Sechzehntes Kapitel. Die Matinee

II.

Das Fest war nach dem Programm in zwei Teile geteilt: zunächst, am Vormittage, von zwölf bis vier, sollte die literarische Matinee stattfinden, der Ball aber sollte erst abends um zehn Uhr beginnen und dann die ganze Nacht dauern. Doch gerade in dieser Teilung lagen die Keime zur Unzufriedenheit und Unordnung. Vor allem konnte sich auf dieser Grundlage das Gerücht verbreiten, daß es nach der literarischen Matinee in der angeblich nur zu diesem Zweck vorgesehenen Pause ein Frühstück geben werde, selbstredend unentgeltlich, und zwar ein Frühstück mit Champagner. Der hohe Preis der Eintrittskarten (die Karte kostete drei Rubel) verlieh diesem Gerücht etwas durchaus Glaubwürdiges, was zu seiner Verbreitung nicht wenig beitrug. „Würde ich denn sonst für nichts und wieder nichts mich eingeschrieben haben? Das Fest währt ja vierundzwanzig Stunden, na also – ernährt einen dann auch. Sonst würde man ja verhungern.“ So philosophierte man ganz allgemein bei uns. Ich muß aber gestehen, daß Julija Michailowna selbst durch ihren Leichtsinn diesem verderblichen Gerücht Vorschub geleistet hatte. Schon vor einem Monat, in der ersten Begeisterung für ihren großen Plan, hatte sie jedem ersten besten von ihrem Fest erzählt; und daß auf diesem Fest Reden und Toaste gehalten werden würden, hatte sie sogar in eine der hauptstädtischen Zeitungen lanciert. Gerade diese Toaste hatten es ihr damals angetan: wollte sie doch selber eine Rede halten, die sie im stillen denn auch schon auszuarbeiten begann. Diese Tischrede sollte unser Hauptziel erklären und was sie auf ihre Fahne geschrieben hatte (ich wette, daß die Arme es nicht einmal zu einem Entwurf einer solchen Tischrede gebracht hat), sollte dann als „Korrespondenz“ in die Zeitungen der Hauptstadt gelangen, die höchsten Vorgesetzten zugleich rühren und begeistern, um dann in alle Gouvernements zu flattern und überall Bewunderung wie Nachahmung zu finden. Doch zu Tischreden gehört nun einmal Champagner, und da man Champagner doch nicht gut auf nüchternen Magen trinken kann, so war selbstredend eine Tafel und ein Frühstück Voraussetzung. Später aber, als sich dank ihrer Bemühungen schon ein Komitee gebildet hatte und man sich ernstlich an die Sache machte, ward ihr sogleich klar und überzeugend bewiesen, daß, wenn man an ein Festessen dachte, für die Gouvernanten nur eine sehr geringe Summe verbliebe, selbst bei einer noch so hohen Einnahme. Die Frage war somit: entweder ein Gastmahl im Stile Belsazars, mit Reden und einigen neunzig Rubeln für die armen Gouvernanten, oder die Beschaffung einer ansehnlichen Summe durch ein Fest, das man sozusagen nur um der Form willen veranstaltete. Übrigens wollte das Komitee damit allen hochfliegenden Plänen zunächst nur einen Dämpfer aufsetzen, denn man war ja selbst keineswegs nur für das eine oder das andere, sondern man hatte sich eine dritte Möglichkeit ausgedacht, die sowohl versöhnend wie vernünftig war, nämlich ein in jeder Beziehung gutes Festessen, jedoch ohne Champagner, und folglich als Ergebnis einen recht annehmbaren Betrag für die Gouvernanten. Aber darauf ging Julija Michailowna nicht ein; ihr Charakter verachtete die kleinbürgerliche Mitte. Und so beschloß sie sofort, daß, wenn das erste Projekt sich nicht verwirklichen ließ, man sich für das andere Extrem entscheiden müsse, also für eine ungeheuere Einnahme, deren Höhe den Neid aller anderen Gouvernements erwecken mußte.

