Zweiundzwanzigstes Kapitel. Stepan Trophimowitschs letzte Reise

II.

„Sehen Sie, mein Freund – Sie erlauben mir doch, mich Ihren Freund zu nennen, n’est-ce pas?“[242] begann Stepan Trophimowitsch eilig, gleich nachdem sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte. „Sehen Sie, ich ... J’aime le peuple, c’est indispensable, mais il me semble que je ne l’avais jamais vu de près. Stasie ... cela va sans dire qu’elle est aussi du peuple ... mais le vrai peuple,[243] das heißt, das wirkliche, das auf der weiten Landstraße ist, das, glaube ich, bekümmert sich um weiter nichts in der Welt, als um dieses eine: wohin ich eigentlich fahre ... Doch übergehen wir die Kränkungen. Ich glaube, ich spreche heute etwas durcheinander, aber das kommt wohl nur, denke ich, von der Eile ...“

„Ich fürchte, Sie sind nicht ganz wohl,“ bemerkte Ssofja Matwejewna, die ihn prüfend, wenn auch ehrerbietig ansah.

„Nein, nein, man muß sich nur ein wenig fester einwickeln, und überhaupt ... der Wind ist etwas frisch, etwas zu frisch, aber ... vergessen wir das. Ja, die Hauptsache ... ich wollte eigentlich gar nicht das sagen. Chère et incomparable amie,[244] ich glaube, daß ich fast glücklich bin, und schuld daran – sind Sie! Mir tut das Glück nicht gut, denn dann vergebe ich gewöhnlich sofort allen meinen Feinden ...“

„Das ist aber doch sehr gut.“

„Nicht immer, chère innocente. L’Evangile ... Voyez-vous, désormais nous le prêcherons ensemble[245] und ich werde mit Freuden Ihre netten Büchlein da verkaufen. Ja, ich fühle, daß das sogar eine Idee ist, quelque chose de très nouveau dans ce genre.[246] Das Volk ist religiös, c’est admis,[247] aber es kennt noch nicht das Evangelium. Ich werde es ihm erklären ... In mündlicher Auslegung kann man leichter die Fehler dieses bemerkenswerten Buches korrigieren ... Dieses Buch ... – ich bin bereit, mich mit außerordentlicher Hochachtung zu diesem Buche zu verhalten. Ich werde auch auf der großen Landstraße nützlich sein können. Ich bin immer nützlich gewesen, ich habe ihnen das immer gesagt et à cette chère ingrate aussi[248] ... Oh, vergeben wir, vergeben wir, lassen Sie uns vor allem vergeben, und allen allen vergeben und immer vergeben. Und hoffen wir, daß man auch uns vergeben wird. Ja, denn alle, jeder einzelne ist vor dem anderen schuldig. Alle sind schuldig! ...“

„Das haben Sie, glaub ich, sehr schön gesagt.“

„Ja, ja ... Ich fühle, daß ich sehr gut spreche. Ich werde sehr schön zu ihnen reden, aber ... aber ... was wollte ich denn eigentlich sagen? Ich komme immer ab und vergesse ... Ja – würden Sie mir erlauben, mich nicht mehr von Ihnen zu trennen? Ich fühle, daß Ihr Blick und ... ich wundere mich sogar über Ihre Art und Weise. Sie sind gütig, Sie sprechen nur nicht ganz comme il faut[113] und gießen den Tee in die Untertasse ... und dazu dieses schreckliche Zuckerstückchen ... aber sonst ... – in Ihnen ist etwas Wunderbares, und ich sehe in Ihren Zügen ... Oh, erröten Sie nicht und fürchten Sie mich nicht als Mann! Chère et incomparable, pour moi une femme c’est tout![249] Ich kann nicht, kann überhaupt nicht anders leben, als neben einer Frau, aber eben nur neben ihr ... Das heißt, ich meine, ich wollte sagen ... Oh, ich glaube, ich habe mich da entsetzlich versprochen ... Nur kann ich mich nicht mehr darauf besinnen, was ich eigentlich sagen wollte. Oh, selig ist der, dem Gott immer eine Frau schickt und ... ich, ich glaube sogar, daß ich in einer gewissen Begeisterung bin. Auch in der großen Landstraße liegt eine höhere Idee! Ja, das – das war es ja, was ich von dem Gedanken sagen wollte! – jetzt ist es mir wieder eingefallen, vorhin hatte ich es ganz vergessen. Aber warum hat man uns fortgeschickt, in diesen Wagen gedrängt? Dort war es doch sehr schön, hier aber – cela devient trop froid. A propos, j’ai en tout quarante roubles et voilà cet argent,[250] nehmen Sie es, nehmen Sie es, ich verstehe nichts davon ... ich verliere es, man wird es mir stehlen, und ... Ich glaube, ich würde ganz gern ein wenig schlafen ... es dreht sich da irgend etwas in meinem Kopf. Ja, so, es dreht sich, dreht sich, dreht sich. Oh, wie Sie gut sind, womit decken Sie mich denn zu?“

