IV.

Siebzehntes Kapitel.
Das Ende des Festes

I.

Stepan Trophimowitsch empfing mich nicht. Er hatte sich eingeschlossen und schrieb. Auf mein Klopfen und Rufen hin antwortete er mir nur durch die verschlossene Tür:

„Lieber Freund, ich habe mit allem abgeschlossen, wer kann noch mehr von mir verlangen?“

„Sie haben gar nicht mit allem abgeschlossen! Sie haben nur das Ihre dazu beigetragen, daß alles zusammenbrach! Im Ernst, Stepan Trophimowitsch, machen Sie die Tür auf, man muß Vorkehrungen treffen. Die Bande kann schließlich noch zu Ihnen kommen, um Sie zu beschimpfen ...“

Ich hielt mich für berechtigt, streng mit ihm zu reden. Vor allem fürchtete ich, daß er irgendeine Torheit begehen könnte. Aber zu meinem Erstaunen stieß ich bei ihm auf feste Entschlossenheit.

„Wenn Sie mich nur nicht als erster beleidigen wollten. Ich danke Ihnen für alles Gewesene, aber ich muß Ihnen wiederholen, daß ich mit allem abgeschlossen habe, mit dem Guten, wie mit dem Bösen. Ich schreibe soeben einen Brief an Darja Pawlowna, die ich unverzeihlicherweise bis jetzt ganz vergessen hatte. Morgen bringen Sie ihr dann den Brief, wenn Sie so freundlich sein wollen. Heute aber – ‚Merci‘.“

„Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, daß die Sache ernster ist, als Sie glauben. Oder glauben Sie vielleicht, daß Sie dort jemanden zerschmettert haben? Ach, doch nur sich selbst, wie ein leeres Glas!“ (Oh, ich war roh und grausam; heute ist mir das eine schmerzliche Erinnerung!) „An Darja Pawlowna haben Sie jetzt entschieden nichts zu schreiben ... und was wollen Sie jetzt ohne mich anfangen? Was wissen Sie denn von der Wirklichkeit? Sicher haben Sie jetzt irgendeine besondere Absicht! Was haben Sie vor, Stepan Trophimowitsch? Sicher werden Sie sich noch einmal blamieren, wenn Sie wieder etwas unternehmen ...“

Er stand auf und kam zur Tür.

„Sie haben noch nicht lange mit diesen Leuten verkehrt, und doch haben Sie deren Sprache und Ton schon angenommen. Dieu vous pardonne, mon ami, et Dieu vous garde.[179] Aber ich habe in Ihnen immer einen gewissen inneren Anstand wahrgenommen, und so hoffe ich, daß Sie noch zur Besinnung kommen werden – après le temps[180] natürlich, wie wir alle, wir russischen Menschen. Was Ihre Bemerkung über meine Unkenntnis der Wirklichkeit betrifft, so möchte ich Sie an einen alten Gedanken von mir erinnern: daß bei uns in Rußland unzählige Menschen sich nur damit beschäftigen, mit größtem Wuteifer und mit einer Unermüdlichkeit, die an Fliegen im Sommer gemahnt, über alle anderen herzufallen, indem sie ihnen Unkenntnis der Wirklichkeit vorwerfen. Jedem Menschen machen sie den Vorwurf, er sei ‚unpraktisch‘, nur sich selbst machen sie ihn nie. Cher, bedenken Sie, daß ich erregt bin, und quälen Sie mich nicht. Noch einmal Dank für alles und scheiden wir voneinander, wie Karmasinoff vom Publikum – das heißt, vergessen wir uns gegenseitig so großmütig wie möglich. Das war von ihm übrigens nur eine Finte, daß er seine alten Leser so inständig bat, ihn zu vergessen. Quant à moi,[181] so bin ich nicht so selbstsüchtig und verlasse mich vor allem auf die Jugend Ihres unversuchten Herzens: wozu sollten Sie sich lange eines nutzlosen Greises erinnern? Darum, mein Freund, ‚leben Sie mehr‘, wie mir Nastassja zu meinem letzten Namenstage wünschte (ces pauvres gens ont quelque fois des mots charmants et pleins de philosophie[182]). Nicht zu viel Glück wünsche ich Ihnen, das würde langweilig werden. Aber ich wünsche Ihnen auch kein Unglück, sondern sage nur wie der Volksmund: ‚Leben Sie mehr‘! Und versuchen Sie irgendwie, sich nicht zu grämen. Diesen überflüssigen Wunsch füge ich noch von mir aus hinzu. Und nun leben Sie wohl. Im Ernst gesagt: leben Sie wohl. – Bleiben Sie nicht an meiner Tür, ich werde nicht aufmachen.“

