III.
Es war sieben Uhr abends. Nicolai Stawrogin saß allein in seinem Arbeitszimmer, das er schon früher von allen anderen Räumen des Hauses zu seinem Kabinett erwählt hatte. Es war ein hoher Raum mit schönen Teppichen und etwas schweren, altertümlichen Möbeln.
Er saß in der Ecke des Diwans, wie zum Ausgehen angekleidet, doch anscheinend hatte er nicht die Absicht, aufzubrechen und irgendwohin zu gehen. Auf dem Tisch vor ihm stand eine Lampe mit einem Lampenschirm. Die Seiten und Ecken des großen Raumes blieben dunkel. Sein Blick war nachdenklich und zusammengefaßt, doch nicht ganz ruhig; sein Gesicht sah müde und ein wenig abgemagert aus. Er war tatsächlich krank, wenn auch nur an einer Erkältung, verbunden mit einem gewissen Ohrenreißen; aber das Gerücht von einem ausgeschlagenen Zahn war doch übertrieben: der Zahn hatte anfänglich nur gewackelt, war jedoch inzwischen wieder fest geworden. Auch die von innen verletzte Oberlippe war bereits zugeheilt. Das Zahngeschwür aber, das mit der Erkältung zusammenhing, hatte er nur deshalb nicht aufschneiden lassen, um nicht den Arzt empfangen zu müssen. Doch übrigens hatte er nicht nur nicht den Arzt, sondern selbst seine Mutter kaum auf ein paar Minuten eintreten lassen und auch das höchstens einmal am Tage und nur um die Dämmerstunde, wenn es schon dunkelte und das Licht noch nicht brannte.
Auch Pjotr Stepanowitsch, der zwei- bis dreimal täglich bei Warwara Petrowna vorgesprochen hatte, war nicht von ihm empfangen worden. Erst jetzt, eben an jenem Montag, nachdem Pjotr Stepanowitsch am Morgen von seiner dreitägigen Reise zurückgekehrt, schon überall in der Stadt herumgelaufen war, dann bei Julija Michailowna zu Mittag gespeist hatte und erst gegen Abend bei Warwara Petrowna erschien, verkündete sie ihm, die ihn bereits ungeduldig erwartete, daß das Verbot aufgehoben sei und Nicolas wieder empfange. Darauf begleitete sie den Gast selbst bis zur Tür des Arbeitszimmers ihres Sohnes, denn sie hatte schon längst ein Wiedersehen der beiden gewünscht. Pjotr Stepanowitsch hatte ihr versprochen, nachher noch zu ihr zu kommen und zu berichten, wie er Nicolas fand. Sie klopfte vorsichtig an die Tür und wagte sogar, als sie keine Antwort erhielt, den Türflügel drei Finger breit zu öffnen.
„Nicolas, darf ich Pjotr Stepanowitsch eintreten lassen?“ fragte sie leise und gehalten, während sie sich zugleich bemühte, sein Gesicht hinter der Lampe zu erkennen.
„Gewiß, gewiß darf man, das versteht sich doch von selbst!“ rief laut und aufgeräumt Pjotr Stepanowitsch, öffnete die Tür mit eigener Hand und trat ein.
Stawrogin hatte das Klopfen seiner Mutter überhört und nur die scheue Frage vernommen, aber noch nicht antworten können. Vor ihm lag in diesem Augenblick ein Brief, den er gerade erst durchgelesen hatte und über den er dann in tiefes Nachdenken versunken war. Als er nun plötzlich den Anruf Pjotr Stepanowitschs hörte, fuhr er zusammen und suchte schnell mit einem Briefbeschwerer den Brief zu bedecken, was ihm aber nur halb gelang, denn eine Ecke des Briefes und fast das ganze Kuvert waren noch zu sehen.
„Ich habe absichtlich so laut gerufen, um Ihnen Zeit zu geben, sich vorzubereiten,“ flüsterte Pjotr Stepanowitsch, der im Nu am Tisch war und sofort mit aufmerksamem Blick das Kuvert musterte, mit wunderlich naiver Aufrichtigkeit.
„– Und haben gewiß noch glücklich bemerken können, wie ich vor Ihnen diesen Brief zu verbergen suchte,“ sagte Stawrogin ruhig, ohne sich von seinem Platz zu rühren.
„Einen Brief? Na, Sie mit Ihren Briefen ... was gehn mich Ihre Briefe an,“ versetzte der andere. „Aber ... die Hauptsache, –“ fuhr er wieder leise fort, indem er sich zur Tür wandte, die Warwara Petrowna schon geschlossen hatte, und wies mit dem Kopf nach dieser Richtung.
„Sie horcht nie,“ bemerkte Stawrogin kalt.
