I.
Er ging die ganze Bogojawlenskstraße hinunter; schließlich führte der Weg leicht abwärts, seine Füße glitschten im Schlamm, und plötzlich öffnete sich vor ihm im Dunkeln ein breiter, nebliger, gleichsam leerer Raum – der Fluß. Die Häuser waren hier nicht mehr Häuser zu nennen, sondern Hütten, und die Straße hatte sich in vielen Sackgassen und Gäßchen verloren. Nicolai Wszewolodowitsch ging eine ganze Weile an den Zäunen entlang, ohne sich vom Flußufer zu entfernen, verfolgte aber standhaft seinen Weg, doch eigentlich ohne viel an ihn zu denken. Er war mit ganz anderen Dingen beschäftigt und sah sich erstaunt um, als er sich plötzlich, aus tiefem Denken erwachend, fast in der Mitte unserer langen, nassen Floßbrücke fand. Keine Seele ringsum. Nichts rührte sich. Um so sonderbarer erschien es ihm da, als plötzlich fast unmittelbar neben seinem Ellenbogen eine höflich familiäre, doch übrigens ganz angenehme Stimme ertönte, aber in jenem süßlich abgerundeten Redefluß, mit dem bei uns gar zu zivilisierte Kleinbürger oder lockenhäuptige junge Kommis in den Kaufläden zu paradieren pflegen.
„Würde mir der gnädige Herr nicht erlauben, das Regenschirmchen mit eins zu benützen?“
Und tatsächlich, eine Gestalt drückte sich unter seinen Schirm, oder tat wenigstens so, als wage sie es. Der Strolch ging neben ihm, ihn fast „mit dem Ellenbogen fühlend“, wie unsere Soldaten sagen. Nicolai Wszewolodowitsch verlangsamte den Schritt und beugte sich ein wenig, um dem Unbekannten ins Gesicht sehen zu können, soweit das in der Finsternis möglich war: ein Mensch, nicht groß von Wuchs und in etwa wie ein heruntergekommener, verbummelter Kleinbürger, schlecht und nicht warm gekleidet; auf dem krausen, zottigen Haar saß schief eine nasse Tuchmütze mit halbabgerissenem Schirm. Es schien ein schwarzhaariger Mensch zu sein, mager und braun; die Augen waren groß, unbedingt schwarz, mit jenem starken Glanz und gelben Schimmer, wie ihn Zigeuner haben, – das erriet man in der Dunkelheit. Alt mochte er sein – gegen vierzig, und er war nicht betrunken.
„Du kennst mich?“ fragte Stawrogin.
„Herr Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch. Man hat Sie mir auf der Bahnstation gezeigt, kaum daß die Maschine hielt, akkurat am vorvergangenen Sonntag. Außer daß man schon früher von Ihnen gehört hat.“
„Von Pjotr Stepanowitsch? Du ... du bist der Zuchthäusler Fedjka?“
„Getauft hat man mich Fjodor Fjodorowitsch. Hab bis auf den heutigen Tag noch eine leibliche Mutter in hiesiger Gegend, eine alte Gottesdienerin, die zur Erde wächst, für uns selber Tag und Nacht alleweil zu Gott betet, damit daß sie nicht ganz umsonst ihre Altweiberzeit auf dem Ofen verliert.“
„Du bist aus dem Zuchthause entsprungen?“
„Ich hab’ halt selber mein Los verändert und ihnen da den ganzen Krempel hingeworfen. Denn ich war halt beinah auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit verurteilt, und da war’s denn schon ganz absonderlich lang auf das Ende zu warten ...“
„Was treibst du hier?“
„Ja, so, ein Tag und eine Nacht und immer ist noch nichts gemacht. Die Zeit vergeht halt von selber. Was unser Onkel ist, der ist hier in der vorigen Woche im Gefängnis gestorben, wo er von wegen falscher Gelder saß, und da hab ich denn ein Gedächtnisfeierchen für ihn gemacht und dabei so selbentlich zweimal zehn Rubel an die Hunde gebracht – das ist auch alles von unseren Taten bis eben jetzt. Und dabei haben Pjotr Stepanowitsch die Möglichkeit, uns einen Paschport auf ganz Rußland zu verschaffen, als was das Herz nur will, sogar als Kaufmann. Und da wart ich denn, bis er mir seinen Segen schenkt. Darum sagen sie, – ich meine: er, Pjotr Stepanowitsch –, darum sagt er, daß Papa dich im englischen Klub beim Kartenspiel verspielt hat, und so finde ich, sagt er, ich meine Pjotr Stepanowitsch, so finde ich diese Unmenschlichkeit ungerecht. – Sie könnten mir doch, gnädiger Herr, mit drei Rubelchen so zum Erwärmen, für ein Teechen, wohlwollen?“
„Du hast mir hier also aufgelauert. Das liebe ich nicht. Auf wessen Befehl hast du es getan?“
„Was von Befehl, so ist davon gar nichts gewesen: ich kenn’ nur bloß auch Ihre Menschenliebe, wie alle Welt es eben tut. Denn unsere Einkünftekens, Sie wissen ja selbst, Herr, daß die halt ’ne Maus auf’m Schwanz fortschleppen kann. Das war vor’gen Freitag, da habe ich mich mal vollgeschlagen mit Fleisch, wie Martyn mit Seife, wie man zu sagen pflegt, aber seit damals hab ich den ersten Tag nichts gegessen, den zweiten gefastet und den dritten wieder nichts. Wasser ist ja im Fluß, bei Gott, so viel du willst, aber davon allein kann man im Magen doch nur Karauschen züchten ... Na, und so überhaupt, der gnädige Herr werden doch wohl von den Mildtätigen sein? Und ich hab hier gerade ’ne Gevatterin nich weit, die mich erwartet: nur komm du nich ohne Rubelchen zu ihr!“
