Einundzwanzigstes Kapitel. Die mühevolle Nacht

II.

Werchowenski ging zuerst zu sich nach Hause und packte, ohne sich im geringsten zu beeilen, seinen Reisekoffer. Um sechs Uhr morgens ging der Schnellzug ab. Den „Unsrigen“ hatte er zwar gesagt, er werde nur auf kurze Zeit in die nächste Kreisstadt fahren, aber, wie es sich später herausstellen sollte, hatte er doch ganz andere Absichten. Als er mit dem Einpacken fertig war, bezahlte er seine Wirtin, die von ihm schon früher von seiner Abreise benachrichtigt worden war, und fuhr dann mit einer Droschke zu Erkel, der nicht weit vom Bahnhof wohnte. Und dann erst, nach ein Uhr nachts, begab er sich zu Kirilloff und benutzte wieder den geheimen Gang durch den Zaun.

Pjotr Stepanowitschs Stimmung war furchtbar. Außer verschiedenen anderen, für ihn sehr wichtigen Unannehmlichkeiten (er hatte noch immer nichts über Stawrogin erfahren können) soll er noch im Laufe des Tages von irgendwoher (am wahrscheinlichsten wohl aus Petersburg) eine geheime Mitteilung erhalten haben, nach der ihm schon in nächster Zeit eine gewisse Gefahr drohte.

Natürlich erzählt man sich jetzt bei uns viele Geschichten und Einzelheiten über diese ganze Zeit, doch wieviel mag davon wahr sein? Das Nähere werden wohl nur die wissen, die sich von Amts wegen mit der ganzen Angelegenheit haben beschäftigen müssen. Ich für mein Teil nehme denn auch nur nach meinen eigenen Erwägungen an, daß Pjotr Stepanowitsch außer in unserer Stadt noch andere Verbindungen hat haben können, und in dem Fall ist es allerdings sehr leicht möglich, daß man ihm jetzt auf der Spur war. Ja, ich bin sogar trotz des zynischen und schrecklichen Zweifels selbst in Liputin fest überzeugt, daß Pjotr Stepanowitsch noch zwei, drei andere „Fünfer“-Gruppen gegründet hatte, und daß er in allen größeren Städten, wenn auch vielleicht nicht durchweg „Fünfer“-Gruppen hatte, so doch geheime Verbindungen und Beziehungen zu allen möglichen Menschen unterhielt. Nicht später als drei Tage nach seiner Abreise erhielt unsere Stadtobrigkeit aus Petersburg denn auch tatsächlich den Befehl, ihn zu verhaften: für welche Vergehen, ob für die bei uns begangenen oder andere – das weiß ich nicht. Dieser Befehl traf hier gerade noch zur richtigen Zeit ein, um den unheimlichen Eindruck und die Angst verstärken zu helfen, die plötzlich unsere immer noch so leichtsinnige Gesellschaft samt Polizei und Verwaltung ergriffen hatte, als mit einem Male die geheimnisvolle und schwerwiegende Ermordung des Studenten Schatoff, sowie die rätselhaften Umstände, von denen sie begleitet war, bekannt wurden. Aber der Befehl selbst kam zu spät: Pjotr Stepanowitsch war schon unter fremdem Namen in Petersburg, von wo aus er dann schnell über die Grenze entwischte. – Doch ich greife vor.

Als Werchowenski bei Kirilloff eintrat, sah er böse und zanksüchtig aus: es war, als ob er Kirilloff außer der Hauptsache noch ganz persönlich etwas antun, sich an ihm für irgend etwas noch ganz besonders rächen wollte.

Kirilloff war über sein Erscheinen gleichsam erfreut; man sah, daß er schon furchtbar lange und in krankhafter Ungeduld auf ihn gewartet hatte. Sein Gesicht war bleicher als gewöhnlich, der Blick der dunklen Augen schwer und unbeweglich.

„Ich dachte, Sie kommen nicht,“ sagte er schwer von der Sofaecke aus, in der er übrigens sitzen blieb, statt seinem Gast entgegenzugehen.

Pjotr Stepanowitsch blieb vor ihm stehen und musterte zunächst, bevor er ein Wort sprach, prüfend Kirilloffs Gesicht.

„Also alles in Ordnung und wir treten von unserem Vorhaben nicht zurück, das ist brav!“ sagte er mit beleidigend gönnerhaftem Lächeln. „Nun, und daß ich etwas spät gekommen bin,“ fügte er mit gemeiner Scherzhaftigkeit hinzu, „darüber hätten Sie sich doch nicht zu beklagen: habe Ihnen doch somit drei Stunden geschenkt.“

„Ich will von Ihnen gar keine überflüssigen Stunden geschenkt haben, und du kannst mir überhaupt nichts schenken ... Dummkopf!“

„Was?“ Pjotr Stepanowitsch fuhr schon auf, beherrschte sich aber sofort. „Das ist mir mal eine Empfindlichkeit! Ach so, wir sind wohl erzürnt?“ fragte er scharf, mit demselben beleidigenden Hochmut. „In so einem Augenblick ist Ruhe mehr am Platz. Am besten wäre es aber, sich für Kolumbus zu halten, und auf mich wie auf eine Maus, die einen überhaupt nicht beleidigen kann, herabzusehen. Das habe ich schon gestern anempfohlen.“

„Ich will nicht auf dich wie auf eine Maus sehen.“

„Was soll das, ein Kompliment? ... Hm, auch der Tee ist kalt – also alles drunter und drüber. Nein, das ist mir zu unzuverlässig. Ah! aber was sehe ich denn dort auf dem Fensterbrett?“ (er ging hin). „Wahrhaftig – ein Huhn mit Reis! ... Warum haben Sie mir das bis jetzt noch nicht angeboten? Wir befanden uns also in einer Gemütsverfassung, die sogar ein Huhn ...“

„Ich habe gegessen, und das ist nicht Ihre Sache. Schweigen Sie!“

„Oh, natürlich, und zudem ist das an sich ja auch ganz gleichgültig. Bloß mir ist es jetzt nicht gleichgültig: denken Sie sich, ich habe heute so gut wie gar nicht zu Mittag gespeist und darum, wenn jetzt dieses Huhn, wie ich annehme, nicht mehr nötig ist, – wie?“

„Essen Sie, wenn Sie können.“

„Ei, danke, und dann nachher noch Tee.“

Er setzte sich im Nu an den Tisch, am anderen Ende des Sofas, und machte sich mit ungewöhnlicher Gier ans Essen; doch gleichzeitig beobachtete er jeden Augenblick sein Opfer. Kirilloff sah ihm mit bösem Widerwillen regungslos zu, wie außerstande, seinen Blick von ihm loszureißen.