„Sie haben bestimmt eine gehörige Erkältung weg! Ich habe Sie mit meiner Decke zugedeckt, aber das Geld würde ich ...“

„Oh, um Gottes willen, n’en parlons plus, parce que cela me fait mal,[251] oh, wie gut Sie sind!“

Er hörte seltsam plötzlich auf zu sprechen und verfiel ungewöhnlich schnell in fieberhaften Schlaf.

Der Landweg, auf dem sie siebzehn Werst bis Ustjewo zurückzulegen hatten, war recht uneben und der Wagen auch nicht gerade sehr elastisch. Stepan Trophimowitsch wachte von den Stößen oft auf, erhob sich dann schnell von dem kleinen Kissen, das Ssofja Matwejewna ihm unter den Kopf geschoben hatte, erfaßte erschrocken ihre Hand und fragte ängstlich: „Sind Sie da?“ ganz, als ob er gefürchtet hatte, sie könnte weggehen und ihn allein lassen. Einmal sagte er, daß er im Traum einen offenen Rachen mit scharfen Zähnen gesehen habe, und daß ihm das sehr unangenehm gewesen sei. Ssofja Matwejewna machte sich schon nicht wenig Sorgen um ihn.

Der Fuhrmann brachte sie zu einem großen Bauernhause, das vier Fenster zur Straße und auf dem Hof noch verschiedene Wohngebäude hatte. Stepan Trophimowitsch, der gerade in dem Augenblick der Ankunft aufwachte, stieg schnell aus und ging sofort ins zweite, das größte und beste Zimmer. Sein verschlafenes Gesicht nahm einen ungemein geschäftigen Ausdruck an. Er erklärte der Wirtin, einem großen, vierzigjährigen, sehr brünetten Weibe, das auf der Oberlippe fast einen Schnurrbart hatte, er wünsche das ganze Zimmer für sich allein und „daß Sie mir keinen Menschen hier herein lassen, schließen Sie die Türen zu, parce que nous avons à parler. Oui, j’ai beaucoup à vous dire, chère amie.[252] – Ich bezahle Ihnen alles, ich bezahle, bezahle!“ rief er, der Wirtin erregt abwinkend.

Er sprach rasch, aber doch wie mit schwerer Zunge.

Die Bäuerin hörte ihn unfreundlich an, und zum Zeichen des Einverständnisses schwieg sie nur; darin lag aber schon gleichsam etwas Drohendes. Stepan Trophimowitsch bemerkte davon natürlich nichts und verlangte eilig – er beeilte sich entsetzlich –, sie solle nur schnell aus dem Zimmer gehen und ihm sofort das Essen bringen – „und keine Zeit vertrödeln!“ fügte er hinzu.

Da aber hielt die Bäuerin mit dem Schnurrbart nicht mehr an sich:

„Herr, das ist hier kein Gasthaus, wir haben kein Essen für die Reisenden. Krebse kann ich Ihnen noch kochen oder einen Samowar aufstellen, aber weiter auch nichts. Frischen Fisch wird’s erst morgen geben.“

Doch Stepan Trophimowitsch ertrug keinen Einwand und rief fuchtelnd in zorniger Ungeduld: „Bezahle, bezahle alles, nur schneller, schneller!“ Endlich kamen sie dahin überein, daß eine Fischsuppe gekocht und ein Huhn gebraten werden sollte. Die Bäuerin sagte zwar, daß ein Huhn im ganzen Dorf nicht zu haben sei, einstweilen aber wollte sie doch versuchen, eines aufzutreiben, wenn sie es auch mit einer Miene versprach, als ob sie damit eine ungeheure Gefälligkeit erweise.