„Das Publikum muß doch endlich einsehen,“ schloß Julija Michailowna ihre temperamentvolle Erklärung auf der Sitzung des Komitees, „daß der humanitäre Zweck unvergleichlich erhabener ist, als kurze körperliche Genüsse, daß das Fest im Grunde nur die Verkündung einer großen Idee ist, und deshalb muß es sich mit einem so ökonomisch wie nur möglich veranstalteten kleinen deutschen Ball begnügen, der einzig pro forma gegeben wird – wenn man ohne diesen unausstehlichen Ball nun einmal nicht auskommen kann!“ – so sehr war er ihr plötzlich verhaßt.

Schließlich war es aber dem Komitee doch gelungen, sie zu besänftigen. So hatte man denn u. a. die „Quadrille der Literatur“ und ähnliche ästhetische Scherze als Ersatz für körperliche Genüsse in Vorschlag gebracht. Und auf eben dieser Sitzung hatte dann auch Karmasinoff endgültig eingewilligt, sein „Merci“ vorzutragen (bis dahin hatte er alle mittels ausweichender Antworten in quälender Ungewißheit belassen) um somit in unserem unenthaltsamen Publikum sogar jeden Gedanken an Essen und Trinken schon im voraus zu ersticken. Auf diese Weise hatte dann der Ball wiederum eine großartige Anziehungskraft erhalten, wenn auch eine von ganz anderer Art. Um jedoch nicht völlig dem Irdischen zu entschweben, beschloß man, zu Anfang des Balles Tee mit Zitrone und kleinem rundem Gebäck zu reichen, darauf einen Kühltrank und Limonade, und zum Schluß sogar noch Eis – doch das sollte denn auch alles sein. Für diejenigen aber, die immer und überall Hunger und besonders Durst zu verspüren pflegen, wollte man dann noch am Ende der Zimmerflucht ein Büfett errichten, das Prochorytsch (der erste Koch des Klubs) übernehmen sollte. Natürlich mußte für die verabfolgten Speisen und Getränke gezahlt werden, was gleich am Eingang auf einem besonderen Plakat dem Publikum mitzuteilen war. Doch während der Matinee sollte das Büfett unbedingt geschlossen bleiben, damit auch nicht das geringste Geräusch den Vortrag störte, obgleich man für das Büfett einen Raum vorsah, der fünf Zimmer von dem weißen Saal entfernt war, in dem Karmasinoff sein „Merci“ vorzutragen eingewilligt hatte. Merkwürdigerweise wurde diesem Ereignis, dem Vortrag dieses „Merci“, wie mir scheint, von dem Komitee eine übertriebene Bedeutung beigelegt, und das taten sogar die nüchternsten Leute. Von den poetischen Naturen aber hatte z. B. die Gattin des Adelsmarschalls Karmasinoff schon mitgeteilt, daß sie sogleich nach dem Vortrag an der Wand ihres weißen Saales eine Marmorplatte anbringen lassen werde, auf der mit goldenen Lettern das Ereignis verewigt werden sollte, daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, hier in diesem Saal der große russische und europäische Schriftsteller, seine Feder niederlegend, persönlich sein „Merci“ gesprochen und somit zum erstenmal von dem russischen Publikum, in Gestalt der Vertreter unserer Stadt, Abschied genommen hat, und daß schon abends auf dem Ball, also kaum einige fünf Stunden nach dem Vortrage, alle diese Gedächtnistafel würden lesen können. Wie ich genau weiß, war es vor allen anderen gerade Karmasinoff gewesen, der verlangt hatte, daß das Büfett während der Matinee, wenn er las, unter keiner Bedingung geöffnet werde, trotz der Einwände etlicher Komiteemitglieder, daß ein solches Ansinnen sich mit unseren Landesbräuchen nicht ganz in Übereinstimmung befinde.