„Na, ich meinte bloß – und wenn sie auch horchen sollte!“ Pjotr Stepanowitsch erhob sofort wieder die Stimme und setzte sich in einen Sessel. „Ich habe ja sonst nichts dagegen, nur bin ich diesmal gekommen, um mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen. Also endlich, vor allen Dingen, wie steht es mit der Gesundheit? Sehe schon, daß es gut steht, und morgen werden Sie vielleicht erscheinen, wie?“
„Vielleicht.“
„Sie müssen die Leute doch endlich beruhigen und ebenso auch mich!“ begann er plötzlich heftig gestikulierend, sah aber dabei ganz heiter und zufrieden aus. „Wenn Sie wüßten, was ich ihnen alles habe vorschwatzen müssen! Aber übrigens, Sie wissen es ja.“ Er lachte auf.
„Alles weiß ich nicht. Ich habe nur von meiner Mutter gehört, daß Sie sich sehr ... gerührt haben.“
„Das heißt, ich habe ja nichts Bestimmtes –,“ wehrte Pjotr Stepanowitsch schnell ab, als verteidige er sich gegen einen furchtbaren Angriff. „Ich habe nur Schatoffs Frau so ein bißchen unter die Leute gebracht, das heißt, ich meine die Gerüchte über Ihre Beziehungen zu ihr in Paris, was jenen Vorfall vom Sonntag dann durchaus erklären könnte ... Sie ärgern sich doch nicht?“
„Bin überzeugt, daß Sie sich sehr bemüht haben.“
„Nun, das allein war es, was ich fürchtete! Aber übrigens, was heißt denn das: ‚sehr bemüht‘? – das klingt ja ganz wie ein Vorwurf. Doch ich sehe, daß Sie die Sache wenigstens nicht schief auffassen: das war meine größte Sorge, als ich herkam – Sie würden sie nicht gerade nehmen ...“
„Ich will überhaupt nichts gerade nehmen,“ sagte Stawrogin mit einer gewissen Gereiztheit, doch gleich darauf lächelte er spöttisch.
„Ach, ich rede doch nicht davon, nicht davon, Sie irren sich, nicht davon!“ rief Pjotr Stepanowitsch und fuchtelte wieder abwehrend und streute die Worte wie Erbsen hin, schien aber zugleich sehr erfreut über die Reizbarkeit Stawrogins zu sein. „Ich werde Sie doch jetzt nicht mit unserer Sache ärgern, in der Lage, in der Sie jetzt sind! Ich kam nur her wegen der Affäre am Sonntag, und auch das nur zum allerkleinsten Teil, denn, nicht wahr, es geht doch nicht so! Ich bin mit den aufrichtigsten Erklärungen gekommen, die für mich notwendig sind, nicht für Sie – dies mag für Ihre Eigenliebe gesagt sein, aber zu gleicher Zeit ist es auch wahr. Ich bin gekommen, um von nun an immer aufrichtig zu sein.“
„Das heißt so viel, daß Sie früher unaufrichtig waren?“
„Das wissen Sie doch selbst ganz genau. Ich habe oft Kniffe angewandt ... Sie lächeln; freut mich sehr, denn das Lächeln ist für mich ein Vorwand zur Auseinandersetzung. Ich habe ja absichtlich das Lächeln mit der kleinen Prahlerei hervorgelockt, damit Sie sich sofort wieder ärgern: wie wagte ich zu denken, daß ich mit Kniffen Sie zu betrügen vermöchte, und zweitens, damit ich Grund habe, mich sofort zu erklären. Sehen Sie, wie aufrichtig ich bin. Na, schön, wäre es Ihnen jetzt recht, mich anzuhören?“
Stawrogins Gesicht, das bis dahin verachtend ruhig und beinahe spöttisch ausgesehen hatte, trotz der augenscheinlichen Absicht seines Gastes, ihn mit diesen zudringlichen, vorbereiteten und bewußt plumpen Naivitäten zu ärgern, verriet jetzt doch eine gewisse unruhige Neugier.
„Also hören Sie,“ begann Pjotr Stepanowitsch, noch lebhafter als vorhin. „Als ich hierher kam, das heißt, überhaupt hierher in diese Stadt, vor zehn Tagen, da entschloß ich mich natürlich, hier eine Rolle zu spielen. Besser freilich, sollte man meinen, wär’s ganz ohne Rolle, wie ... wie ... nun, als individuelle Persönlichkeit – nicht wahr? Allerdings kann nichts schlauer sein, als die Rolle einer individuellen Persönlichkeit, denn die würde mir doch niemand zutrauen. Aber wissen Sie, zuerst wollte ich schon den Rüpel spielen, weil das viel leichter ist. Aber der Rüpel ist zugleich auch schon das Äußerste, und da das Äußerste immer Aufsehen und Neugier erregt, so entschied ich mich denn endgültig für die individuelle Persönlichkeit. Nun ja, aber wie ist denn nun meine individuelle Persönlichkeit? – Doch einfach die goldene Mitte: weder klug noch dumm, mäßig begabt und ein bißchen vom Mond herabgefallen, wie hier die vernünftigen Leute sagen. Nicht wahr?“
„Möglich, daß es auch wahr ist,“ sagte Stawrogin mit einem kaum merklichen Lächeln.
