Dreizehntes Kapitel. Zarewitsch Iwan

Vierzehntes Kapitel.
Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde

Inzwischen geschah bei uns etwas, das mich zunächst nur in Erstaunen versetzte, Stepan Trophimowitsch aber erschütterte.

Eines Morgens, noch vor acht Uhr, kam Nastassja, Stepan Trophimowitschs Mädchen, atemlos zu mir gelaufen, mit der Nachricht, ihr Herr sei „beschlagnahmt“ worden. Anfangs konnte ich aus ihren Reden überhaupt nicht klug werden, doch schließlich erfuhr ich immerhin, daß Beamte in der Frühe zu ihm gekommen waren und Papiere beschlagnahmt hatten; diese hatte dann ein Soldat „zu einem Bündel zusammengebunden und auf einer Schiebkarre weggeschleppt.“

Ich eilte sogleich zu meinem Freunde.

Der befand sich in einer sonderbaren Verfassung: er war erschrocken und erregt, und schien doch zu gleicher Zeit zu triumphieren. Auf dem Tisch kochte der Samowar und daneben stand ein Glas Tee, das schon des längeren eingegossen, doch noch nicht angerührt war. Stepan Trophimowitsch ging hin und her, ging rund um den Tisch herum, ging in alle Winkel des Zimmers, doch augenscheinlich ohne sich über seine Bewegungen Rechenschaft zu geben. Als ich kam, war er, wie vormittags gewöhnlich, in seinem roten Morgenrock, doch diesmal ging er, kaum daß er mich erblickt hatte, schnell ins andere Zimmer und zog sich Weste und Rock an – was er sonst nie getan hatte, wenn ihn einer seiner nahen Freunde in diesem Morgenrock antraf. Er ergriff sofort erregt meine Hand.

Enfin un ami![126] (Er atmete tief auf.) „Cher, ich habe nur zu Ihnen allein geschickt und sonst weiß noch niemand etwas davon. Man muß Nastassja sagen, daß sie die Türen schließt und keinen Menschen hereinläßt, außer natürlich jene, falls sie ... Vous comprenez?[111]

Er sah mich dabei unruhig an, als ob er eine Antwort erwartete. Selbstverständlich begann ich ihn sofort nach dem Vorgefallenen auszufragen, und so erfuhr ich denn schließlich, nach zahllosen Unterbrechungen und unnützen Zwischensätzen, daß um sieben Uhr morgens „plötzlich“ ein Gouvernementsbeamter zu ihm gekommen war ...

Pardon, j’ai oublié son nom. Il n’est pas du pays, aber ich glaube, Lembke hat ihn mitgebracht, quelque chose de bête et d’allemand dans la physionomie. Il s’appelle Rosenthal.“[127]

„Rosenthal? Hieß er nicht Blümer?“

„Blümer? Ja, richtig, Blümer hieß er. Vous le connaissez? Quelque chose d’hébété et de très content dans la figure, pourtant très sévère, roide et sérieux.[128] Ein Polizeimensch, aber einer von den Ergebenen, je m’y connais.[129] Ich schlief noch, und denken Sie sich, er bat mich, auf meine ‚Bücher und Manuskripte‘ einen Blick werfen zu dürfen, oui, je m’en souviens, il a employé ce mot.[130] Er hat mich nicht arretiert, sondern nur die Bücher ... Il se tenait à distance,[131] und als er seinen Besuch zu erklären begann, da sah er aus, als ob ich ... enfin il avait l’air de croire que je tomberai sur lui immédiatement et que je commencerai à le battre comme plâtre. Tous ces gens du bas étage sont comme ça,[132] wenn sie es mit einem anständigen Menschen zu tun haben. Natürlich begriff ich sofort alles. Voilà vingt ans que je m’y prépare![133] Ich öffnete vor ihm alle Schubfächer und übergab ihm alle Schlüssel. Ich übergab sie selbst, ich habe ihm alles selbst übergeben. J’étais digne et calme.[134] Von den Büchern nahm er die ausländische Ausgabe Herzens, ein gebundenes Exemplar der ‚Glocke‘, vier Abschriften meiner Dichtung et enfin tout ça.[135] Dann noch Papiere und Briefe et quelques unes de mes ébauches historiques, critiques et politiques.[136] Das alles haben sie dann mitgenommen. Nastassja sagt, der Soldat habe es auf einer Schiebkarre fortgeschleppt und mit einer Schürze bedeckt. Oui, c’est cela,[137] mit einer Schürze.“