So lagen die Dinge in Wirklichkeit, während man in der Stadt immer noch an ein Festmahl im Stile Belsazars glaubte, d. h. an unentgeltliches Essen und Trinken auf Kosten des Komitees. Daran glaubte man bis zur letzten Stunde. Unsere jungen Damen träumten nur noch von Konfekt und Eis. Man wußte, daß die Sammlung ungeheuer reich ausgefallen war, daß die ganze Stadt sich eifrigst zum Fest vorbereitete, daß sogar aus der Umgegend viele kommen würden, und daß die Eintrittskarten bei diesem Andrang nicht ausreichten. Bekannt war gleichfalls, daß außer der Einnahme durch den Verkauf der Eintrittskarten noch bedeutende Schenkungen gemacht worden waren: Warwara Petrowna beispielsweise hatte für ihre Eintrittskarte dreihundert Rubel gezahlt und zur Ausschmückung des Saales alle Blumen und Blattpflanzen ihrer Orangerie hergegeben. Die Gattin des Adelsmarschalls (ein Mitglied des Komitees) stellte das Haus und die Beleuchtung, der Klub die Musikkapelle, die Bedienung und den Koch. Hinzu kamen noch andere Schenkungen, wenn auch nicht so bedeutende, weshalb denn auch das Komitee schon den Gedanken erwog, den Preis für die Eintrittskarte von drei Rubel auf zwei Rubel herabzusetzen. Man hatte nämlich zu Anfang tatsächlich befürchtet, es vermöchten doch nicht alle jungen Damen drei Rubel dafür auszugeben, und in Erwägung gezogen, ob man nicht Familienkarten ausgeben sollte, wobei man besonders an die Familien dachte, in denen es viele Töchter gab. Aber diese Befürchtung erwies sich als überflüssig; im Gegenteil, gerade die Töchter erschienen vollzählig. Selbst die ärmsten Beamten führten ihre sämtlichen Töchter heran, und es war ja klar, daß sie, falls sie keine Töchter gehabt hätten, auch im Traum nicht daran gedacht haben würden, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Ja, ein armseliger kleiner Sekretär erschien mit ganzen sieben Töchtern, dazu noch die Frau und eine Nichte, und jede von ihnen hielt eine Eintrittskarte zu drei Rubel in der Hand. Man kann sich also vorstellen, was für eine Revolution das in der Stadt abgab! Man bedenke bloß das eine, daß die Teilung des Festes zweierlei verschiedene Toiletten für jede Dame verlangte: ein Kleid für die literarische Matinee und ein Ballkleid für den Abend. Man bedenke, was das für manche Verhältnisse bedeutete! Wie sich später herausstellte, hatten denn auch viele aus den mittleren Klassen zu diesem Tage so ziemlich alles versetzt, was sie besaßen, sogar ihre Bettwäsche, ja, manche hatten womöglich ihre Matratzen zu den Juden getragen, von denen sich seit nun schon zwei Jahren erschreckend viele in unserer Stadt festgesetzt haben und immer mehr sich festsetzen. Fast alle Beamten hatten ihr Monatsgehalt vorausgenommen und von den Gutsbesitzern hatten manche sogar ihr notwendigstes Vieh verkauft, und all das nur, um ihre Damen als Marquisen und Komtessen auf den Ball zu führen und damit keine der anderen nachstehe. Die Toiletten waren diesmal von einer bei uns noch nie gesehenen Kostbarkeit. Schon zwei Wochen vor dem Fest war die ganze Stadt geradezu vollgestopft mit Familienanekdoten, die von unseren jungen Spottvögeln mit Vergnügen am „Hofe“ Julija Michailownas zum besten gegeben wurden. Bald folgten ganze Familienkarikaturen. Ich habe selbst etliche dieser Spottzeichnungen in Julija Michailownas Album gesehen. All das kam aber selbstredend auch denen zu Ohren, die den Stoff zu diesen Anekdoten und Karikaturen abgaben, – und das war wohl der Grund, wie mir scheint, weshalb in den Familien gerade in der letzten Zeit ein solcher Haß gegen Julija Michailowna sich aufspeicherte. Ich rede nicht von heute: denn jetzt schimpfen natürlich alle über sie und knirschen, wenn sie an diese Zeit denken. Nein, schon damals war es vorauszusehen, daß, wenn der Ball nicht geradezu glänzend ausfiel und das Komitee auch nur den geringsten Anlaß zur Unzufriedenheit gab, der Ausbruch des allgemeinen Unwillens ein ungeheuerer werden würde. Und eben deshalb erwartete denn im geheimen wohl ein jeder einen Skandal; wenn aber ein Skandal schon so erwartet wurde, wie hätte er dann noch ausbleiben können?