„Einstweilen,“ – Pjotr Stepanowitsch sah plötzlich auf, fuhr aber fort zu essen – „wie wird es denn damit? Also, wir treten nicht zurück, wie? Und der Zettel?“

„Ich habe in dieser Nacht festgestellt, daß es mir einerlei ist. Werde schreiben. Die Proklamationen?“

„Ja, auch die Proklamationen. Übrigens, ich werde Ihnen diktieren. Ihnen ist es doch ganz gleich. Könnte denn der Inhalt Sie in diesen Minuten wirklich noch beunruhigen?“

„Das geht dich nichts an.“

„Natürlich nicht. Übrigens ... im ganzen nur ein paar Zeilen: daß Sie mit Schatoff die Proklamationen verbreitet haben, unter anderem, mit Hilfe Fedjkas, der sich hier in Ihrer Wohnung verborgen hat. Dieser letzte Punkt über Fedjka und die Wohnung ist sehr wichtig, sogar der allerwichtigste. Sehen Sie, ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen.“

„Schatoff? Warum mit Schatoff? Auf keinen Fall schreibe ich von Schatoff.“

„Das fehlte noch, was macht Ihnen denn das aus? Schaden können Sie ihm ja doch nicht mehr.“

„Seine Frau ist zu ihm gekommen. Sie wachte auf und schickte zu mir fragen, wo er ist?“

„Sie hat zu Ihnen geschickt, um zu erfahren, wo er ist? Hm ... das ist nicht ... Dann könnte sie ja wieder schicken ... Hören Sie, niemand darf erfahren, daß ich hier bin ...“

Pjotr Stepanowitsch wurde unruhig.

„Sie wird nicht erfahren, schläft wieder. Bei ihr ist eine Frau, Arina Wirginskaja.“

„Schön, schön, und ... wird es auch nicht hören, denke ich? Wissen Sie, wäre es nicht besser, die Flurtür zu verriegeln?“

„Wird nichts hören. Und wenn Schatoff kommt, verstecke ich Sie ins andere Zimmer.“

„Schatoff wird nicht kommen; und Sie werden schreiben, daß Sie sich mit ihm wegen Verrat und Denunziation überworfen haben ... heute Abend ... und die Ursache seines Todes sind.“

„Er ist tot!“ stieß Kirilloff aufspringend hervor.

„Heute um acht Uhr abends, oder richtiger, gestern um acht Uhr abends, denn jetzt ist es schon ein Uhr.“

„Du hast ihn ermordet! ... Und ich habe das gestern vorausgewußt!“

„Wäre auch was gewesen, das nicht vorauszusehen! Hier, sehen Sie, mit diesem Revolver!“ (Er zog seinen Revolver aus der Tasche, anscheinend nur um ihn zu zeigen, doch steckte er ihn nicht wieder zurück, sondern behielt ihn in der rechten Hand, wie in Bereitschaft.) „Sie sind doch ein sonderbarer Mensch, Kirilloff, Sie wußten ja schon längst, daß es mit diesem dummen Menschen gerade ein solches Ende nehmen mußte. Was ist denn hier noch vorauszusehen? Ich habe es Ihnen schon mehrmals förmlich in den Mund gelegt. Schatoff bereitete eine Anzeige vor: ich beobachtete ihn; man konnte ihn auf keine Weise so lassen. Ja, und auch Sie hatten doch den Auftrag, auf ihn aufzupassen: Sie haben mir doch selbst noch vor drei Wochen ...“

„Schweig! Das hast du ihn dafür, daß er dir in Genf ins Gesicht gespuckt hat!“

„Auch dafür, und auch noch für anderes. Für vieles andere; übrigens ohne jede Bosheit meinerseits. Warum da aufspringen? Wozu Posen annehmen? Oho! Also so sind wir! ...“

Er sprang auf und erhob seinen Revolver. Kirilloff hatte nämlich seinen Revolver, der schon seit dem Morgen geladen war, vom Fensterbrett genommen. Pjotr Stepanowitsch stellte sich in Positur und zielte auf Kirilloff. Der lachte böse auf.

„Gesteh nur, Schurke, du hast deinen Revolver bloß darum genommen, daß ich dich erschieße ... Aber ich werde dich nicht erschießen ... obgleich ... obgleich ...“

Und wieder erhob er seinen Revolver und zielte auf Pjotr Stepanowitsch, wie außerstande, auf das Vergnügen zu verzichten: sich vorzustellen, wie das wäre, wenn er Pjotr Stepanowitsch jetzt mit einem Schuß niederstrecken würde. Pjotr Stepanowitsch wartete immer noch in Positur, wartete bis zum letzten Augenblick, wartete mit gespanntem Hahn, wobei er doch riskierte, selbst eine Kugel in die Stirn zu bekommen: von diesem „Maniak“, wie er Kirilloff kurzweg nannte, war das zu erwarten. Aber der „Maniak“ ließ schließlich die Hand sinken, atemlos und zitternd und unfähig zu sprechen.