Das war ja Wahnsinn. Wer hätte hier etwas begreifen können? Ich suchte Wesentlicheres aus ihm herauszubekommen. War Blümer ganz allein erschienen, oder waren, außer dem Soldaten, noch andere mit ihm gekommen? In wessen Namen? Mit welchem Recht? Wie hatte man so etwas wagen können? Womit hatte er es erklärt?

Il était seul, bien seul, übrigens war noch jemand dans l’antichambre, oui, je m’en souviens, et puis[138] ... Übrigens, ich glaube, es war außerdem noch jemand da, und im Vorzimmer stand eine Wache. Man muß Nastassja fragen. Die hat das alles besser gesehen. J’étais surexcité, voyez-vous. Il parlait, il parlait ... un tas de choses[139] ..., übrigens, nein, er sprach sehr wenig, ich war es eigentlich, der immer sprach ... Ich habe ihm mein ganzes Leben erzählt, natürlich nur unter diesem Gesichtswinkel ... J’étais surexcité, mais digne, je vous l’assure.[140] Ich fürchte übrigens, daß ich, ich glaube wenigstens, geweint habe. Die Schiebkarre haben sie vom Krämer nebenan genommen ...“

„Aber wie hat sich das alles nur zutragen können! So sprechen Sie doch um Gottes willen etwas genauer, Stepan Trophimowitsch. Das ist doch ein Traum, den Sie da erzählen!“

Cher, ich bin auch selbst noch wie im Traum ... Savez-vous! Il a prononcé le nom de Teliatnikoff,[141] und ich glaube, gerade dieser war es, der sich im Vorzimmer versteckte. Ja, da fällt mir ein, er schlug einen Zeugen vor, und ich glaube, eben diesen Dmitri Mitritsch ... qui me doit encore quinze roubles de Whist, soit dit en passant. Enfin, je n’ai pas trop compris.[142] Aber ich war noch schlauer als sie, und was geht mich Dmitri Mitritsch an! Ich habe, glaube ich, sehr gebeten, daß niemand etwas davon erfahre, sehr gebeten, sehr, fürchte sogar, daß ich mich erniedrigt habe, comment croyez-vous? Enfin il a consenti[143] ... Nein, warten Sie, da fällt mir ein, das war er selbst, der darum bat, denn er sei nur gekommen, um zu ‚besehen‘, sagte er, et rien de plus,[144] und weiter nichts ... und daß, falls man nichts findet, auch nichts weiter geschehen wird. So haben wir denn auch alles beendet en amis, et je suis tout-à-fait content.“[145]

„Aber ich bitte Sie, er hat Ihnen doch einfach die in solchen Fällen üblichen Garantien angeboten, und Sie – Sie haben ihn noch selbst davon abgebracht!“ rief ich in freundschaftlichem Unwillen.

„Nein, es ist schon besser so, ohne Garantien. Und wozu ein Skandal? Lieber so lange es noch geht en amis ... Sie wissen doch, wenn man in der Stadt erfährt ... mes ennemis ... et puis à quoi bon ce procureur, ce cochon de notre procureur, qui deux fois m’a manqué de politesse et qu’on a rossé à plaisir l’autre année chez cette charmante et belle Natalia Pawlowna, quand il se cacha dans son boudoir. Et puis, mon ami,[146] widersprechen Sie mir nicht und entmutigen Sie mich nicht, ich bitte Sie, denn es gibt nichts Unerträglicheres, als wenn ein Mensch schon unglücklich ist und ihm dann hundert Freunde sofort noch erklären, wie dumm er gehandelt hat. Setzen Sie sich und trinken Sie Tee. Ich muß gestehen, ich bin sehr müde geworden ... sollte ich mich nicht hinlegen und eine Essigkompresse machen? Was meinen Sie?“