„Ah, Sie geben’s zu – freut mich sehr. Ich wußte ja im voraus, daß ich Ihre Gedanken treffen würde ... Beunruhigen Sie sich nicht, nicht nötig, gar nicht nötig, ich nehme es durchaus nicht übel. Ich habe mich auch durchaus nicht in dieser Weise dargestellt, um mir von Ihnen indirekte Lobsprüche herauszuholen, à la ‚Nein, Sie sind nicht unbegabt, nein, Sie sind klug‘, oder so ähnlich ... Ah, Sie lächeln wieder! Bin ich von neuem hereingefallen? ‚Sie sind klug‘ würden Sie ja gar nicht sagen. Nun gut, meinetwegen; ich gebe alles zu. Passons,[100] wie Papachen sagt, und in Klammern: ärgern Sie sich bitte nicht über meinen Wortschwall. Übrigens, da haben wir ja gleich ein Beispiel: ich rede immer viel zu viel, d. h., ich mache immer viel zu viel Worte, und rede viel zu eilig – und doch kommt nichts dabei heraus. Warum? weil ich nicht zu reden verstehe. Die gut reden, die reden kurz. Und damit, nicht wahr, damit haben wir gleich einen Beweis für meine Unbegabtheit! Doch da diese Gabe der Unbegabtheit bei mir nun einmal eine natürliche Gabe ist – warum sollte ich sie da nicht noch künstlich gebrauchen? Nun – und so gebrauche ich sie denn so und so. Zuerst, als ich hier ankam, gedachte ich zu schweigen: aber zum Schweigen, dazu gehört ein großes Talent, und somit wäre es nichts für mich. Und da Schweigen außerdem auch noch gefährlich ist, so habe ich denn endgültig eingesehen, daß es am besten ist, wenn ich rede, und zwar gerade so auf unbegabte Art und Weise rede, das heißt, viel, viel, unendlich viel rede, mich immer beeile, etwas zu beweisen und zum Schluß mich in meinen Beweisen immer so verwickele, daß der Zuhörer womöglich davonläuft und dabei womöglich noch ausspuckt. Das hat dann drei Vorteile: erstens, daß man sich von meiner Offenherzigkeit überzeugt, zweitens, daß man meiner äußerst überdrüssig wird, und drittens, daß man mich dabei noch nicht einmal versteht – also alle drei Vorteile auf einen Hieb! Wer wird dann noch vermuten, daß ich geheimnisvolle Absichten habe? Ein jeder würde sich ja persönlich beleidigt fühlen, wenn ihm dann noch jemand sagte, ich hätte geheimnisvolle Absichten! Die Leute verzeihen mir ja jetzt schon alles, weil sich nun herausgestellt hat, daß ich, die revolutionäre Intelligenz, die einst Proklamationen verfaßt hat, dümmer bin, als sie. Ist’s nicht so? An Ihrem Lächeln erkenne ich schon, daß Sie zustimmen.“
Stawrogin dachte nicht daran, zu lächeln oder zuzustimmen, im Gegenteil, er hörte finster und ein wenig ungeduldig zu.
„Wie? Was? Sie sagten: ‚gleichgültig‘?“
Stawrogin hatte kein Wort gesagt.
„Natürlich, selbstverständlich, ich versichere Sie, daß ich das durchaus nicht darum ... nun, um Sie mit meiner Freundschaft zu kompromittieren ... Aber wissen Sie, Sie sind heute furchtbar übelnehmend! Ich komme zu Ihnen mit offenem, frohem Herzen, und Sie – Sie legen jedes meiner Worte auf die Wagschale! Ich werde heute über nichts Kitzliches mit Ihnen sprechen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Und mit allen Ihren Bedingungen bin ich von vornherein einverstanden!“
Stawrogin schwieg immer noch.
