35.

41.

Dies ist die Antinomie:

Sofern wir an die Moral glauben, verurteilen wir das Dasein.

42.

Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben sollte, namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten, – diese sozialen Werte hat man zum Zweck ihrer Tonverstärkung, wie als ob sie Kommandos Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ Welt, als Hoffnung und zukünftige Welt über dem Menschen aufgebaut. Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, scheint uns das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden, – aber das ist nur ein Zwischenzustand.

43.

Ursachen des Nihilismus:

1. Es fehlt die höhere Spezies, das heißt die, deren unerschöpfliche Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält. (Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen dieses Jahrhunderts.)

2. Die niedere Spezies („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“) verlernt die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu kosmischen und metaphysischen Werten auf. Dadurch wird das ganze Dasein vulgarisiert: insofern nämlich die Masse herrscht, tyrannisiert sie die Ausnahmen, so daß diese den Glauben an sich verlieren und Nihilisten werden.

Alle Versuche, höhere Typen auszudenken, manquiert („Romantik“; der Künstler, der Philosoph; gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten Moralwerte zuzulegen).

Widerstand gegen höhere Typen als Resultat.

Niedergang und Unsicherheit aller höheren Typen. Der Kampf gegen das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid mit den Niederen und Leidenden als Maßstab für die Höhe der Seele.

Es fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur der Umdichter.

44.

Die nihilistische Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit) als Folge der moralischen Wertschätzung: – das Egoistische ist uns verleidet (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des Unegoistischen); – das Notwendige ist uns verleidet (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit eines liberum arbitrium und einer „intelligiblen Freiheit“). Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir unsere Werte gelegt haben, nicht erreichen – damit hat die andere Sphäre, in der wir leben, noch keineswegs an Wert gewonnen: im Gegenteil, wir sind müde, weil wir den Hauptantrieb verloren haben. „Umsonst bisher!“

45.

Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem Betracht unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: redet überall von „Pessimismus“, man kämpft um die Frage, auf die es Antworten geben müsse, wer recht habe, der Pessimismus oder der Optimismus.

Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß Pessimismus kein Problem, sondern ein Symptom ist, – daß der Name ersetzt werden müsse durch „Nihilismus“, – daß die Frage, ob Nichtsein besser ist als Sein, selbst schon eine Krankheit, ein Niedergangsanzeichen, eine Idiosynkrasie ist.

Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen décadence.

46.

Grundeinsicht über das Wesen der décadence: was man bisher als deren Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen.

Damit verändert sich die ganze Perspektive der moralischen Probleme.

Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, selbst Krankheit erscheint als Naivität, als überflüssig: – es gibt keine „Besserung“ (gegen die Reue).

Die décadence selbst ist nichts, was zu bekämpfen wäre: sie ist absolut notwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. Was mit aller Kraft zu bekämpfen ist, das ist die Einschleppung des Kontagiums in die gesunden Teile des Organismus.

Tut man das? Man tut das Gegenteil. Genau darum bemüht man sich seitens der Humanität.

– Wie verhalten sich zu dieser biologischen Grundfrage die bisherigen obersten Werte? Die Philosophie, die Religion, die Moral, die Kunst usw.

(Die Kur: zum Beispiel der Militarismus, von Napoleon an, der in der Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)

47.

Zum Begriffdécadence“.

1. Die Skepsis ist eine Folge der décadence: ebenso wie die Libertinage des Geistes.

2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der décadence (Schwäche des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....).

3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, verändern nicht den Gang der décadence, sie halten nicht auf, sie sind physiologisch null – :

Einsicht in die große Nullität dieser anmaßlichen „Reaktionen“; es sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse fatale Folgeerscheinungen; sie bringen das morbide Element nicht heraus; sie sind oft heroische Versuche, den Menschen der décadence zu annullieren, ein Minimum seiner Schädlichkeit durchzusetzen.

4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der décadence.

5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen der décadence: sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.

6. Die soziale Frage ist eine Folge der décadence.

7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten, sind Anzeichen, daß die Defensivkraft der starken Natur fehlt; ebendafür spricht die Irritabilität, so daß Lust und Unlust die Vordergrundsprobleme werden.

48. Allgemeinste Typen der décadence:
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