Um punkt zwölf Uhr begann das Orchester mit klingendem Spiel. Da ich zu den Festordnern gehörte, d. h. einer von den zehn „jungen Kavalieren mit der Bandschleife an der Schulter“ war, so blieb ich Augenzeuge aller Ereignisse dieses blamablen Tages. Das Fest begann mit einer furchtbaren Drängerei am Eingange. Wie es kam, daß alles schon vom ersten Schritt an fehlschlug oder versagte, wie z. B. die Polizei? Dem Publikum kann ich keinen Vorwurf machen: die Familienväter waren es nicht, die die Drängerei hervorriefen, im Gegenteil, man sagt sogar, sie seien schon auf der Straße ein wenig scheu geworden, als sie den für unsere Stadt ungewöhnlichen Andrang erblickten und dazu diese ungeduldige Menge, die das Haus förmlich belagerte und sich gerader hineinwälzte, statt ruhig einzutreten. Dabei fuhren unausgesetzt Equipagen vor, die schließlich die ganze Straße versperrten. Im übrigen bin ich heute überzeugt, daß manche Leute, die eigentlich zum abscheulichsten Pöbel unserer Stadt gehörten, von Lämschin und Liputin einfach ohne Eintrittskarten eingeführt wurden, und vielleicht noch von einigen anderen, die gleichfalls „Anordner“ waren. Wenigstens erschienen auch vollkommen unbekannte Personen, die aus Kreisstädten oder Gott weiß woher angereist waren. Diese Wilden begannen nun, kaum daß sie den Saal betreten hatten, sogleich und merkwürdig übereinstimmend (ganz als wären sie instruiert worden) nach dem Büfett zu fragen, und als sie erfuhren, daß es jetzt noch kein Büfett gab, da fingen sie sofort und ohne jede Politik mit einer bei uns bisher unerhörten Frechheit zu schimpfen an. Allerdings waren einige von ihnen bereits betrunken erschienen. Viele waren zunächst verblüfft durch die nie geschaute Pracht des Saales, verstummten im ersten Augenblicke und sahen sich nur mit offenem Munde die Herrlichkeit an. Freilich war dieser große Weiße Saal tatsächlich sehr prunkvoll: zwei Stockwerke hoch, mit alter Deckenmalerei, die von goldenen Verzierungen umrahmt war, mit Chören und Spiegelwänden, mit roten Vorhängen zwischen weißen Wandflächen, mit Marmorstatuen (gleichviel was für welchen, aber immerhin Statuen), mit alten, schweren Möbeln aus der Napoleonischen Zeit, weiß mit Gold und mit rotem Samt ausgeschlagen. An dem einen Ende des Saales erhob sich eine Tribüne für die Vortragenden und der ganze Saal war, wie das Parkett eines Theaters, mit Stühlen in dichten Reihen völlig angefüllt, ausgenommen nur die drei breiten Durchgänge für das Publikum. Doch schon nach den ersten Augenblicken der Bewunderung und des Schweigens begannen die sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. „Wir wollen vielleicht überhaupt keine Vorträge ... Wir haben unser Geld gezahlt ... Man hat das Publikum unverschämt betrogen ... Wir, nicht Lembkes, sind hier die Herren! ...“ Kurz, es war, als habe man sie nur zu diesem Zweck hereingelassen. Unter anderem erinnere ich mich besonders eines Zwischenfalles, bei dem der junge angereiste Fürst mit dem hohen steifen Kragen und dem Aussehen einer Holzpuppe sich auszeichnete. Auf Julija Michailownas dringende Bitte hin hatte auch er schließlich eingewilligt, das Festordnerband an seine linke Schulter zu stecken und somit zu unserem Kollegen zu werden. Tags zuvor, an eben jenem denkwürdigen Vormittage, hatte ich ihn in Julija Michailownas Salon zum erstenmal gesehen. Nun zeigte es sich, daß diese stumme Wachsfigur, wenn auch nicht zu sprechen, so doch auf ihre Art zu handeln verstand. Als nämlich ein riesiger, pockennarbiger verabschiedeter Hauptmann, unterstützt von einem ganzen Haufen ihm nachdrängender fragwürdiger Gestalten, dem jungen Fürsten auf den Leib rückte und unablässig nach dem Büfett fragte, da winkte dieser kurz entschlossen einen Polizisten heran, und der angetrunkene Ruhestörer wurde ungeachtet seiner Proteste und seines Schimpfens einfach aus dem Saal entfernt. Inzwischen begann auch schon das „eigentliche“ Publikum zu erscheinen und zog sich in drei langen Fäden durch die drei Durchgänge zwischen den Stuhlreihen zu den Plätzen hin. Das schlechtere Element im Hintergrunde wurde kleinlauter und beruhigte sich nach und nach, aber das „gute“ Publikum sah doch beunruhigt und befremdet aus; manche Damen aber schauten entschieden mit Bangen drein.