„Wie? Was? Sagten Sie nicht etwas? Sehe schon, hab’ wieder nicht das Rechte getroffen. Sie haben keine Bedingungen gestellt und werden auch keine stellen. Glaub’s schon, glaub’s schon, beruhigen Sie sich nur: ich weiß ja selbst, daß es sich gar nicht lohnt, sie zu stellen – nicht wahr? Ich übernehme schon im voraus die Verantwortung für Sie, wenn Sie wollen – und tue das selbstredend aus Unbegabtheit – also nichts als Unbegabtheit und Unbegabtheit ... Sie lachen? Wie? Was?“
„Nichts ...“ Stawrogin lächelte endlich, „mir fiel nur soeben ein, daß ich Sie in der Tat einmal gewissermaßen unbegabt genannt habe, aber da Sie damals nicht zugegen waren, wird man es Ihnen hinterbracht haben ... Im übrigen bitte ich, etwas schneller zur Sache kommen zu wollen.“
„Aber ich bin ja gerade dabei! Ich rede doch nur wegen Sonntag!“ rief Pjotr Stepanowitsch aus und tat sehr erstaunt. „Nun, was war ich am Sonntag, was meinen Sie? Genau und nichts anderes als die eilfertige, mittelmäßige Unbegabtheit in Person. Und genau in meiner allerunbegabtesten Art und Weise bemächtigte ich mich des Gespräches! Doch man hat mir schon alles verziehen. Erstens, wie gesagt, weil ich vom Monde gefallen bin, denn davon ist man tatsächlich allgemein überzeugt, und zweitens, weil ich ein so nettes Geschichtchen zum besten gab ... und euch allen heraushalf, nicht wahr? So ist es doch?“
„Sie haben absichtlich so erzählt, daß der Zweifel bleibt und man die Mache merkt, während eine Abmachung überhaupt nicht vorlag und ich Sie um nichts gebeten hatte.“
„Das ist’s ja! Das ist’s ja!“ bestätigte wie in hellem Entzücken Pjotr Stepanowitsch. „Ich habe es ja absichtlich so gemacht, daß Sie die ganze Mechanik merken mußten. Ihretwegen habe ich ja gerade die ganze Komödie gespielt, nur um Sie zu fangen und zu kompromittieren. Ich wollte ja nur wissen, bis zu welchem Grade Sie sich fürchten.“
„Es wäre interessant zu wissen, warum Sie jetzt so aufrichtig sind!“
„Oh, ärgern Sie sich nicht, ärgern Sie sich nicht, und funkeln Sie bitte nicht so mit den Augen ... Übrigens tun Sie das ja gar nicht. Also interessant wäre es, zu wissen, warum ich jetzt so aufrichtig bin? Ganz einfach, weil sich jetzt alles verändert hat! Ich habe eben meine Ansichten über Sie geändert, das ist es. Den früheren Weg habe ich für immer verlassen. Ich werde Sie von nun ab nicht mehr auf die alte Art und Weise zu kompromittieren versuchen. Ich habe nun einen neuen Weg.“
„Also die Taktik geändert?“
„Von Taktik kann hier gar keine Rede sein. Von jetzt ab soll in allem nur Ihr freier Wille den Ausschlag geben. Sagen Sie ‚ja‘, – so ist’s gut. Wollen Sie ‚nein‘ sagen – bitte! Da haben Sie meine ganze neue Taktik. Doch an unsere Sache werde ich auch nicht mit dem kleinsten Finger rühren, und zwar genau so lange nicht, bis Sie es selbst befehlen. Sie lachen? Wohl bekomm’s! Auch ich lache ja. Aber soeben meine ich’s ernst, vollkommen ernst, wenn auch ein Mensch, der sich so beeilt, natürlich unbegabt ist, nicht wahr? Einerlei, meinetwegen bin ich auch unbegabt, nur rede ich jetzt im Ernst, das heißt wirklich vollkommen ernst!“
Er sprach in der Tat diesmal ernst, in einem ganz anderen Tone und mit einer seltsamen Erregung, so daß Stawrogin ihn aufmerksam anblickte.
„Sie sagen, Sie hätten Ihre Ansicht über mich geändert?“
„Ja; in dem Augenblick, als Sie damals von Schatoff Ihre Hände zurückzogen. Aber genug, genug davon, und bitte keine Fragen weiter! Mehr sage ich jetzt nicht!“
Er war schon aufgesprungen und fuchtelte wieder mit den Händen, als wollte er sich an ihn gestellter Fragen erwehren: da aber überhaupt keine gestellt wurden und er noch nicht die Absicht hatte, wegzugehen, so setzte er sich wieder hin und beruhigte sich allmählich.