„Was hat dir denn Pjotr Stepanowitsch von mir versprochen?“
„Nicht, daß er mir was vorversprochen hat, er hat nur so mit Worten gesagt, daß ich, nu ja, dem gnädigen Herrn mal nötig sein könnte, wenn solch ein Streifen mal vorkommt; aber zu was, das hat er eigentlich nich so geradeheraus gesagt, so mit Genauigkeit, denn Pjotr Stepanowitsch will nur so zum Beispiel sehen, ob ich nich Kosakengeduld habe, und Vertrauen hat er nich für ’ne Kopeke zu mir.“
„Warum denn nicht?“
„Ja, Pjotr Stepanowitsch mag wohl ein Astrolom sein und hat jetzt vielleicht auch alle Gottesplaneten erkannt, aber der Allerklügste ist er doch noch nich. Ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor Gottes Antlitz selber, denn ich hab vieles gehört, was man so spricht von Ihnen. Pjotr Stepanowitsch – das ist eins, aber Sie, gnädiger Herr, das ist es eben, sind das andere. Wenn der von einem Menschen sagt: ’n Gauner, so ahnt ihm schon außer diesem von diesem Menschen gar nichts mehr. Sagt er: ’n Kamel, so kann der Mensch bei ihm schon nie und nimmer einen anderen Namen kriegen. Ich aber, ich bin vielleicht, kann sein, nur am Dienstag und Mittwoch ’n Kamel, aber Donnerstag vielleicht auch klüger als er selber. Jetzt weiß er bloß eben von mir, daß ich gerade große Sehnsucht nach einem Paschport habe, denn wissen Sie, in Rußland geht’s ohne Dokumentchen auf keinerlei Art – und schon glaubt er, er hat meine Seele in der Hand! Hehe, gepfiffen! Ich sag Ihnen, Herr, Pjotr Stepanowitsch hat’s furchtbar leicht zu leben auf der Welt, denn, sehen Sie, er stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er denn auch mit ihm. Dazu ist er noch geizig, daß es schon gar keine Art mehr mit ihm hat. Er glaubt, daß ich außer als durch ihn schon nie nich wagen werde, Sie zu belästigen, aber ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor’m Angesicht des leibhaftigen Gottes selber, – schon die vierte Nacht erwarte ich den gnädigen Herrn hier auf dieser Brücke, in der Sache, daß ich auch ohne ihn mit leisen Schritten, wie man sagt, meinen eigenen Weg finden kann. Besser, denke ich, du verneigst dich vor ’nem Stiefel als vor ’nem Bastschuh.“
„Wer hat es dir denn gesagt, daß ich nachts über diese Brücke gehen werde?“
„Ja, das ist schon, muß ich sagen, von anderweitig herausgekommen, mehr aus der Dummheit des Hauptmann Lebädkin, denn der kann schon gar nichts für sich behalten ... Also dann drei Rubelchen vom gnädigen Herrn für die drei Nächte, als für die Langeweile, zum Beispiel? Und daß die Kleider quatschnaß sind, davon schweigen wir schon allein von wegen der Beleidigung.“
„Ich gehe jetzt nach links und du nach rechts; die Brücke ist zu Ende. Höre, Fedjka, ich liebe es, daß man meine Worte ein für allemal behält: ich gebe dir keine Kopeke und werde dich niemals – hörst du? – niemals brauchen; ferner werde ich dich weder hier auf der Brücke noch sonst wo treffen, verstanden? Und wenn du dir das nicht merkst – so binde ich dich und übergebe dich der Polizei. Jetzt – marsch!“
„O je! Aber für die Unterhaltung schmeißen Sie mir doch wenigstens was – es war doch lustiger, so zu gehen.“
„Pack dich!“
„Ja, aber wissen Sie denn hier auch den Weg? Hier gehen ja doch so verdrehte Wege ... ich könnte zeigen, denn die hiesige Stadt auf diesem Ufer – das ist doch ganz, als ob der Teufel sie im Korb getragen hätte: alles hat er durcheinandergeschüttelt.“
„Zum ... Ich binde dich!“ wandte sich Stawrogin drohend nach ihm um.
„Denken Sie nach, vielleicht doch, gnädiger Herr? Kann man denn eine Waise lange beleidigen?“
„Du scheinst ja wirklich auf dich zu bauen!“
„Ach, gnädiger Herr, ich baue auf Sie, aber nicht, daß ich sonderlich auf mich baute!“
„Ich brauche dich nicht, hab ich dir schon gesagt!“
„Aber ich brauche doch Sie, gnädiger Herr! Das ist es ja eben. Nu, werde also warten, bis Sie zurückkommen.“
„Mein Wort: wenn ich dich antreffe, binde ich dich!“
„So werd’ ich denn schon einen Gurt bereit halten. Glückliche Reise, gnädiger Herr; haben doch alleweil mit dem Schirmchen ’ne Waise beschützt; schon dafür allein werden wir bis zum Grabe dankbar sein, gnädiger Herr.“
Er blieb zurück. Stawrogin ging besorgt weiter. Dieser plötzlich aus der Nacht aufgetauchte Mensch war von seiner Notwendigkeit für ihn doch schon gar zu überzeugt und beeilte sich doch schon zu schamlos, ihm das zu zeigen. Überhaupt machte man mit ihm jetzt keine Umstände mehr. Aber es konnte doch auch sein, daß der Strolch nicht alles gelogen und seine Dienste wirklich nur von sich aus angeboten hatte, und zwar gerade heimlich, hinter Pjotr Stepanowitschs Rücken. Das aber gab dann doch am meisten zu denken.