„Sie haben gespielt, nun und genug jetzt.“ Pjotr Stepanowitsch senkte gleichfalls seinen Revolver. „Ich wußte es ja, daß Sie spielten. Nur, wissen Sie, Sie wagten doch viel: ich hätte abdrücken können.“

Und er setzte sich ziemlich ruhig wieder auf das Sofa und goß sich – übrigens doch mit ein wenig zitternder Hand – Tee ein. Kirilloff legte den Revolver auf den Tisch und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Ich werde nicht schreiben, daß ich Schatoff getötet habe, und ... ich werde jetzt überhaupt nichts schreiben. Es wird keinen Zettel geben!“

„Nicht?“

„Nein.“

„Welch eine Gemeinheit und was für eine Dummheit!“ Pjotr Stepanowitsch wurde vor Wut ganz fahl im Gesicht. „Aber ich habe ja schon so etwas geahnt. Wissen Sie auch, daß ich mich nicht überrumpeln lasse! Aber, – wie Sie wollen! Wenn ich Sie mit Gewalt zwingen könnte, so würde ich es tun. Sie sind übrigens ein Schurke,“ er verlor immer mehr seine Selbstbeherrschung, „Sie haben sich damals von uns Geld geliehen und uns dafür Langes und Breites versprochen ... Nur werde ich Sie doch nicht ganz ohne Resultat verlassen, werde wenigstens sehen, wie Sie sich jetzt selbst die Kugel durch den Kopf jagen.“

„Ich will, daß du sofort gleich hinausgehst.“ Kirilloff blieb entschlossen vor ihm stehen.

„Nein, das tue ich auf keinen Fall,“ lehnte Pjotr Stepanowitsch ab und ergriff wieder seinen Revolver. „Jetzt kann Ihnen ja aus Wut und Bosheit einfallen, alles aufzuschieben und morgen noch hinzugehen und zu denunzieren, um wieder Geld zu erhalten: dafür wird doch gut gezahlt. Hol’ Sie der Teufel, solche Leutchen wie Sie sind zu allem fähig! Nur beunruhigen Sie sich nicht, ich habe alles vorgesehen: ich werde nicht vorher fortgehen, als bis ich Ihnen mit diesem Revolver gleichfalls den Schädel geöffnet habe, wie dem Schufte Schatoff. Wenn Sie selbst zu feige werden und es aufschieben wollen! Hol’ Sie der Teufel!“

„Du willst wohl unbedingt auch mein Blut sehen?“

„Nicht aus Bosheit will ich es. Begreifen Sie doch, daß es mir persönlich ganz gleichgültig ist. Ich will es nur, um für unsere Sache ruhig sein zu können. Daß man sich auf einen Menschen nicht verlassen kann, sehen Sie doch selbst. Ich verstehe nichts davon, was Sie da ... – ich meine, warum Sie sich umbringen wollen. Nicht ich habe diese Phantasie für Sie ausgedacht, sondern Sie selbst, und mitgeteilt haben Sie Ihre Ideen zuerst nicht mir, sondern den anderen ausländischen Gliedern. Und vergessen Sie nicht, daß niemand es aus Ihnen herausgezogen hat, es kannte Sie ja auch niemand, sondern Sie selbst sind gekommen und haben Ihre Gedanken mitgeteilt – aus Sentimentalität wahrscheinlich. Wer ist aber jetzt daran schuld, wenn damals daraufhin ein Plan für gewisse Taten hier in der Stadt entworfen wurde, und die Hauptsache: mit Ihrer Einwilligung und auf Ihren Vorschlag hin (vergessen Sie das nicht: auf Ihren Vorschlag hin!). Schon deshalb denke ich, daß Sie die Sache jetzt nicht mehr im Stiche lassen dürfen. Sie haben sich so benommen, daß Sie schon zu viel wissen. Wenn Sie nun Furcht bekommen haben und morgen hingehen, um zu denunzieren, wird das für uns dann vorteilhaft sein, oder nicht, was meinen Sie? Nein, Sie haben sich verpflichtet, Sie haben Ihr Wort gegeben, haben Geld genommen. Das können Sie alles unmöglich leugnen ...“

Pjotr Stepanowitsch ereiferte sich mächtig, aber Kirilloff hörte ihm schon längst nicht mehr zu, sondern schritt wieder in Gedanken versunken auf und ab.

„Schatoff tut mir leid,“ sagte er endlich und blieb wieder vor Pjotr Stepanowitsch stehen.

„Aber mir tut er ja auch lei... –“

„Schweig, Schurke!“ brüllte Kirilloff wild auf und machte eine furchtbare und unzweideutige Bewegung. „Ich schlage dich tot!“

„Nun, nun, nun, schon gut, ich habe gelogen, ich gebe selber zu, es tut mir um ihn nicht ein bißchen leid; nun, schon gut!“ Pjotr Stepanowitsch war ängstlich aufgesprungen und hielt den Arm wie zum Schutz erhoben.

Kirilloff wandte sich plötzlich still von ihm ab und begann von neuem durch das Zimmer zu schreiten.

„Ich werde es nicht aufschieben, gerade jetzt will ich mich umbringen: alle sind solche Schurken!“

„Nun, das ist doch ein Gedanke! Selbstverständlich sind alle Schurken, und da es einen anständigen Menschen auf der Welt anekelt, so ...“

„Dummkopf, ich bin ganz eben so ein Schurke wie du, wie alle, aber kein anständiger. Ein anständiger ist noch niemals nirgends gewesen.“

„Na, endlich also erraten! Haben Sie denn wirklich bis jetzt noch nicht begriffen, Kirilloff, Sie mit Ihrem Verstande, daß alle ein und dieselben sind, daß es weder bessere noch schlechtere Menschen gibt, sondern nur klügere und dümmere, und daß, wenn alle Schurken sind (was nebenbei bemerkt Unsinn ist), es folglich einen Nichtschurken auch gar nicht geben kann?“

„Ah! Und du lachst wirklich nicht?“ fragte ihn Kirilloff mit einer gewissen Verwunderung. „Du sprichst mit Eifer und einfach ... Haben denn auch solche wie du Überzeugungen?“

„Kirilloff, ich habe nie verstehen können, warum Sie sich töten wollen. Ich weiß nur, daß Sie es aus Überzeugung ... aus fester Überzeugung wollen. Aber wenn Sie das Bedürfnis fühlen, sich, wie man sagt, mitzuteilen, so stehe ich zu Ihrer Verfügung ... Nur muß man die Zeit im Auge behalten ...“

„Wieviel ist die Uhr?“

„Oho, punkt zwei,“ sagte Pjotr Stepanowitsch mit einem Blick auf seine Uhr, und er zündete sich eine Zigarette an.

