I.
Am anderen Tage um zwei Uhr nachmittags fand das Duell statt. Daß dasselbe wirklich so schnell zustande kam, dazu hatte vor allem der leidenschaftliche Wunsch Artemij Pawlowitsch Gaganoffs beigetragen, sich um jeden Preis und so schnell wie nur möglich zu schlagen. Er begriff die Haltung seines Gegners nicht und war außer sich vor Empörung. Schon einen ganzen Monat beleidigte er Stawrogin, und noch immer war es ihm nicht gelungen, diesen zu einer Forderung zu bewegen. Dabei schämte er sich im Grunde der eigenen innersten Gründe des krankhaften Hasses, mit dem er Stawrogin seit der „Nasführung“ seines Vaters verfolgte. Auch konnte er Stawrogin nicht gut zuerst fordern, da dieser nicht den geringsten Anlaß dazu bot – ganz abgesehen davon, daß er ihm wegen jenes Vorfalls mit dem Vater ja bereits die allerhöflichsten Entschuldigungen angeboten hatte. Unbegreiflich war es ihm auch, wie Stawrogin die Ohrfeige Schatoffs so ohne weiteres hatte hinnehmen können. Und da er ihn denn alles in allem schließlich für einen ausgemachten Feigling halten mußte, so hatte er sich endlich entschlossen, den letzten, in seiner Frechheit so unerhörten Brief zu schreiben, der denn auch richtig den Verhaßten zu einer Forderung bewog. In fieberhafter Ungeduld hatte Gaganoff die Antwort auf diesen Brief erwartet, hatte die Chancen berechnet, die diesmal für eine Forderung bestanden, und war am Ende geradezu verzweifelt bei dem Gedanken, daß auch jetzt vielleicht aus irgendeinem Grunde nichts daraus werden könnte. Für alle Fälle aber hatte er bereits Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff, seinen alten Jugendfreund, zu sich gebeten: der sollte sein Sekundant sein. So hatte denn Kirilloff, als er am Morgen um neun Uhr erschien, die beiden zusammen angetroffen. Seine Erklärungen und alle die unerhörten Zugeständnisse Stawrogins waren von Gaganoff mit einer unglaublichen Heftigkeit zurückgewiesen worden. Mawrikij Nicolajewitsch hatte, nicht wenig erstaunt, zuerst darauf eingehen wollen und schon geglaubt, es ließe sich eine Versöhnung zustande bringen. Doch als er bemerkte, daß Artemij Pawlowitsch vor Zorn geradezu erzitterte, da hatte er schnell wieder geschwiegen. Er wäre wohl überhaupt aufgestanden und fortgegangen, wenn er dem Freunde nicht bereits sein Wort gegeben hätte; so aber blieb er denn, in der Hoffnung, später vielleicht noch irgendwie vermitteln zu können. Im übrigen wurden alle Bedingungen Stawrogins von Gaganoff sofort angenommen und sogar auf einen dreimaligen Kugelwechsel erweitert – ganz gegen Kirilloffs Wunsch und Absicht, der sich durchaus dagegen wehrte, aber nichts erreichte. So blieb es denn bei diesen scharfen Abmachungen.
Das Duell selbst fand um zwei Uhr in Brykowo statt, in einem kleinen Walde zwischen Skworeschniki und der Fabrik der Gebrüder Spigulin. Der gestrige Regen hatte völlig aufgehört, aber es war feucht und windig. Niedrige, trübe, zerrissene Wolken zogen schnell am kalten Himmel vorüber; die Bäume rauschten volltönend und mit den Wipfeln wogend und knarrten in den Stämmen; es war ein sehr trauriger Tag.
Gaganoff und Mawrikij Nicolajewitsch kamen in einem eleganten char à bancs[112] mit zwei prachtvollen Pferden, die Artemij Pawlowitsch selbst lenkte, auf dem Kampfplatze an; auch hatten sie einen Diener mitgenommen. Fast in demselben Augenblick trafen auch Stawrogin und Kirilloff ein, jedoch nicht im Wagen, sondern reitend, und gleichfalls in Begleitung eines Dieners. Kirilloff, der in seinem Leben noch nie auf einem Pferde gesessen hatte, hielt sich steif, doch mutig im Sattel, unter dem rechten Arm den schweren Pistolenkasten, den er für keinen Preis dem Diener hatte anvertrauen wollen, während er mit der linken Hand aus Unwissenheit beständig die Zügel anzog, weswegen denn das gereizte Pferd immer heftiger mit dem Kopf schüttelte und bereits deutlich die Absicht bekundete, sich auf die Hinterbeine zu stellen – was übrigens den Reiter nicht im geringsten zu schrecken schien. Der mißtrauische Gaganoff, der sich schon beim geringsten Anlaß leicht tief gekränkt fühlte, faßte diese Ankunft hoch zu Roß als neue Beleidigung auf: waren doch die Gegner offenbar von vornherein von einem für sie günstigen Ausgang des Duells überzeugt, so daß sie es gar nicht erst für nötig gehalten hatten, auf alle Fälle einen Wagen zum Transport eines Verwundeten zur Stelle zu haben. Ganz gelb vor Ärger stieg Gaganoff aus seinem char à bancs, wobei er bemerkte, daß seine Hände zitterten. Auf Stawrogins Gruß dankte er nicht, sondern wandte sich einfach ab.
Die Sekundanten warfen das Los: es traf Kirilloffs Pistolen. Der Wagen und die Pferde wurden mit den Dienern an den Waldrand zurückgeschickt. Dann maßen die Sekundanten die Barriere ab, wiesen den Gegnern ihren Platz an und händigten ihnen die geladenen Pistolen ein.
Mawrikij Nicolajewitsch war besorgt und traurig, Kirilloff dagegen vollkommen ruhig und unbekümmert, sehr genau in der Ausübung seines Amtes, doch ohne allzu geschäftig zu sein, kurz, er machte den Eindruck, als interessierte ihn die unheimliche Entscheidung eigentlich nicht im geringsten. Stawrogin war etwas bleicher als gewöhnlich, ziemlich leicht gekleidet, in einem Mantel, und trug einen weißen Kastorhut. Er schien sehr müde zu sein, dann und wann flog ein düsterer Schatten über sein Gesicht, und offenbar war es ihm nicht der Mühe wert, seine schlechte Laune zu verbergen. Am eigentümlichsten verhielt sich jedoch Artemij Pawlowitsch Gaganoff, und ich sehe mich schon aus diesem Grunde gezwungen, über ihn ein paar Worte hinzuzufügen.