Zehntes Kapitel. Vor dem Fest

II.

Zwei Tage nach diesem aufregenden Ereignis begegnete ich Lisa wieder auf der Straße. Eine ganze Gesellschaft hatte sich zu Wagen und zu Pferde aufgemacht, um irgend wohin zu fahren. Lisa, die darunter war, gab sofort den Befehl, zu halten, und verlangte eigensinnig, daß ich mitkäme. In ihrem Wagen fand sich denn auch noch ein Platz, auf den ich fast mit Gewalt gesetzt wurde. Sie stellte mich lachend den jungen, meist sehr eleganten Damen vor und erklärte mir sofort, daß es ein ganz besonderer Ausflug werden sollte. Lisa war ausgelassen lustig, und überhaupt schien sie, wenn man nach dem Äußeren schloß, in dieser Zeit geradezu übermäßig glücklich zu sein. Das Ziel des Ausflugs war in der Tat ein „besonderes“: man wollte nämlich über den Fluß zum Kaufmann Sewostjanoff fahren, der in einem Flügel seines Hauses schon seit zehn Jahren unseren gesegneten, allgemein, sogar in Petersburg, bekannten Propheten Semjon Jakowlewitsch beherbergte. Diesen Semjon Jakowlewitsch besuchte alle Welt: man riß sich fast um ein gnädiges Wort von ihm, verneigte sich und legte reiche Geldspenden nieder, die er dann, wenn er sie nicht gleich unter die armen Besucher verteilte, gottesfürchtig an Klöster und Kirchen gab. So stand denn auch stets ein Mönch bei ihm, der die Gaben entgegennahm. Von der jungen Gesellschaft hatte noch niemand Semjon Jakowlewitsch gesehen und man versprach sich ungemein viel von diesem Besuch. Nur Lämschin war früher einmal bei ihm gewesen und versicherte, daß der Prophet ihn mit einem Besen hinausgejagt und ihm noch gekochte Kartoffeln nachgeworfen habe. Unter den Reitern befanden sich auch Pjotr Stepanowitsch, der sich wie gewöhnlich sehr schlecht auf seinem gemieteten Kosakenpferde hielt, und – Nicolai Stawrogin. Der letztere nahm nur ganz ausnahmsweise einmal an einer dieser allgemeinen Vergnügungen teil: an dem Tage sah er ziemlich heiter aus, doch sprach er, wie immer, nur wenig. Als wir kurz vor der Brücke an einem kleinen Gasthause vorüberfuhren, machte plötzlich jemand die Bemerkung, daß ein Gast sich daselbst erschossen habe und die Polizei erwartet werde. Sofort wurde beschlossen, auszusteigen und sich den Toten anzusehen. Vor allem waren unsere Damen gleich dabei, denn einen Selbstmörder – den sah man doch nicht alle Tage. Ich erinnere mich noch, daß eine von ihnen bemerkte: „Ach, es ist einem ja alles schon langweilig geworden! Warum sich da noch weiter zieren! Das wäre doch einmal etwas anderes.“ Nur wenige blieben im Wagen und warteten: die anderen dagegen drängten sich in einem dichten Haufen durch den Eingang in den schmalen, unsauberen Korridor – und unter diesen bemerkte ich zu meinem Erstaunen auch Lisaweta Nicolajewna. Das Zimmer, in dem die Leiche lag, war nicht verschlossen. Natürlich wagte man es nicht, uns etwa nicht hineinzulassen. Der Selbstmörder war fast noch ein Knabe, jedenfalls bestimmt nicht älter als neunzehn Jahre: ein hübscher Mensch, mit dichtem, welligem, blondem Haar und einem schmalen, feinen Gesicht. Er war schon erstarrt und seine weiße Haut sah wie Marmor aus. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, auf das er geschrieben hatte, daß niemand an seinem Tode schuld sei und er sich erschossen habe, weil er vierhundert Rubel „durchgebracht“ (dieses Wort stand buchstäblich auf dem Blatt). In den vier Zeilen waren drei orthographische Fehler. An seiner Leiche saß ein alter, dicker Gutsbesitzer, der den Toten zu kennen schien und wahrscheinlich gleichfalls in diesem Gasthause abgestiegen war. Aus seinen wortreichen Klagen ging hervor, daß der Jüngling von seiner verwitweten Mutter, von Tanten und Schwestern in die Stadt zu einer Verwandten geschickt worden war, um verschiedene Einkäufe für die Aussteuer seiner ältesten Schwester, die bald heiraten sollte, zu machen. Man hatte ihm dazu vierhundert Rubel, die jahrzehntelang zusammengespart worden waren, eingehändigt, und ihn dann mit Gebeten und Segenssprüchen und unter endlosen Predigten abgeschickt. Der Junge war bis dahin sehr bescheiden und ein guter, hoffnungsvoller Sohn gewesen. In der Stadt aber hatte er sich nicht zu der Verwandten, sondern in das Gasthaus begeben und von hier direkt in eine Kneipe, wo er spielen wollte. Als er kurz vor Mitternacht ins Gasthaus zurückgekehrt war, hatte er Champagner, Havannazigarren und ein Abendessen von sechs oder sieben Gängen verlangt. Aber der Champagner war ihm gar bald zu Kopf gestiegen und von den Zigarren war ihm übel geworden, so daß er das Essen nicht einmal angerührt, sondern sich fast krank und dabei halb betrunken ins Bett gelegt hatte. Am anderen Tage, nachdem er sich ausgeschlafen, war er sofort in das Zigeunerlager hinter der Vorstadt gegangen und ganze zwei Tage dort geblieben. Am dritten Tage war er um fünf Uhr betrunken zurückgekehrt, hatte sich sofort hingelegt und bis zehn Uhr abends geschlafen. Dann hatte er ein Beefsteak, eine Flasche Champagner, Weintrauben, Papier, Tinte und die Rechnung verlangt. Niemand hatte etwas Besonderes an ihm bemerkt: er war ruhig, still und freundlich gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich um Mitternacht erschossen, doch niemand hatte den Schuß gehört. Erst heute um eins, als es in seinem Zimmer selbst nach langem Klopfen totenstill geblieben war, hatte man die Tür aufgebrochen. Die Flasche war nur halb leer und von den Weintrauben hatte er nicht viel gegessen. Mit einem kleinen Revolver, der ihm später aus der Hand gefallen war, hatte er sich ins Herz geschossen: der Tod mußte sofort eingetreten sein – es war nur sehr wenig Blut aus der Wunde geflossen. Er saß halb liegend auf dem Sofa, als ob er nur eingeschlafen wäre, und der Ausdruck seines Gesichts war ruhig, ja fast glücklich. Alle sahen ihn mit gieriger Neugier an. Wohl in jedem Unglück eines Menschen liegt etwas, das die anderen aufmuntert. Die Damen betrachteten den Toten schweigend. Die Herren dagegen zeichneten sich durch Geistesgegenwart und Scharfsinn in ihren Bemerkungen aus. Lämschin aber, der es wohl für seine Ehrenpflicht hielt, auch jetzt den Narren zu spielen, zupfte plötzlich von der Weintraube eine Beere ab, dann noch eine und noch eine, und streckte schon die Hand nach der Flasche aus, um mit ihr irgendeinen „Witz“ zu machen, als der Polizeimeister eintrat und uns bat, das Zimmer zu verlassen. Da sich alle schon sattgesehen hatten, gingen wir denn auch sofort wieder hinaus. Den Rest des Weges legten wir unter womöglich noch ausgelassenerer Heiterkeit und noch lustigeren Scherzen zurück.

