V.

VI.

Das heißt, nein, es wurde nicht gesprochen: es waren wohl nur Ausrufe, die man hörte. Die Reihenfolge derselben habe ich in der allgemeinen Verwirrung, die herrschte, vergessen. Sogar Mawrikij Nicolajewitsch sagte ein paar Worte. Stepan Trophimowitsch rief wieder etwas auf Französisch aus und schlug die Hände zusammen. Doch am meisten ereiferte sich sein Sohn Pjotr Stepanowitsch: er bemühte sich verzweifelt und mit großen Gesten, Warwara Petrowna von etwas zu überzeugen, er wandte sich an Praskowja Iwanowna, er wandte sich an Lisaweta Nicolajewna, ja, er rief im Eifer sogar seinem Vater etwas zu – kurz, er drehte sich mit größter Lebendigkeit im Zimmer umher. Warwara Petrowna hatte sich, hochrot im Gesicht, im ersten Augenblick von ihrem Platz erhoben und erregt Praskowja Iwanowna zugerufen: „Hast du gehört, hast du gehört, was er ihr hier soeben gesagt hat?“ Doch diese konnte nicht mehr antworten; sie winkte nur abwehrend mit der Hand und murmelte etwas Unverständliches: sie hatte eine neue Sorge, und immer wieder wandte sie den Kopf zu Lisa hin – doch aufstehen und davonfahren, das wagte sie nicht mehr, bevor sich die Tochter nicht selbst dazu entschloß. Inzwischen suchte sich der „Hauptmann“ fortzuschleichen, aber der Schreck, der ihm bei dem Erscheinen Nicolai Wszewolodowitschs in die Glieder gefahren war, lähmte ihn noch so sehr, daß er es ungeschickt genug anfing und Pjotr Stepanowitsch ihn, gerade als er aus der Tür schlüpfen wollte, noch am Ärmel erwischte und zurückzog.

„Das ist unbedingt nötig, unbedingt,“ sagte er, seine Silben wieder wie Perlen streuend, zu Warwara Petrowna, die er noch immer von irgend etwas zu überzeugen suchte.

Er stand vor ihr, sie aber hatte sich schon wieder gesetzt und hörte ihn mit Spannung an, woraus hervorging, daß er sich endlich ihre volle Aufmerksamkeit errungen hatte. „Das ist unbedingt nötig, unbedingt! Sie sehen doch selbst, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Es ist aber alles viel einfacher, als es scheint. Ich weiß sehr wohl, daß mich niemand bevollmächtigt hat, Ihnen das alles zu erzählen, und es scheint vielleicht geradezu, daß ich mich Ihnen aufdränge. Aber ganz abgesehen davon, daß Nicolai Wszewolodowitsch selbst dieser ganzen Sache weiter gar keine Bedeutung zuschreibt, gibt es doch auch Fälle, in denen es einem schwer fällt, persönlich die nötigen Erklärungen zu geben – und da ist es denn unbedingt geboten, daß ein anderer sich dazu entschließt, dem es weit leichter fällt, von gewissen zarten Dingen zu sprechen. Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch war durchaus nicht im Unrecht, als er Ihnen keine radikale Antwort auf Ihre Frage vorhin gab, – ganz abgesehen davon, daß die Geschichte überhaupt nicht so wichtig ist. Ich kenne Nicolai Wszewolodowitsch schon von Petersburg her und ich kann Sie versichern, daß alles, was da vorliegt, ihm nur Ehre macht – wenn man dieses unbestimmte Wort ‚Ehre‘ nun schon einmal gebrauchen soll ...“

„Sie wollen damit sagen, daß Sie Augenzeuge eines Geschehnisses waren, aus dem dann diese ganze ... dieses Mißverständnis entstanden ist?“

„Jawohl, Augenzeuge, und sogar Teilnehmer, wenn Sie wollen,“ bestätigte Pjotr Stepanowitsch schnell.

