IV.
Die Feuersbrunst erschreckte unser Publikum vom anderen Flußufer gerade dadurch am meisten, daß es sich hierbei um eine so offenkundige Brandstiftung handelte. Beachtenswert ist, daß schon nach dem ersten Schrei „wir brennen“, sofort auch geschrien wurde, „die Spigulinschen“ seien die Brandstifter. Jetzt hat es sich bereits mit aller Sicherheit herausgestellt, daß in der Tat drei „Spigulinsche“ an der Brandstiftung beteiligt waren, aber nur drei, nicht mehr; alle anderen Arbeiter der Fabrik wurden vollkommen freigesprochen, sowohl von der öffentlichen Meinung, wie vom Gericht. Außer diesen drei Taugenichtsen (von denen einer bald gefangen wurde und alles gestand, während man der beiden anderen noch bis heute nicht habhaft geworden ist), war zweifellos auch der sogenannte „Zuchthäusler-Fedjka“ an der Brandstiftung beteiligt. Das ist aber auch alles, was man bisher über die Entstehung des Brandes sicher weiß; die Vermutungen sind eine Sache für sich. Was nun diese drei Taugenichtse zu dieser Tat bewogen hat, ob sie von jemandem dazu angestiftet worden sind oder nicht – diese Fragen sind selbst heute noch schwer zu beantworten.
Das Feuer verbreitete sich infolge des starken Windes und da die Vorstadt dort überm Fluß fast nur aus hölzernen Häusern bestand, sowie infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen, mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt (übrigens ging der Brand genau genommen doch nur von zwei Stellen aus, denn an der dritten Stelle gelang es, das Feuer fast gleich nach seinem Ausbruch zu ersticken, wovon später noch die Rede sein wird). Aber in den Berichten der Residenzblätter wurde unser Unglück doch stark vergrößert: was niederbrannte, war nicht mehr (ja vielleicht sogar noch weniger) als ungefähr der vierte Teil der ganzen Vorstadt überm Fluß. Unsere Feuerwehr, deren Mannschaft im Verhältnis zur Ausdehnung der Stadt und der Einwohnerzahl nur ein schwaches Häuflein ist, verrichtete ihre Aufgabe doch mit großer Hingabe und Sorgfalt. Dennoch hätte sie wohl kaum des Brandes Herr werden können, selbst bei einmütiger Unterstützung von seiten der Bevölkerung, wenn der Wind sich nicht gedreht und kurz vor Morgengrauen plötzlich ganz gelegt hätte.
Als ich kaum eine Stunde nach der Flucht vom Ball am anderen Ufer anlangte, tobte das Feuer bereits mit größter Wut. Die ganze Straße, die dem Fluß parallel läuft, lohte. Es war taghell. Das Bild, das die Brandstätte bot, werde ich nicht weiter beschreiben: wer kennt es in Rußland nicht? In den Quergassen neben der brennenden Hauptstraße war ein maßloses Hasten und Gedränge. Hier war das Feuer mit Sicherheit zu erwarten und die Einwohner schleppten ihr Hab und Gut hinaus, gingen aber vorläufig doch noch nicht weg von ihren Häusern und saßen wartend auf ihren hinausgeschafften Kästen und Federbetten, ein jeder vor seinen Fenstern. Ein Teil der männlichen Einwohnerschaft verrichtete schwere Arbeit: da wurden erbarmungslos Zäune gefällt, ja wurden sogar ganze Hütten abgetragen, die nahe dem Feuer und unter dem Winde standen. Aus dem Schlaf geweckte kleine Kinder weinten, und Weiber, die ihr Gerümpel schon herausgeschleppt hatten, jammerten und heulten. Andere, die mit dem Herausschaffen noch nicht fertig waren, schafften inzwischen schweigend und energisch noch weiter heraus, was sie besaßen. Funken und fliegende Feuerbrände sprühten weit mit dem Winde; man löschte sie nach Möglichkeit. Auf dem Brandplatze selbst drängten sich die Zuschauer, die aus allen Ecken und Enden der Stadt herbeigelaufen waren. Manche halfen löschen, andere gafften nur so als Liebhaber. Ein großes Feuer in der Nacht macht immer einen erregenden und lustigen Eindruck; darauf beruhen die Feuerwerke. Doch bei diesen verläuft das Feuerspiel in schönen Linien und Formen und erweckt im Zuschauer, da er sich selbst vollkommen außer Gefahr weiß, eine fröhliche und leichte Empfindung, wie nach einem Glase Champagner. Etwas anderes ist ein wirklicher Brand: hierbei erzeugen der Schrecken und das doch immer vorhandene Gefühl einer gewissen persönlichen Gefahr im Zuschauer (selbstredend nicht im Bewohner des brennenden Hauses), neben dem erwähnten lustigen Eindruck eines nächtlichen Feuers, eine Art Gehirnerschütterung und wirken wie eine Herausforderung seiner eigenen zerstörenden Instinkte, die sich, ach! in jeder Seele verbergen, selbst in der Seele des sanftmütigsten Familienmenschen und Titularrats ... Diese lichtscheue Empfindung ist fast immer berauschend. „Ich weiß wirklich nicht, ob man einem Schadenfeuer ohne ein gewisses Vergnügen zusehen kann?“ Diesen Satz sprach einmal wortwörtlich Stepan Trophimowitsch zu mir, als wir von einem nächtlichen Brande, dessen Zuschauer er ganz zufällig geworden war, heimgingen – noch unter dem ersten Eindruck des Anblicks. Natürlich würde sich der nämliche Liebhaber nächtlicher Feuersbrünste auch selbst ins Feuer stürzen, um aus den Flammen ein Kind oder eine Greisin zu retten; aber das ist doch schon ein ganz anderes Kapitel.
