn das wieder heißen?“
„Mein Gott, ich verliere den Verstand!“ schrie Lisa auf.
„Bedenken Sie doch, daß der Mensch ja wahnsinnig ist!“ suchte Pjotr Stepanowitsch alles zu überschreien, „denn immerhin, es ist doch nun mal seine Frau, die man erschlagen hat! Sehen Sie doch, wie bleich er ist ... Er war doch die ganze Nacht mit Ihnen zusammen, hat Sie nicht auf eine Minute verlassen, da kann er es doch nicht getan haben, wer wird denn ihn verdächtigen?!“
„Nicolai Wszewolodowitsch, sagen Sie mir wie vor Gott, ob Sie schuld sind oder nicht, und ich schwöre Ihnen, ich werde Ihrem Wort glauben, wie dem Worte Gottes, und bis ans Ende der Welt werde ich Ihnen folgen, oh, ich folge! Ich folge wie ein Hündchen ...“
„Was quälen Sie sie, warum, wozu, Sie phantastischer Kopf!“ rief Pjotr Stepanowitsch wütend. „Lisaweta Nicolajewna, hören Sie mich an, Wort für Wort: er ist unschuldig, im Gegenteil, er ist wie vernichtet, er ist krank und phantasiert, Sie sehen es doch! In nichts, in nichts ist er schuldig! Das haben Raubmörder getan, denen man vielleicht schon morgen auf der Spur sein wird! Das hat Fedjka, der Zuchthäusler, getan, und noch einige aus der Spigulinschen Fabrik, die ganze Stadt spricht schon davon, deshalb bin ich ...“
„Ist es so? Ist es so?“ Am ganzen Körper zitternd erwartete Lisa ihren Urteilsspruch.
„Ich habe nicht gemordet und ich war dagegen, aber ich wußte, daß man sie umbringen werde und habe nichts getan, um den Mord zu verhindern. Gehen Sie von mir, Lisa,“ murmelte Stawrogin und ging in den Saal.
Lisa bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging hinaus aus dem Hause. Pjotr Stepanowitsch wollte ihr schon nachstürzen, kehrte aber sofort um und ging in den Saal zu Stawrogin.
„Also so sind Sie? So sind Sie? Also nichts fürchten Sie?“ stieß er, wie irrsinnig vor Wut, unzusammenhängend, mit Schaum vor dem Munde, hervor.
Stawrogin stand in der Mitte des Saales und erwiderte kein Wort. Er griff mit der linken Hand in sein Haar und lächelte blicklos. Pjotr Stepanowitsch riß ihn heftig am Ärmel.
„Jetzt sind Sie verloren! Was? Also darauf haben Sie es angelegt? Alle geben Sie preis! Und selbst gehen Sie ins Kloster oder zum Teufel! Aber ich werde Ihnen ja doch den Garaus machen, auch wenn Sie mich nicht fürchten sollten!“
„Ach, Sie sind es, der hier plappert?“ Stawrogin bemerkte ihn jetzt erst. Und plötzlich, wie erwachend, rief er: „Laufen Sie, laufen Sie ihr nach, befehlen Sie einen Wagen, verlassen Sie sie nicht ... Laufen Sie, laufen Sie doch! Bringen Sie sie nach Haus, damit es niemand weiß, und sie nicht dorthin geht ... zu den Leichen ... den Leichen ... Setzen Sie sie mit Gewalt in die Equipage ... Alexei Jegorytsch! Alexei Jegorytsch!“
„Still, schreien Sie nicht! Sie ist jetzt schon in Mawrikijs Armen ... Mawrikij wird sich nicht in Ihre Equipage setzen. Bleiben Sie! Das hier ist wichtiger, als die Equipage!“
Er riß wieder den Revolver hervor. Stawrogin sah ihn ernst an.
„Nun was, erschießen Sie mich,“ sagte er leise, beinahe versöhnlich.
„Pfui Teufel, welch eine Lüge der Mensch auf sich laden kann!“ Pjotr Stepanowitsch erzitterte förmlich. „Bei Gott, ja, man sollte Sie totschlagen! Wahrlich, sie mußte ja einfach auf Sie spucken! ... Was können Sie denn noch für eine tragende Barke sein, Sie alter, morscher, hölzerner Kahn, der nur noch zum Abbruch taugt! ... Nun, wenn Sie sich doch wenigstens aus Bosheit, aus Bosheit jetzt aufrafften! Ach! So ist Ihnen wohl schon alles gleich, wenn Sie bereits selber um eine Kugel in Ihre Stirn bitten?“
Stawrogin lächelte sonderbar.
„Wenn Sie nicht solch ein Narr wären, so würde ich jetzt vielleicht ‚ja‘ sagen ... Wenn Sie nur ein bißchen klüger wären ...“
„Gut, mag ich ein Narr sein, aber ich will nicht, daß Sie, meine wichtigere Hälfte, auch ein Narr sind! Verstehen Sie mich?“
Stawrogin verstand ihn, vielleicht konnte nur er allein ihn verstehen. War doch Schatoff erstaunt gewesen, als Stawrogin ihm gesagt hatte, daß in Pjotr Stepanowitsch Enthusiasmus sei.
„Gehen Sie jetzt zum Teufel, morgen werde ich vielleicht irgend was aus mir herausbringen. Kommen Sie morgen wieder.“
„Ja? Ja?“
„Was kann ich wissen! ... Gehen Sie zum Teufel, zum Teufel!“
Und er verließ den Saal.
„Wer weiß, vielleicht ist es auch besser so,“ murmelte Pjotr Stepanowitsch und steckte den Revolver wieder ein.