„Wenn Sie mir Ihr Wort darauf geben können, daß es die Gefühle meines Sohnes zu mir nicht kränken wird, zu mir, der er nicht das Ge–ring–ste verheimlicht ... und wenn Sie dabei so überzeugt sind, daß Sie ihm damit einen Gefallen erweisen –“

„Unbedingt einen Gefallen, und mir selbst wird es ein Vergnügen sein. Ich bin überzeugt, er würde mich selbst darum bitten.“

Es war gewiß sonderbar, daß dieser plötzlich vom Himmel gefallene Mensch so aufdringlich fremde Erlebnisse aufdecken wollte. Er hatte aber an Warwara Petrownas schmerzhafteste Stelle gerührt und sie dahin gebracht, wo er sie zu haben wünschte. Ich selbst wußte damals von diesem Menschen noch so gut wie nichts, um so weniger konnte ich seine Absichten durchschauen.

„Sie meinen?“ sagte Warwara Petrowna, zunächst noch vorsichtig und zurückhaltend, denn sie litt offenbar darunter, daß sie sich so weit herabließ.

Und wieder fielen, eine nach der anderen, die klaren Silben seiner Rede, wie kleine Glasperlen von einer Schnur.

„Die Sache ist ganz einfach. Im Grunde ist es kaum mehr, als eine Anekdote. Ein Romanschriftsteller würde vielleicht einen Roman daraus machen. Und uninteressant ist der Stoff auch wirklich nicht. Praskowja Iwanowna und auch Lisaweta Nicolajewna werden gewiß gern zuhören, denn er enthält, wenn auch nicht wunderbare, so doch viele wunderliche Dinge. Als vor fünf Jahren in Petersburg Nicolai Wszewolodowitsch diesen Herrn Lebädkin, der sich da soeben drücken wollte – Sie sehen, mein abgesetzter Herr Beamter des Proviantwesens, ich kenne Sie noch sehr gut, und nicht minder sind mir, wie Nicolai Wszewolodowitsch, Ihre Gaunerstreiche bekannt, über die Sie noch Rechenschaft zu geben haben werden ... Ich bitte sehr um Entschuldigung, Warwara Petrowna, – vor fünf Jahren also, in Petersburg, da nannte Nicolai Wszewolodowitsch diesen Herrn seinen Falstaff: das muß offenbar irgendein ehemaliger ‚caractère bourlesque[95] gewesen sein,“ fügte er plötzlich erklärend hinzu, „– ein Mann, der allen erlaubte, über ihn zu lachen, wenn man ihm dafür nur zahlte. Nicolai Wszewolodowitsch führte damals in Petersburg ein Leben, ich kann mich nicht anders ausdrücken, aber es war ein spottsüchtiges Leben: denn blasiert pflegt dieser Mensch nie zu sein, sich aber mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen, das verschmähte er damals. Ich rede, wie gesagt, nur von der damaligen Zeit, Warwara Petrowna. Dieser Lebädkin also hatte eine Schwester bei sich, dieselbe, die soeben hier saß. Bruder und Schwester hatten keinen eigenen Herd. Er trieb sich vor den großen Warenhäusern herum, selbstverständlich stets in seiner alten Uniform, redete von den Vorübergehenden an, wer ihm von ihnen günstig erschien, und vertrank dann das auf diese Weise erbettelte Geld. Das Schwesterlein aber nährte sich wie ein Vogel Gottes, half in den Winkeln und Ecken, wo sie lebte, bald dem einen, bald dem anderen, und verdiente sich so das Notwendigste. Es war das schrecklichste Sodom: ich übergehe die Schilderung dieses Lebens, an dem damals auch Nicolai Wszewolodowitsch aus ‚Verschrobenheit‘ Anteil nahm. Das ist sein eigener Ausdruck. Er pflegt mir vieles nicht zu verheimlichen. Mit Fräulein Lebädkin nun traf er eine Zeitlang öfter zusammen; sie begeisterte sich für ihn und er war – nun, er war so etwas wie der Brillant auf dem schmutzigen Fond ihres Lebens. Doch ich merke, daß ich ein schlechter Schilderer menschlicher Gefühle bin und fahre darum mit den Tatsachen fort. Törichte Leute begannen sie damals gleich zu necken und zu verspotten, und da wurde sie traurig. Überhaupt lachte man dort immer über sie, aber früher hatte sie das nicht bemerkt. Schon damals war ihr Verstand nicht ganz klar, wenn auch lange nicht so schwach und wirr wie jetzt. Es