Ich schob mich hinter anderen Neugierigen durch das Gedränge und kam so ohne zu fragen zur wichtigsten und gefährlichsten Stelle, wo ich endlich Lembke erblickte. Ich suchte ihn im Auftrage von Julija Michailowna. Seine Stellung war seltsam und außergewöhnlich. Er stand auf einem niedergerissenen Bretterzaun; links von ihm, keine dreißig Schritte weit, ragte das schwarze Gerüst eines fast schon ganz ausgebrannten zweistöckigen hölzernen Hauses empor, mit Löchern statt der Fenster in beiden Stockwerken, mit eingestürztem Dach und mit immer noch leckenden Feuerzungen an den verkohlten Balken. Im Hintergrunde des Hofes, etwa zwanzig Schritt von diesem Hause, begann gerade ein gleichfalls zweistöckiges Nebengebäude zu brennen, und um dieses mühte sich aus allen Kräften die Feuerwehr. Rechts von Lembke wurde ein ziemlich großes hölzernes Gebäude, das zwar noch nicht brannte, aber schon mehrmals Feuer gefangen hatte, von der Feuerwehr und anderen Helfern zu retten gesucht, obschon es zweifellos nicht zu retten war. Lembke schrie und gestikulierte – er stand mit dem Gesicht zu jenem Nebengebäude auf dem Hof – und gab Befehle, die niemand ausführte. Ich dachte schon, daß man ihn hier ganz sich selbst überlassen und sich von ihm völlig zurückgezogen habe. Wenigstens fiel es mir auf, daß die dichte und aus Menschen sehr verschiedenen Standes bestehende Menge – es waren da auch Herren und sogar der Oberpriester unserer Kathedralkirche – seinen Ausrufen wohl neugierig und verwundert zuhörte, jedoch niemand mit ihm sprach oder den Versuch machte, ihn wegzuführen. Lembke, der bleich, doch mit blitzenden Augen dastand, stieß allerdings die sonderbarsten Dinge hervor; zum Überfluß war er noch ohne Hut, den er schon längst verloren hatte.
„Alles Brandstiftung! Das ist Nihilismus! Wenn hier etwas loht, so ist das der Nihilismus!“ vernahm ich von ihm fast mit Entsetzen, und wenn das auch schon vorauszusehen gewesen war, so hat doch die greifbare Wirklichkeit immer etwas Erschütterndes in sich.
„Exzellenz,“ – neben ihm stand plötzlich ein Revierschutzmann – „wenn Euer Exzellenz geruhen wollten, es mit der häuslichen Erholung zu versuchen ... Denn hier ist doch schon das bloße Stehen gefährlich, Exzellenz.“
Dieser Polizeimann war, wie ich später erfuhr, vom Polizeimeister absichtlich zu Andrei Antonowitsch abkommandiert worden, mit dem Auftrage, auf ihn acht zu geben und nach Möglichkeit zu versuchen, ihn nach Hause zu bringen, im Falle einer Gefahr aber, wenn nötig, sogar Gewalt anzuwenden – ein Auftrag, der ersichtlich über die Kraft des Beauftragten ging.
