II.

III.

Fast zu derselben Zeit, als wir bei Semjon Jakowlewitsch waren, fand endlich auch das Wiedersehen Warwara Petrownas mit Stepan Trophimowitsch in Skworeschniki statt.

Warwara Petrowna war in großer Aufregung auf ihrem Gute eingetroffen: am Abend vorher hatte man endgültig beschlossen, daß das Fest im Hause des Adelsmarschalls stattfinden sollte. Da entschloß sie sich sofort, nach diesem Fest ein zweites bei sich in Skworeschniki zu arrangieren und gleichfalls die ganze Stadt zu versammeln – was ihr doch schließlich niemand verwehren konnte. Dann sollten alle selbst urteilen, welches Haus schöner wäre und wo man mit besserem Geschmack einen Ball zu geben verstünde. Warwara Petrowna war in dieser Zeit nicht wiederzuerkennen. Sie schien sich vollkommen verändert zu haben: aus der früheren unnahbaren „höheren Dame“ (ein Ausdruck Stepan Trophimowitschs) war eine weltliche, leichtsinnige Frau geworden. Oder wenigstens schien es so.

Kaum war sie an diesem Tage in Skworeschniki eingetroffen, als sie alle Räume prüfend zu durchschreiten begann, und zwar in Begleitung des treuen alten Alexei Jegorowitsch und des gewandten Fómuschka, der in Dekorationsfragen geradezu eine Autorität war. Und nun begannen die Beratungen: welche Möbel man aus dem Stadthause herüberholen sollte; welche Bilder, Kunstwerke; wo sie aufhängen, wie sie stellen; wie man am besten die Orangerie und die Blumen benutzen, wo man das Büffet herrichten sollte, und ob nicht vielleicht zwei besser wären? Und mitten in diesen schweren Beratungen fiel es ihr dann plötzlich ein, die Equipage nach Stepan Trophimowitsch zu schicken.

Dieser war schon längst auf das Wiedersehen vorbereitet und hatte täglich gerade so eine plötzliche Aufforderung erwartet. Als er sich in die Equipage setzte, bekreuzte er sich: jetzt mußte sein Schicksal sich entscheiden! Er fand seinen „Freund“ im großen Saal, in der Nische, auf einem kleinen Sofa, mit Bleistift und Papier in der Hand, während Fómuschka damit beschäftigt war, mit dem Zentimetermaß die Höhe und Breite der Fenster auszumessen, worauf sie die Zahlen notierte. Ohne sich in dieser Arbeit stören zu lassen, nickte sie Stepan Trophimowitsch zu, und als der ihr einen Gruß sagte, reichte sie ihm nur flüchtig die Hand und wies schweigend auf den Platz neben dem Sofa.

„Ich saß und wartete ungefähr fünf Minuten und – ‚drückte mein Herze nieder‘,“ erzählte er mir später. „Das war nicht mehr die Frau, die ich zwanzig Jahre lang gekannt hatte. Doch die Überzeugung, daß jetzt alles zu Ende sei, gab mir eine Kraft, die selbst sie in Erstaunen setzte. Ich schwöre Ihnen, sie wunderte sich im stillen über meine Haltung in dieser letzten Stunde.“

Warwara Petrowna legte plötzlich den Bleistift auf das Marmortischchen, das neben ihrem Sofa stand, und wandte sich ihm zu.

„Stepan Trophimowitsch, wir müssen jetzt sachlich sprechen. Ich bin überzeugt, daß Sie wieder Ihre üblichen hochtrabenden Worte und Wörtchen vorbereitet haben, aber es ist wohl besser, wenn wir gleich zur Sache kommen. Nicht wahr?“

In ihm krampfte sich etwas zusammen. Sie beeilte sich schon zu sehr, den neuen Ton anzugeben. Was mochte noch weiter kommen?

„Warten Sie, schweigen Sie,“ fuhr sie schnell fort. „Lassen Sie mich zuerst sprechen. Nachher können Sie reden. Obgleich ich eigentlich nicht weiß, was Sie mir noch zu sagen hätten. Ihnen Ihre Pension auszuzahlen, halte ich für meine heilige Pflicht. Tausendzweihundert Rubel jährlich bis zu Ihrem Lebensende. Aber wozu nenne ich das ‚heilige Pflicht‘! Sagen wir einfach: unsere Abmachung, das ist viel realer, nicht wahr? Wenn Sie wollen, können wir es auch schriftlich aufsetzen. Falls ich sterben sollte, – für den Fall ist schon alles vorgesehen. Außerdem haben Sie von mir noch die Wohnung, Bedienung und alles übrige. Übersetzen wir das in Geld – so macht das etwa tausendfünfhundert Rubel aus, nicht wahr? Ich füge jetzt noch dreihundert Rubel für Nebenausgaben hinzu – so sind das volle dreitausend Rubel. Werden Sie damit auskommen? Ich denke, wenig ist es nicht? In Ausnahmefällen werde ich übrigens – nun, Sie wissen ja. Nehmen Sie das Geld, schicken Sie mir meine Dienstboten zurück, und leben Sie, wo Sie wollen, in Petersburg, in Moskau, im Auslande, oder meinetwegen auch hier – aber nur nicht mehr bei mir. Hören Sie?“