ist anzunehmen, daß sie als Kind – vielleicht dank irgendeiner Wohltäterin – eine etwas bessere Erziehung erhalten hat. Nicolai Wszewolodowitsch schenkte ihr zunächst nicht die geringste Aufmerksamkeit, wenn er dort mit ihrem Bruder und den kleinen Beamten zusammensaß und Karten spielte. Aber einmal, als man sie wieder beleidigte, packte er den betreffenden Beamten einfach am Kragen und warf ihn – es war im zweiten Stock – zum Fenster hinaus. Einen besonderen Unwillen, gekränkte Ritterlichkeit oder dergleichen konnte man an ihm dabei nicht wahrnehmen. Die ganze Szene ging vielmehr unter allgemeinem Gelächter vor sich und am meisten amüsierte sie Nicolai Wszewolodowitsch selbst. Als alles glücklich ohne gebrochene Glieder abgelaufen war, versöhnte man sich wieder und begann Punsch zu trinken. Nur die Lebädkin konnte den Vorfall und ihren Beschützer nicht vergessen – und das endete dann schließlich mit der vollständigen Zerrüttung ihres Verstandes. Ich wiederhole nochmals, daß ich ein schlechter Schilderer von Gefühlen bin. Das Wichtigste war hierbei eben ihr Wahn. Und Nicolai Wszewolodowitsch tat dann noch alles, um ihn zu verstärken. Statt gleichfalls zu lachen, begann er sie plötzlich mit überraschender Hochachtung zu behandeln. Kirilloff, der auch dabei war, – das ist ein sonderbarer und origineller Mensch, Warwara Petrowna, Sie werden ihn vielleicht noch einmal sehen, denn er ist jetzt hier – dieser Kirilloff also, der sonst nur zu schweigen pflegt, sagte plötzlich: er behandelt sie wie eine Marquise und macht sie damit noch ganz verrückt. Und was glauben Sie, was er diesem Kirilloff, den er übrigens achtet, darauf geantwortet hat? ‚Sie scheinen anzunehmen, Herr Kirilloff, daß ich mich über sie lustig mache. Seien Sie versichert, daß ich sie in der Tat denkbar hoch achte, denn sie ist besser, als wir alle.‘ Und das sagte er noch, wissen Sie, in vollkommen ernstem Ton. Dabei hatte er ihr aber in all den Monaten kaum mehr als ‚guten Tag‘ und ‚Adieu‘ gesagt. Jetzt freilich brachte er sie bald so weit, daß sie ihn für ihren Bräutigam hielt, der sie nur infolge von allen möglichen romantischen Familienhindernissen vorläufig nicht ‚entführen‘ könnte – wir aber hatten unser weidliches Vergnügen daran. Die Geschichte endete damit, daß Nicolai Wszewolodowitsch, als er endlich abreisen mußte, das war also vor jetzt etwa vier Jahren – er kam damals hierher zu Ihnen – ihr eine jährliche Pension, ich glaube ungefähr dreihundert Rubel, wenn nicht mehr, aussetzte. Mit einem Wort, es war höchstens der phantastische Streich eines Beschäftigungslosen oder, wie Kirilloff sagte, es war eine neue Etude eines übersättigten Menschen, um zu erfahren, wie weit man eine arme Närrin bringen kann. ‚Sie haben,‘ sagte Kirilloff, ‚sich absichtlich das letzte Geschöpf unter den Menschen ausgesucht, ein krüppeliges Wesen, das sowieso schon mit Schlägen und Schande bedeckt ist, und von dem Sie von vornherein ganz genau wissen, daß es an seiner tragikomischen Liebe zu Ihnen zugrunde gehen muß – und plötzlich beginnen Sie, sie absichtlich zu betrügen, nur um zu sehen, was dabei wohl herauskommen wird.‘ Nun, ich meinerseits sehe nicht ein, wie ein Mensch daran schuld sein soll, wenn ein verrücktes Weib seinetwegen sich tolle Gedanken macht. Ein Weib, wohlverstanden, mit dem der betreffende Mensch kaum ein paar oberflächliche Worte gewechselt hat! Es gibt Dinge, Warwara Petrowna, über die man nicht nur nicht klug sprechen kann, sondern über die überhaupt zu sprechen schon nicht klug ist. Doch mag es nun Laune oder Sonderbarkeit gewesen sein, aber mehr kann man schon auf keinen Fall sagen; währenddessen aber macht man hier eine ganze Historie daraus ... Ich bin zum Teil darüber unterrichtet, was hier vorgeht.“