Um ein Uhr langten wir bei Semjon Jakowlewitsch an. Das Hoftor des großen Kaufmannshauses war weit offen, desgleichen die Tür des Flügels, in dem Semjon Jakowlewitsch wohnte. Man sagte uns, daß er gerade zu Mittag speiste, doch trotzdem empfinge. Unsere ganze Schar trat ins Haus. Das Zimmer, in dem er sich befand, war groß, mit drei mächtigen Fenstern, und durch ein etwa meterhohes Holzgitter in zwei Teile geteilt. Gewöhnlich blieben die Leute, die ihn besuchten, in der ersten Hälfte, und nur einzelne Glückskinder, die er selbst bezeichnete, wurden durch die kleine Tür des Holzgitters zu ihm geführt, wo er ihnen dann, wenn’s ihm gefiel, seine alten Lederstühle oder das Sofa zuwies; er selbst blieb stets unverändert in seinem alten Großvaterstuhl sitzen. Semjon Jakowlewitsch war ein ziemlich großer, etwas aufgedunsener Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, blond und kahlköpfig, mit einem gelben, glattrasierten Gesicht, dünnem, weichem Haar und geschwollener rechter Backe, die seinen Mund ein wenig schief zog; neben dem linken Nasenflügel war eine große Warze; die Augen lagen wie in schmalen Spalten und der Gesichtsausdruck war ruhig, solide, fast verschlafen. Er trug einen schwarzen Gehrock, wie ein deutscher Schullehrer, doch weder Kragen noch Halstuch, sondern nur ein dickes, doch sauberes russisches Hemd unter dem Rock. Seine offenbar kranken Füße staken in mächtigen Hausschuhen. Es hieß, er sei früher Beamter gewesen und habe sogar einen ansehnlichen Titel gehabt. Als wir eintraten, hatte er gerade eine Fischsuppe gegessen und machte sich nun an sein zweites Gericht: Kartoffeln in der Schale mit Salz. Anderes pflegte er schon seit langer Zeit nicht mehr zu essen; er trank nur viel Tee, den er sehr liebte. Ihn bedienten drei Dienstboten, die der Kaufmann für ihn hielt: der eine von ihnen sah wie ein Kontordiener aus, der andere wie ein Kirchendiener und der dritte war im Frack. Außer diesen Dienstboten war noch ein munterer Knabe zugegen, sowie ein alter, grauer, dicker Mönch, mit einer Sammelbüchse in der Hand. Auf einem der Tische kochte ein riesengroßer Samowar, neben dem auf einem Teebrett ungefähr zwei Dutzend Gläser standen. Auf dem anderen Tische lagen die Gaben: mehrere Zuckerhüte und auch kleinere Zuckerpakete, zwei Pfund Tee, ein Paar Hausschuhe, ein seidenes Halstuch, ein Stück Tuch und mehrere Leinwandrollen. Die Geldspenden kamen fast alle in die Sammelbüchse des Mönches. Ungefähr zehn fremde Menschen standen in der vorderen Hälfte des Zimmers und zwei, ein frommer Greis und ein kleiner, furchtbar magerer Mönch, der würdevoll und mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinsah, saßen hinter dem Holzgitter: es waren lauter einfache Leute, außer einem dicken Kaufmann in russischer Tracht, der aus der Kreisstadt hergekommen war, und den alle als Millionär kannten, – sowie einer alten Dame und einem Gutsbesitzer. Alle erwarteten sie ihr Heil und wagten nicht ein Wort zu sprechen, vier lagen auf den Knien und von ihnen zog wieder ganz besonders der dicke Gutsbesitzer die Aufmerksamkeit auf sich, der an der sichtbarsten Stelle, ganz nah am Holzgitter kniete und ehrfürchtig schon eine Stunde lang auf einen Blick oder ein gütiges Wort Semjon Jakowlewitschs wartete, – dieser jedoch schenkte ihm auch nicht die geringste Beachtung.