„Ich glaube, ich werde doch noch mit ihm fertig,“ dachte er bei sich.

„Ich habe dir nichts zu sagen,“ brummte Kirilloff.

„Ich erinnere mich noch, daß da irgend etwas von Gott dabei war ... Sie haben es mir doch einmal erklärt, oder sogar zweimal ... Wenn Sie sich erschießen, so werden Sie Gott, so war es doch, wenn ich mich nicht täusche?“

„Ja, ich werde Gott.“

Pjotr Stepanowitsch lächelte nicht einmal, er wartete; Kirilloff blickte ihn fein an.

„Sie sind ein politischer Betrüger und Intrigant, Sie wollen mich auf die Philosophie hinüberleiten und in Begeisterung bringen, und eine Versöhnung mit mir machen, um den Ärger zu vertreiben, und wenn ich mich versöhne, dann den Brief erbitten, daß ich Schatoff getötet habe.“

Pjotr Stepanowitsch antwortete fast mit natürlicher Offenherzigkeit.

„Nun, mag ich das auch gedacht haben. Nur – ist Ihnen denn das in diesen letzten Augenblicken nicht ganz gleichgültig, Kirilloff? Worüber zanken wir uns überhaupt, sagen Sie doch bitte selbst: Sie sind solch ein Mensch, und ich bin wieder solch ein Mensch, nun, und was liegt denn daran? Und beide noch dazu ...“

„Schurken.“

„Gut, meinetwegen auch Schurken. Sie wissen doch, daß das nur Worte sind.“

„Ich habe mein ganzes Leben nicht gewollt, daß es nur Worte sind. Ich habe auch nur deswegen gelebt, weil ich das immer nicht wollte. Ich will auch jetzt jeden Tag, daß es nicht nur Worte sind.“

„Nun ja, ein jeder sucht, wo er es besser hätte. Ein Fisch ... das heißt, jeder sucht seinen Komfort ... in seiner Art; und das ist alles. Außerordentlich lange schon bekannt.“

„Komfort, sagst du?“

„Nun, lohnt es sich denn, sich um Worte zu streiten?“

„Nein, du hast das gut gesagt: meinetwegen – Komfort. Gott ist unentbehrlich und darum muß er sein.“

„Nun, und wunderbar.“

„Aber ich weiß, daß es ihn nicht gibt und nicht geben kann.“

„Das ist schon richtiger.“

„Begreifst du denn wirklich nicht, daß ein Mensch mit zwei solchen Gedanken nicht leben bleiben darf?“

„Sich also erschießen muß?“

„Begreifst du denn wirklich nicht, daß man sich nur allein deswegen erschießen kann? Du kannst es nicht begreifen, daß solch ein Mensch sein kann, ein einziger Mensch von allen euren tausend Millionen, einer, der nicht will und nicht erträgt.“

„Ich verstehe nur, daß Sie, wie’s scheint, schwanken ... Das aber ist höchst gemein.“

„Auch Stawrogin ist von der Idee verschlungen,“ sagte Kirilloff, die Bemerkung überhörend, und schritt finster durch das Zimmer.

„Wie?“ Pjotr Stepanowitsch spitzte die Ohren, „von was für einer Idee? Hat er Ihnen selbst irgend etwas gesagt?“

„Nein, ich habe selbst erraten: Stawrogin, wenn er glaubt, so glaubt er nicht, daß er glaubt. Wenn er aber nicht glaubt, so glaubt er nicht, daß er nicht glaubt.“

„Nun, Stawrogin hat noch etwas anderes, etwas Gescheiteres als das ...“ brummte Pjotr Stepanowitsch ärgerlich, während er unruhig die neue Wendung des Gespräches verfolgte und den bleichen Kirilloff beobachtete.

„Zum Teufel, er wird sich nicht erschießen,“ dachte Pjotr Stepanowitsch. „Habe es ja immer vorausgefühlt, das war bei ihm nur eine Gehirnspirale, die ganze Idee, und weiter nichts. Solch ein Lumpenpack, diese Kerls, wahrhaftig!“

„Du bist der letzte, der bei mir ist: ich würde nicht böse mit dir auseinandergehen wollen,“ sagte plötzlich Kirilloff.

Pjotr Stepanowitsch antwortete nicht sofort. „Weiß der Teufel, was das nun wieder bedeutet!“ dachte er.

„Glauben Sie mir, Kirilloff, daß ich nie etwas gegen Sie persönlich gehabt habe und immer ...“

„Du bist ein Schurke und bist ein falscher Verstand. Aber ich bin ganz dasselbe wie du und erschieße mich, du aber bleibst lebendig.“

„Sie wollen wohl sagen, daß ich so niedrig sei, daß ich am Leben bleiben will.“

Er war noch nicht ganz sicher, ob es vorteilhaft oder unvorteilhaft war, ein solches Gespräch jetzt weiterzuführen, und entschloß sich daher, sich „den Umständen anzupassen“. Doch der Ton der Überlegenheit und die unverhohlene Verachtung, die Kirilloff immer für ihn hatte, reizten und ärgerten ihn aus irgendeinem Grunde diesmal noch viel mehr, als sonst, – vielleicht deshalb, weil Kirilloff, der schon in ungefähr einer Stunde sterben mußte (das behielt Pjotr Stepanowitsch trotz allem fest im Auge) für ihn bereits nur noch ein halber Mensch war, also jemand, dem man auf keine Weise mehr erlauben durfte, auch noch stolz und hochmütig zu sein.

„Sie wollen, wie’s scheint, damit vor mir großtun, daß Sie sich erschießen werden?“

„Ich habe mich immer gewundert, daß alle leben bleiben,“ sagte Kirilloff, der auch diese Bemerkung wieder überhörte.