„Vor nicht langer Zeit wurde ebenso kategorisch und ebenso eilig von denselben Lippen eine andere Forderung an mich gestellt,“ sagte Stepan Trophimowitsch langsam, deutlich, in traurigem Ton. „Ich fügte mich ... ich tanzte so, wie Sie wollten. Oui, la comparaison peut être permise. C’était comme un petit cozak du Don, qui sautait sur sa propre tombe.[119] Jetzt ...“

„Einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie sind furchtbar wortreich. Sie haben nicht getanzt. Aber Sie erschienen mit einer neuen Halsbinde, in hellen Handschuhen, pomadisiert und parfümiert. Ich kann Sie versichern, Sie wollten selbst schrecklich gern heiraten. Das stand auf Ihrem Gesicht geschrieben. Glauben Sie mir, dieser Ausdruck war recht geschmacklos. Wenn ich es Ihnen damals nicht gleich gesagt habe, so geschah es, um Sie nicht zu verletzen. Doch Sie wollten, Sie wollten heiraten. Trotz der Gemeinheiten, die Sie über mich und Ihre Braut geschrieben hatten. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes. Und wozu dieser Cozak du Don über Ihrem Grabe? Verstehe nicht, was das für ein Vergleich sein soll. Im Gegenteil: sterben Sie nicht, sondern leben Sie! Leben Sie, soviel wie möglich; ich werde mich sehr freuen, wenn Sie gut leben.“

„Im Armenhaus?“

„Im Armenhaus? Mit dreitausend jährlich geht man nicht ins Armenhaus. Ach so ... ich erinnere mich!“ – sie lachte kurz auf – „Pjotr Stepanowitsch sagte einmal im Scherz irgend etwas von einem ‚Armenhaus‘. Nun ja, jenes Armenhaus, von dem da die Rede war, das ist wirklich ein besonderes ‚Armenhaus‘, über das nachzudenken sich wirklich lohnte. Wie Sie selbst wissen, leben dort die ehrenwertesten alten Herren. Meistens Offiziere a. D., jetzt will sogar ein alter General sein Leben dort beschließen. Wenn Sie mit Ihrem Gelde dort eintreten wollen, so können Sie Ruhe, Zufriedenheit und Zuhörer finden. Sie werden sich mit der Wissenschaft beschäftigen, und jederzeit eine Partie Préférence spielen können ...“

Passons.[100]

Passons?“ Warwara Petrowna richtete sich steifer auf. „In dem Falle ist alles gesagt. Sie sind benachrichtigt. Von nun ab leben wir jeder für sich und sehen uns nicht mehr.“

„Und das ist alles? Alles, was von den zwanzig Jahren geblieben ist? Ihr letzter Abschied?“

„Sie lieben wirklich die Phrasen in einem Maße, daß es schon nicht mehr schön ist, Stepan Trophimowitsch. Heutzutage ist derlei nicht mehr modern. Man spricht jetzt derb, aber verständlich. Und ewig kommen Sie mir mit diesen zwanzig Jahren! Zwanzig Jahre beiderseitiger Eigenliebe und weiter nichts. Jeder Ihrer Briefe ist nicht an mich geschrieben, sondern für die Nachwelt berechnet. Ja, Sie sind Stilist, aber kein Freund. Freundschaft ist doch nur ein berühmtes Wort, in Wirklichkeit aber ist sie bloß ein – gegenseitiger Erguß von Spülicht.“

„Gott, wie viel fremde Worte! Lauter gut behaltene Lektionen! Auch Ihnen haben sie schon ihre Uniform übergeworfen! Auch Sie sind jetzt fröhlich, auch Sie an der Sonne! Chère, chère, für welch ein Linsengericht haben Sie ihnen Ihre Selbständigkeit verkauft!“