Unsere Damen drängten sich fast bis zum Gitter vor und tuschelten vergnügt untereinander. Die Knienden und die anderen Wartenden wurden von ihnen zurückgedrängt, nur der dicke Gutsbesitzer blieb standhaft auf seinem Platz. Neugierige, heitere Blicke richteten sich auf Semjon Jakowlewitsch, gleichwie Lorgnons, Klemmer, Eingläser – und Lämschin zog sogar ein Fernrohr aus der Tasche. Semjon Jakowlewitsch überblickte ruhig und träge die ganze lustige Schar.

„Ach, ihr Liebäugelnden, ihr Liebäugelnden!“ geruhte er mit etwas heiserem Baß leicht auszurufen.

Die ganze Schar lachte auf. „Was heißt das: ‚Ach, ihr Liebäugelnden‘?“

Doch Semjon Jakowlewitsch schwieg und aß seine Kartoffeln. Endlich wischte er sich mit der Serviette den Mund und ließ sich Tee reichen.

Den Tee pflegte er gewöhnlich nicht allein zu trinken, vielmehr befahl er, auch seinen Besuchern und Gästen Tee zu reichen, doch nicht etwa jedem, sondern nur denen, die er dann selbst dem Diener zeigte – als diejenigen, welche er besonders beglücken wollte. Seine Wahl erstaunte meistens alle Anwesenden, denn er überging gewöhnlich die Reichen und Würdevollen und befahl irgend einem armen und unscheinbaren Greise den Tee zu bringen; ein anderes Mal aber überging er wieder die Armen und beglückte irgendeinen dicken, schwer reichen Kaufmann. Auch eingießen ließ er den Tee ganz verschieden, einige bekamen ihn mit, einige ohne Zucker. Diesmal befahl er, dem mageren Mönch eine Tasse mit Zucker zu reichen und dem Greise eine ohne Zucker, der dicke Mönch aber mit der Sammelbüchse erhielt diesmal keinen Tee, wie sonst fast täglich.

