II.

III.

„Warum schweigen Sie?“ rief Stawrogin ungeduldig Kirilloff zu, kurz bevor sie das Haus erreichten.

„Was wollen Sie?“ fragte dieser, fast vom Pferde rutschend, da es sich bäumte.

Stawrogin bezwang sich.

„Ich wollte ihn nicht beleidigen, diesen ... Dummkopf, und doch habe ich es wieder getan,“ sagte er langsam.

„Ja, Sie haben ihn wieder beleidigt,“ sagte Kirilloff trocken, – „und dabei ist er gar kein Dummkopf.“

„Immerhin habe ich alles getan, was ich konnte.“

„Nein.“

„Was hätte ich denn tun sollen?“

„Nicht fordern.“

„Noch einen Schlag ins Gesicht ertragen?“

„Ja, noch einen Schlag ertragen.“

„Ich fange an nichts mehr zu begreifen!“ sagte Stawrogin geärgert. „Warum erwartet man von mir, was man sonst von niemandem erwartet? Warum soll ich ertragen, was sonst niemand erträgt, und mir Bürden aufladen, die keiner tragen kann?“

„Ich glaube, Sie suchen eine Bürde.“

„Ich suche eine Bürde?“

„Ja.“

„Sie ... haben das bemerkt?“

„Ja.“

„Ist das so bemerkbar?“

„Ja.“

Sie schwiegen. Stawrogin sah besorgt aus, fast erschreckt.

„Ich habe nur deshalb nicht auf ihn geschossen, weil ich nicht töten wollte, und das war alles, ich versichere Sie,“ sagte er schnell und erregt, als wollte er sich rechtfertigen.

„Es war nicht nötig, zu beleidigen.“

„Was hätte man denn tun sollen?“

„Man hätte töten sollen.“

„Es tut Ihnen leid, daß ich ihn nicht erschossen habe?“

„Mir tut gar nichts leid. Ich glaubte, Sie wollten ihn wirklich erschießen. Sie wissen selbst nicht, was Sie suchen.“

„Ich suche eine Bürde,“ lachte Stawrogin auf.

„Wenn Sie nicht Blut vergießen wollten, warum gaben Sie sich denn selbst dazu her?“

„Wenn ich ihn nicht gefordert hätte, so wäre ich von ihm so erschlagen worden, ohne Duell.“

„Das ist nicht Ihre Sache. Vielleicht hätte er auch nicht erschlagen.“

„Sondern nur geschlagen?“

„Nicht Ihre Sache. Tragen Sie die Bürde. Sonst gibt es kein Verdienst.“

„Aus dem mache ich mir gerade was! Habe es noch bei niemandem gesucht!“

„Ich glaubte, Sie suchten,“ schloß Kirilloff unglaublich kaltblütig.

Sie ritten auf den Hof.

„Kommen Sie zu mir?“ lud ihn Stawrogin ein.

„Nein, ich gehe nach Haus. Leben Sie wohl.“

Er stieg aus dem Sattel und nahm seinen Kasten unter den Arm.

„Aber wenigstens Sie ärgern sich doch nicht über mich?“ fragte Stawrogin und hielt ihm die Hand hin.

„Nicht im geringsten!“ Kirilloff kehrte sofort zurück, um ihm die Hand zu drücken. „Wenn meine Bürde mir leicht ist, so ist es, weil das von Natur so ist, und wenn Ihre Bürde Ihnen vielleicht schwerer ist, so kommt das auch, weil die Natur so ist. Sehr zu schämen braucht man sich deshalb nicht, nur ein wenig.“

„Ich weiß, daß ich ein nichtiger Charakter bin, aber ich dränge mich ja auch nicht unter die Starken.“

„Tun Sie’s auch nicht. Sie sind kein starker Mensch. Kommen Sie wieder Tee trinken.“

Stawrogin trat verwirrt und erregt bei sich ein.

IV.

Alexei Jegorowitsch meldete ihm sofort, daß Warwara Petrowna, die sich über den Spazierritt Nicolai Wszewolodowitschs – den ersten nach acht Tagen Krankheit – sehr gefreut hatte, nun gleichfalls ausgefahren sei, „so wie früher alle Tage, um wieder einmal frische Luft zu atmen, dieweil sie es seit acht Tagen nicht mehr getan haben.“

„Ist sie allein gefahren oder mit Darja Pawlowna?“ unterbrach Stawrogin den alten Diener hastig und sein Gesicht verdüsterte sich sehr, als er hörte, daß Darja Pawlowna „krankheitshalber vorgezogen haben, nicht mitzufahren und sich augenblicklich in ihren Zimmern befinden“.