„Hm! nehmen wir an, daß das eine Idee ist, aber ...“

„Du Affe, du stimmst zu, um mich zu besiegen. Schweig, du kannst nichts verstehen. Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott.“

„Sehen Sie, diesen Punkt habe ich bei Ihnen nie begreifen können: warum sind Sie dann Gott?“

„Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und aus Seinem Willen kann ich nicht. Wenn nicht, so ist aller Wille mein und ich bin verpflichtet, Eigenwillen zu bezeugen.“

„Eigenwillen? Und warum verpflichtet?“

„Darum, weil aller Wille mein geworden ist. Wird denn wirklich kein einziger auf dem ganzen Planeten, nachdem er mit Gott ein Ende gemacht hat und nur an seinen Eigenwillen glaubt, es wagen, Eigenwillen zu beweisen, Eigenwillen gerade im Hauptpunkte? Das ist so, wie wenn ein Armer eine Erbschaft bekommt und erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack zu gehen, weil er sich für nicht stark genug hält, zu besitzen. Ich will Eigenwillen beweisen. Und wenn auch nur ich, ein einzelner, aber ich tue es.“

„Tun Sie’s nur!“

„Ich bin verpflichtet, mich zu erschießen, weil der vollste, höchste Punkt meines Eigenwillens ist – mich selbst zu töten.“

„Aber Sie sind doch nicht der einzige, der sich selbst tötet; es gibt viele Selbstmörder.“

„Mit einer Ursache – ja. Aber ganz ohne alle Ursache und nur für Eigenwillen – ich allein.“

„Wird sich nicht erschießen,“ zuckte es wieder durch Pjotr Stepanowitschs Gedanken.

„Wissen Sie was,“ bemerkte er geärgert, „ich würde an Ihrer Stelle, um Eigenwillen zu offenbaren, erst irgendeinen anderen, aber nicht mich selbst, umbringen. Könnten sich damit noch nützlich machen. Ich werde Ihnen sagen wen, wenn Sie nicht erschrecken. Dann brauchen Sie sich meinetwegen heute auch noch nicht zu erschießen. Man könnte sich besprechen.“

„Einen anderen töten würde gleich der allerniedrigste Punkt meines Eigenwillens sein, und hierin bist du ganz enthalten. Ich bin nicht du: ich will den höchsten Punkt und töte mich.“

„Glücklich mit eigenem Verstande darauf verfallen,“ brummte Pjotr Stepanowitsch boshaft.

„Ich bin verpflichtet, den Unglauben zu verkünden,“ sprach Kirilloff weiter, durch das Zimmer schreitend. „Für mich ist nichts höher, als die Idee – daß es Gott nicht gibt. Die ganze Geschichte der Menschheit spricht für mich. Der Mensch hat nichts anderes getan, als Gott sich ausdenken, um leben zu können, ohne sich totzuschlagen. Darin besteht die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich allein in der ganzen Weltgeschichte habe zum erstenmal Gott mir nicht ausdenken wollen. Mag man das für immer erfahren.“

„Wird sich nicht erschießen,“ dachte Pjotr Stepanowitsch wieder beunruhigt.

„Wer soll es denn erfahren?“ versuchte er ihn zu hetzen. „Hier sind nur Sie und ich! Liputin etwa?“

„Alle sollen es erfahren; alle werden es erfahren ... Es gibt nichts in der Welt, was nicht einmal offenbar wird. Das hat Er gesagt.“

Und er wies in fieberhaftem Entzücken auf das Bild des Heilandes, vor dem das Lämpchen brannte. Pjotr Stepanowitsch wurde endgültig wütend.

„An den also glauben Sie immer noch? Haben auch das Lämpchen angezündet! Tun Sie das vielleicht auch ‚auf alle Fälle‘?“

Der andere schwieg.

„Wissen Sie, meiner Meinung nach glauben Sie womöglich noch mehr als ein Pope.“

„An wen? An Ihn? Höre,“ Kirilloff blieb stehen und sah mit starrem, wie verzücktem Blick vor sich hin. „Höre eine große Idee: es war auf der Erde ein Tag und in der Mitte der Erde standen drei Kreuze. Einer am Kreuz glaubte so, daß er dem anderen sagte: ‚Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.‘ Der Tag verging, beide starben, gingen hin und fanden weder Paradies noch Auferstehung. Die Worte bewahrheiteten sich nicht. Höre: dieser Mensch war der höchste auf der ganzen Welt, war das, wozu sie lebt. Der ganze Planet, mit allem, was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen – nur ein Wahnsinn. Es war weder vor Ihm, noch nach Ihm einer seinesgleichen, niemals, sogar bis zum Wunder. Das ist eben das Wunder, daß keiner vor ihm war noch nach ihm sein wird, niemals. Aber wenn dem so ist, wenn die Gesetze der Natur auch Diesen nicht verschont haben, sogar ihr eigenes Wunder nicht verschont haben und auch Ihn zwangen, mitten in Lüge zu leben und für Lüge zu sterben, so ist folglich der ganze Planet Lüge und beruht nur auf Lüge und dummem Spott. Folglich sind die Gesetze selbst des Planeten – Lüge und des Teufels Bühnenstück. Wozu dann leben, antworte, wenn du ein Mensch bist?“

„Das ist die Kehrseite. Mir scheint, Sie haben hier zwei verschiedene Ursachen vermischt; das ist aber sehr unzuverlässig. Doch erlauben Sie, wenn Sie nun Gott sind? Wenn die Lüge zu Ende ist und Sie erraten haben, daß die ganze Lüge nur daher kam, daß es den früheren Gott gab?“