„Die Tränen der Abgebrannten werden weggewischt werden, aber die Stadt werden sie niederbrennen. Das sind alles die vier Schurken, vier und ein halber! Man verhafte den Schurken! Er schleicht sich in die Ehre der Familien ein. Zum Anzünden der Häuser hat man die Gouvernanten benutzt. Das ist gemein, gemein! Ach, was tut der dort!“ rief er plötzlich, als er auf dem Dach des nun bereits brennenden Nebengebäudes einen Feuerwehrmann erblickte, unter dem das Dach schon durchgebrannt war und um den ringsum Flammen hervorschlugen. „Holt ihn herunter, er wird durchs Dach fallen, er wird anbrennen, löscht ihn ... Was tut er dort?“
„Er löscht selbst, Exzellenz.“
„Das ist unwahrscheinlich. Die Feuersbrunst ist in den Gehirnen der Menschen, aber nicht auf den Dächern der Häuser. Man soll ihn herunterholen und alles liegen lassen! Lieber liegen lassen, lieber liegen lassen! Mag es selbst irgendwie! ... Ach, wer weint dort noch? Eine Alte! Eine Alte schreit, warum hat man die Alte vergessen?“
Tatsächlich: im unteren Stock dieses bereits brennenden Nebenhauses schrie ein altes Weib, eine achtzigjährige Verwandte des Kaufmanns, dem das Haus gehörte. Aber man hatte sie nicht dort vergessen, sondern sie war selbst in das Haus zurückgekehrt, so lange das noch möglich war, mit der wahnsinnigen Absicht, aus ihrem Kämmerlein an der Ecke des Hauses ihr Federbett zu retten. Fast erstickend im Rauch und schreiend vor Hitze, denn die Flammen hatten das Kämmerlein nun schon erreicht, mühte sie sich, mit ihren altersschwachen Armen das Pfühl durch den Fensterrahmen, dessen Glasscheibe herausgeschlagen war, hindurchzuzwängen. Lembke stürzte zu ihr, um ihr zu helfen. Alle sahen, wie er zum Fenster lief, einen Zipfel des Pfühls ergriff und es mit aller Gewalt durch das Fenster zu ziehen begann. Da wollte es das Unglück, daß in eben diesem Augenblick ein herausgebrochenes Brett vom Dach herabfiel und den Helfer traf; es schlug ihn nicht tot, nur das eine Ende traf ihn am Halse, doch damit war die Laufbahn Andrei Antonowitschs eigentlich beendet, wenigstens bei uns; der Schlag warf ihn um und er blieb bewußtlos liegen.
Endlich brach ein trübes, düsteres Morgengrauen an. Der Brand sank in sich zusammen; nach dem Winde trat plötzlich Windstille ein und dann begann ein langsamer, feiner Regen, wie durch ein feines Sieb. Ich war schon in einer anderen Gegend dieser Vorstadt, weit von jener Stelle, wo Lembke hingefallen war, und hier hörte ich unter den Leuten sehr sonderbare Gespräche. Eine seltsame Tatsache stellte sich heraus: ganz am Rande der Vorstadt, hinter Gemüsegärten auf freiem Platz, über fünfzig Schritte weit von den nächsten Gebäuden, stand ein erst kürzlich erbautes, nicht großes hölzernes Wohnhaus, und dieses entlegene Haus hatte ganz zu Anfang des Brandes gleichfalls, ja womöglich noch früher als alle anderen, zu brennen begonnen. Selbst wenn es niedergebrannt wäre, hätte es bei seiner einsamen Lage keines der anderen Häuser dieser Vorstadt anstecken können, und umgekehrt: auch wenn der ganze Stadtteil auf dieser Seite des Flusses niedergebrannt wäre, so hätte einzig dieses Haus verschont bleiben können, sogar bei noch so starkem Winde. Also mußte es selbständig und für sich allein in Brand geraten sein und folglich nicht ohne besondere Ursache. Doch die Hauptsache war, daß man ihm zum Niederbrennen keine Zeit gelassen hatte und daß in seinem Inneren dann sonderbare Dinge entdeckt worden waren. Der Besitzer dieses neuerbauten Hauses, ein Kleinbürger, der in der nächsten Gasse wohnte, war sogleich bei Ausbruch des Feuers herbeigeeilt und hatte noch rechtzeitig den Brand ersticken können, indem er mit Hilfe der Nachbarn den in Brand gesteckten Holzvorrat für den Winter, dessen Stapel an der einen Seitenwand des Hauses stand, auseinanderriß und löschte.