„Nebenbei bemerkt, in Klammern,“ plapperte er sofort wieder los, „man schwatzt hier und wettet schon darauf, daß Sie ihn unbedingt totschlagen würden. Lembke beabsichtigte sogar, die Polizei in Bewegung zu setzen, doch Julija Michailowna hat es ihm verboten ... Aber genug davon, genug, ich sagte es Ihnen nur, um Sie zu benachrichtigen. Doch halt, noch eins: ich habe, wie Sie wissen, die Lebädkins noch am selben Tage auf die andere Flußseite geschafft – meinen Brief mit der neuen Adresse haben Sie doch erhalten?“
„Ja, gleich damals.“
„Dies aber habe ich nicht aus ‚Unbegabtheit‘ getan, sondern einfach aus Bereitwilligkeit. Wenn es ‚unbegabt‘ herausgekommen sein sollte, so war’s dafür doch aufrichtig gemeint.“
„Schon gut, vielleicht war es gerade so richtig ...“ murmelte Stawrogin nachdenklich. „Nur schicken Sie mir keine Briefe mehr.“
„Diesmal ging’s nicht anders, und es war ja nur ein einziger.“
„So weiß Liputin davon?“
„Es war nicht anders möglich. Aber Sie wissen ja selbst, daß Liputin nichts darf ... Übrigens müßte man einmal wieder zu den unsrigen gehen, – das heißt zu jenen da, nicht zu den Unsrigen, kreiden Sie es mir nur nicht gleich wieder an. Beunruhigen Sie sich nicht: es braucht ja nicht gleich zu sein – irgend wann einmal. Augenblicklich regnet es. Ich werde es denen dann sagen und sie können sich versammeln – wir gehen dann am Abend hin. Da sitzen sie nun mit offenen Mäulern, wie die jungen Waldraben im Nest, und warten gespannt darauf, was für einen Bissen wir ihnen gebracht haben – kratzen Bücher hervor und fangen gar an zu streiten. Wirginski ist Allmensch, Liputin Fourierist mit starker Neigung zu Polizeimethoden. Ein Mensch, sag ich Ihnen, der in einer Beziehung kostbar ist, aber in den meisten anderen Beziehungen streng angefaßt werden muß. Und der dritte, der mit den trauernden Ohren, trägt gar ein eigenes System vor. Beleidigt sind sie übrigens alle: weil ich mich so wenig um sie kümmere und sie ein bißchen kaltgestellt habe, haha! Aber hingehen muß man zu ihnen.“
„Sie haben mich jenen wohl als so eine Art Führer vorgestellt?“ fragte Stawrogin so nachlässig wie möglich.
Pjotr Stepanowitsch sah ihn blitzschnell an. Dann ging er schnell auf ein anderes Thema über und tat so, als hätte er die Frage ganz überhört: „Übrigens bin ich täglich zwei- bis dreimal zu Warwara Petrowna gekommen und war gezwungen, viel zu sprechen ...“
„Nein, denken Sie nicht das! Ich habe einfach nur versichert, daß Sie Schatoff nicht totschlagen würden – und so ähnliche süße Sachen. Aber stellen Sie sich vor: gleich am anderen Tage hatte sie schon erfahren, daß Marja Timofejewna von mir über den Fluß geschafft worden war – haben Sie ihr das gesagt?“
„Nicht daran gedacht.“
„Wußt ich’s doch, daß nicht Sie ... Aber wer außer Ihnen hätte es ihr dann erzählen können?“
„Liputin, selbstredend.“
„N–nein, nicht Liputin,“ murmelte Pjotr Stepanowitsch geärgert. „Aber ich werde es schon erfahren, wer es war. Ich denke da eher an Schatoff. Aber nein, Unsinn, lassen wir das! Aber schließlich ist’s doch verdammt wichtig ... Übrigens habe ich immer erwartet, daß Ihre Mutter plötzlich mit der Hauptfrage herausplatzte ... Ja! Nur alle die letzten Tage war sie furchtbar niedergeschlagen, fast finster, heute aber, wie ich ankomme: siehe da – sie strahlt förmlich. Woher kommt denn das?“
„Das kommt daher, daß ich ihr heute mein Wort gegeben habe, nach fünf Tagen um Lisaweta Nicolajewnas Hand anzuhalten,“ sagte Stawrogin plötzlich mit unvermuteter Offenheit.
„Ah, so ... nun ja ... ja gewiß ...“ stotterte Pjotr Stepanowitsch und blieb stecken. „Man spricht zwar schon von ihrer Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch. Sie wissen doch? Es wird auch schon stimmen. Aber Sie haben recht: sie läuft auch vom Altare fort, wenn Sie sie nur rufen. Sie ärgern sich doch nicht darüber, daß ich so ...?“
„Ich sehe, daß es heute furchtbar schwer ist, Sie zu ärgern, und fange an, Sie zu fürchten ... Bin sehr gespannt darauf, wie Sie morgen erscheinen werden. Sicher haben Sie schon vieles in petto. Ärgern Sie sich wirklich nicht über mich, daß ich so ...?“
Stawrogin antwortete wieder nicht, was Pjotr Stepanowitsch vollends reizte.