„Endlich hast du es verstanden!“ rief Kirilloff begeistert. „Also kann man es doch verstehen, wenn sogar so einer wie du es verstanden hat! Verstehst du jetzt, daß die ganze Errettung für alle ist – allen diesen Gedanken zu beweisen. Wer aber wird ihn beweisen? Ich! Ich verstehe nicht, wie bis jetzt ein Atheist wissen konnte, daß es Gott nicht gibt, und sich doch nicht sofort selbst tötete? Erkennen, daß es Gott nicht gibt und nicht im selben Augenblick mit eins erkennen, daß man dadurch selbst Gott geworden ist – ist eine Ungereimtheit, denn anderenfalls würde man sich unbedingt selbst töten. Wenn du erkenntest – so bist du Zar, und du brauchst dich nicht mehr selbst zu töten, sondern wirst in der allergrößten Herrlichkeit leben. Aber einer, der erste, der das erkennt, der muß sich unbedingt selbst töten, denn wer wird sonst beginnen und beweisen? Also töte ich mich selbst, unfehlbar, um zu beginnen und zu beweisen. Ich bin erst noch gezwungenermaßen Gott und bin unglücklich, denn ich bin verpflichtet, Eigenwillen zu bezeugen. Alle sind unglücklich, denn alle fürchten sich, Eigenwillen zu zeigen. Eben deshalb ist der Mensch bis jetzt so unglücklich und arm gewesen, weil er sich fürchtete, den Hauptpunkt, den Kern des Eigenwillens durchzusetzen, und weil er nur so drumherum, am Rande ein wenig Eigenwillen oder Mutwillen trieb wie ein Schuljunge. Ich bin schrecklich unglücklich, denn ich habe schreckliche Angst. Die Angst ist der Fluch des Menschen ... Aber ich werde Eigenwillen offenbaren, ich bin verpflichtet, fest daran zu glauben, daß ich nicht glaube. Ich werde beginnen und werde beenden, und werde das Tor öffnen. Und retten. Nur dieses allein wird alle Menschen retten und schon in der nächsten Generation physisch verändern. Denn in der jetzigen körperlichen Form kann, so viel ich glaube, der Mensch ohne den früheren Gott nicht sein. Ich habe drei Jahre das Attribut meiner Gottheit gesucht und habe es schließlich gefunden: das Attribut meiner Gottheit ist – Eigenwille! Das ist alles, womit ich im Hauptpunkt meine Nichtunterwürfigkeit beweisen kann und meine neue furchtbare Freiheit. Denn sie ist maßlos furchtbar. Ich töte mich, um meine Nichtunterwürfigkeit zu beweisen und meine neue furchtbare Freiheit.“

Sein Gesicht war unnatürlich bleich, sein Blick unerträglich schwer. Er war wie im Fieber. Pjotr Stepanowitsch fürchtete schon, er werde sogleich hinfallen.

„Gib die Feder!“ rief Kirilloff plötzlich ganz unerwartet in entschiedener Verzückung – „diktiere, ich unterschreibe alles. Auch, daß ich Schatoff getötet, unterschreibe ich. Diktiere, solange es mir lachhaft ist! Ich fürchte die Gedanken der anmaßenden Sklaven nicht! Du wirst selbst sehen, daß alles Geheimnisvolle offenbar werden wird. Du aber wirst zerdrückt werden ... Ich aber glaube! Ich glaube!“

Pjotr Stepanowitsch schnellte empor, gab ihm im Nu das Tintenfaß und ein Blatt Papier und begann sofort zu diktieren, um den günstigen Augenblick nicht zu verpassen, zitternd für das Gelingen.

„Ich, Alexei Kirilloff, erkläre ...“

„Wart! So will ich nicht! Erkläre wem?“

Kirilloff bebte wie im Fieber. Diese Erklärung und irgendein besonderer plötzlicher Gedanke in bezug auf diese Erklärung hatten ihn, wie es schien, ganz und gar verschlungen, als ob sie ein Ausweg wäre, auf den sich, wenn auch nur auf einen Augenblick, sein müdgequälter Geist stürzte.

„Erkläre wem? Will wissen wem?“

„Ach, niemandem, allen, dem ersten, der es liest! Wozu das bestimmen? Der ganzen Welt!“

„Der ganzen Welt? Bravo! Und daß keine Reue nötig ist! Ich will nicht bereuen. Und ich will auch nicht an die Obrigkeit!“

„Aber nein doch, das ist ja auch gar nicht nötig, zum Teufel mit der Obrigkeit! Aber so schreiben Sie doch, wenn Sie ernstlich! ...“ schrie Pjotr Stepanowitsch in hysterischer Nervosität ihn an.

„Wart! Ich will erst eine Fratze mit herausgestreckter Zunge malen.“

„Ach was, Unsinn! Teufel, das kann man auch ohne Malerei ausdrücken, einfach mit dem Ton.“

„Mit dem Ton? Das ist gut. Ja, mit dem Ton, mit dem Ton! Diktier mir mit dem Ton!“

„Ich, Alexei Kirilloff,“ diktierte fest und befehlend Pjotr Stepanowitsch, über die Schulter Kirilloffs gebeugt und jeden Buchstaben, den dieser mit seiner zitternden Hand schrieb, mit den Augen verfolgend, „– ich, Kirilloff, erkläre, daß ich heute, am ...sten Oktober, am Abend um acht Uhr, den Studenten Schatoff im Park getötet habe und zwar für Verrat und Anzeige der Proklamationen, sowie Fedjkas, der bei uns beiden im Filippoffschen Hause zehn Tage gewohnt und genächtigt hat. Ich erschieße mich aber heute mit einem Revolver nicht deswegen, weil ich bereue und euch fürchte, sondern weil ich schon im Auslande die Absicht hatte, mir das Leben zu nehmen.“

„Und das ist alles?“ fragte erstaunt und unwillig Kirilloff.

„Kein Wort mehr!“ sagte Pjotr Stepanowitsch, mit der Hand abwinkend, und suchte ihm das Papier zu entreißen.

„Wart!“ rief Kirilloff und legte fest seine Hand auf das Blatt. „Wart, Unsinn! Will noch sagen, mit wem ich erschlagen habe. Warum Fedjka? Und die Brandstiftung? Ich will alles und will sie noch ausschimpfen mit dem Ton, mit dem Ton!“

„Genug, Kirilloff, ich versichere Ihnen, das ist vollkommen genug!“ flehte Pjotr Stepanowitsch geradezu, denn er zitterte vor Angst, daß Kirilloff das Papier vielleicht wieder zerreißen werde. „Damit die es glauben, muß es so dunkel wie möglich sein, nur mit Andeutungen, gerade so! Man muß nur ein Eckchen der Wahrheit zeigen, nur soviel, um sie irrezuführen. Die werden sich schon selbst weit mehr vorlügen, als wir es könnten, und sich selbst werden sie natürlich mehr glauben als uns – und das ist doch gerade das Beste, das Allerbeste! Geben Sie her, es ist wundervoll so. Geben Sie! Geben Sie!“

Und er bemühte sich immer noch, ihm das Papier zu entwenden, es ihm unter der Hand wegzuziehen. Kirilloff hatte die Augen weit aufgerissen, hörte wohl auch zu und schien sogar begreifen zu wollen, doch hatte er wahrscheinlich schon aufgehört, zu verstehen.