„Aber selbstverständlich,“ sagte ich, „und besser noch eine mit Eis. Sie sind sehr aufgeregt. Sie sind ja ganz bleich und Ihre Hände zittern. Legen Sie sich hin, erholen Sie sich und sprechen Sie vorläufig nicht. Ich werde mich zu Ihnen setzen und warten. Und nachher können Sie mir dann alles erzählen.“

Doch er konnte sich noch nicht entschließen, sich hinzulegen, ich aber bestand darauf. Nastassja brachte Essig in einer Tasse, ich feuchtete ein Handtuch damit an, das ich ihm dann auf den Kopf legte. Darauf kletterte Nastassja auf einen Stuhl und schickte sich zu meiner nicht geringen Verwunderung an, in der Ecke vor dem Heiligenbilde das Lämpchen anzuzünden. Noch nie hatte ich früher ein Lämpchen bei ihm gesehen und nun war es plötzlich da und wurde sogar angezündet.

„Das habe ich vorhin angeordnet, gleich nachdem sie fortgegangen waren,“ sagte Stepan Trophimowitsch leise zu mir und sah mich dabei schlau an, „quand on a de ces choses-là dans sa chambre et qu’on vient vous arrêter,[147] so macht das unbedingt einen guten Eindruck und die müssen dann doch aussagen, daß sie gesehen haben ...“

Als Nastassja mit dem Lämpchen fertig war, ging sie zur Tür, blieb aber dort stehen, legte mitleidig die rechte Hand an die Wange und begann, ihn mit bekümmertem Blick anzusehen.

Eloignez-la unter irgendeinem Vorwand,“ winkte er mir vom Diwan zu. „Kann dieses russische Mitleid nicht ausstehen, et puis ça m’embête.“[148]

Doch sie ging schon von selbst hinaus. Es fiel mir auf, daß er immer wieder zur Tür blickte und zum Vorzimmer hinhorchte.

Il faut être prêt, voyez-vous,“ (er sah mich dabei bedeutungsvoll an) „chaque moment[149] können sie kommen, einen festnehmen und huitt – weg ist ein Mensch!“

„Herrgott! Wer kann kommen? Wer kann Sie festnehmen?“

Voyez-vous, mon cher,[150] ich habe ihn ganz einfach gefragt, als er schon fortgehen wollte: was wird man jetzt mit mir machen?“

„Hätten Sie doch lieber gleich gefragt, wohin man Sie verschicken will!“ rief ich unwillig.

„Das meinte ich ja auch damit, aber er ging fort und sagte nichts. Voyez-vous: was die Wäsche anbetrifft, die Kleider, die warmen Kleider besonders, ich glaube, das kann man schon mitnehmen, denke ich, doch vielleicht schicken sie einen auch im Soldatenmantel fort. Aber ich habe fünfunddreißig Rubel“ (er senkte plötzlich die Stimme und blickte ängstlich nach der Tür, durch die Nastassja hinausgegangen war) „heimlich durch die Westentasche, die ich ein bißchen aufgeschnitten habe, in die Weste hineingesteckt, sehen Sie hier, fühlen Sie ... Ich glaube, die Weste werden sie mir doch nicht ausziehen, u–und zum Schein habe ich in mein Portemonnaie sieben Rubel gelegt ‚alles, sozusagen, was ich habe‘. Und hier im Tisch ist noch Kleingeld und Kupfergeld, so daß sie gar nicht auf den Gedanken kommen werden, daß ich noch Geld versteckt habe. Sie werden glauben, das sei wirklich alles. Denn Gott mag wissen, wo ich heute noch nächtigen werde.“

Mir sank der Kopf auf die Brust ob solchem Wahnsinn. So, wie er es wiedergab, konnte man doch weder einen Menschen verhaften, noch Haussuchungen vornehmen. Daß er sich irgendwie täuschte, auch über das, was geschehen war, daran zweifelte ich jetzt nicht mehr. Allerdings hatte man ihm (nach seinen eigenen Worten) ein gesetzmäßigeres Vorgehen zugedacht, er aber war „noch schlauer“ gewesen und hatte das selbst verhindert ... Freilich geschah das damals noch vor den neuen diesbezüglichen Gesetzen ... und freilich durfte damals, also noch vor kurzem, der Gouverneur in äußersten Fällen ... Aber was konnte denn hier für ein äußerster Fall vorliegen?