„Übrigens: haben Sie das in betreff Lisaweta Nicolajewnas Ihrer Mutter im Ernst gesagt?“ fragte er.
Stawrogin sah ihn kalt und prüfend an.
„Ah, so, ich verstehe schon: um sie zu beruhigen, nun ja.“
„Und wenn ich es im Ernst gesagt habe?“ fragte Stawrogin hart.
„Ja ... nun ... na, dann mit Gott, wie man in solchen Fällen zu sagen pflegt. Würde ja der Sache nichts schaden. (Sehen Sie, ich habe nicht gesagt, ‚unserer‘ Sache, da Sie das Wort ‚unser‘ nun einmal nicht lieben.) Ich aber ... ich – nun ja, ich stehe zu Ihren Diensten, wie Sie wissen.“
„Sie meinen?“
„Gar nichts, gar nichts meine ich!“ wehrte Pjotr Stepanowitsch lachend ab, „denn ich weiß, daß Sie sich Ihre Angelegenheiten im voraus genug überlegen, und daß Sie alles schon bis zu Ende durchgedacht haben. Im übrigen aber wollte ich nur sagen, daß ich im Ernst jederzeit zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen Umständen und in jedem Fall, – das heißt wortwörtlich in je–dem! Sie verstehen doch?“
Stawrogin gähnte.
„Ich langweile Sie schon, wie ich sehe,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, plötzlich aufspringend, ergriff seinen runden, ganz neuen Hut und tat, als sei er im Begriff, aufzubrechen, indessen blieb er immer noch und sprach ununterbrochen weiter, jetzt allerdings stehend. Zuweilen schritt er hin und her, und wenn er sehr lebhaft sprach, schlug er sich mit dem Hut ans Knie. „Ja, eigentlich wollte ich Ihnen noch etwas Ergötzliches von den Lembkes erzählen und Sie damit erheitern!“ schwatzte er weiter, anscheinend gut gelaunt.
„Nein, das doch lieber ein nächstes Mal. Wie geht es übrigens mit Julija Michailownas Gesundheit?“
„Was das bei Ihnen allen für gesellschaftliche Gewohnheiten sind! Julija Michailownas Gesundheit ist Ihnen ja so gleichgültig, wie die Gesundheit irgendeiner Katze, und doch erkundigen Sie sich! Aber das lobe ich mir. Also: Julija Michailowna fühlt sich wohl und hat eine Hochachtung vor Ihnen, na, bis zum Aberglauben. Und was Sie von Ihnen alles erwartet, grenzt auch schon an Aberglauben. Über den Sonntag schweigt sie, und ist überzeugt, daß Sie alles sofort niederschlagen werden, sobald Sie nur wieder auf der Bildfläche erscheinen. Bei Gott, sie glaubt ohne weiteres, daß Sie weiß der Teufel was alles vermögen! Mir scheint, sie bildet sich ein, Sie könnten einfach Wunder zustande bringen. Überhaupt sind Sie jetzt ein noch viel rätselhafteres Wesen als je, dazu dieser Nimbus von Romantik, der sich um Sie gebildet hat – wahrhaftig, eine äußerst vorteilhafte Stellung. Und wie gespannt, wie neugierig man auf Sie ist! Bevor ich verreiste, war es schon heiß, doch als ich zurückkehrte, war die Hitze noch gestiegen. Danke übrigens nochmals bestens für die Beschaffung des Briefes. Graf K... wird hier allgemein mit Andacht gefürchtet. Und Sie hält man für so eine Art höheren Spion. Ich nicke dazu. Sie ärgern sich doch nicht?“
„Nein.“
„Das ist nämlich für alles Weitere sogar unbedingt nötig. Die Leute haben ja hier ihre besonderen Bräuche. Ich sporne selbstverständlich noch an. Julija Michailowna ist die Anführerin, Gaganoff der zweite ... Sie lachen? Aber ich lebe doch jetzt nach meiner neuen Taktik: ich lüge und lüge, und dann sage ich plötzlich ein kluges Wort, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn alle ein solches suchen. Darauf umringt man mich sofort, fragt und horcht, – ich aber bin schon wieder mitten im Lügen. Jetzt haben mich schon alle aufgegeben. ‚Ach, der!‘ sagen sie und winken ab. ‚Nicht dumm, aber ein bißchen doch vom Monde herabgefallen.‘ Lembke redet mir zu, in den Staatsdienst zu treten, damit ich mich bessere. Ach, wenn Sie wüßten, wie ich ihn trätiere, das heißt, eigentlich kompromittiere. Er glotzt mich nur so an mit seinen Kalbsaugen. Julija Michailowna hilft mir dabei womöglich noch. Doch was ich sagen wollte: Gaganoff ist grenzenlos wütend auf Sie. Gestern hat er in Duchowo ganz gemein über Sie gesprochen. Ich habe ihm natürlich gleich die ganze Wahrheit gesagt, oder vielmehr, versteht sich, nicht die ganze Wahrheit. Ich war gestern vom morgen bis zum Abend draußen bei ihm. Prächtiges Gut übrigens, auch das Herrenhaus ist schön.“
„So ist er jetzt in Duchowo?“ rief Stawrogin plötzlich lebhaft, ja, fast sprang er auf, – wenigstens beugte er sich hastig nach vorn.