„Semjon Jakowlewitsch, sagen Sie mir doch bitte auch etwas. Ich habe schon so lange Ihre Bekanntschaft zu machen gewünscht,“ sagte kokett lächelnd jene selbe junge Dame aus unserem Wagen, die vorher geäußert hatte, daß einem schon alles langweilig geworden sei.

Semjon Jakowlewitsch sah sie nicht einmal an. Der kniende Gutsbesitzer seufzte tief auf.

„Mit Zucker!“ wies plötzlich Semjon Jakowlewitsch auf den Millionär.

Der trat vor und stellte sich neben den knienden Gutsbesitzer.

„Gib ihm noch mehr Zucker!“ befahl Semjon Jakowlewitsch, als der Tee eingegossen war. Der Diener tat noch eine Portion Zucker in das Glas. „Mehr, gib ihm mehr!“ – eine dritte und schließlich eine vierte Portion wurden dazu getan.

Widerspruchslos begann der Kaufmann seinen Syrup zu trinken.

„Allmächtiger Gott!“ flüsterte das Volk und bekreuzte sich.

Der Gutsbesitzer seufzte wieder laut und tief.

„Väterchen! Semjon Jakowlewitsch!“ ertönte plötzlich die Stimme der alten Dame, die unsere Schar an die Wand zurückgedrängt hatte, doch die Stimme klang so laut und scharf, wie man es gar nicht erwartet hätte. „Eine ganze Stunde, Väterchen, warte ich schon auf deinen Segen. Sprich doch dein Urteil, erlöse mich Waise, Väterchen!“

„Frage!“ sagte Semjon Jakowlewitsch zu dem Kirchendiener.

Der trat an das Gitter:

„Haben Sie das erfüllt, was Semjon Jakowlewitsch Ihnen das vorige Mal anbefohlen hat?“ fragte er die Witwe mit leiser, gemessener Stimme.

„Was, Väterchen, was erfüllt! Was kann man denn da erfüllen!“ rief die Witwe. „Diese Menschenfresser! Haben mich verklagt, drohen mit dem Senat ... und das der leiblichen Mutter! ...“

„Gib ihr! ...“ befahl Semjon Jakowlewitsch und wies auf einen Zuckerhut. Der Knabe lief schnell zum Tisch, nahm den Zuckerhut und brachte ihn der Witwe.

„Ach, Väterchen, groß ist deine Gnade! Aber wohin soll ich damit?“ klagte die Witwe wieder.

„Noch, noch!“ beschenkte Semjon Jakowlewitsch sie weiter.

Ein zweiter Zuckerhut wurde zu ihr geschleppt und auf seinen Befehl noch ein dritter und vierter. Die Witwe war schon ganz mit Zuckerhüten umstellt. Der dicke Mönch seufzte niedergeschlagen; das alles hätte in das Kloster kommen können, wie es früher schon oft geschehen war.

„Aber wohin soll ich mit so viel?“ jammerte jetzt schon die Witwe. „All das für mich allein – mir wird ja von so viel Zucker übel werden! ... Oder soll das irgend was bedeuten, Väterchen?“

„Siehst du denn das nicht?“ sagte jemand von den Bauern.

„Noch, gib ihr noch ein Pfund!“ Semjon Jakowlewitsch hörte nicht auf, sie zu beschenken.

Auf dem Tisch stand noch ein ganzer Zuckerhut; da er aber befohlen hatte, ihr nur noch ein Pfund zu geben, so brachte man ihr auch nur noch ein Pfund Zucker.

„Herrgott, Allmächtiger!“ seufzte das Volk und bekreuzte sich. „Sichtbares Zeichen! Großer Gott!“

„Versüßen Sie zuerst Ihr Herz mit Güte und Barmherzigkeit und dann kommen Sie wieder, um über Ihre eigenen Kinder zu klagen, über Ihr eigenes Fleisch und Bein – das soll, glaube ich, wohl all dieser Zucker bedeuten,“ sagte leise, doch selbstzufrieden der dicke Mönch, der diesmal keinen Tee bekommen hatte, und der es nun aus gereizter Eigenliebe auf sich nahm, die Handlungsweise zu deuten.