Kaum war sie aus dem Zimmer, als Stepan Trophimowitsch sich schnell auf den Diwan setzte und Ssofja Matwejewna zwang, sich neben ihn zu setzen. Es war, für eine Bauernstube, ein recht eigentümlich möbliertes großes Zimmer. Außer einem gepolsterten Sofa standen noch zwei alte Lehnstühle darin, und an den Wänden, die mit alten gelben, zerrissenen Tapeten beklebt waren, hingen schauderhafte mythologische Öldruckbilder. Nur eine Ecke war noch Bauernstube: mit einer langen Reihe von Heiligenbildern, teils auf Holz, teils in dreiteiligen Metallschränkchen. In einer anderen Ecke stand hinter einer niedrigen Scheidewand ein Bett. Kurz, das Zimmer machte mit seiner halb städtischen, halb bäurischen Einrichtung einen unschönen Eindruck. Doch Stepan Trophimowitsch sah das alles überhaupt nicht, ja er warf überhaupt nicht einmal einen Blick durch das Fenster auf den großen See, der kaum dreißig Schritte vom Hause begann.

„Endlich sind wir allein! Wir werden niemanden hereinlassen! Ich will Ihnen alles, alles, von Anfang an erzählen.“

Doch Ssofja Matwejewna fiel ihm in nicht geringer Unruhe ins Wort:

„Wissen Sie auch, Stepan Trophimowitsch ...“

Comment, vous savez déjà mon nom?[253] fragte er, freudig lächelnd ...

„Ich hörte vorhin, wie Anissim Iwanowitsch Sie anredete, als Sie mit ihm sprachen. Aber ich möchte es wagen, Sie meinerseits auf etwas aufmerksam zu machen ...“

Und sie flüsterte ihm, ängstlich nach der geschlossenen Tür blickend, zu, daß es hier im Dorf ein wahrer Jammer sei: die Bauern seien zwar von Hause aus Fischer, lebten aber mehr davon, daß sie im Sommer von den Reisenden, die hier auf das Dampfschiff warteten, so viel Geld verlangten, wie ihnen gerade einfiel. Das Dorf liege nicht an der großen Landstraße, sondern abseits, und man komme nur deswegen hierher, weil der Dampfer hier anlege, wenn aber nur etwas schlechteres Wetter sei, so komme er überhaupt nicht, und dann sammelten sich hier sehr viele Reisende an: jetzt zum Beispiel sei schon das ganze Dorf besetzt, und darauf warteten die Hauswirte nur, denn dann könnten sie für alles das Dreifache verlangen, der Mann aber dieser Bäuerin mit dem Schnurrbart sei sehr stolz und hochmütig, denn er sei der reichste Mann im Dorf, ein einziges seiner Netze koste allein schon an die tausend Rubel usw. usw.

Stepan Trophimowitsch blickte geradezu vorwurfsvoll in das ungewöhnlich belebte Gesicht Ssofja Matwejewnas und machte mehrmals den Versuch, sie zu unterbrechen. Sie aber ließ sich nicht aufhalten und bekräftigte das Gesagte noch mit der Erzählung ihrer Erfahrungen, die sie im letzten Sommer auf der Durchreise mit einer adligen Dame hier gemacht hatte, – Erfahrungen, an die auch nur zurückzudenken für sie schon furchtbar war.

„Und nun haben Sie, Stepan Trophimowitsch, dieses Zimmer für sich ganz allein verlangt ... Ich sage es ja nur, um zu warnen ... Dort im anderen Zimmer sind schon viele Reisende, ein älterer Mann und ein jüngerer Mann und noch eine Frau mit Kindern, und bis morgen zwei Uhr wird das ganze Haus bis zum Dach voll sein, da das Dampfschiff morgen bestimmt kommen wird, weil es jetzt schon zwei Tage nicht mehr gekommen ist. Und so werden denn die Leute für das besondere Zimmer und dafür, daß Sie das Essen bestellt haben, so viel von Ihnen verlangen, daß es selbst in den Hauptstädten unerhört wäre ...“

Er aber litt, litt inzwischen aufrichtig.

Assez, mon enfant, ich flehe Sie an, nous avons notre argent et après – et après le bon Dieu.[254] Es wundert mich nur, daß Sie mit Ihren hohen Auffassungen ... Assez, assez, vous me tourmentez,“[255] rief er nervös. „Vor uns liegt unsere ganze Zukunft, und Sie ... Sie wollen mir Angst machen vor der Zukunft ...“

Und er begann nun, ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen, wobei er zu Anfang dermaßen schnell sprach, daß es schwer war, zu folgen. Die Geschichte war sehr lang. Man brachte schon die Fischsuppe, brachte das Huhn, brachte endlich auch den Samowar, er aber sprach immer noch ... Es kam zwar alles ein wenig seltsam, wie eine Fieberphantasie, heraus, aber – er war ja auch tatsächlich krank. Das war eine plötzliche krampfhafte Anspannung seiner Verstandeskräfte, die in kurzer Zeit – das sah Ssofja Matwejewna schon bekümmert voraus – unfehlbar ins Gegenteil umschlagen mußte.