„Es ist bestimmt ein Telegramm aus Petersburg gekommen,“ sagte plötzlich Stepan Trophimowitsch.

„Ein Telegramm! Ihretwegen? Weil Sie Herzens Bücher besitzen? Oder gar wegen Ihres Poems? Sie scheinen ja wirklich krank zu sein – was für einen Grund kann man denn deshalb haben, Sie zu arretieren?“

„Wer kann das wissen, in unserer Zeit, warum man arretiert wird?“ flüsterte er rätselhaft.

Ein unglaublicher, unmöglicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf.

„Stepan Trophimowitsch, sagen Sie mir jetzt einmal wie einem Freunde,“ rief ich, „wie einem aufrichtigen, treuen Freunde, ich werde Sie nicht verraten: gehören Sie nicht irgendeinem geheimen Verbande an?“

Und da antwortete er mir zu meiner Verwunderung keineswegs sicher und bestimmt, ob er zu solch einem geheimen Verbande gehörte oder nicht gehörte. Ich wurde nicht klug daraus.

„Ja, voyez-vous, es kommt darauf an, wie man’s nimmt. Voyez-vous ...“

„Wie man was ‚nimmt‘?“

„Wenn man immer mit dem ganzen Herzen für den Fortschritt gewesen ist, und ... wer kann denn sicher sein? Du glaubst, daß du nicht gehörst, und siehe da, du gehörst schließlich doch zu irgend etwas.“

„Wie ist das möglich, hier handelt es sich doch nur um ja oder nein?“

Cela date de Pétersbourg,[151] als wir beide dort das Blatt gründen wollten. Da steckt die Wurzel. Wir drückten uns damals und man vergaß uns: jetzt aber haben sie sich wieder unserer erinnert. Cher, cher, kennen Sie mich denn nicht!“ rief er plötzlich krankhaft erregt. „Man wird uns festnehmen, in einen Bauernschlitten setzen und dann: marsch nach Sibirien fürs ganze Leben! Oder man vergißt uns in einer Kasematte!“

Und plötzlich begann er heiße, heiße Tränen zu weinen. Er bedeckte die Augen mit seinem seidenen Taschentuch und weinte und schluchzte ungefähr fünf Minuten lang. Ich konnte es nicht mit ansehen. Dieser alternde Mann, der jetzt zwanzig Jahre lang unser Freund und Lehrer, unser Patriarch gewesen war, der sich so hoch über uns allen zu halten verstanden hatte: der weinte plötzlich wie ein kleiner, ungezogener Junge, der den Stock, nach dem der Lehrer gegangen ist, fürchtet. Grenzenlos tat er mir leid. An den „Bauernschlitten“ glaubte er sicherlich eben so fest, wie daran, daß ich neben ihm saß – und erwartete ihn womöglich sofort, in der nächsten Minute schon. Und alles das für den Besitz der Werke Herzens oder irgendein eigenes Poem! Solch eine vollkommene Unkenntnis der alltäglichen Wirklichkeit war rührend und gleichzeitig doch auch widerlich.

Endlich hörte er auf zu weinen, erhob sich vom Diwan und ging wieder im Zimmer auf und ab. Sein Gespräch setzte er ebenso unzusammenhängend fort, wie zuvor; dabei blickte er jeden Augenblick zum Fenster hinaus oder horchte, ob nicht jemand ins Vorzimmer trat. Alle meine Beteuerungen und Beruhigungen sprangen von ihm ab wie Erbsen von der Wand. Er hörte mir kaum zu, und hatte es dabei doch ersichtlich furchtbar nötig, daß ich ihn beruhigte. Er sprach denn auch beinahe nur in dieser Absicht. Ich sah bald ein, daß er jetzt ohne mich nicht auskommen konnte, mich jedenfalls um keinen Preis jetzt von sich gelassen hätte. So blieb ich denn bei ihm und wir verbrachten ungefähr zwei Stunden miteinander.