Pjotr Stepanowitsch brach plötzlich ab und wandte sich wieder Lebädkin zu. Doch Warwara Petrowna hielt ihn, beinah zitternd vor Aufregung, zurück.

„Sind Sie fertig?“ fragte sie.

„Nein, noch nicht. Zur Vervollständigung möchte ich noch diesen Herrn Lebädkin, wenn Sie gestatten ... Sie werden gleich sehen, um was es sich handelt –“

„Genug, später, warten Sie einen Augenblick, ich bitte Sie! Oh, wie gut war es doch, daß ich Sie sprechen ließ!“

„Und vergessen Sie nicht, Warwara Petrowna,“ Pjotr Stepanowitsch fuhr gleichsam auf, „daß Nicolai Wszewolodowitsch persönlich Ihnen überhaupt keine Antwort auf Ihre Frage geben konnte – die vielleicht wirklich etwas zu kategorisch war.“

„Oh ja, das war sie nur zu sehr!“

„Und hatte ich nicht Recht, als ich sagte, einem Fremden ist es leichter, gewisse Dinge zu erklären, als einem Beteiligten?“

„Ja, ja ... aber in einer Beziehung haben Sie sich doch geirrt, und wie ich mit Bedauern sehe, irren Sie sich auch jetzt noch.“

„Wirklich? Und worin wäre das?“

„Ja, sehen Sie ... Aber wie wäre es, wenn Sie sich setzten, Pjotr Stepanowitsch?“

„Oh, wie Sie wünschen, ich bin auch müde, besten Dank.“

Er zog gewandt einen Sessel heran und drehte ihn so, daß er zwischen Warwara Petrowna und Praskowja Iwanowna, die sich am Tisch niedergelassen hatte, sitzen konnte, während Lebädkin, den er nicht aus dem Auge ließ, ihm nun gerade gegenüber stand.

„Ich meine, Sie irren sich, wenn Sie dieses eine ‚Laune‘, eine ‚Sonderbarkeit‘ nennen ...“

„Oh, wenn es nur das ist –“

„Nein, nein, nein, warten Sie,“ unterbrach ihn Warwara Petrowna, die sich offenbar zu einem langen und eingehenden Gespräch vorbereitete.

Kaum gewahrte das Pjotr Stepanowitsch, da war er schon die Aufmerksamkeit selbst.

„Nein, das ist etwas Höheres als eine Laune. Das ist, ich versichere Sie, beinahe etwas Heiliges. Das ist Prinz Heinz, wie ihn Stepan Trophimowitsch früher so treffend nannte, und was vollkommen richtig wäre, wenn er nicht noch mehr an Hamlet erinnern würde.“

Et vous avez raison,“[96] bestätigte Stepan Trophimowitsch mit Empfindung und Nachdruck.