Schließlich hatten sich alle gesetzt; nun verstummte auch die Musik. Man schnaubte sich, man sah sich um ... Kurz, man wartete mit schon gar zu feierlicher Miene – was bereits an und für sich ein schlechtes Zeichen ist. Doch „die Lembkes“ erschienen noch immer nicht. Seiden, Samt und Brillanten glänzten und funkelten von allen Seiten; Parfüm verbreitete sich in der Luft. Die Herren trugen alle ihre Orden auf der Brust, die Militärs und die Beamten waren selbstredend in Galauniform. Endlich erschien auch die Gattin des Adelsmarschalls mit Lisa. Noch nie war Lisa so blendend schön gewesen wie an diesem Vormittage. Sie trug ein entzückendes Kleid. Ihre Haare lagen in Locken, ihre Augen glänzten, in ihrem ganzen Gesicht lag ein Lächeln. Wie man sah, machte sie auf alle einen großen Eindruck. Man steckte die Köpfe zusammen und tuschelte. Jemand meinte, ihre Augen hätten, als sie in den Saal trat, Stawrogin gesucht. Doch weder Stawrogin noch seine Mutter waren erschienen. Damals begriff ich den Ausdruck ihres Gesichts nicht: warum war so viel Glück, Freude, Energie und Kraft in diesem Gesicht? Ich dachte an den Vorfall des vorhergegangenen Tages und stand verständnislos vor einem Rätsel.

Doch Lembkes erschienen noch immer nicht. Das war der schwerste Fehler, der gemacht wurde. Später erfuhr ich, daß Julija Michailowna bis zum letzten Augenblick auf Pjotr Stepanowitsch gewartet hatte. Ohne Pjotr Stepanowitsch konnte sie nun einmal nichts mehr unternehmen, wenn sie sich das auch nie eingestand. Nebenbei bemerkt, hatte Pjotr Stepanowitsch auf der letzten Komiteesitzung es abgelehnt, ein Festordnerband zu tragen, und damit Julija Michailowna bis zu Tränen gekränkt. Nun kam er obendrein nicht. Was mochte das bedeuten? Und tatsächlich blieb Pjotr Stepanowitsch den ganzen Tag über verschwunden: zu der literarischen Matinee erschien er einfach überhaupt nicht. Und zu Julija Michailownas Verzweiflung konnte ihr auch kein Mensch sagen, wo er steckte, und bis zum Abend hatte ihn niemand gesehen.

Inzwischen wurde das Publikum immer ungeduldiger. Auch auf der Tribüne erschien noch niemand. In den letzten Reihen des Saales applaudierte man grundlos, ganz wie im Theater, wenn man zu lange auf die Vorstellung warten muß. Die Väter und Mütter wurden unmutig: „Lembkes tun ja wirklich furchtbar wichtig,“ hieß es. Einige wußten zu erzählen, daß Lembke krank sei. Andere äußerten laut die Vermutung, daß das Fest wohl aufgeschoben werden würde.

Aber endlich erschienen sie doch. Andrei Antonowitsch führte Julija Michailowna am Arm. Sofort versanken alle Märchen und die Wirklichkeit trat in ihr Recht. Zudem schien Lembke selbst bei voller Gesundheit zu sein. Überhaupt waren es in der höheren Gesellschaft nur wenige gewesen, die vermutet hatten, daß es mit Lembke irgendwie nicht ganz stimmte. Seine Amtsführung hielten alle für gut. Sogar die Rutengeschichte bezog man in dieses Urteil ein. „Das wäre von Anfang an das Richtige gewesen,“ sagten die Honoratioren, „sonst beginnen sie immer mit der Philantropie, bis sie schließlich doch bei der Strenge enden, ohne zu wissen, daß gerade diese zur Philantropie als erstes nötig ist.“ So urteilte man im Klub und verurteilte eigentlich nur Lembkes Aufregung. „So etwas muß man mit Kaltblütigkeit machen,“ hieß es, „aber er ist es eben noch nicht gewöhnt.“