Im Laufe des Gesprächs bemerkte er, daß Blümer unter anderem auch zwei Proklamationen, die er bei ihm irgendwo gefunden hatte, mitgenommen habe.

„Proklamationen!?“ Ich erschrak dummerweise. „Sind Sie denn ...“

„Ach, man hat mir einmal zehn Stück ins Haus geworfen,“ antwortete er geärgert. (Er sprach bald ungehalten und hochmütig mit mir, bald klagend und erniedrigt.) „Aber acht hatte ich schon beseitigt und Blümer hat nur noch zwei gefunden.“

Und plötzlich errötete er vor Unwillen.

Vous me mettez avec ces gens-là![152] Sie halten es also für möglich, daß ich zu diesen Schuften, diesen heimlichen Zusteckern gehören könnte, zu solchen, wie mein Söhnchen Pjotr Stepanowitsch einer ist, avec ces esprits-forts de la lâcheté![153] O Gott!“

„Ja, aber sollte man Sie nicht vielleicht irgendwie verwechselt haben ... Übrigens, Unsinn, nein, das kann nicht sein!“

Savez-vous,“ entriß es sich ihm plötzlich, „ich fühle zuweilen, que je ferai là-bas quelque esclandre.[154] Oh, gehen Sie nicht fort, lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! Ma carrière est finie aujourd’hui, je le sens.[155] Ich ... wissen Sie, ich werde mich vielleicht auch auf jemanden stürzen und beißen, wie jener Leutnant ...“

Er sah mich ganz sonderbar an, mit einem erschrockenen Blick, der aber zu gleicher Zeit auch selbst erschrecken zu wollen schien. Tatsächlich ärgerte er sich über irgendwen oder irgendetwas immer mehr, und zwar um so mehr, je länger der „Bauernschlitten“ auf sich warten ließ.

Plötzlich warf Nastassja, die aus der Küche ins Vorzimmer gegangen war, dort einen Kleiderhalter um. Stepan Trophimowitsch fuhr erschrocken auf und zitterte: als sich dann aber die Sache aufklärte, da schrie er sie an vor Wut, und jagte sie, mit den Füßen trampelnd, wieder zurück in die Küche.

Nach einiger Zeit sagte er, indem er mich verzweifelt anblickte:

„Ich bin verloren! Cher“ – er setzte sich plötzlich neben mich und sah mir traurig, unsäglich traurig, doch mit unverwandtem Blick, in die Augen. „Cher, ich fürchte ja nicht Sibirien, ich schwöre es Ihnen, oh, je vous jure,[156] ich fürchte etwas anderes ...“ und sogar Tränen traten ihm in die Augen.

Ich erriet sofort, schon an seinem Mienenspiel, daß er mir endlich etwas Besonderes mitteilen wollte, sich aber bis jetzt noch bezwungen hatte.

„Ich fürchte die Schande,“ flüsterte er schließlich geheimnisvoll.

„Welche Schande? ... Im Gegenteil! Glauben Sie mir doch, Stepan Trophimowitsch, alles wird sich noch heute aufklären, und zwar zu Ihrem Vorteil ...“

„Sind Sie so überzeugt, daß man mir verzeihen wird?“

„Was reden Sie von verzeihen! Was für Worte Sie da wieder gebrauchen! Was haben Sie denn begangen? Ich versichere Ihnen doch, Sie haben nichts getan!“

Qu’en savez-vous[157] ... mein ganzes Leben war ... Cher ... Es wird ihnen alles von mir einfallen ... Und wenn sie nichts finden, um so schlimmer!“ fügte er plötzlich überraschend hinzu.

„Um so schlimmer?“

„Um so schlimmer.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Mein Freund, mein Freund, nun, meinetwegen Sibirien, nach Archangelsk, Verlust aller Rechte, – kommt man um, dann kommt man um! Aber ... ich fürchte das andere ...“ (wieder Geflüster, angstvolle Augen und Geheimtuerei).

„Aber was denn, was?“

„Sie werden mich durchprügeln!“ flüsterte er und sah mich wie verloren an.

„Wer wird Sie durchprügeln? Wo? Warum?“ rief ich erschrocken, denn ich glaubte schon, er habe den Verstand verloren.