„Ich danke Ihnen, Stepan Trophimowitsch. Ich danke Ihnen ganz besonders für Ihren unerschütterlichen Glauben an Nicolas, an den Adel seiner Seele. Diesen Glauben haben Sie auch in mir befestigt, als ich den Mut schon verlieren wollte.“

Chère, chère ...“

Stepan Trophimowitsch wollte schon vortreten, überlegte aber dann doch, daß es immerhin gewagt wäre, sie zu unterbrechen.

„Und wenn Nicolas stets einen stillen, treuen und starken Horatio neben sich gehabt hätte – auch einer Ihrer schönen Vergleiche, Stepan Trophimowitsch –, so wäre er vielleicht längst erlöst“ (Warwara Petrowna geriet schon in einen singenden Ton) „von diesem ‚Dämon der Ironie‘ – auch diesen Ausdruck hat Stepan Trophimowitsch geprägt, – der ihn sein Lebelang martert. Doch Nicolas hat nie weder einen Horatio noch eine Ophelia gehabt. Er hat nur eine Mutter gehabt. Aber was kann eine Mutter in solchen Dingen tun? Wissen Sie, Pjotr Stepanowitsch, es ist mir jetzt vollkommen klar, daß ein Mensch wie Nicolas sogar in diese schmutzigen Winkel hinabsteigen konnte. Ich begreife jetzt alles. Ich begreife diese Lust zum Spott über das Leben, auf die auch Sie vorhin so vorzüglich hinwiesen. Ich begreife diesen unersättlichen Durst nach Gegensätzen, diesen trüben und unheimlichen Hintergrund seines damaligen Lebens, von dem er sich dann wie eine leuchtende Erscheinung abhob. Und in dieser schrecklichen Welt trifft er dann ein Wesen, das alle beleidigen und verspotten, eine Krüppelige, eine Irrsinnige, und zugleich doch einen Menschen, der die edelsten Gefühle hat! ...“

„Hm ... ja, nehmen wir an –“

„Und Sie sagen, Sie können nicht begreifen, weshalb er zunächst nicht wie alle die anderen über sie lacht! Oh, ihr Menschen! Und Sie können nicht verstehen, daß er sie dann vor den Beleidigern beschützt und sie wie eine ‚Marquise‘ behandelt! Dieser Kirilloff muß ein tiefer Menschenkenner sein, wenn er auch Nicolas nicht verstanden hat! Ja, vielleicht ist es gerade dieser Kontrast, aus dem diese ganze unselige Geschichte entstanden ist. Wäre die Beklagenswerte in anderen Verhältnissen, in einer anderen Umgebung gewesen, dann hätte sie wohl überhaupt nicht diesen törichten Gedanken gefaßt. Das allerdings, Pjotr Stepanowitsch, kann nur eine Frau verstehen, und wie schade ist es doch, daß Sie ... das heißt ... ich will natürlich nicht sagen, wie schade, daß Sie keine Frau sind, aber daß Sie das ganze Verständnis einer Frau nun einmal nicht haben können.“

„Das heißt also: je schlimmer, desto besser – ich verstehe, ich verstehe schon, Warwara Petrowna. Das ist so, wie in der Religion und im Staat: je schlechter es ein Mensch im Leben hat, oder je unterdrückter ein Volk ist, desto eigensinniger wird an die Belohnung, die einen im Jenseits erwartet, gedacht. Und wenn dabei noch hunderttausend Geistliche mitwirken und den Gedanken anfachen, auf den sie selbst spekulieren, so ... oh, ich verstehe Sie, Warwara Petrowna, seien Sie unbesorgt.“

„Ich glaube – doch wohl nicht so ganz. Aber sagen Sie, hätte denn Nicolas, um jenen unseligen Gedanken in diesem unglücklichen Organismus zu ertöten,“ (weshalb sie hier dieses Wort gebrauchte, verstand ich nicht) „hätte er wirklich ebenso über sie lachen und höhnen müssen, wie die anderen rohen Kumpane? Begreifen Sie denn wirklich nicht dieses große Mitleiden, diesen edlen Schauer einer edlen Seele, mit dem Nicolas plötzlich ernst diesem Kirilloff antwortet: ‚Ich lache durchaus nicht über sie.‘ Oh, diese vornehme, diese heilige Antwort.“

Sublime!,“[97] murmelte Stepan Trophimowitsch.

