Drittes Kapitel. Fremde Sünden.

II.

Eines Morgens – es war am siebenten oder achten Tage nach Stepan Trophimowitschs Einwilligung zu heiraten – hatte ich, als ich wie gewöhnlich gegen elf Uhr zu meinem bekümmerten Freunde eilte, unterwegs ein kleines Erlebnis: ich begegnete Karmasinoff[26], dem „großen Schriftsteller“, wie Liputin ihn zu nennen pflegte.

Karmasinoffs Schriften hatten mich in meinen Jünglingsjahren entzückt, begeistert. Seine späteren tendenziösen Novellen gefielen mir viel weniger als seine ersten Werke, die noch viel Poesie enthielten; manche aber sagten mir gar nicht mehr zu. Und zuletzt hatte ich eine Skizze von ihm gelesen, die ungeheure Aussprüche darauf erhob, naive Poesie und zugleich höchste Psychologie zu bringen. Diese Skizze sollte den Untergang eines Schiffes irgendwo an der englischen Küste schildern, den er als Augenzeuge miterlebt hatte, doch in Wirklichkeit schilderte sie nur ihn, den Verfasser. Man las es förmlich zwischen den Zeilen: „So seht doch auf mich, seht, wie ich in diesen Augenblicken war! Was geht euch dieses Meer an, der Sturm usw., ich bin es doch, der euch das mit genialer Feder schildert!“ Als ich damals Stepan Trophimowitsch meine Meinung über diese Skizze sagte, stimmte er mir bei. Trotzdem hätte ich Karmasinoff jetzt, während seines Besuches in unserer Stadt, gern gesehen oder gar seine Bekanntschaft gemacht, was durch Stepan Trophimowitschs Vermittlung möglich war; sie waren ja früher befreundet gewesen. Und da begegnete ich ihm nun plötzlich an einer Straßenecke. Ich erkannte ihn sofort; man hatte ihn mir schon vor drei Tagen gezeigt, als er mit der Gouverneurin in einer Equipage vorüberfuhr.

Er war ein sehr kleiner, gezierter alter Herr, übrigens wohl nicht über fünfundfünzig Jahre alt, mit ziemlich frischem Gesichtchen, dichten grauen Löckchen, die unter seinem runden Zylinderhut hervorquollen und sich um seine kleinen, netten, rosafarbenen Ohren ringelten. Sein sauberes Gesichtchen war nicht gerade hübsch, mit den dünnen, langen, verschlagen geschlossenen Lippen, der etwas fleischigen Nase und den stechenden, klugen kleinen Äuglein. Er war eigentlich etwas altmodisch gekleidet, wenigstens erinnerte der Mantel, den er trug, an die Umhänge, die bei Regenwetter etwa in der Schweiz oder in Oberitalien getragen werden. Dafür aber waren alle die kleinen Sachen, wie Hemdknöpfchen, das Krägelchen, die Schildpattlorgnette am schmalen schwarzen Bändchen, der Ring am Finger unbedingt genau von der Art, wie sie von Leuten des untadelig guten Tones getragen werden.

Er blieb an der Straßenecke stehen und sah sich aufmerksam um. Als er bemerkte, daß ich ihn neugierig ansah, wandte er sich an mich und fragte mit honigsüßem, wenn auch kreischendem Stimmchen:

„Gestatten Sie die Frage, wie komme ich auf dem nächsten Wege zur Bykoffstraße?“

„Zur Bykoffstraße? Hier ... hier geradeaus,“ rief ich erregt, „und dann die zweite Querstraße links.“

„Ich danke Ihnen sehr.“

Verwünscht sei dieser Augenblick! Er hatte aus meiner Verlegenheit und Erregung natürlich sofort alles erraten, d. h. daß ich wußte, wer er war, daß ich seine Werke verschlungen hatte und darum so befangen und so dienstbeflissen war. Er lächelte, nickte und ging weiter. Ich weiß nicht, warum ich ihm nachging. Da blieb er wieder stehen.

„Und könnten Sie mir auch angeben, wo hier in der Nähe Droschken stehen?“ kreischte wieder seine Stimme.

„Droschken? Hier ... bei der Kirche stehen immer welche!“ und fast wäre ich selbst nach einer Droschke gelaufen. Ich vermute, daß er gerade das von mir auch erwartete. Natürlich kam ich sofort zur Besinnung und blieb stehen, aber meine erste Bewegung hat er bestimmt bemerkt, da er mich die ganze Zeit mit diesem schändlichen Lächeln scharf beobachtete. Da aber geschah etwas für mich Unvergeßliches: er ließ plötzlich ein Säckchen oder eine Art Täschchen fallen, das er in der linken Hand trug. Und ich machte unwillkürlich eine Bewegung, um es aufzuheben. Natürlich besann ich mich sofort und hob es nicht auf, nur wurde ich rot wie ein Dummkopf. Er aber nutzte die Situation raffiniert zu seinen Gunsten aus.

„Bemühen Sie sich nicht, ich kann ja selbst ...“ sagte er in bezaubernd liebenswürdigem Tone, aber erst, als kein Zweifel mehr darob bestand, daß ich es nicht aufheben würde. Er hob es selbst auf, nickte mir zu und ging weiter, indem er mich wie einen dummen Jungen stehen ließ. Das war ebensogut, als hätte ich es aufgehoben. In den ersten fünf Minuten hielt ich mich für lebenslänglich blamiert; doch als ich mich dem Hause Stepan Trophimowitschs näherte, lachte ich plötzlich laut auf: die Begegnung kam mir so komisch vor, daß ich sofort beschloß, sie meinem Freunde zur Erheiterung zu erzählen.

III.
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