„Wo? Nun da ... wo das gemacht wird.“

„Ja, wo wird denn das gemacht?“

„Ach, cher,“ flüsterte er mir beinahe schon ins Ohr, „plötzlich verschwindet unter einem ein Stück Diele und man fällt bis zur Hüfte in eine Öffnung ... Das weiß doch ein jeder ...“

„Fabeln!“ rief ich erratend, „das sind doch alte Fabeln. Ja, aber haben Sie denn wirklich bis jetzt an so etwas geglaubt?“ Ich begann zu lachen.

„Fabeln? So ganz grundlos entstehen solche Fabeln doch nicht. Ich hab es mir schon zehntausendmal in der Phantasie vorgestellt!“

„Aber warum denn Sie, gerade Sie? Sie haben doch nichts getan?“

„Um so schlimmer, sie werden einsehen, daß ich nichts getan habe, und prügeln dann erst recht!“

„Und Sie sind überzeugt, daß man Sie zu dem Zweck nach Petersburg bringen wird?“

„Mein Freund, ich habe schon gesagt, mir tut nichts mehr leid, ma carrière est finie.[158] Seit jener Stunde in Skworeschniki, als sie sich von mir verabschiedete, tut es mir um mein Leben nicht mehr leid ... aber die Schande, die Schande, que dira-t-elle,[159] wenn sie es erfährt?“

Verzweifelt sah er mich an und – der Arme! – errötete über und über. Ich senkte gleichfalls die Augen.

„Sie wird nichts erfahren, denn man wird Ihnen nichts tun. Es ist mir, als ob ich zum erstenmal mit Ihnen spräche, Stepan Trophimowitsch, dermaßen haben Sie mich heute in Erstaunen gesetzt.“

„Mein Freund, das ist doch keine Furcht. Nun, mögen sie mir da meinetwegen auch verzeihen, mich sogar wieder herbringen und mir auch sonst nichts antun – aber gerade hier bin ich ja dann verloren! Elle me soupçonnera toute sa vie[160] ... mich, mich, den Dichter, den Denker, den Menschen, den sie zweiundzwanzig Jahre lang angebetet hat!“

„Wird ihr gar nicht einfallen.“

„Es wird, wird!“ flüsterte er in tiefer Überzeugung. „Wir haben beide mehreremal darüber gesprochen, in Petersburg, bevor wir fortfuhren, als wir beide fürchteten. Elle me soupçonnera toute sa vie ... und wie sie überzeugen? Es wird alles so unwahrscheinlich klingen. Ja, und wer wird mir denn hier in der Stadt glauben? C’est invraisemblable ... Et puis les femmes[161] ... Sie wird sich freuen. Sie wird sehr betrübt sein, sogar aufrichtig betrübt, wie ein treuer Freund, aber, im geheimen – wird sie sich freuen ... Ich gebe ihr eine Waffe gegen mich fürs ganze Leben. Oh, vernichtet ist es jetzt, mein ganzes Leben! Zwanzig Jahre ein so großes Glück mit ihr ... und nun dies!“

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

„Stepan Trophimowitsch, sollten Sie nicht Warwara Petrowna sofort von dem Vorgefallenen benachrichtigen?“ schlug ich vor.

„Gott soll mich davor bewahren!“ – er fuhr zusammen und sprang sogar auf. „Auf keinen Fall, niemals, nach dem, was in Skworeschniki gesagt worden ist, nie–mals!“

Seine Augen blitzten plötzlich.

Wir saßen, glaube ich, noch eine gute Stunde und warteten immer noch auf irgendetwas – es war das schon zu einer fixen Idee geworden. Er legte sich wieder hin, schloß sogar die Augen und lag ungefähr zwanzig Minuten ganz still, ohne ein Wort zu sprechen, so daß ich bereits glaubte, er sei eingeschlafen. Plötzlich aber erhob er sich jäh, riß das Handtuch vom Kopf, sprang vom Diwan auf und stürzte zum Spiegel, um sich sofort eine neue weiße Krawatte umzubinden, rief mit Donnerstimme Nastassja und befahl, ihm seinen Mantel, Hut und Stock zu geben.