„Höre, Alter,“ sagte er, wie nach einem plötzlichen Entschluß, „paß auf sie heute den ganzen Tag auf, und wenn du bemerkst, daß sie zu mir kommen will, so halte sie zurück und sag ihr, daß ich sie nicht empfangen kann, wenigstens in diesen Tagen nicht ... daß ich sie selbst darum bitten lasse ... und wenn es Zeit sein wird, werde ich sie selbst rufen – hörst du?“

„Zu Befehl,“ sagte Alexei Jegorowitsch mit Kummer in der Stimme und senkte die Augen.

„Aber nicht früher, als bis du sicher bist und genau siehst, daß sie zu mir kommen will.“

„Der gnädige Herr können unbesorgt sein, es wird alles so gemacht werden. Durch mich sind bis jetzt auch alle Besuche ermöglicht worden, sie haben sich immer an mich gewandt.“

„Ich weiß. Also nicht früher, als bis sie selbst kommt. Und jetzt bring mir Tee, wenn es geht, möglichst schnell.“

Kaum hatte der Alte das Zimmer verlassen, als dieselbe Tür sich wieder öffnete und Darja Pawlowna auf der Schwelle erschien. Ihr Blick war ruhig, doch das Gesicht bleich.

„Woher kommen Sie?“ rief Stawrogin.

„Ich stand hier an der Tür und wartete, bis er hinausging, um dann bei Ihnen einzutreten. Ich habe gehört, was Sie ihm angaben. Als er fortging, versteckte ich mich hinter den Mauervorsprung rechts, und so hat er mich nicht bemerkt.“

„Ich wollte schon lange mit Ihnen brechen, Dascha ... so lange ... es noch Zeit ist. Ich konnte Sie heute Nacht nicht empfangen, trotz Ihrer brieflichen Bitte. Ich wollte Ihnen gleichfalls schreiben, aber ich verstehe nicht zu schreiben,“ fügte er mit Ärger und sogar wie angeekelt hinzu.

„Auch ich habe bereits daran gedacht, daß wir brechen müssen. Warwara Petrowna argwöhnt schon zu sehr unsere Beziehungen.“

„Nun, mag sie doch.“

„Sie soll sich nicht beunruhigen. Und so bleibt es denn jetzt bis zum Ende?“

„Sie erwarten immer noch unbedingt ein Ende?“

„Ja, ich bin überzeugt, daß es kommen wird.“

„Auf der Welt hat nichts ein Ende.“

„Hier aber wird es ein Ende geben. Rufen Sie mich dann, ich werde kommen. Und jetzt leben Sie wohl.“

„Und was für ein Ende wird denn das sein?“ fragte Stawrogin halb lachend.

„Sie sind nicht verwundet und ... haben auch kein Blut vergossen?“ fragte sie, ohne auf die Frage nach dem Ende zu antworten.

„Es war dumm; ich habe niemanden getötet, beunruhigen Sie sich nicht. Übrigens werden Sie heute noch alles von allen hören. Ich fühle mich nicht ganz wohl.“

„Ich gehe schon. Die Anzeige der Heirat wird heute nicht erfolgen?“ fragte sie noch wie unschlüssig.

„Heute nicht; morgen nicht ... übermorgen – sind wir vielleicht alle tot, ... um so besser. Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch endlich!“

„Sie werden die andere nicht zugrunde richten ... die Wahnsinnige?“

„Ich werde keine Wahnsinnige zugrunde richten, weder die eine noch die andere, aber ich glaube, die Vernünftige richte ich zugrunde: ich bin so gemein, so niedrig, Dascha, daß ich Sie vielleicht wirklich rufen werde – ‚ganz zum Schluß‘, wie Sie sagen, und Sie werden dann, trotz Ihrer Vernunft, zu mir kommen. Warum richten Sie sich selbst zugrunde?“

„Ich weiß, daß zum Schluß nur ich bei Ihnen bleiben werde und ... ich warte darauf.“

„Wenn ich Sie aber zum Schluß nicht rufe und von Ihnen fortlaufe?“

„Das ist unmöglich, Sie werden mich rufen.“

„Darin liegt viel Verachtung für mich.“

„Sie wissen, daß nicht nur Verachtung ...“

„Also ist Verachtung immerhin dabei?“

„Ich wollte es nicht so sagen. Gott ist mein Zeuge, daß ich von Herzen wünschte, Sie hätten mich niemals nötig.“

„Die eine Phrase ist die andere wert. Auch ich wünschte, Sie nicht zugrunde zu richten.“

„Niemals und durch nichts werden Sie mich zugrunde richten können – und das wissen Sie ja selbst am besten,“ sagte Darja Pawlowna schnell und überzeugt. „Wenn ich nicht zu Ihnen komme, so werde ich barmherzige Schwester, Krankenwärterin. Oder werde als Büchertrödlerin Bibeln verkaufen. Das habe ich beschlossen. Ich kann nicht in solchen Häusern leben, wie dieses hier. Nicht das ist es, was ich will ... Sie wissen alles ... –“