„Teufel!“ entfuhr es plötzlich wütend Pjotr Stepanowitsch. „Er hat ja noch gar nicht unterschrieben! Was starren Sie denn so, unterschreiben Sie doch!“

„Ich will ausschimpfen ...“ murmelte Kirilloff, nahm aber doch gehorsam die Feder und schrieb seinen Namen. „Ich will ausschimpfen ...“

„Schreiben Sie meinetwegen: Vive la république,[199] und damit dann genug.“

„Bravo!“ schrie, brüllte fast Kirilloff vor Entzücken auf. „Vive la république démocratique, sociale et universelle ou la mort! ... Nein, nein, nicht so. Liberté, egalité, fraternité ou la mort.[200] Das ist noch besser, noch besser,“ und er schrieb es mit sichtlichem Hochgenuß unter seinen Namenszug.

„Genug jetzt, wirklich genug!“ wiederholte Pjotr Stepanowitsch.

„Wart, noch ein ... Ich, weißt du, ich werde noch einmal auf französisch unterschreiben: ‚de Kirilloff, gentil-homme russe et citoyen du monde.‘[201] Hahahahaha!“ lachte er auf. „Nein, nein, nein, wart, habe es noch besser gefunden, am allerbesten, Heureka! – ‚gentil-homme-séminariste russe et citoyen du monde civilisé!‘[202] Das ist am allerbesten ...“ – – – und er sprang jäh auf, ergriff plötzlich mit einer schnellen Bewegung seinen Revolver, stürzte in das andere Zimmer und schlug die Tür fest hinter sich zu.

Pjotr Stepanowitsch stand einen Augenblick nachdenklich da und sah gespannt auf die geschlossene Tür.

„Wenn sofort – dann ist es möglich, daß er abdrückt, fängt er aber an zu denken – dann wird nichts geschehen.“

Vorläufig nahm er das Blatt in die Hand, setzte sich wieder und sah das Geschriebene noch einmal durch. Die Abfassung gefiel ihm wieder ungemein.

„Was fehlt uns jetzt! Es ist ja weiter nichts nötig, wie sie für eine Zeitlang ganz aus der Fassung zu bringen und abzulenken. Park? In der Stadt gibt es keinen Park. Aber sie werden schon mit ihrem eigenen Verstande auf Skworeschniki verfallen. Bis sie aber darauf verfallen, vergeht Zeit, bis sie suchen – wieder Zeit, und finden sie die Leiche – so ist hier nur die Wahrheit geschrieben worden, folglich muß auch alles andere richtig sein, auch das von Fedjka. Was aber bedeutet Fedjka? Fedjka – das ist der Brand, Fedjka, das sind Lebädkins: folglich ist alles aus dem Filippoffschen Hause gekommen, sie aber haben nichts davon gesehen, haben nichts durchschauen können, – und gerade das wird sie schon vollends verwirren! Auf die Unsrigen aber werden sie überhaupt nicht verfallen. Es waren also Schatoff und Kirilloff und Fedjka und Lebädkin; warum sie aber einander totgeschlagen haben – das ist dann für die Leute noch so eine kleine Frage zum Zeitvertreib. Zum Teufel, wo bleibt denn der Schuß! ...“

Pjotr Stepanowitsch hatte die ganze Zeit, wenn er auch las und sich über die Abfassung freute, doch gleichzeitig jeden Augenblick mit quälender Unruhe gehorcht und – plötzlich wurde er wütend. Erregt zog er die Uhr hervor: es war schon sehr spät; und Kirilloff mochte vor bereits zehn Minuten hinausgegangen sein ... Er ergriff das Licht und ging zur Tür des Nebenzimmers. An der Tür sah er plötzlich und kam es ihm zu Bewußtsein, daß auch das Licht schon heruntergebrannt war und vielleicht nach zwanzig Minuten auslöschen werde, daß ein anderes aber nicht vorhanden war. Vorsichtig umfaßte er mit der Hand die Klinke und horchte. Kein einziger Laut drang aus dem anderen Zimmer. Plötzlich öffnete er die Tür und erhob das Licht: da brüllte etwas auf und stürzte auf ihn zu. Hastig schlug er die Tür zu und stemmte sich mit aller Kraft gegen sie, aber schon war alles verstummt – und wieder Totenstille.

Lange stand er so in seiner Unentschlossenheit mit dem Licht in der Hand. In dem kurzen Augenblick, nach dem Öffnen der Tür, hatte er nur sehr wenig sehen können, aber er erinnerte sich doch des Gesichts Kirilloffs, der am anderen Ende des Zimmers am Fenster gestanden hatte, und der tierischen Wut, mit der er zur Tür gestürzt war. Plötzlich regte sich etwas im Nebenzimmer.

Pjotr Stepanowitsch stellte schnell das Licht auf den Tisch, ergriff seinen Revolver und sprang auf den Fußspitzen zur Seite in die entgegengesetzte Ecke, so daß er, falls Kirilloff die Tür öffnete und auf den Tisch zuschritt, noch vor Kirilloff zielen und abdrücken konnte.

Aber es blieb wieder alles ruhig.

Daß Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr.