„Und vergessen Sie nicht, er ist durchaus nicht reich, wie Sie vielleicht denken: ich bin reich, aber nicht er, und damals hat er meine Hilfe niemals in Anspruch genommen.“

„Ich verstehe das, ich verstehe das alles, Warwara Petrowna,“ beteuerte Pjotr Stepanowitsch und bewegte sich bereits etwas ungeduldig auf seinem Stuhl.

„Oh, das ist mein Charakter! In Nicolas erkenne ich mich selbst wieder. Ich kenne diese Jugend, diese Möglichkeiten stürmisch drängender Ausbrüche ... Und wenn wir uns jemals nähertreten sollten, Pjotr Stepanowitsch, was ich meinerseits aufrichtig wünsche, um so mehr, als ich Ihnen schon so verpflichtet bin, so werden Sie dann vielleicht verstehen –“

„Oh, auch ich wünsche, glauben Sie mir –“

„– Diesen Drang, in dem man in blindem Edelmute plötzlich einen Menschen nimmt, womöglich einen, der unser gar nicht wert ist, einen Menschen, der Sie nicht im geringsten versteht und bereit ist, Sie bei jeder Gelegenheit zu quälen: und diesen Menschen macht man plötzlich wider alle Vernunft zu seinem Idealbild, zu seinem Wahnbild, legt in ihn alle Hoffnungen, beugt sich vor ihm, liebt ihn sein Lebelang, ohne auch nur zu wissen weshalb, – vielleicht gerade deshalb, weil er das gar nicht verdient hat ... Oh, wie ich mein ganzes Leben lang gelitten habe, Pjotr Stepanowitsch!“

Stepan Trophimowitsch suchte erregt meinen Blick, doch ich konnte mich noch rechtzeitig abwenden.

„Und noch vor kurzem, noch vor kurzem – oh, wie viel mir Nicolas verzeihen muß! ... Sie werden es mir nicht glauben, wie alle mich gequält haben! Gequält von allen Seiten, alle, alle, Feinde und Freunde, und die Freunde vielleicht noch mehr als die Feinde. Und als ich den ersten anonymen Brief erhielt, Pjotr Stepanowitsch, Sie werden es mir nicht glauben, aber meine Verachtung reichte einfach nicht aus für diese ganze Gemeinheit ... Nie, nie werde ich mir diesen Kleinmut vergeben!“

„Von diesen anonymen Briefen habe ich schon gehört,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, plötzlich wieder belebt, „seien Sie unbesorgt, den Verfasser werde ich schon herausbekommen.“

„Aber Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was für Intriguen hier gesponnen worden sind! Sogar unsere arme Praskowja Iwanowna hat man beunruhigt – und dazu war doch wirklich kein Grund vorhanden! Liebe Praskowja Iwanowna, heute mußt du mir schon verzeihen,“ fügte sie plötzlich in einer großmütigen Regung hinzu, aber doch nicht ohne einen leisen triumphierenden Klang in der Stimme.

„Schon gut, meine Liebe,“ murmelte diese widerwillig. „Ich aber meine, man könnte jetzt endlich aufhören, es ist schon viel zu viel gesprochen worden.“ Und wieder sah sie scheu ihre Lisa an, die aber blickte auf Pjotr Stepanowitsch.

