III.

Sechzehntes Kapitel.
Die Matinee

I.

Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des vorhergegangenen „Spigulinschen“ Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wäre, hätte das Fest an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen – eine so große und besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglück blieb sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die Stimmung der Gesellschaft überhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte niemand mehr, daß der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis vorübergehen werde, oder ohne „Entscheidung“, wie einige, sich im voraus die Hände reibend, sagten. Freilich bemühten sich viele, eine sehr finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch – im allgemeinen gesprochen – den russischen Menschen freut nun einmal über alle Maßen jeglicher öffentliche skandalöse Tumult. Allerdings kam bei uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloße Skandalsucht gewesen wäre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas unstillbar Böses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten Überdruß satt. Es hatte sich ein gewisser irreführender Zynismus eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem über die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich über ihre Gefühle im klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen Haß gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt überein. Julija Michailowna aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde überzeugt, daß sie „umschwärmt“ und alle Welt ihr „fanatisch ergeben“ sei.

Ich habe schon erwähnt, daß in unserer Stadt mittlerweile verschiedene sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trüben Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des Übergangs finden sich immer und überall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten „Anführern“, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, daß es allen voran geschieht) zu einem – wenn auch sehr oft allerdümmsten, so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten – Ziele eilen. Nein, ich rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder Übergangszeit pflegt dieses Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von einem Gedanken zu haben; statt dessen drückt es aus allen Kräften bloß Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen bewußt zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Häufchens der „Anführer“ zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und jenes Häufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefällt, wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was übrigens auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit angehört, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach seinem Kommando alle möglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt wundern sich alle unsere soliden, klugen Köpfe über sich selbst: wie hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsäumen können? Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und zu was es einen Übergang bei uns gab – das weiß ich nicht, und ich denke, das vermag niemand zu sagen, oder höchstens ein paar auswärtige Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, daß plötzlich die erbärmlichsten Leutchen ein gewisses Übergewicht bekamen, sich u. a. erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, während sie früher nicht einmal gewagt hätten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten, begannen plötzlich, diesen Leuten zuzuhören und selber zu schweigen, manche aber fingen schon an, ihnen schmählichst und mit schadenfrohem Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lämschins, Telätnikoffs, kleine Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs, wehleidig und hochmütig lächelnde Jüdchen, Lachbrüder unter angereisten Reisenden, Dichter mit Großstadtrichtung und Dichter, die sich statt durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel auszeichneten, Majore und Obersten, die sich über die Sinnlosigkeit ihres Berufs lustig machten und für einen Rubel mehr sofort bereit waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die Eisenbahnverwaltung zu drücken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschäftsleute, unzählige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, – all das bekam bei uns das Übergewicht. Und über wen? Über den Klub, über alte Würdenträger, über Generale mit Stelzfüßen, über unsere strengsten und unzugänglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken ließ, so ist den anderen unserer Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betölpeln ließ, zum Teil doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon erwähnte, die Wirkung der Internationale. Diese Ansicht hat sich so festgesetzt, daß man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die Vorgänge erklärt. Und noch kürzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse, unaufgefordert in überzeugtem Tone gesagt, daß er im Laufe von ganzen drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einfluß der Internationale gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich näher zu erklären, da konnte er allerdings keinerlei Belege dafür anführen, außer dem einen, daß er es „mit allen Sinnen so empfunden“ habe. Und überzeugt blieb er bei seiner Behauptung, so daß man schließlich nach Begründungen nicht weiter in ihn drang.

Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar womöglich hinter verschlossenen Türen. Doch welches Türschloß hält dem Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so wie in allen anderen Töchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und so kam es denn, daß auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte ja so glänzend, so unvergleichlich werden; man erzählte schon Wunderdinge, sprach von zugereisten Fürsten mit Lorgnettes, von den zehn Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken Schulter tragen sollten. Manche wußten zu berichten, daß Karmasinoff zur Erhöhung der Einnahme eingewilligt habe, sein „Merci“ in dem Kostüm einer Gouvernante vorzulesen, und daß die „Quadrille der Literatur“ gleichfalls in Kostümen getanzt werden und jedes Kostüm eine bestimmte literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in einem besonderen Kostüm der „ehrliche russische Gedanke“ – an sich schon eine vollkommene Neuheit – auftreten und tanzen. Wie sollte man da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn alle ein.

II.
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