„Ich bin kein Papagei, der fremde Worte wiederholt,“ versetzte Warwara Petrowna böse. „Seien Sie versichert, daß in mir sich eigene Worte zur Genüge angesammelt haben. Was aber haben Sie für mich in diesen zwanzig Jahren getan? Nicht einmal die Bücher haben Sie mir gegeben, die ich für Sie bestellte, und die heute noch unaufgeschnitten wären, wenn Ihre Freunde sie nicht gelesen hätten. Was gaben Sie mir zu lesen, als ich Sie in den ersten Jahren immer wieder bat, mich doch zu belehren, zu leiten? Nur Romane und immer wieder Romane. Sie waren sogar auf meine Entwicklung eifersüchtig. Und währenddessen lachte doch schon alle Welt über Sie. Ich gestehe, ich habe Sie immer nur für einen Kritiker gehalten und für weiter nichts. Als ich Ihnen während der Fahrt nach Petersburg meine Absicht mitteilte, eine Zeitschrift zu gründen und ihr mein ganzes Leben zu widmen, da sahen Sie plötzlich ironisch auf mich herab und wurden furchtbar hochmütig.“

„Das war doch nicht so ... nicht das ... wir fürchteten damals, verfolgt zu ...“

„Doch, das war genau das. Und Verfolgung konnten Sie in Petersburg überhaupt nicht fürchten. Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie damals im Februar erschrocken zu mir gelaufen kamen? Wie Sie verlangten, ich solle es Ihnen sofort schriftlich geben, in Gestalt eines Briefes, aus dem hervorginge, daß Sie mit dem beabsichtigten Blatte nichts zu tun hätten? Daß Sie lediglich der Hauslehrer seien, der bloß in meinem Hause wohnt, weil ihm sein Gehalt noch nicht ausgezahlt worden ist? War es nicht so? Sollten Sie es wirklich vergessen haben? Ich sehe, Sie haben es nicht vergessen. Ja, Sie haben sich Ihr Lebelang tatsächlich ungewöhnlich ausgezeichnet!“

„Das war nur ein Augenblick des Kleinmuts damals, unter vier Augen ...“ rief er schmerzlich aus. „Aber soll denn wirklich, wirklich, wegen dieser kleinlichen Eindrücke, nun alles zerrissen sein? Ist es möglich, daß von diesen langen Jahren nichts mehr zwischen uns verblieben ist?“

„Sie verstehen sich aufs Rechnen, das weiß ich. Sie wollen immer alles so drehen, daß schließlich ich Ihnen noch schulde. Als Sie aus dem Auslande zurückkehrten, sahen Sie auf mich von oben herab und ließen mich nicht einmal zu Wort kommen. Und als ich Ihnen nach meiner Reise von dem Eindruck, den die Sixtinische Madonna auf mich gemacht hatte, erzählen wollte, da hörten Sie nicht einmal so lange zu, bis ich geendet hatte, und lächelten nur hochmütig, ganz als könnte ich nicht ebensolche Gefühle haben wie Sie.“

„Das wird sicher anders gewesen sein ... ich entsinne mich nicht mehr ... J’ai oublié.[120]

„Nein, das war ganz genau so, und dabei war da gar kein Grund, vor mir so wichtig zu tun, denn das war ja alles Unsinn und nur Ihre Phantasie. Heutzutage begeistert sich niemand mehr für die Sixtinische Madonna. Höchstens ein paar alte Professoren. Das ist bewiesen.“

„Auch schon bewiesen?“

„Diese Madonna dient überhaupt zu nichts. Diese Schale hier ist nützlicher, denn man kann in sie Wasser gießen. Dieser Bleistift ist nützlich, denn mit ihm kann man schreiben. Hier aber ist es bloß ein gemaltes Frauengesicht, das schlechter ist als alle lebenden Gesichter. Versuchen Sie einen Apfel zu malen und legen Sie dann neben das Bild einen wirklichen. Welchen werden Sie dann nehmen? Bin sicher, daß Sie nicht schwanken werden. Sehen Sie, darauf laufen jetzt alle unsere Theorien hinaus, nachdem sie erst einmal von der modernen freien Forschung nachgeprüft sind.“