„Und dieses arme, unglückliche Geschöpf, diese Irrsinnige, die alles verloren, nur das Herz behalten hat, die – werde ich in mein Haus aufnehmen!“ rief Warwara Petrowna plötzlich entschlossen aus. „Das ist eine heilige Pflicht und ich will sie erfüllen! Vom heutigen Tage an stelle ich sie unter meinen Schutz!“

„Und das wird sogar sehr gut sein, in einem gewissen Sinne wenigstens!“ Pjotr Stepanowitsch war wieder ganz Leben. „Entschuldigen Sie, aber vorhin bin ich nicht ganz zu Ende gekommen. Gerade was den Schutz betrifft. Stellen Sie sich vor, Warwara Petrowna, – ich fange dort an, wo ich stehen blieb, – stellen Sie sich also vor, daß damals, als Nicolai Wszewolodowitsch fortgefahren war, dieser Herr da drüben, dieser Herr Lebädkin, nichts Besseres zu tun wußte, als das seiner Schwester ausgesetzte Geld eilends und restlos zu vertrinken. Ich weiß nicht genau, in welcher Weise Nicolai Wszewolodowitsch die Zahlungsart in der ersten Zeit angeordnet hatte. Ich weiß nur, daß er sich schließlich genötigt sah, wenn er Lebädkins Schwester einigermaßen sicherstellen wollte, sie in einem fernen Kloster unterzubringen – was denn auch geschah, selbstredend unter aller nur denkbaren Rücksicht auf ihre Person, aber unter freundschaftlicher Aufsicht, Sie verstehen schon! Doch was glauben Sie wohl, wozu Herr Lebädkin sich entschloß? Erst suchte er mit aller Gewalt zu erfahren, wo man sein Zinspapier, das heißt also seine Schwester, untergebracht hatte, und dann, als ihm dies gelungen war, erwirkte er, indem er irgendwelche Rechte vorschützte, daß man sie ihm herausgab, und darauf schleppte er sie hierher. Hier nun gab er ihr nichts zu essen, sondern schlug sie, und als er auf irgendeine Weise von Nicolai Wszewolodowitsch eine größere Geldsumme herausbekommen hatte, ging das alte, wüste Trinkleben sofort von neuem an. Von Dankbarkeit Nicolai Wszewolodowitsch gegenüber natürlich keine Spur; im Gegenteil, nur sinnlose neue Forderungen stellte er an ihn und drohte gar mit dem Gericht, wenn er nicht Zahlungen erhalten würde – nahm also frech als pflichtmäßig an, was freiwillig war. – Herr Lebädkin, ist alles wahr, was ich hier soeben gesagt habe?“

Der „Hauptmann“, der bis dahin stumm und mit gesenkten Augen dagestanden hatte, trat schnell zwei Schritte vor, – das Blut schoß ihm ins Gesicht.

„Pjotr Stepanowitsch ... Sie haben mich ... grausam behandelt,“ brachte er stockend hervor.

„Wieso grausam? Doch über Grausamkeit oder Zartheit können wir später sprechen, jetzt aber wollen Sie mir gefälligst auf meine Frage antworten: ist alles wahr, was ich hier gesagt habe, oder nicht?“

„Ich ... Sie wissen ja selbst, Pjotr Stepanowitsch ...“ der „Hauptmann“ stockte und schwieg.

Pjotr Stepanowitsch saß im Lehnstuhl mit übergeschlagenen Beinen und Lebädkin stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihm. Lebädkins Unentschlossenheit schien Pjotr Stepanowitsch sehr wenig zu gefallen: in seinem Gesicht zuckte es und sein Ausdruck wurde böse.

„Ja, wollen Sie nicht vielleicht etwas sagen?“ fragte Pjotr Stepanowitsch scharf, wobei er mit zusammengekniffenen Augen durchdringend den „Hauptmann“ anblickte. „In dem Falle – bitte. Haben Sie die Güte, wir hören.“

„Sie wissen doch selbst, Pjotr Stepanowitsch, daß ich nichts sagen kann.“

„Nein, das weiß ich durchaus nicht, höre es sogar zum erstenmal; warum können Sie denn nicht?“

Lebädkin schwieg und blickte zu Boden.