Mit besonderer Neugier richteten sich die Blicke auf Julija Michailowna. Man wird von mir gewiß nicht verlangen, daß ich bis in alle Einzelheiten weiß, was am Tage vorher zwischen ihr und Lembke noch geschehen war: das ist und bleibt ein Geheimnis, ein Frauengeheimnis. Ich weiß nur eines: daß sie am Abend in das Arbeitszimmer Andrei Antonowitschs gegangen und bis weit nach Mitternacht bei ihm geblieben war. Jedenfalls hatte Andrei Antonowitsch sich beruhigt und es war ihm ausdrücklich vergeben worden. Das Ehepaar hatte sich ausgesprochen, alles sollte vergessen sein ... und als am Ende seiner weitläufigen Erklärungen von Lembke dennoch auf die Knie fiel, gequält von der entsetzlichen Erinnerung, daß er zu guter Letzt die Hand gegen sie erhoben hatte, da hatten die schönen Händchen und schließlich auch die Lippen seiner Gattin die glühenden Ergießungen der Reue dieses ritterlich zartfühlenden, doch nun von Rührung überwältigten Mannes wunderbar zu beschwichtigen gewußt.

Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glück. Mit offener Miene, in einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Höhe ihrer Wünsche: das Fest, das Ziel und die Krönung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei ihren Plätzen – in der ersten Reihe vor der Tribüne – angelangt, blieben beide Lembkes stehen, grüßten und erwiderten die Grüße nach allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Mißverständnis: das Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte plötzlich mir nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, – nicht etwa irgendeinen Marsch oder sonst ein Stück, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub, wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute weiß ich, daß Lämschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den Festordnern gehörte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natürlich konnte er sich immer noch damit entschuldigen, daß er es aus Dummheit oder aus Übereifer getan habe ... Doch ach, damals wußte ich noch nicht, daß jene an Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles zu beenden glaubten. Zur Erhöhung der Peinlichkeit der Situation, die im Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lächeln hervorrief, wurde plötzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra! geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur wenige, aber ich muß gestehen, sie hörten doch nicht so bald auf. Julija Michailowna schoß das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und übersah, sich zu den Ruhestörern umwendend, mit majestätischem und strengem Blick den Saal ... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefährliche Lächeln, mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein Gesicht auch jetzt einen gewissermaßen unheilvollen Ausdruck an und, was das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lächerlichen: den Ausdruck eines Gatten, der sich schließlich – also sei es denn! – zum Opfer bringt, nur um den höheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen ... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flüsterte mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwören, unverzüglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schändlichkeit, eine noch viel größere als die erste. Auf der Tribüne, auf der leeren Tribüne, wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man zunächst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas Wasser auf silbernem Tablett sah – auf dieser selben leeren Tribüne erschien plötzlich die kolossale Gestalt des „Hauptmanns“ Lebädkin in Frack und weißer Binde. Ich war so bestürzt, daß ich meinen Augen nicht traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und blieb hinten auf der Tribüne stehen. Da ertönte plötzlich aus dem Publikum ein erstaunter Ausruf: „Lebädkin! du?“ – und die dumme, rote Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn, schüttelte plötzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu allem entschlossen, zwei Schritte vor und – platzte plötzlich in Lachen aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glückliches Lachen, von dem die ganze schwere Masse seines Körpers ins Schaukeln geriet und die Äuglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast die Hälfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und wechselte finstere Blicke; aber das währte alles kaum länger als eine halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und zwei Diener herbei; sie faßten behutsam den Hauptmann unter den Armen und Liputin flüsterte ihm etwas zu. Lebädkin sah ihn unwirsch an, brummte aber schließlich: „Nun denn, wenn’s so besser ist!“ und schlug einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige Rückseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen Augenblick später erschien Liputin wieder auf der Tribüne. Auf seinen Lippen lag das süßeste Lächeln, wenn es auch immer noch, wie stets bei ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an den vorderen Rand der Tribüne.