Er begann mit seiner Kindheit, also mit der Zeit, als er noch „mit frischer Brust über grüne Wiesen lief“. Erst nach einer Stunde hatte er sich bis zu seinen beiden Ehen durchgearbeitet und dann begann die Erzählung des Berliner Lebens. Ich wage aber nicht, darüber zu spotten. Es lag für ihn tatsächlich etwas „Höheres“ darin, oder um einen Ausdruck unserer Zeit zu gebrauchen: eine Art Kampf ums Dasein. Er sah jetzt diejenige Frau vor sich, die er schon für sein zukünftiges Leben erwählt hatte, und er beeilte sich, sie in seine ganze Vergangenheit einzuweihen. Seine Genialität sollte für sie kein Geheimnis mehr bleiben ... Es ist wahrscheinlich, daß er Ssofja Matwejewnas Wert und Bedeutung vor sich selbst stark vergrößerte, aber das hatte weiter nichts auf sich, denn sie war jetzt schon seine Erwählte. Er konnte nun einmal nicht ohne Freundin auskommen auf der Welt ... Was machte es ihm da aus, daß er ihrem Gesicht ansah, wie wenig sie ihn verstand ...

Ce n’est rien, nous attendrons,[256] und vorläufig wird sie mit dem Vorgefühl begreifen können ...,“ meinte er bei sich.

„Mein Freund, ich brauche ja von Ihnen einzig und allein Ihr Herz!“ rief er ihr, seine Erzählung unterbrechend, begeistert zu, „und jetzt dieser liebe, berückende Blick, mit dem Sie mir in die Augen sehen! Oh, erröten Sie nicht! Ich habe Ihnen doch schon gesagt ...“

Am schleierhaftesten aber erschien die Geschichte der armen Ssofja Matwejewna, als er eine ordentliche Rede über das Thema hielt: „wie ihn niemand je hat verstehen können“ und wie „bei uns in Rußland die Talente umkommen“. „Das war alles viel zu klug für mich,“ sagte sie uns später melancholisch. Sie hörte ihm dabei mit sichtlichem Mitgefühl zu, wobei sie die Augen nur ein wenig weiter aufriß. Als sich aber Stepan Trophimowitsch auf den Humor warf und die geistreichsten Witzchen über unsere „Führenden und Herrschenden“ lossprühen ließ, da verließ sie alles und jedes Verständnis und nur aus Mitgefühl mit dem Kranken versuchte sie noch zuweilen ein Lächeln zustande zu bringen, um wenigstens ein wenig auf seine Heiterkeit einzugehen, doch es gelang ihr so schlecht, daß Stepan Trophimowitsch schließlich selber ganz verwirrt davon abließ und mit noch größerer Wut und Bitterkeit auf die „Nihilisten“ und „neuen Menschen“ überging. Da aber wurde es ihr angst und bange zumut, und sie atmete erst wieder auf – leider nur viel zu früh –, als der eigentliche Roman begann. Eine Frau bleibt immer Frau und wenn sie auch Nonne ist: so lächelte sie denn, schüttelte mißbilligend den Kopf und errötete mit gesenkten Augen, wodurch sie Stepan Trophimowitsch dermaßen in Ekstase brachte, daß er noch vieles hinzudichtete. Warwara Petrowna erschien in seiner Erzählung als wunderschöne Brünette – „die Petersburg und noch viele europäische Hauptstädte entzückt hat“ – deren Mann „bei Sebastopol gefallen“ war und das einzig darum, weil er sich ihrer Liebe nicht für würdig und sich für verpflichtet gehalten hatte, sie demjenigen, den sie in Wirklichkeit liebte, das heißt also Stepan Trophimowitsch, abzutreten ...