„... stimmt!“

„Ah, Sie lächeln ironisch! Aber was haben Sie mir, zum Beispiel, über das Almosengeben gesagt? Und dabei ist das Gefühl, das man hat, wenn man Gutes tut, ein hochmütiges und unsittliches, genau wie die Genugtuung des Reichen, wie sein Genuß, wenn er seine Macht und Bedeutung mit der des Bettlers vergleicht. Almosengeben verdirbt sowohl den Gebenden wie den Nehmenden und erfüllt außerdem noch nicht einmal seinen Zweck, denn es vermehrt nur die Bettler. Jeder Faulpelz, der nicht arbeiten will, drängt sich zum Reichen, wie der Spieler an den Kartentisch, um etwas zu gewinnen. Die Groschen aber, die man ihnen zuwirft, reichen ja nicht einmal für den hundertsten Teil. Haben Sie viele Almosen in Ihrem Leben gegeben? Vielleicht achtzig Kopeken, aber bestimmt nicht mehr. Denken Sie nur nach. Strengen Sie sich ein bißchen an und versuchen Sie, sich zu erinnern, wann Sie zum letztenmal ein Almosen gegeben haben. Das wird wohl schon zwei, wenn nicht vier Jahre her sein. Sie reden bloß große Worte, die Tat aber behindern Sie nur. Ja, Almosengeben müßte auch schon im jetzigen Staate ganz einfach gesetzlich verboten werden. Im Zukunftsstaat wird es überhaupt keine Armen mehr geben.“

„Oh, welch eine Sammlung fremder Schlagworte! Also ist es schon bis zum Zukunftsstaat mit Ihnen gekommen? Sie Unglückliche, möge Gott Ihnen helfen!“

„Ja, es ist bis zum Zukunftsstaat gekommen, Stepan Trophimowitsch. Sie haben so sorgfältig die neuen Ideen vor mir verborgen, aber es hat nichts genützt. Sie haben das einzig und allein aus Eifersucht getan, um Macht über mich zu besitzen. Jetzt ist mir sogar diese Julija Michailowna schon an hundert Werst voraus. Doch ich erkenne jetzt wenigstens. Trotzdem habe ich Sie verteidigt, Stepan Trophimowitsch, so viel ich nur konnte. Sie werden buchstäblich von allen angeklagt.“

Assez![121] er erhob sich von seinem Platz. „Und was sollte ich Ihnen nun wünschen? Doch nicht Reue?“

„Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie wissen doch schon, daß man Sie auffordert, auf der literarischen Matinee irgend etwas vorzutragen? Sagen Sie, worüber werden Sie lesen?“

„Gerade über dieses Ideal, die Sixtinische Madonna, die Ihrer Meinung nach weder einen Bleistift noch ein Glas Wasser wert ist.“

„Und nicht aus der Geschichte?“ fragte Warwara Petrowna enttäuscht. „Aber dann wird man Sie ja gar nicht hören wollen. Und ewig diese Madonna! Was haben Sie denn davon, wenn Sie alle damit einschläfern? Ich versichere Sie, Stepan Trophimowitsch, ich sage das nur in Ihrem Interesse. Es wäre doch eine ganz andere Sache, wenn Sie eine kurze, aber unterhaltende Geschichte aus dem mittelalterlichen Hofleben nehmen würden; sagen wir, aus der spanischen Geschichte. Oder eine Anekdote, die Sie dann noch mit eigenen Zutaten ausschmücken könnten. Im Mittelalter gab es doch so prunkvolle Höfe, mit Damen, wissen Sie, und Mordgeschichten. Karmasinoff sagt, daß es sonderbar zugehen müßte, wenn man in der spanischen Geschichte nicht etwas Interessantes finden könnte.“

„Karmasinoff! Dieser ausgeschriebene Dummkopf sucht für mich ein Thema!!“

„Karmasinoff, dieser erhabene Verstand! Sie drücken sich heute schon wirklich etwas zu unvorsichtig aus, Stepan Trophimowitsch.“

„Ihr Karmasinoff ist ein altes, ausgeschriebenes, gereiztes Weib! Chère, chère, haben Sie sich schon lange so von ihnen unterjochen lassen? O Gott!“

„Ich kann ihn auch jetzt nicht leiden. Wegen seiner Wichtigtuerei. Doch seinem Verstande muß ich Gerechtigkeit zollen. Ich wiederhole nochmals, daß ich Sie, so viel ich nur konnte, verteidigt habe. Aber warum wollen Sie sich denn unbedingt als lächerlich und langweilig hinstellen? Im Gegenteil, treten Sie mit einem würdigen Lächeln auf das Podium, als der Repräsentant des vergangenen Jahrhunderts, und erzählen Sie mit Ihrem ganzen Witz drei kleine Geschichten, so wie nur Sie zuweilen zu erzählen verstehen. Mögen Sie meinetwegen ein alter Mann sein, meinetwegen ein Mensch aus dem vorigen Jahrhundert, mögen Sie sogar zurückgeblieben sein: vielleicht sprechen Sie lächelnd selbst davon – sagen wir in einer Vorbemerkung. Doch alle werden dann sehen, daß Sie ein lieber, guter, geistreicher Mensch sind. Kurz, ein Mensch vom alten Schrot und Korn. Und doch so weit vorgeschritten, daß er selber über den ganzen Unsinn gewisser Begriffe, die er bis dahin gehabt hat, objektiv und richtig zu urteilen versteht. Nun, machen Sie es doch so, ich bitte Sie!“