„Meine Damen und Herren!“ begann er, sich an das Publikum wendend. „Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Mißverständnis entstanden, das jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den Auftrag übernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen Ziele ... ungeachtet seines äußeren Zustandes ... von demselben Ziele, das uns alle hier vereinigt hat ... die Tränen der armen gebildeten Mädchen unseres Gouvernements hinfüro abzuwischen, ... will dieser Herr, das heißt, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er sein Inkognito gewahrt zu sehen wünscht ... würde er, wie gesagt, dennoch sehr wünschen, daß seine Dichtung vor Beginn des Balles vorgetragen werde ... das heißt, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn der literarischen Vorträge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde zugestellt wurde ... aber es will uns (wen meinte er damit? Ich gebe diese zerhackte und unklare Rede wortwörtlich wieder) dennoch scheinen, daß es, im Hinblick auf die Naivität des Gefühls, die mit Humor verbunden ist, daß ... wie gesagt, daß das Gedicht dennoch vorgetragen zu werden verdiente, das heißt, nicht als etwas Ernstzunehmendes, sondern bloß als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee ... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte.“

„Lesen Sie!“ dröhnte eine Stimme aus den letzten Reihen.

„So soll ich es vorlesen?“

„Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen!“ riefen jetzt schon viele Stimmen.

„Also denn – mit Erlaubnis des verehrten Publikums ...“ Liputin verbeugte sich und wand sich mit demselben süßen Lächeln.

Aber es war doch, als könne er sich trotzdem nicht entschließen, und wie mir schien, war er merklich aufgeregt. Bei aller Frechheit, die solche Leute wie Liputin besitzen, werden sie manchmal doch unsicher. Übrigens wäre ein Seminarist von heute gewiß nicht unsicher geworden, aber Liputin gehörte ja schließlich doch noch zur alten Generation.

„Ich schicke voraus, oder vielmehr, ich habe die Ehre, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Gedicht keine Ode ist, wie sie früher zu Festen verfaßt wurden, sondern es ist sozusagen eher ein Scherz, jedoch unstreitig ein gefühlvoller, der überdies mit spielerischer Heiterkeit verbunden ist und dabei sozusagen die realste Wirklichkeit zum Gegenstande hat ...“

„Lesen! Lies doch! Nur los!“

Liputin faltete sein Papier auseinander. Natürlich kam niemand mehr dazu, den Vortrag zu verhindern. Zudem trug auch Liputin das Band eines Festordners an der Schulter, und so deklamierte er denn mit heller Stimme darauf los.

„Unserer einheimischen Gouvernante zum Gouvernantenfest von einem Dichter gewidmet:

Lebe hoch! o Gouvernante!

Freue dich und jubiliere,

Denn jetzt bleibst du nicht mehr Tante,

Oh, sei stolz und triumphiere!“

„Das hat ja Lebädkin gemacht!“ „Das ist ja ein echter Lebädkin!“ ertönten aus den hinteren Reihen des Saales mehrere Stimmen. Viele lachten, manche klatschten sogar Beifall.

„Feministin oder sonst was!

– Schrecklich ist’s, wenn man bedenkt,

Wie du früher dich gequält hast,

Und dich nutzlos angestrengt!“

„Hurra! Hurra!“ unterbrach man wieder in den letzten Reihen.

„Lehren, hieß es, dumme Göhren

Manch französisches Gedicht,

Doch die wollten dich nie hören,

Wie das nun mal Kindespflicht.

Ja, so war’s, so ist’s gewesen,

Doch das laß begraben sein.

Der Reformen großer Besen

Führt ’ne andre Wertung ein ...“

„Bra–avoooo!“

„Also hör’: seit dem Betriebe

Der Reformen – jetzt gib acht! –

Wird die Freiheit und die Liebe

Einzig noch vom Geld gemacht ...“

„Stimmt! Bravooo! Hurra!“

„Ja, mein Fräulein, sie ist bitter,

Diese Wahrheit, – nämelich:

Auch der allergrößte Ritter

Nimmt nicht ohne Mitgift dich!“

„Stimmt! stimmt! Das ist der wahre Realismus! Ohne Mitgift keinen Schritt!“

„Drum, – da wir nun tanzend spenden

Eine Mitgift für das Weib,

Die wir dir dann übersenden

Zu ’nem bessren Zeitvertreib –

Feministin oder sonst was:

(Bleibst doch stets vom selben Holz)

Mit ’ner Mitgift bist du etwas,

Spuck auf alles und sei stolz!“

Ich muß gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Das war eine so erklärte Gemeinheit, daß die Möglichkeit, Liputin etwa mit Dummheit zu entschuldigen, von vornherein ganz ausgeschlossen erschien. Und gerade Liputin war doch alles andere eher als dumm. Die Absicht, die dahinter steckte, war mir denn auch sofort klar: hier sollte Unordnung geschaffen werden, und dazu war allerdings keiner geeigneter, als Liputin.