„Oh, werden Sie nicht verlegen, meine Stille, meine Christin!“ rief er Ssofja Matwejewna zu, als er fast schon selbst daran glaubte, was er erzählte. „Das war etwas Höheres, etwas so Zartes, daß wir uns beide das ganze Leben lang nicht ausgesprochen haben!“

Als Grund einer solchen Lage der Dinge erschien darauf im weiteren Verlaufe der Erzählung eine schöne Blondine (wenn man darunter nicht Darja Pawlowna verstehen soll, so weiß ich wirklich nicht, wen Stepan Trophimowitsch damit gemeint haben könnte). Diese Blondine verdankte alles, was sie besaß, der Brünetten, die sie erzogen hatte und deren weitläufige Verwandte sie war. Die Brünette aber bemerkte bald die Liebe der Blonden zu Stepan Trophimowitsch und zog sich in sich selbst zurück. Die Blonde aber bemerkte gleichfalls die Liebe der Brünetten zu Stepan Trophimowitsch und zog sich auch in sich selbst zurück. Und so schwiegen sie denn alle drei, alle drei in sich selbst zurückgezogen, alle drei nichts als verkörperter Edelmut, und das währte dann zwanzig Jahre lang ...

„Oh, was war das doch für eine Liebe, was war das doch für eine Leidenschaft!“ rief er in aufrichtigster Begeisterung aufschluchzend aus. „Ich sah die volle Blüte ihrer Schönheit“ (der Brünetten), „sah sie mit wundem Herzen täglich an mir vorüberziehen, sie, die das stolze Haupt neigte, als schäme sie sich ihrer Schönheit!“ Einmal sagte er statt ihrer Schönheit: „ihrer Fülle“. Schließlich behauptete er, er sei jetzt erst aus diesem zwanzigjährigen Traume erwacht. – „Vingt ans![72] Und nun plötzlich auf der großen Landstraße ...“ Darauf folgte dann zum Schluß – wahrscheinlich in einem Augenblick noch größerer Benommenheit – die Erklärung dessen, was die heutige zufällige und doch so entscheidende Begegnung mit Ssofja Matwejewna für ihn wie für sie bedeutete.

Ssofja Matwejewna erhob sich in schrecklichster Verlegenheit vom Sofa. Und als er gar noch den Versuch machte, vor ihr auf die Knie zu fallen, da begann sie vor Schreck zu weinen.

Die Dämmerstunde neigte sich schon dem Abend zu: beide hatten sie bereits etliche Stunden in dem verschlossenen Zimmer verbracht ...

„Ach nein, lassen Sie mich jetzt schon lieber in das andere Zimmer,“ flüsterte sie erregt, „denn was werden sonst die Leute denken!“

Endlich gelang es ihr, sich frei zu machen; er aber versprach ihr folgsam, sich sofort ins Bett zu legen. Beim Abschied klagte er, daß er starke Kopfschmerzen habe. Ssofja Matwejewna hatte ihre Sachen im vorderen Zimmer gelassen, wo sie mit den anderen zusammen zu übernachten beabsichtigte; doch es sollte anders kommen.

In der Nacht geschah es nämlich, daß sich bei Stepan Trophimowitsch die mir und all seinen Freunden so wohlbekannte Cholerine einstellte, wie gewöhnlich nach nervösen Aufregungen. Die arme Ssofja Matwejewna kam also die ganze Nacht nicht zum schlafen. Da sie bei der Wartung des Kranken häufig durch das vordere Familienzimmer aus dem Hause gehen mußte, so störte sie die Schlafenden, die bald aufwachten und ungehalten wurden. Und als Ssofja Matwejewna zum Morgen hin gar den Samowar aufstellen wollte, da begannen sie auch noch zu schimpfen.

Stepan Trophimowitsch war so lange, wie die Cholerine andauerte, halb bewußtlos: zuweilen schien es ihm wie durch einen Nebel, daß man den Samowar aufstellte, daß man ihm ein Himbeergetränk zu trinken gab, daß man ihm mit irgend etwas den Magen und die Brust wärmte. Dabei fühlte er die ganze Zeit und empfand es jeden Augenblick, daß „Sie“ bei ihm war und für ihn sorgte, daß „Sie“ es war, die da kam und ging, die ihn zudeckte und wärmte! Um drei Uhr morgens wurde ihm ein wenig besser: er setzte sich auf, ließ die Beine über den Bettrand baumeln, und plötzlich, ohne sich dabei etwas zu denken, fiel er vor ihr auf die Knie. Dieser zweite Kniefall war nicht mehr so harmlos wie der erste: er fiel ihr einfach zu Füßen und küßte „den Saum ihres Kleides“ ...

„Um Gottes willen, ich bin das doch gar nicht wert,“ stammelte die Arme erschrocken und bemühte sich vergeblich, ihn wieder auf das Bett zu heben.