„Er stand offenbar und dachte,“ ging es ihm blitzartig durch den Kopf. „Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brüllte auf und stürzte zur Tür – hier sind zwei Möglichkeiten: entweder störte ich ihn gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrücken wollte, oder ... oder er stand und überlegte, wie er mich töten könnte. Ja, das wird’s gewesen sein, er überlegte ... Er weiß, daß ich nicht vorher fortgehe, als bis er tot ist, daß ich ihn töten werde, wenn er selbst dazu zu feige ist – also muß er mich zuerst töten, damit nicht ich ihn töte ... Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig: plötzlich macht er die Tür auf ... Die Schweinerei ist ja bloß, daß er an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschießen, um keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit ‚eigenem Verstande so weit kommen‘, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, spätestens ... Muß Schluß machen, muß unbedingt, was es auch koste, Schluß machen ... Was, – totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier kann niemand denken, daß ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in der Hand, daß man unbedingt glauben muß, er selbst ... Teufel, aber wie ihn nur erschießen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich stürzen und noch vor mir abdrücken. Teufel, nein, er wird natürlich nicht treffen ... Immerhin ...“

So quälte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der unumgänglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen Unentschlossenheit andererseits. Schließlich nahm er wieder den Leuchter und trat wieder leise zur Tür, wobei er den Revolver hob und den Hahn spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke zu öffnen versuchte – aber es gelang nicht: das Schloß kreischte nur und öffnete sich nicht. „Er wird sofort auf mich schießen!“ dachte Pjotr Stepanowitsch, riß die Tür auf und erhob Licht und Revolver ... Doch kein Schuß ertönte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch.

Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm zu entfliehen war unmöglich. Er hob das Licht noch höher und blickte noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete.

„Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein?“

Tatsächlich war das Luftfenster offen.

„Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch.“ Pjotr Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. „Unmöglich konnte er hier durch!“ Plötzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas Ungewöhnliches erschütterte ihn.

An der Wand, die dem Fenster gegenüber lag, stand links von der Tür ein Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar sonderbar, – unbeweglich, stramm, die Hände militärisch an den Nähten, den Kopf erhoben und mit dem Rücken fest an die Wand gepreßt ... Allem Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schräg zu der Ecke und sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch nicht entschließen, weiter nach links zu gehen und das Rätsel zu lösen. Sein Herz schlug laut. Und plötzlich erfaßte ihn eine rasende Wut: er riß sich von der Stelle, schrie auf und stürzte trampelnd zu der furchtbaren Stelle.

Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen, noch mehr von Entsetzen betäubt. Vor allem frappierte es ihn, daß die Gestalt sich trotz seines Schreies und wütenden Anlaufs nicht einmal bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede – ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wäre. Die Blässe des Gesichts war unnatürlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch führte das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam dieses Gesicht an. Und plötzlich gewahrte er, daß Kirilloff, wenn er auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womöglich noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht „diesem Schurken“ an das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun werde. Plötzlich aber schien es ihm, daß Kirilloffs Kinn sich bewege und über die Lippen ein Spottlächeln flimmere – ganz als ob jener seinen Gedanken erraten hätte. Er erbebte und außer sich vor Wut packte er Kirilloff an der Schulter.

Da geschah aber etwas dermaßen Unglaubliches, und geschah so schnell, daß Pjotr Stepanowitsch sich später in seiner Erinnerung selbst nicht mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berührt, als dieser plötzlich seinen Kopf fallen ließ und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht erlosch. Im selben Augenblick noch fühlte er einen furchtbaren Schmerz im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und später wußte er nur noch, daß er, außer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den Zähnen ließ, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureißen. Und er stürzte fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie:

„Sofort, sofort, sofort, sofort!“

Wohl mehr als zehnmal. Aber Werchowenski lief immer noch weiter, weiter, durch die Dunkelheit, suchte schon im Flur die Ausgangstür, als plötzlich ein lauter Schuß erschallte. Da erst blieb er stehen, im Flur, in der Dunkelheit, und überlegte wohl fünf Minuten lang. Endlich kehrte er wieder um und ging in die Wohnung zurück. Zuerst mußte Licht geschafft werden. Dazu brauchte er nur den aus der Hand geschlagenen Leuchter auf dem Boden aufzusuchen, rechts vom Schrank; aber womit dann den Lichtstumpf anzünden? Er selbst hatte nichts bei sich. Eine dunkle Erinnerung zog ihm durch den Kopf: es war ihm, als hätte er am Abend vorher, als er in die Küche zu Fedjka gestürzt war, in der Ecke auf dem Küchenbrett flüchtig eine große rote Streichholzschachtel bemerkt. Tastend ging er also zuerst nach links, zur Küchentür, fand sie schließlich und stieg dann die drei Stufen hinunter. Richtig: auf dem Brett, gerade an der Stelle, an die er sich erinnert hatte, fand er in der Dunkelheit eine große, noch nicht geöffnete Streichholzschachtel. Ohne anzuzünden, kehrte er eilig zurück und erst beim Schrank, auf derselben Stelle, wo er vorhin gestanden hatte, als er den ihn beißenden Kirilloff mit dem Revolver auf den Kopf schlug, fiel ihm plötzlich sein gebissener Finger ein, und in derselben Sekunde fühlte er auch einen fast unerträglichen Schmerz in ihm. Er biß die Zähne zusammen, zündete mit genauer Not noch den kleinen Lichtstumpf an und dann erst sah er sich um: nicht weit von dem Fenster, dessen Luftfenster offen war, lag, mit den Füßen zu jener Ecke des Zimmers, die Leiche Kirilloffs. Er hatte sich in die rechte Schläfe geschossen und oben an der linken Seite des Kopfes hatte die Kugel wieder den Schädel durchschlagen. Blut und Hirnspritzer sah man auf der Diele. Der Revolver war in der Hand des Selbstmörders geblieben. Der Tod mußte sofort eingetreten sein. Nachdem Pjotr Stepanowitsch alles genau betrachtet hatte, erhob er sich wieder und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, schloß hinter sich die Tür, stellte das Licht auf den Tisch vor dem Sofa, dachte ein wenig nach und beschloß dann, es nicht auszulöschen, da durch dieses Licht im Leuchter doch kein Brand entstehen konnte. Er blickte noch einmal auf das Dokument und lächelte mechanisch. Darauf verließ er, ich weiß nicht warum, immer noch leise auf den Fußspitzen gehend, endgültig langsam das Haus. Wieder kroch er durch Fedjkas geheimen Gang und schloß ihn hinter sich sorgfältig mit dem Brett.

III.
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