Chère, assez![122] Bitten Sie mich nicht, ich kann nicht. Ich werde über die Madonna reden, und ich will einen Sturm erheben, der entweder sie alle vernichten oder mich allein zu Boden schlagen soll!“

„Bestimmt nur Sie allein, Stepan Trophimowitsch.“

„Gut! Das ist dann mein Los! Ich werde von jenem gemeinen Sklaven reden, von jenem stinkenden, verderbten Sklaven, der als erster mit dem Messer auf die Leiter steigt und das göttliche Antlitz des großen Ideals zerschneiden will – im Namen der Gleichheit, des Neides und ... der Verdauung. Mag mein Fluch also durch die Welt donnern und dann, dann ...“

„In die Irrenanstalt?“

„Vielleicht. Aber in jedem Fall, ob ich nun siege oder besiegt werde: am selben Abend noch werde ich meinen Koffer nehmen, meinen armseligen Koffer, und werde all mein Hab und Gut verlassen, alle Ihre Geschenke, alle Pensionen und Versprechungen für die Zukunft, und werde zu Fuß aus der Stadt gehen, um bei irgend einem Kaufmann als Hauslehrer mein Leben zu beenden oder hinter einem Zaun Hungers zu sterben. Alea jacta est!

Er stand auf.

„Ich habe es ja gewußt!“ Mit blitzenden Augen erhob sich nun auch Warwara Petrowna. „Ich habe es ja gewußt, daß Sie doch nur dazu leben, um zum Schluß noch mich und mein Haus zu beschimpfen. Was wollen Sie mit der Stelle beim Kaufmann oder dem Tod hinterm Zaun sagen? Bosheit und Verleumdung, weiter ist’s nichts!“

„Sie haben mich immer verachtet, aber ich werde wie ein Ritter, der seiner Dame bis ins Grab treu bleibt, mein Leben beenden – denn Ihre Meinung von mir war mir immer teurer, als alles andere auf der Welt. Ich nehme von Ihnen nichts mehr an, und die Rede halte ich ohne Entschädigung.“

„Wie dumm das ist!“

„Sie haben mich niemals geachtet. Ich weiß, ich habe unendlich viele Schwächen. Ja, es ist wahr: ich habe als Ihr Schmarotzer gelebt; – in der Sprache des Nihilismus ausgedrückt. Doch das war niemals das höhere Prinzip meiner Handlungen. Das geschah alles – so – so ... ganz von selbst ... ich weiß nicht, wie ... Ich habe nur immer geglaubt, daß zwischen uns etwas Höheres als Kost und Geld besteht, und nie, hören Sie, nie bin ich ein – Schurke gewesen! So – und nun gehe ich, um es wieder gut zu machen! Ich gehe meinen späten Weg, es ist schon Herbst, der Nebel liegt auf den Feldern, kalter, grauer Reif bedeckt meine Straße und der Wind singt das Lied vom nahen Grabe ... Aber ich gehe, ich gehe schon meinen neuen Weg! Und ich gehe –

‚Ganz erfüllt von reiner Liebe,

Treu dem süßen Traum ...‘

Oh, lebt wohl, meine Träume! Zwanzig Jahre! Alea jacta est.

Tränen rollten plötzlich aus seinen Augen. Er nahm schnell seinen Hut.

„Ich verstehe kein Latein,“ sagte Warwara Petrowna, die sich krampfhaft zusammennahm.

Wer weiß, vielleicht wollte sie gleichfalls weinen, doch Unwille und Eigensinn siegten wiederum.

„Ich weiß nur eines,“ sagte sie, „daß das nur Phrasen sind. Niemals werden Sie imstande sein, Ihre Worte wahr zu machen. Nirgendwohin werden Sie gehen, sondern seelenruhig bei uns weiterleben und jeden Dienstag wieder Ihre unmöglichen Freunde versammeln. Leben Sie wohl, Stepan Trophimowitsch.“

Alea jacta est!“ Er verneigte sich tief vor ihr und fuhr nach Hause – halbtot vor Aufregung.

Elftes Kapitel.
Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit

Elftes Kapitel. Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit
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