„Meine Retterin,“ hauchte er andächtig und faltete wie im Gebet die Hände. „Vous êtes noble comme une marquise![257] Ich – ich bin ein Nichtswürdiger! Oh, ich bin mein ganzes Leben lang ehrlos gewesen ...“

„Ach, beruhigen Sie sich doch, bitte!“ flehte Ssofja Matwejewna.

„Ich habe Ihnen vorhin alles vorgelogen, aus Ruhmsucht, zur Verschönerung, aus Eitelkeit, – alles, alles, bis aufs letzte Wort! Ich Nichtswürdiger, ich Nichtswürdiger!“

So ging denn der Anfall von Cholerine in einen Anfall hysterischer Selbstbeschuldigung über. (Ich habe ja schon früher von diesen Anfällen, bei Gelegenheit der Reuebriefe an Warwara Petrowna, gesprochen.) Plötzlich erinnerte er sich jetzt Lisas und der Begegnung mit ihr am Morgen.

„Das war so furchtbar,“ sagte er, „da war bestimmt ein Unglück geschehen, ich aber habe in meinem Egoismus nicht einmal gefragt, und nun weiß ich auch nichts! Ich habe nur an mich gedacht! Aber was war denn mit ihr geschehen, wissen Sie es nicht, was da geschehen ist?“ flehte er wieder Ssofja Matwejewna an.

Gleich darauf schwor er, daß er nicht „untreu“ werden könne und zu „Ihr“ – d. h. zu Warwara Petrowna – zurückkehren müsse.

„Wir werden jeden Tag zu ihrer Treppe gehen“ (das hieß nun wieder er mit Ssofja Matwejewna zusammen) „und wenn sie sich in ihre Equipage setzt, um ihre Morgenspazierfahrt zu machen, so werden wir still zusehen ... Oh, ich will, daß sie mich auch auf die andere Wange schlägt: mit Begeisterung will ich es! Ich werde ihr auch meine andere Wange hinhalten, comme dans votre livre![258] Jetzt habe ich ... ja, jetzt erst habe ich verstanden, was das heißt, seine andere Wange ... hinhalten. Ich habe das früher niemals verstehen können!“

Für Ssofja Matwejewna waren das die zwei furchtbarsten Tage ihres Lebens: noch heute denkt sie nicht anders als mit Schrecken an sie zurück. Stepan Trophimowitsch erkrankte so ernstlich, daß er am nächsten Tage unmöglich mit dem Dampfschiff, das diesmal pünktlich um zwei Uhr ankam, nach Spassoff weiterfahren konnte, sie aber wagte es nicht, ihn allein zu lassen, und so blieb sie denn in Ustjewo bei ihm. Nach ihren Worten soll er sich sogar sehr darüber gefreut haben, daß das Dampfschiff endlich fortgefahren war:

„Nun und wunderschön, so ist es sehr gut, sehr gut,“ murmelte er aus dem Bett heraus, „ich fürchtete schon die ganze Zeit, daß wir fortfahren müssen. Hier aber ist es sehr schön, hier ist es am besten ... Sie werden mich doch nicht verlassen? O nein, Sie verlassen mich nie mehr!“

Einstweilen war es aber „hier“ durchaus nicht so schön. Er wollte jedoch nichts von ihren Unannehmlichkeiten wissen. In seinem Kopf war jetzt nur Platz für eine Menge Phantasien. An seine Krankheit dachte er überhaupt nicht, denn er hielt sie ja nur für eine schnell vorübergehende Erkältung, und sprach die ganze Zeit davon, wie sie beide, wenn er erst wieder gesund sei, „diese kleinen Bücher“ verkaufen würden. Und plötzlich bat er sie, ihm aus dem Evangelium vorzulesen.

„Ich habe es lange nicht mehr gelesen ... im Original. Aber, nicht wahr, es könnte mich doch jemand beim Kauf eines dieser kleinen Bücher dies oder jenes fragen, und dann könnte ich mich irren ... Man muß sich doch immerhin etwas vorbereiten ...“

Sie setzte sich an sein Bett und schlug das Buch auf.

„Sie lesen vorzüglich,“ unterbrach er sie schon nach der ersten Zeile. „Ich sehe schon, ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe!“ fügte er unklar, aber begeistert hinzu.

Und überhaupt war er die ganze Zeit in einem ununterbrochen begeisterten Zustande.

Sie begann ihm die Bergpredigt vorzulesen.