„Ich kann’s nicht mehr aushalten,“ sagte er, „ich kann nicht, ich kann nicht! ... Ich gehe selbst.“

„Wohin?“ Auch ich sprang auf.

„Zu Lembke. Cher, ich muß, es ist meine Pflicht. Ja, meine Pflicht. Ich bin ein Bürger und ein Mensch, aber kein Strohhalm, ich habe Rechte, ich will mein Recht ... Ich habe zwanzig Jahre lang meine Rechte nicht mehr gefordert, ich habe sie mein ganzes Leben lang unverzeihlich vergessen ... aber jetzt werde ich sie verlangen. Er muß mir alles sagen, alles. Er hat gewiß ein Telegramm erhalten. Er darf mich nicht quälen. Wenn schon, denn schon – dann soll er mich lieber sofort verhaften, verhaften, verhaften!“

Er schrie die letzten Worte mit einer Stimme, die sich überschlug, und stampfte mit den Füßen.

„Ich gebe Ihnen vollkommen recht,“ sagte ich absichtlich so ruhig wie nur möglich, obgleich ich nicht wenig für ihn fürchtete. „Das ist wirklich besser, als mit einer solchen Sorge stillzusitzen. Nur Ihre ganze Stimmung kann ich nicht loben. Sehen Sie doch im Spiegel, wie Sie aussehen. Wie können Sie denn so zu Lembke gehen? Il faut être digne et calme avec Lembke.[162] Man könnte Ihnen jetzt wirklich zutrauen, daß Sie sich auf jemanden werfen und ihn beißen!“

„Ich liefere mich selbst aus! Ich gehe freiwillig in den Rachen des Löwen ...“

„Ich gehe natürlich mit Ihnen.“

„Anderes habe ich von Ihnen auch nicht erwartet, ich nehme Ihr Opfer an, als Opfer eines treuen Freundes, aber nur bis zum Hause, nur bis zum Hause: denn Sie dürfen nicht, Sie haben nicht das Recht, sich noch weiter mit mir zu kompromittieren. O, croyez-moi, je serai calme! In diesem Augenblick fühle ich mich à la hauteur de tout ce qu’il y a de plus sacré[163] ...“

„Ich werde mit Ihnen vielleicht auch ins Haus gehen,“ unterbrach ich ihn. „Gestern hat mich nämlich dieses dumme Komitee durch Wyssotzki benachrichtigt, daß man morgen zum Fest auf mich rechnet: als Anordner, oder wie sie da ... ich soll einer von den sechs jungen Herren sein, die nach den Teebrettern sehen, den Damen den Hof machen, den Gästen die Plätze aufsuchen und dabei eine weißrote Schleife an der linken Schulter tragen müssen. Ich wollte zuerst abschlagen – aber warum soll ich jetzt nicht zum Gouverneur gehen, unter dem Vorwande, die Angelegenheit mit Julija Michailowna selbst besprechen zu wollen? So gehen wir denn beide zusammen.“

Er hörte zu und nickte nur mit dem Kopf, doch wahrscheinlich hatte er nichts verstanden.

Wir standen schon an der Tür.

Cher,“ rief er plötzlich und streckte die Hand zu der Ecke aus, in der das Lämpchen brannte, „cher, ich habe nie an das da geglaubt, aber ... lassen Sie mich, lassen Sie!“ und er bekreuzigte sich. „Allons![164]

„– Ist recht so,“ dachte ich bei mir, als ich nach ihm aus dem Hause trat, „unterwegs wird noch die frische Luft gut tun, wir werden uns beruhigen, wieder nach Hause kommen und uns schlafen legen ...“

Ich hatte aber die Rechnung ohne Stepan Trophimowitsch gemacht. Gerade unterwegs geschah etwas, das ihn noch mehr erschüttern sollte und ihn endgültig vorwärts trieb ... so daß ich, ich muß gestehen, eine solche Kühnheit, wie er sie an diesem Morgen zeigte, von unserm Freunde gar nicht erwartet hätte. Mein armer Freund! Mein guter, lieber Freund!

Fünfzehntes Kapitel.
Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen

Fünfzehntes Kapitel. Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen
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