V.
Wir waren alle aufgestanden. Es war jener Augenblick, in dem die Gäste und der Hausherr noch die letzten liebenswürdigen Worte zu wechseln pflegen, um dann zufrieden auseinander zu gehen.
Da bemerkte plötzlich Liputin, der bereits an der Türe stand, wie beiläufig: „Er ist ja nur deshalb so mürrisch, weil er mit dem Hauptmann Lebädkin den Streit gehabt hat. Der schlägt seine schöne Schwester, die Irrsinnige, jeden Morgen und jeden Abend mit der Nagaika, mit einer echten Kosakenpeitsche, sage ich Ihnen! Herr Kirilloff aber ist deswegen schon auf die andere Seite, in den Flügel des Hauses gezogen, um das nicht täglich anhören zu müssen. Na ja, – also auf Wiedersehen!“
„Die kranke Schwester? Die Irrsinnige? Mit der Nagaika?“ rief Stepan Trophimowitsch, als sei er selbst von einem Peitschenschlage getroffen worden. „Welch eine Schwester? Was für ein Lebädkin?“
„Lebädkin – na, dieser verabschiedete Hauptmann doch! Früher nannte er sich ‚Stabskapitän‘!“ antwortete Liputin, indem er noch einmal ins Zimmer zurücktrat.
„Ach, was geht mich sein Rang an! Welche Schwester? Mein Gott ... Sie sagen Lebädkin, aber – bei uns war doch auch ein Lebädkin!“
„Eben, eben, derselbe Lebädkin ist’s ja auch! Erinnern Sie sich noch, der damals bei Wirginski ...“
„Aber der fiel doch mit seinen falschen Papieren herein?!“
„Nun ja, damals, jetzt aber ist er zurückgekehrt, schon vor drei Wochen, und zwar unter den allersonderbarsten Umständen.“
„Aber das ist doch ein ganz nichtswürdiger Mensch!“
„Mein Gott, als ob es solche bei uns nicht geben könnte!“ gab Liputin plötzlich spottlächelnd zur Antwort und dabei sahen seine listigen Äuglein Stepan Trophimowitsch an, ihn gleichsam betastend, befühlend.
„Ach Gott, darum handelt es sich doch nicht ... Übrigens, Nichtswürdige – darin stimme ich mit Ihnen vollkommen überein, besonders mit Ihnen! Aber was weiter? Was wollten Sie damit sagen? Sie wollten doch unbedingt etwas damit sagen!!“ Stepan Trophimowitsch bestand auf einer Antwort.
„Ach, das sind ja lauter Dummheiten und sonst nichts! ... Dieser ‚Hauptmann‘ hat uns damals allem Anscheine nach nicht wegen falscher Papiere verlassen, sondern einzig und allein, um sein verrücktes Schwesterlein aufzusuchen, das sich an einem unbekannten Orte versteckt hielt. Na, und jetzt hat er sie eben hergebracht. Und das ist alles. Was ist denn dabei? Warum regen Sie sich denn so darüber auf, Stepan Trophimowitsch? Ich erzähle doch nur, was ich von ihm selber in seiner Betrunkenheit erfahren habe. Wenn er nüchtern ist, schweigt er darüber. Ein reizbarer Mensch übrigens, na, und so ... na, so ein dichtender Mars mitunter, wenn der Geist über ihn kommt, doch meist von üblem Geschmack. Und das verrückte Schwesterlein, das dabei noch hinkt, scheint mir von irgend jemand entehrt worden zu sein. Der Herr Bruder aber bezieht einen jährlichen Tribut, als Belohnung für die Ehrenbeleidigung, wie er sagt. Meiner Meinung nach ist das freilich nur Geschwätz. Er prahlt einfach. Aber das ließe sich doch mit weniger Geld auch machen! Doch Tatsache ist, daß er Geld hat, und zwar in großen Summen! Vor anderthalb Wochen ging er fast barfuß, und jetzt hat er – ich habe es selbst gesehen! – Hunderte in den Händen. Die Schwester hat täglich irgendwelche Anfälle, und schreit dann, worauf er sie mit der Peitsche ‚in Ordnung bringt‘, wie er zu sagen pflegt, – denn man müsse in das Weib ‚Achtung pflanzen‘. Ich begreife nicht, wie Schatoff es aushält, über ihnen zu wohnen. Herr Kirilloff hat es nur drei Tage aushalten können. Nun ist er umgezogen, wie gesagt. Er kannte sie noch von Petersburg her!“
„Ist das wirklich alles wahr?“ wandte sich Stepan Trophimowitsch an den Ingenieur.