Assez, assez, mon enfant,[259] genug ... Glauben Sie wirklich, daß das noch immer nicht genug ist?“

Und kraftlos schloß er die Augen. Er war sehr schwach, doch verlor er noch nicht die Besinnung. Da erhob sich denn Ssofja Matwejewna, da sie glaubte, daß er schlafen wolle. Aber siehe da – er war sofort wieder wach und hielt sie zurück.

„Mein Freund, ich habe mein Lebelang gelogen. Selbst dann, wenn ich die Wahrheit sprach. Ich habe nie um der Wahrheit willen gesprochen, sondern immer nur für mich, das habe ich auch früher schon gewußt, aber jetzt erst sehe ich es so recht ein ... Oh, wo sind diese Freunde, die ich mit meiner Freundschaft zeitlebens beleidigt habe?! Und sie alle, alle! Savez-vous,[260] ich glaube, ich lüge auch jetzt! Bestimmt lüge ich auch jetzt! Die Hauptsache ist, daß ich mir selbst glaube, wenn ich lüge! Am allerschwersten ist es im Leben, zu leben und nicht zu lügen ... und ... und den eigenen Lügen nicht zu glauben, ja, ja, gerade das! Aber warten Sie, das kommt alles später ... Wir werden zusammen, zusammen ...“ fügte er plötzlich enthusiastisch hinzu.

„Stepan Trophimowitsch,“ begann Ssofja Matwejewna zaghaft, „sollte man nicht in die Stadt nach einem Arzt schicken?“

Er war maßlos erstaunt.

„Warum? Est-ce que je suis si malade? Mais rien de sérieux.[261] Und wozu andere Menschen? Dann wird man es noch erfahren, daß ich hier bin, und – was wird dann sein? Nein, nein, keine fremden Menschen ... wir beide, wir beide!“

„Wissen Sie,“ sagte er nach kurzem Schweigen, „lesen Sie mir noch etwas vor, so, schlagen Sie auf gut Glück das Buch auf und lesen Sie das, worauf Ihr Blick zuerst fällt.“

Ssofja Matwejewna schlug das Buch auf und las.

„Wo es sich von selbst aufschlägt, wo es sich von selbst aufschlägt,“ wiederholte er.

„‚Und dem Engel ... –‘“

„Was ist das? Woraus? Woraus ist das?“

„Das ist aus der Apokalypse.“

Oh, je m’en souviens, oui, l’Apocalipse. Lisez, lisez.[262] Ich wollte über unsere Zukunft etwas hören, darum ließ ich Sie so eine Stelle auf gut Glück lesen, ich will wissen, was Sie da gefunden haben. Lesen Sie weiter, vom Engel, vom Engel ...“

„‚Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das sagt Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.‘“

„Das ... und das steht in Ihrem Buch!“ rief er erregt, mit glänzenden Augen, und erhob sich vom Kissen, „diese wundervolle Stelle habe ich nie gekannt! Hören Sie: eher kalt, kalt, als lau, nur lau! Oh, ich werde ihnen das auslegen! Nur verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht allein! Wir werden es ihnen beweisen, wir werden es auslegen!“

„Aber ich werde Sie ja nicht verlassen, Stepan Trophimowitsch, beruhigen Sie sich, ich werde Sie nie verlassen!“ sagte sie und erfaßte seine Hand, die sie mit Tränen in den Augen an ihre Brust drückte. („Er tat mir schon gar zu leid in diesem Augenblick,“ erzählte sie uns später.)

Seine Lippen begannen zu zucken wie im Krampf.

„Aber, Stepan Trophimowitsch, soll man nicht doch jemanden von den Ihrigen benachrichtigen lassen, oder vielleicht auch – Ihre Bekannten?“

Da aber erschrak er dermaßen, daß sie ganz unglücklich darüber war, ihn noch einmal daran erinnert zu haben. Zitternd und bebend flehte er sie an, „nur um Gottes willen niemanden zu benachrichtigen, noch sonst etwas zu tun!“ Und er nahm ihr das Wort ab und beschwor sie: „Niemanden, niemanden! Wir allein, nur wir beide allein, et nous partirons ensemble.“[263]

Schlimm war es auch, daß sich die Hauswirte beunruhigten, ungehalten wurden und der armen Ssofja Matwejewna auf den Hals rückten. Sie bezahlte ihnen und zeigte ihnen Geld: damit beruhigte sie sie für einige Zeit; aber der Wirt wollte die Legitimationspapiere Stepan Trophimowitschs sehen. Der Kranke wies mit hochmütigem Lächeln auf seinen kleinen Reisekoffer, in dem Ssofja Matwejewna denn auch einen alten Ausweis fand. Bald aber verlangte der Bauer, daß man den Kranken fortschaffen solle, denn er könne schließlich sterben und was gäbe das dann für Scherereien. Ssofja Matwejewna sprach auch mit ihm über den Arzt, doch es stellte sich heraus, daß, wenn man ihn aus der Stadt holen wollte, die Kosten unerschwinglich wären. Und so kehrte sie denn niedergeschlagen zu ihrem Kranken zurück, der allmählich schwächer und schwächer wurde.