Doch in dem Hause hatten Menschen gewohnt: der in der Stadt wohlbekannte „Hauptmann“ Lebädkin mit seiner Schwester und einer schon älteren Arbeiterin als Aufwartefrau. Und diese drei Einwohner, der Hauptmann, seine Schwester und die Arbeiterin, wurden nun, als man in das Haus eindrang, ermordet und augenscheinlich beraubt vorgefunden. (Eben hierher hatte sich dann der Polizeimeister vom Brandplatz begeben, kurz bevor Lembke das Pfühl rettete.) Bei Morgengrauen hatte sich das Gerücht von der Untat schon verbreitet und eine ungeheure Menge der verschiedensten Menschen, darunter sogar viele der soeben Abgebrannten, strömte zu diesem abgelegenen neuen Hause. Es war schwer, näher zu gelangen, so groß war dort das Gedränge. Man erzählte mir sogleich, daß man den Hauptmann mit durchgeschnittener Kehle, angekleidet auf der Schlafbank liegend, gefunden habe. Wahrscheinlich sei er wieder steif betrunken gewesen und man habe ihn wohl nur so hingeschlachtet, ohne daß ihm zu Bewußtsein kam, was da geschah. Blut aber sei aus ihm so viel geflossen „wie aus einem Ochsen“. Seine Schwester Marja Timofejewna dagegen sei von Messerstichen „ganz zerstochen“ und habe an der Tür auf dem Fußboden gelegen, also habe sie mit dem Mörder gewiß schon im Wachen gekämpft und sich wohl wie rasend gewehrt. Der Aufwartefrau, die anscheinend gleichfalls vorher erwacht war, sei der Schädel eingeschlagen.
Wie der Besitzer des Hauses erzählte, sei der „Hauptmann“ noch am Morgen dieses Tages betrunken zu ihm gekommen, habe geprahlt und viel Geld gezeigt, an die zweihundert Rubel. Die alte, abgenutzte grüne Brieftasche des „Hauptmanns“ fand man leer auf dem Boden liegen; doch Marja Timofejewnas Koffer war unangerührt, ebenso die silberne Verzierung des Heiligenbildes. Desgleichen fand man alles, was der „Hauptmann“ an Kleidern besessen, vollzählig vor. Daraus ersah man, daß der Dieb sich beeilt hatte und jedenfalls ein Mensch gewesen sein mußte, der den Hauptmann und seine Gewohnheiten gut kannte, es nur auf das bare Geld abgesehen hatte und wußte, wo dieses sich befand. Hätte der Besitzer des Hauses den Brand nicht sofort bemerkt, so hätte der angezündete Holzstapel sicher das Haus in Brand gesteckt, „vor den verkohlten Leichen aber wäre man schwerlich hinter den wahren Sachverhalt gekommen“.
So wurde der Tatbestand wiedergegeben. Hinzu kam dann noch ein Bericht: daß der eigentliche Mieter dieser Wohnung der Herr Stawrogin sei, Nicolai Wszewolodowitsch, der einzige Sohn der Generalin Stawrogina. Er sei sogar persönlich gekommen, um die Wohnung zu mieten, habe noch sehr zugeredet, denn der Besitzer habe sie gar nicht vermieten, sondern hier eine Kneipe einrichten wollen, aber Nicolai Wszewolodowitsch habe auf den Preis nicht geachtet und die Miete gleich für ein halbes Jahr vorausbezahlt.
„Dieser Brand ist nicht ohne Grund entstanden,“ hörte man in der Menge sagen.
Doch die Mehrzahl schwieg. Die Gesichter waren finster, aber eine große, sichtliche Empörung war eigentlich nicht wahrzunehmen. Nur erzählte man sich ringsum noch mehr Geschichten von dem Herrn Stawrogin. So sprach man u. a. auch davon, daß die Ermordete seine Frau war, gestern aber habe er aus einem der ersten Häuser der Stadt, aus dem der Generalin Drosdowa, ein junges Mädchen, die Tochter der Generalin, zu sich gelockt, „auf unehrliche Weise“, und daß man eine Klage über ihn nach Petersburg einreichen werde. Daß aber seine Frau nun ermordet worden ist, das sei doch, wie man sieht, nur deshalb geschehen, damit er frei werde und jetzt die Drosdowa heiraten könne.
Skworeschniki war nicht mehr als nur zwei und eine halbe Werst entfernt und ich weiß noch, mir kam der Gedanke: sollte ich nicht dorthin Nachricht schicken? Übrigens ist es mir nicht aufgefallen, daß jemand die Menge im besonderen aufgehetzt hätte, das muß ich schon der Wahrheit gemäß sagen, wenn mir auch flüchtig zwei oder drei Fratzen aus der Schar der „Büfettleute“ auffielen, die gegen Morgen auf der Brandstätte erschienen und die ich sofort wiedererkannte. Doch besonders erinnerlich ist mir ein hagerer, großer Bursche, ein Kleinbürger, mit ausgemergeltem Gesicht und krausem Haar, dazu wie mit Ruß geschwärzt, – ein Schmied, wie ich später erfuhr. Er war nicht betrunken, doch, im Gegensatz zu der finster dastehenden Menge, wie außer sich. Er wandte sich immer wieder an das ringsum stehende Volk, aber ich erinnere mich nicht mehr seiner Worte. Alles, was er zusammenhängend hervorbrachte, war nicht länger als: „Ja aber wie denn, Brüder, wie ist denn das? Bleibt das nun alles so und wird da nichts geschehen?“ und er gestikulierte mit den Armen.