„Sie schwatzen furchtbar viel, Liputin,“ brummte dieser wütend.
„Geheimnisse und wieder Geheimnisse! Woher kommt das doch, daß es bei uns plötzlich so viele Geheimnisse gibt?“ Stepan Trophimowitsch konnte nicht mehr an sich halten. Der Ingenieur ärgerte sich, errötete, zuckte ungeduldig mit den Schultern und ging schon aus dem Zimmer.
„Herr Kirilloff hat ihm sogar die Peitsche aus der Hand gerissen, sie zerbrochen und dann aus dem Fenster geworfen,“ fügte da Liputin schnell mit schlauem Lächeln hinzu.
Kirilloff kehrte sofort um: „Was soll das alles, Liputin? Das ist doch dumm. Und weshalb?“
„Aber wozu denn aus Bescheidenheit gerade die edelsten Regungen der Seele verheimlichen?! – das heißt, Ihrer Seele, selbstredend Ihrer Seele, ich spreche nicht von der meinen!“ antwortete Liputin.
„Wie das dumm ist ... und gar nicht nötig. Lebädkin ist ein ganz leerer Mensch und kommt für die Sache gar nicht in Betracht und schadet ihr nur. Warum schwatzen Sie so viel Überflüssiges? Ich gehe!“
„Ach, wie schade!“ rief da Liputin mit hellem Lächeln aus. „Sie gehen schon – sonst hätte ich Stepan Trophimowitsch noch mit einer kleinen Anekdote erfreut!“ Und zu diesem gewandt: „Bin sogar mit der Absicht hergekommen, sie Ihnen unbedingt zu erzählen. Doch Sie werden sie ja bestimmt schon gehört haben. Na, dann eben ein anderes Mal! Herr Kirilloff hat es ja so eilig ... Auf Wiedersehen also! Nein, hat aber Warwara Petrowna mich vorgestern belustigt! Sie schickte extra nach mir. Einfach zum Kranklachen war’s. Na, auf Wiedersehen, Wiedersehen!“
Aber schon hatte Stepan Trophimowitsch ihn plötzlich an den Schultern gepackt, zu sich herumgedreht und fest auf einen Stuhl gesetzt.
Liputin erschrak ordentlich.
„Ja, wie denn?“ fragte er und sah von seinem Stuhl aus ängstlich und verwundert zu Stepan Trophimowitsch empor. Doch faßte er sich schnell. „Ja, denken Sie sich, plötzlich ruft man mich und fragt mich im geheimen – was ich eigentlich von Nicolai Stawrogin denke: ob ich ihn für wahnsinnig halte oder nicht? Wie soll man da nicht staunen?“
„Sie sind verrückt geworden, Liputin!“ sagte Stepan Trophimowitsch. „Sie wissen nur zu gut, daß Sie gekommen sind, um mir irgendeine Gemeinheit zu sagen.“
Mir fiel sofort die Bemerkung Stepan Trophimowitschs ein, Liputin wisse nicht nur von unserer Sache, sondern wisse noch viel mehr, als wir je erfahren würden.
„Erlauben Sie, Stepan Trophimowitsch!“ stotterte Liputin, als ob jener ihn furchtbar erschreckt hätte. „Erlauben Sie ...“
„Schweigen Sie jetzt! Ich bitte Sie, Herr Kirilloff, kommen Sie zurück und setzen sie sich. Bitte, hier! Und Sie, Liputin, Sie werden jetzt erzählen, aber einfach und ohne Ausreden!“
„Hätte ich gewußt, daß es Sie so aufregt, so würde ich gar nicht davon angefangen haben ... und ich dachte doch, Sie wüßten das alles selbst ... schon längst ... von Warwara Petrowna!“
„Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Aber fangen Sie endlich an, sage ich Ihnen!“
„Na, dann haben Sie doch wenigstens die Güte, sich auch zu setzen! Denn wenn Sie so vor mir herumlaufen, da würde ja alles ganz kunterbunt herauskommen!“
Stepan Trophimowitsch überwand sich und ließ sich sehr formell auf einen Sessel nieder. Der Ingenieur blickte finster zu Boden. Liputin aber sah mit unglaublichem Hochgenuß von einem zum andern.
„Ja, womit nun anfangen ... Sie haben mich ganz konfus gemacht ...“