„Jetzt lesen Sie mir noch eine Stelle vor ... von den Schweinen,“ sagte er plötzlich.

„Wovon?“ fragte Ssofja Matwejewna entsetzt.

„Von den Schweinen ... das ist auch hier ... ces cochons[264] ... ich erinnere mich, die Teufel fuhren in die Schweine und die Schweine stürzten sich in den See und kamen alle um. Lesen Sie mir das unbedingt vor: ich werde Ihnen nachher sagen, wozu ... Ich will es wortwörtlich hören, wortwörtlich ...“

Ssofja Matwejewna kannte die Bibel gut und fand sofort jene Stelle aus Lukas, Kapitel 8, 32–37, die ich der Erzählung all dieser Ereignisse vorgeschrieben habe. Ich bringe sie hier noch einmal:

„‚Es war aber daselbst eine große Herde Säue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, daß er ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er erlaubte ihnen.

Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich vom Abhange in den See, und ersoffen.

Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkündigten’s in der Stadt und in den Dörfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig, und sie erschraken.

Und die es gesehen hatten, verkündigten’s ihnen, wie der Besessene war gesund worden.‘“

„Mein Freund,“ sagte Stepan Trophimowitsch in großer Erregung, „savez-vous, diese wundervolle und ... ungewöhnliche Stelle ist mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstoßes gewesen ... dans ce livre[265] ... so daß ich diese Stelle noch aus der Kindheit – behalten habe. Jetzt aber ist mir ein neuer Gedanke gekommen, une comparaison.[266] Ich habe jetzt furchtbar viele Gedanken: Sehen Sie, das ist genau so wie unser Rußland. Diese Teufel und Dämonen, die aus dem Besessenen in die Schweine fahren – das sind alle schlechten Säfte, alle Miasmen, aller Schmutz, alle Teufel und Beelzebuben, die sich in unserem lieben Kranken, in unserem Rußland angesammelt haben, schon seit vielen, vielen Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que j’aimais toujours.[267] Aber ein großer Gedanke und ein mächtiger Wille werden es aus der Höhe segnen, ganz wie diesen wahnsinnigen Besessenen, und alle diese Unreinlichkeit, diese ganze Gemeinheit, die sich auf der Oberfläche angesammelt hat und langsam angefault ist ... sie werden noch selbst darum bitten, in die Schweine fahren zu dürfen! Ja, und sie sind ja vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und jene und Petruscha ... et les autres avec lui,[268] und ich vielleicht der erste an der Spitze, und wir werden uns, wir Wahnsinnigen und Besessenen, vom Fels in das Meer stürzen und alle ertrinken, und dorthin gehören wir auch, dahin müssen wir, denn nur dazu allein taugen wir noch! Aber der Kranke selbst wird wieder gesunden und wird sich ‚zu Füßen Jesu‘ setzen ... und alle werden ihn mit Verwunderung schauen ... Meine Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber regt mich das sehr auf ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble.[269]

Er begann zu phantasieren und schließlich verlor er das Bewußtsein. So verging der ganze folgende Tag. Ssofja Matwejewna saß an seinem Bett und weinte, schlief schon die dritte Nacht nicht und vermied es nach Möglichkeit, den Wirtsleuten unter die Augen zu kommen, denn sie ahnte schon, daß diese irgend etwas beabsichtigten. Am nächsten Morgen wachte Stepan Trophimowitsch auf, erkannte sie wieder und streckte ihr die Hand entgegen. Sie bekreuzte sich mit neuer Hoffnung. Er aber wollte plötzlich aus dem Fenster sehen.

Tiens, un lac,“[270] sagte er, „ach Gott, und ich habe ihn noch gar nicht gesehen ...“

In diesem Augenblick rollte eine Equipage vor das Haus und in den Zimmern wurde es lebendig.

III.
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