„Erlauben Sie mir, Pjotr Stepanowitsch, fortzugehen,“ sagte er endlich entschlossen.

„Nicht, bevor Sie mir eine Antwort auf meine Frage gegeben haben. Noch einmal: ist alles wahr, was ich gesagt habe?“

„Ja, es ist wahr,“ sagte Lebädkin dumpf und blickte kurz zu seinem Peiniger auf.

An seinen Schläfen trat sogar Schweiß hervor.

„Ist alles wahr?“

„Alles ist wahr.“

„Haben Sie nicht noch etwas hinzuzufügen, oder zu bemerken? Wenn Sie fühlen, daß wir Ihnen irgendwie Unrecht getan haben, so sagen Sie es. Protestieren Sie, geben Sie laut Ihre Unzufriedenheit kund!“

„Nein, ich habe nichts ...“

„Haben Sie vor kurzem Nicolai Wszewolodowitsch gedroht?“

„Das ... das ... war mehr Alkohol, Pjotr Stepanowitsch!“ (Er hob plötzlich den Kopf.) „Pjotr Stepanowitsch! Wenn die beleidigte Familienehre und die unverdiente Schande im Menschenherzen aufheulen, ist dann – ist dann wirklich der Mensch noch verantwortlich?“ brüllte er plötzlich wieder los, wie vorher sich nicht mehr im Zaum haltend.

„Sind Sie nüchtern, Herr Lebädkin?“ Pjotr Stepanowitsch sah ihn durchdringend an.

„Ich ... bin nüchtern.“

„Was soll das bedeuten: ‚beleidigte Familienehre‘ und ‚unverdiente Schande‘?“

„Das habe ich nur so ... ich wollte niemanden ...“ Der Hauptmann sank wieder zusammen.

„Meine Bemerkungen über Sie und Ihr Benehmen scheinen Sie gekränkt zu haben. Sie sind ja sehr empfindlich, Herr Lebädkin. Aber erlauben Sie mal, ich habe doch noch gar nichts über Ihr Benehmen im eigentlichen Sinne gesagt. Ich werde erst anfangen, über Ihr Benehmen im eigentlichen Sinne zu sprechen. Ja, es ist sogar sehr leicht möglich, daß ich davon anfangen werde ...“

Lebädkin erzitterte plötzlich und starrte wahrhaft entsetzt Pjotr Stepanowitsch an.

„Pjotr Stepanowitsch, ich fange jetzt erst an, aufzuwachen!“

„Hm! Und ich bin es wohl, der Sie jetzt aufgeweckt hat?“

„Ja, Sie haben mich aufgeweckt, Pjotr Stepanowitsch, ich aber habe vier Jahre unter der schwebenden Wolke geschlafen ... kann ich jetzt fortgehen, Pjotr Stepanowitsch?“

„Jetzt können Sie es ... wenigstens, wenn nicht Warwara Petrowna –?“

Die aber winkte nur mit beiden Händen ab.

Der „Hauptmann“ verbeugte sich und ging, doch nach drei Schritten blieb er plötzlich wieder stehen, preßte die Hand aufs Herz, wollte etwas sagen, tat es aber doch nicht – und ging dann endlich schnell zur Türe. Doch gerade wie er hinaus wollte, wurde sie von außen geöffnet und er stieß mit Nicolai Wszewolodowitsch beinahe zusammen. Der „Hauptmann“ duckte sich gleichsam vor ihm und erstarb auf der Stelle, ohne seine Augen von ihm abwenden zu können, wie ein Kaninchen vor einer Riesenschlange.

Einen Augenblick wartete Stawrogin, dann schob er ihn mit der Hand leicht zur Seite und trat ein.

VII.
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