„Nein, jetzt nicht mehr, er hat mich selbst hierher gebracht, wir kamen zusammen zurück,“ sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig, anscheinend ohne Stawrogins Erregung zu bemerken. „Was ist das? – Da habe ich ein Buch heruntergeworfen,“ und er bückte sich, um den Band aufzuheben. „‚Die Frauen von Balzac‘? Illustriert. Habe nicht gelesen. Lembke schreibt auch Romane.“
„Was Sie sagen?“ Stawrogin tat, als interessiere es ihn sehr.
„Jawohl, in russischer Sprache; selbstredend heimlich. Nur Julija Michailowna weiß es und erlaubt es ihm. Er ist so eine richtige Schlafmütze, aber mit Manieren. Wie das alles ausgearbeitet ist! Welch eine Strenge der Formen, welch eine Folgerichtigkeit und Disziplin! Übrigens, es wäre gut, wenn auch wir etwas davon hätten!“
„Sie loben die Verwaltung?“
„Wie sollte ich nicht! Sie ist doch das einzige, was bei uns in Rußland natürlich und in einem gewissen Grade fertig ist ... nein, nein, ich werde nicht, ich werde nicht, seien Sie unbesorgt, ich werde nicht!“ brach er plötzlich ab. „Über das Delikate kein Wort, seien Sie unbesorgt, kein Wort! Und jetzt leben Sie wohl. – Sie sind ja fast grün.“
„Ich bin erkältet.“
„Das ist glaubwürdig. Legen Sie sich hin! Doch ja, was ich noch sagen wollte: hier im Bezirk gibt es auch einige von der Skopzensekte, interessante Leute ... Doch davon später. Halt ja, eine kleine Anekdote muß ich doch noch erzählen! Hier in der Nähe steht bekanntlich ein Infanterieregiment. Freitag abend habe ich in B... mit den Offizieren zusammen gekneipt. Wir haben doch dort drei Genossen – vous comprenez?[111] Nun, es wurde über den Atheismus gesprochen, und selbstredend ward Gott zum so und so vielten Male kassiert. Man gröhlte und quiekte vor Freude. Übrigens: Schatoff meint, daß man unbedingt mit dem Atheismus beginnen müsse, wenn man es in Rußland zu einem Umsturz bringen wolle – vielleicht hat er recht. Ja, wie gesagt, es wurde über Gott gesprochen – aber da saß auch ein schon ergrauter schnauzbärtiger Hauptmann, saß und saß, schwieg die ganze Zeit. Plötzlich stand er auf, blieb mitten im Zimmer stehen, breitete die Arme aus, und sagte laut, aber doch wie zu sich selbst: ‚Wenn es keinen Gott gibt, was bin ich dann noch für ein Hauptmann?‘ Und damit nahm er seine Mütze und ging.“
„Hat einen ganz klugen Gedanken ausgedrückt,“ sagte Stawrogin und gähnte – jetzt schon zum dritten Male.
„Ja? Ich hab’s nicht verstanden – wollte Sie fragen. Und was war da doch noch –? Ja, so: ganz interessant ist die Spigulinsche Fabrik. Fünfhundert Arbeiter, ein vorzüglicher Choleraherd, ist schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr gereinigt, und vom Arbeitslohn wird immer ein Teil abgezogen, die Besitzer aber sind Millionäre. Seien Sie überzeugt, von den Arbeitern haben schon eine ganze Reihe durchaus richtige Vorstellungen von der Internationale und Revolution. Wie, Sie lächeln? Sie werden schon sehen, geben Sie mir nur eine ganz, ganz kleine Weile Zeit! Ich habe Sie schon einmal um Zeit gebeten. Jetzt tue ich’s zum zweiten Male. Doch Verzeihung, ich höre ja schon auf! Runzeln Sie nicht die Stirn, ich höre ja schon auf! Leben Sie wohl. – Ach so!“ er kehrte nochmals um und kam zurück. – „Die Hauptsache vergesse ich ganz! Man hat mir vorhin gesagt, daß unsere Koffer aus Petersburg angekommen sind.“
„Ja, und? ...“ Stawrogin sah ihn an, ohne zu verstehen.