Er ging auch tatsächlich fort von der Tür und ich konnte nichts weiter von ihm erfahren. Ungeachtet seines Geständnisses, daß er „erregt“ sei, hatte er langsam, fließend und eindringlich gesprochen. Natürlich war er mir aus irgendeinem Grunde gram und rächte sich nun auf diese Weise. Vor allem aber brachten ihn die Tränen, die er am Morgen vor dem Publikum geweint, wenn er auch vorher einen halben Sieg errungen hatte, in eine etwas komische Lage, und das fühlte er wohl selbst. Nun war aber gewiß kein Mensch gerade um die Schönheit und die Strenge der äußeren Formen – selbst im Verkehr mit seinen Freunden – so besorgt wie Stepan Trophimowitsch. Oh, ich mache ihm keinen Vorwurf! Damals aber war es eben diese Erwägung, daß ein Mensch, der sich trotz aller Erschütterung in dieser gewissen Pedanterie und diesem Sarkasmus treu blieb, doch wohl nicht so erschüttert sein konnte, um nun geneigt zu sein, etwas Tragisches oder Außergewöhnliches zu unternehmen. So dachte ich damals bei mir, aber, o Gott, wie täuschte ich mich! Ich ließ doch gar zu vieles außer acht ...

Hier möchte ich nun, obgleich ich damit den Ereignissen vorgreife, einige Zeilen aus dem Brief mitteilen, den Darja Pawlowna am anderen Tage tatsächlich erhielt.

Mon enfant![183] Meine Hand zittert, aber ich habe mit allem abgeschlossen. Sie waren nicht zugegen bei meinem letzten Zusammenstoß mit den Menschen, bei diesem ‚Vortrag‘, und Sie taten recht. Aber man wird Ihnen erzählen, daß in unserem an Charakteren gänzlich verarmten Rußland ein Mensch sich erhoben und trotz der Gefahren, die er lief, diesen kleinen Dummköpfen die ganze Wahrheit gesagt hat, das heißt: daß sie dumme Närrchen sind. Oh, ce sont des pauvres petits vauriens et rien de plus, des petits Närrchen – voilà le mot![184] Der Würfel ist gefallen. Ich verlasse diese Stadt. Ich kehre niemals wieder. Ich weiß noch nicht, wohin ich meinen Fuß setzen werde. Alle, die ich liebte, haben sich von mir abgewandt. Nur Sie, Sie reines und gutes Geschöpf, Sie Sanfte, deren Schicksal sich beinahe mit dem meinen vereinigt hätte, nach dem Willen eines kapriziösen und herrschsüchtigen Frauenherzens, Sie, die vielleicht mit Verachtung auf mich herabsehen, seit ich am Vorabend unserer nicht zustande gekommenen Heirat meine kleinmütigen Tränen vergossen habe; Sie, die in mir gewiß nichts anderes sehen können, als einen lächerlichen Menschen, nur Sie, oh, nur Sie grüße ich noch! Nur Ihnen noch diesen letzten Schrei meines Herzens, Ihnen meine letzte Pflicht, Ihnen allein! Kann ich Sie doch nicht so auf ewig verlassen! – mit der Vorstellung von mir als einem undankbaren, unwissenden, selbstsüchtigen Toren, wie mich Ihnen wohl täglich ein undankbares und grausames Herz schildert, ein Herz, das ich – o Schmerz! – nicht vergessen kann ...“

Der Brief war auf einem Bogen großen Formats geschrieben und vier Seiten lang ...

... Ich pochte noch dreimal an die Tür, nachdem er mit den Worten, er werde nicht aufmachen, ins Zimmer zurückgegangen war. Dann rief ich ihm zu, daß er heute noch dreimal Nastassja zu mir schicken werde mit der Bitte, zu ihm zu kommen, aber dann werde das gleichfalls vergeblich sein. Damit ging ich fort und begab mich zu Julija Michailowna.

II.
472 of 718
3 pages left
CONTENTS
Chapters
Highlights