„Was fällt dir ein?“ ärgerte sich die Witwe. „Haben sie mich doch mit Gewalt ins Feuer ziehen wollen, als es bei Worchischins brannte? Sie haben mir auch eine tote Katze in meinen Kasten gelegt, sind überhaupt zu jeder Gemeinheit bereit ...“

„Jage sie hinaus, hinaus!“ rief plötzlich Semjon Jakowlewitsch, mit den Armen fuchtelnd.

Der Kirchendiener und der Knabe kamen sofort in den vorderen Teil des Zimmers, der erstere nahm die Frau bei der Hand und führte sie hinaus, während sie sich in einem fort nach ihren Zuckerhüten, die der Knabe nachschleppte, umsah.

„Nimm einen wieder zurück!“ befahl Semjon Jakowlewitsch dem bei ihm gebliebenen Kontordiener, der ihnen denn auch sofort nacheilte. Nach kurzer Zeit kamen alle drei mit dem einen Zuckerhut wieder zurück; so hatte die Witwe schließlich nur drei bekommen.

„Semjon Jakowlewitsch,“ ertönte plötzlich eine Stimme an der Tür, „ich habe im Traum einen Vogel gesehen, einen Häher, er stieg aus dem Wasser auf und flog ins Feuer. Was bedeutet das, Väterchen?“

„Frost!“ sagte Semjon Jakowlewitsch.

„Semjon Jakowlewitsch, warum antworten Sie mir denn gar nicht? Ich interessiere mich doch schon so lange für Sie!“ begann wieder unsere junge Dame.

„Frage!“ Semjon Jakowlewitsch wies auf den knienden Gutsbesitzer, ohne sie zu beachten.

Der dicke Mönch, dem der Befehl gegeben wurde, trat würdevoll zum Knienden und fragte:

„Worin haben Sie gesündigt? War Ihnen nicht befohlen worden, etwas zu erfüllen?“

„Nicht zu schlagen, den Händen keine Freiheit zu geben!“ sagte der Gutsbesitzer mit heiserer Stimme.

„Haben Sie das erfüllt?“

„Kann nicht! Die eigene Kraft überwältigt mich!“

„Jag’ ihn! Mit dem Besen, mit dem Besen!“ rief Semjon Jakowlewitsch und fuchtelte wieder mit den Armen.

Der Gutsbesitzer sprang auf und lief, ohne auf den Besen zu warten, aus dem Zimmer.

„Hat ein Goldstück hier gelassen,“ meldete der Mönch.

„Gib’s dem!“ Semjon Jakowlewitsch wies auf den Millionär.

Der reiche Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und nahm das Geld.

„Das Gold zum Golde,“ konnte der Mönch nicht unterlassen, zu bemerken.

„Und diesem mit Zucker!“ Semjon Jakowlewitsch wies plötzlich auf Mawrikij Nicolajewitsch.

Der Diener goß den Tee ein und trat mit dem Glase aus Versehen zu dem Fant mit dem Klemmer.

„Dem Langen, dem Langen!“ rief Semjon Jakowlewitsch.

Mawrikij Nicolajewitsch nahm das Glas und machte eine kurze militärische Verbeugung. Ich weiß nicht warum – aber die ganze Schar wieherte plötzlich vor Lachen über diese Verbeugung.

„Mawrikij Nicolajewitsch!“ wandte sich Lisa hastig an ihn, „knien Sie bitte auf demselben Platz nieder, auf dem dieser Herr stand! – der da fortlief!“

Mawrikij Nicolajewitsch sah sie verständnislos an.

„Ich bitte Sie, Sie werden mir ein großes Vergnügen bereiten! Hören Sie, Mawrikij Nicolajewitsch,“ sagte sie eigensinnig und erregt, „knien Sie unbedingt nieder, ich will unbedingt sehen, wie Sie knien! Wenn Sie das nicht tun – kommen Sie nie mehr unter meine Augen! Ich will das, ich will das, – unbedingt! ...“

Warum sie das wollte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls verlangte sie es in unerbittlichem Tone, in einem Anfall von Laune und Eigensinn. Mawrikij Nicolajewitsch selber erklärte diese kapriziösen Ausbrüche, die sie in der letzten Zeit ganz besonders oft hatte, wie wir später sehen werden, mit dem Auflodern eines blinden, untergründigen Hasses auf ihn ... dabei nicht etwa aus Bosheit, – im Gegenteil, sie achtete, schätzte und liebte ihn, und das wußte er, – sondern aus irgendeinem besonderen, unbewußten Haß, den sie manchmal einfach nicht in sich niederzuzwingen vermochte.