„Nein, ich habe es nie erfahren können, was Sie wollen; ich glaube, Sie interessieren sich für mich, wie zuweilen alte Krankenwärterinnen aus irgendeinem Grunde einen Pflegling den anderen vorziehen, oder, noch besser, wie auf unseren Kirchhöfen die betenden Greisinnen von den vielen Leichen sich eine etwas ansehnlichere aussuchen, die sie dann besonders in ihr Herz schließen.[41] Warum sehen Sie mich so sonderbar an?“

„Sind Sie sehr krank?“ fragte sie teilnehmend und sah ihn dabei ganz eigentümlich nachdenklich und forschend an. „Gott! Und dieser Mensch will ohne mich auskommen!“

„Hören Sie, Dascha, ich sehe jetzt immer Gespenster. Heute nacht bot sich mir ein kleiner Teufel auf der Brücke an, – erbot sich, Lebädkin und Marja Timofejewna zu ermorden, um meiner gesetzlichen Ehe ein Ende zu machen, und so, daß nichts ruchbar wird. Als Handgeld verlangte er nur drei Rubel, doch gab er deutlich zu verstehen, daß die ganze Operation nicht weniger als tausendfünfhundert kosten werde. Das war mir mal ein gut berechnender Teufel! Ein Buchhalter! Ha–ha!“

„Und Sie sind fest überzeugt, daß es ein Gespenst war?“

„O nein, durchaus kein Gespenst! Das war ganz einfach der entsprungene Zuchthäusler Fedjka, ein sibirischer Sträfling und Raubmörder. Doch das ist Nebensache. Aber was glauben Sie, daß ich getan habe? Ich habe ihm das ganze Geld aus meinem Portemonnaie hingeworfen, und er ist jetzt vollkommen überzeugt, daß ich ihm damit das Handgeld gezahlt habe!“

„Sie haben ihn in der Nacht getroffen und er hat Ihnen diesen Vorschlag gemacht? Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, daß Sie von dem Netz jener Leute schon vollständig umstrickt sind?“

„Nun, mögen sie. Aber soll ich Ihnen sagen, was für eine Frage sich jetzt in Ihnen dreht und windet? – ich sehe sie in Ihren Augen,“ fügte er gereizt mit bösem Lächeln hinzu.

Dascha erschrak:

„Gar keine Frage und es gibt da überhaupt keinen Zweifel, schweigen Sie!“ rief sie in Unruhe, die Frage gleichsam von sich fortscheuchend.

„Sie sind also überzeugt, daß ich nicht zu Fedjka in die Kneipe gehen werde?“

„O Gott!“ Sie erhob die Hände. „Warum quälen Sie mich so?“

„Nun, verzeihen Sie mir meinen dummen Scherz, offenbar habe ich mir von jenen deren schlechte Manieren angeeignet. Wissen Sie, seit dieser Nacht habe ich so wahnsinnige Lust zu lachen, immerzu, ununterbrochen, lange, aus vollem Halse zu lachen. Ich bin wie geladen mit Gelächter ... Hu! Mama ist angekommen; ich kenne den Ruck, mit dem ihre Equipage vor dem Portal anhält.“

Dascha ergriff seine Hand.

„Wird doch Gott Sie vor Ihrem Dämon bewahren und ... rufen Sie mich, rufen Sie mich dann schnell!“

„Oh, mein Dämon! Der ist ja nur ein kleines, widerliches, skrofulöses Teufelchen, das sich erkältet und den Schnupfen hat, eines von den mißlungenen. Aber Sie, Dascha, Sie wagen ja wieder nicht, etwas auszusprechen?“

Sie sah ihn mit Schmerz und Vorwurf an und wandte sich zur Tür.

„Hören Sie,“ rief er ihr mit boshaftem, verzerrtem Lächeln nach. „Wenn ... nun, da, mit einem Wort, wenn ... Sie verstehen schon, wenn ich selbst zu Fedjka in die Kneipe ginge ... und Sie nachher riefe, – würden Sie dann auch noch kommen, selbst nach meinem Gang in die Kneipe?“

Sie ging hinaus, ohne zurückzusehen, ohne zu antworten, das Gesicht mit den Händen bedeckt.

„Sie wird kommen, auch nach meinem Gang in die Kneipe!“ murmelte er nach kurzem Nachdenken vor sich hin, und in seinem Gesicht drückte sich angewiderte Verachtung aus: – „Krankenwärterin! Hm ... Doch übrigens, vielleicht brauche ich gerade das.“

Neuntes Kapitel.
Alle in Erwartung

Neuntes Kapitel. Alle in Erwartung
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