Übrigens schien Liputin selbst zu fühlen, daß er doch ein zu starkes Stück auf sich genommen hatte. Er stand noch immer auf der Tribüne und war sich offenbar nicht klar darüber, ob er noch etwas hinzusetzen sollte oder nicht. Ein Teil des Publikums hatte das Gedicht übrigens ganz ernst genommen. Die andere Hälfte war freilich um so gekränkter. Julija Michailowna erzählte später, sie sei einer Ohnmacht nahe gewesen. Einer der ehrwürdigsten alten Herren unserer Stadt erhob sich sogar und verließ mit seiner Frau am Arm den Saal. Und wer weiß, vielleicht hätte dieses Beispiel auch noch andere nach sich gezogen, wenn nicht gerade jetzt Karmasinoff auf der Tribüne erschienen wäre. Sein kleines Figürchen war tadellos gekleidet, selbstredend in Frack und weißer Binde. In der Hand hielt er ein Heftchen. Julija Michailowna sah ihn wie erlöst an, als wäre er ihr Retter ...

Doch ich war schon hinter den Kulissen: ich mußte unter allen Umständen mit Liputin sprechen.

„Das haben Sie absichtlich getan!“ rief ich empört und packte ihn am Arm.

„Bei Gott, ich habe gar nicht daran gedacht,“ log er und spielte den Unglücklichen. „Die Verse hatte man mir soeben erst gegeben, ich dachte, es wäre ein lustiger Scherz ...“

„Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Halten Sie denn wirklich diesen Blödsinn in Knüttelversen für einen Scherz?!“

„Ja, gewiß, jawohl.“

„Das lügen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit Lebädkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum erschien denn Lebädkin im Frack? Schon daraus geht hervor, daß alles von Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken hätte!“

„Was geht das Sie an?“ fragte mich da Liputin plötzlich mit sonderbarer Ruhe.

„Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch?“

„Ich weiß nicht, hier irgendwo. Was soll das alles?“

„Was das soll? Daß ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine Intrige gegen Julija Michailowna – damit Sie’s wissen!“

Liputin sah mich von der Seite an.

„Ja, und was geht das Sie an?“ fragte er nochmals, lächelte, zuckte mit den Achseln und ging davon.

Mich überlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in Erfüllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getäuscht zu haben! Was sollte ich tun? Ich hätte mich gern mit Stepan Trophimowitsch beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene Arten zu lächeln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna eilen? Doch dazu war es noch zu früh: sie mußte eine noch viel nachhaltigere Lehre bekommen, um von der Überzeugung, alle Welt sei ihr „fanatisch ergeben“, geheilt zu werden. Sie hätte mir doch nicht geglaubt und mich nur für einen „Gespensterseher“ gehalten. Ja, und was konnte sie jetzt noch tun? „Ach,“ dachte ich, „was geht denn das schließlich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe nach Hause, sobald es anfängt.“ (Ich gebrauchte wirklich diesen Ausdruck: „sobald es anfängt“, ich erinnere mich noch genau.)

Aber jetzt mußte ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hören! Als ich noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, daß da eine Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar Frauen. Dieses „hinter den Kulissen“ war ein recht enger Raum, eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Räumen verband und zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte mich einer in Erstaunen: der Nächstfolgende nach Stepan Trophimowitsch. Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte während des ganzen Essens geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen der anderen Gäste, Julija Michailownas Suite, gelächelt, und auf alle durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan Trophimowitsch, flüsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lächeln, aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, daß man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa vierzig Jahre alt, kahlköpfig, mit einem ergrauenden Bärtchen. Gekleidet war er anständig. Am merkwürdigsten an ihm war, daß er bei jeder Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie über seinem Haupte schüttelte und dann plötzlich niederfallen ließ, als wollte er einen Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie gesagt, Karmasinoff zu hören.

III.
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