„Das heißt, Ihre Koffer, Ihre Sachen, mit den Fracks, Beinkleidern, der Wäsche – sind die schon hier?“
„Ja, man sagte mir vorhin so etwas ...“
„Ach, könnte man da nicht gleich ...?“
„Fragen Sie den Alexei.“
„Schön! Aber morgen, morgen könnte ich sie doch bekommen? Es sind nämlich mein Frack, ein Anzug und drei Paar Beinkleider darin ... Die von Charmeur, die er mir noch auf Ihre Empfehlung hin gemacht hat, erinnern Sie sich?“
„Ich habe gehört, Sie sollen hier den Dandy spielen,“ lächelte Stawrogin. „Ist es wahr, daß Sie sogar Reitstunden nehmen wollen?“
Pjotr Stepanowitsch verzog den Mund zu einem gezwungenen Lächeln.
„Wissen Sie,“ sagte er dann plötzlich ungeheuer schnell, mit einer eigentümlich abbrechenden Stimme, in der etwas zu zucken schien. „Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, wir wollen das Persönliche lieber aus dem Spiel lassen, nicht wahr, ein für allemal? Sie können mich dabei natürlich verachten, so viel Sie wollen, wenn Ihnen etwas lächerlich erscheint. Aber, wie gesagt, unter uns wollen wir das Persönliche eine Zeitlang fortlassen, nicht wahr?“
„Gut, ich werde es nicht mehr ...“ sagte Stawrogin vor sich hin.
Pjotr Stepanowitsch lächelte, schlug sich mit dem Hut ans Knie, trat von einem Fuß auf den andern und sein Gesicht nahm wieder den alten Ausdruck an.
„Hier halten mich einige sogar für Ihren Nebenbuhler bei Lisaweta Nicolajewna, wie soll ich mich da nicht um mein Äußeres kümmern?“ sagte er lachend. „Übrigens, wer hinterbringt Ihnen denn das alles? Hm! Es ist schon Punkt acht; ich muß gehen. Habe zwar Warwara Petrowna versprochen, jetzt bei ihr vorzusprechen, werde das aber bleiben lassen. Sie aber – legen Sie sich mal hin, dann sind Sie morgen munterer. Draußen ist es stockdunkel und es regnet – übrigens, ich habe ja meine Droschke, denn in der Nacht ist es hier nicht ganz geheuer in den Straßen ... Doch ja, was ich noch sagen wollte: hier in der Umgegend treibt sich jetzt ein gewisser Fedjka herum, ein entsprungener Zuchthäusler aus Sibirien, und stellen Sie sich vor, er ist mein gewesener Leibeigener, den Papachen vor fünfzehn Jahren unter die Soldaten gesteckt hat, um Geld zu bekommen. Eine äußerst bemerkenswerte Persönlichkeit, dieser Fedjka.“
„Sie ... haben mit ihm gesprochen?“ fragte Stawrogin, indem er einmal kurz aufblickte.
„Ja. Vor mir versteckt er sich nicht. Er ist zu allem bereit, zu allem; für Geld, selbstredend, aber er hat auch Überzeugungen, so in seiner Art, versteht sich ... Ja, und noch etwas: wenn Sie vorhin wirklich im Ernst von dieser Absicht – Sie wissen schon, mit Lisaweta Nicolajewna, – so wiederhole ich nochmals, daß ich gleichfalls eine zu allem bereite Persönlichkeit bin, in jeder Beziehung, in welcher Sie nur wollen, und vollkommen zu Ihren Diensten stehe ... Was, Sie wollen –? Ach so, nein, nicht den Stock. Denken Sie sich, mir schien, daß Sie einen Stock suchten!“
Stawrogin suchte nichts und sagte auch nichts, aber er hatte sich allerdings seltsam plötzlich erhoben, mit einer eigentümlichen Bewegung im Gesicht.
„Und wenn Sie etwas in betreff dieses Herrn Gaganoff brauchen sollten,“ fügte Pjotr Stepanowitsch mit einemmal hinzu und wies dabei mit dem Kopf schon ganz ungeniert auf den Brief und den Umschlag unter dem Briefbeschwerer, „so kann ich natürlich auch da alles ordnen, und ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht umgehen werden.“
Und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verließ das Zimmer – doch bevor er die Tür hinter sich schloß, steckte er noch einmal den Kopf herein:
„Ich bin nur deshalb so ...“ rief er schnell, „... weil doch beispielsweise auch Schatoff nicht das Recht hatte, damals am Sonntag sein Leben zu riskieren, als er zu Ihnen trat – nicht wahr? Ich möchte wünschen, daß Sie dieses nicht vergäßen.“
Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er.