Mawrikij Nicolajewitsch gab schweigend sein Teeglas einem alten, hinter ihm stehenden Bauern, ging dann auf das Türchen des meterhohen Holzgitters zu, öffnete es, trat ohne Semjon Jakowlewitschs Erlaubnis in dessen Zimmerhälfte und kniete, allen sichtbar, mitten im freien Raum nieder. Ich glaube, er war von dem Spott Lisas, noch dazu in Gegenwart so vieler Menschen, im Innersten seiner einfachen ehrlichen Seele verletzt. Vielleicht glaubte er auch, daß sie sich schämen werde, wenn sie seine Erniedrigung sah, die sie selbst so gewünscht hatte. Außer ihm hätte sich wohl sonst keiner entschlossen, ein Weib auf so naive und gewagte Weise zu strafen. Mit unerschütterlich ernstem Gesicht kniete er also, groß und steif und – lächerlich. Doch niemand lachte; die Überraschung machte einen schrecklichen Eindruck. Alle sahen Lisa an.

„Weihe, Weihe ...“ murmelte Semjon Jakowlewitsch.

Lisa erbleichte plötzlich, schrie auf und stürzte zu ihm. Es war eine kurze leidenschaftliche Szene: mit aller Kraft wollte sie Mawrikij Nicolajewitsch wieder emporreißen, und zog ihn mit beiden Händen wie wahnsinnig am Arm.

„Stehen Sie auf, stehen Sie auf!“ rief sie, wie völlig von Sinnen. „Stehen Sie sofort auf, sofort! Wie wagten Sie es, niederzuknien!!“

Mawrikij Nicolajewitsch erhob sich. Sie umklammerte seine Arme über den Ellenbogen und sah ihm mit brennendem Blick ins Gesicht. Angst lag in ihren Augen.

„Liebäugelnde, Liebäugelnde!“ sagte Semjon Jakowlewitsch wieder.

Endlich hatte Lisa Mawrikij Nicolajewitsch in die vordere Zimmerhälfte herübergezogen. Unsere ganze Schar war unruhig geworden. Da wandte sich die junge Dame aus unserem Wagen zum drittenmal, wahrscheinlich um von dem Vorfall abzulenken, mit gezwungenem Lächeln an Semjon Jakowlewitsch:

„Aber, Semjon Jakowlewitsch, werden Sie mir denn heute gar nichts sagen? Und ich habe doch so auf Sie gerechnet!“

„Auf ... dir, auf ... dir!“ fuhr er sie plötzlich wild an, mit einem ganz unmöglichen Wort, das er noch dazu erschreckend deutlich aussprach. Die Damen schrien vor Schreck alle auf und liefen entsetzt aus dem Zimmer. Die Herren aber brachen in ein homerisches Gelächter aus. Damit war denn unser Besuch bei Semjon Jakowlewitsch beendet.

Nur etwas Rätselhaftes geschah noch – etwas, weshalb ich diese ganze Fahrt überhaupt so ausführlich erzählt habe.

Es war in dem Augenblick, als alle in hellem Haufen zur Tür drängten. Da traf Lisa, die von Mawrikij Nicolajewitsch gestützt wurde, in dem Gedränge an der Tür plötzlich mit Nicolai Wszewolodowitsch zusammen. Ich muß hinzufügen, daß die beiden, wenn sie sich auch seit jenem Sonntag mehr als einmal in der Gesellschaft begegnet waren, doch noch kein Wort miteinander gesprochen hatten. Ich sah nun, wie beide, als sie an der Tür zusammentrafen, einen Augenblick stehen blieben und sich sonderbar ansahen – doch konnte ich in dem Gedränge nichts weiter wahrnehmen. Andere dagegen versicherten mir, daß Lisa plötzlich die Hand gegen ihn erhoben und Stawrogin unfehlbar geschlagen haben würde, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch rechtzeitig auszuweichen. Vielleicht hatte ihr der Ausdruck seines Gesichts nicht gefallen? oder ein Lächeln nach dieser Szene mit Mawrikij Nicolajewitsch? Ich muß gestehen, daß ich davon nichts weiß, doch alle versicherten, es sei in der Tat etwas derartiges der Fall gewesen ... wenn auch „alle“ es unmöglich hatten sehen können – höchstens einige. Jedenfalls weiß ich nichts Näheres noch Bestimmtes. Ich erinnere mich nur, daß Stawrogin auf dem Heimwege auffallend bleich aussah, was er vorher nicht in dem Maße gewesen war.

III.
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