IV.
Ich habe schon einmal von der äußeren Erscheinung dieses Herrn gesprochen: ein großer, krausköpfiger, stämmiger Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit einem roten, ein wenig gedunsenen Gesicht, fleischigen Wangen, die bei jeder Kopfbewegung erzitterten, kleinen, vom Blutandrang geröteten Augen, die zuweilen einen recht schlauen Ausdruck annehmen konnten, mit einem Schnurrbart und Backenbart und der Anlage zu einem fleischigen Doppelkinn, das schon ziemlich unangenehm aussah. Doch am meisten überraschte an ihm, daß er jetzt in einem Frack und in sauberer Wäsche erschien. „Es gibt Menschen, zu denen saubere Wäsche nicht paßt, ja, für die sie sich einfach nicht schickt,“ hatte Liputin einmal auf Stepan Trophimowitschs scherzhaft gemachten Vorwurf, daß er, Liputin, in seiner Kleidung nachlässig sei, nicht unrichtig erwidert. Der „Hauptmann“ aber hatte plötzlich auch neue schwarze Handschuhe, von denen er den rechten in der Hand hielt, während der linke – den er wohl nur mit großer Mühe so weit bekommen hatte – seine fleischige linke Tatze nur bis zur Hälfte bedeckte, geschweige denn sich zuknöpfen ließ. Und in dieser linken Hand hielt er einen nagelneuen, offenbar gleichfalls zum erstenmal benutzten runden Hut. So hatte es denn doch seine Richtigkeit mit dem „Frack der Liebe“, von dem er gestern Abend Schatoff berichtet hatte. Alle diese Kleidungsstücke waren schon früher auf Liputins Rat gekauft worden (wie ich später erfuhr), und jedenfalls zu einem bestimmten geheimnisvollen Zweck. Zweifellos war er auch jetzt nicht aus eigenem Antriebe hierhergekommen: selbst wenn er die Szene an der Kirchentür sofort erfahren hätte, würde er doch niemals in einer dreiviertel Stunde allein einen solchen Entschluß haben fassen und gar ausführen können. Betrunken war er dabei nicht, befand sich aber in jenem stumpfen, nebligen Zustande eines Menschen, der plötzlich nach langer Betrunkenheit wieder zu sich gekommen ist. Doch ich glaube, man hätte ihn nur zu schütteln brauchen und er wäre sofort wieder betrunken gewesen.
Allem Anscheine nach wollte er mit Temperament ins Zimmer treten, doch stolperte er zum Unglück sofort über eine Teppichecke an der Tür, worüber dann Marja Timofejewna vor Lachen fast verging. Er warf der Schwester einen wütenden Blick zu und näherte sich mit ein paar Schritten Warwara Petrowna.
„Gnädige Frau, ich bin gekommen ...“ begann er dröhnend laut, wie durch eine Trompete.
„Seien Sie so freundlich, mein Herr, sich dort – auf jenen Stuhl dort zu setzen,“ sagte Warwara Petrowna, die steif aufgerichtet dasaß. „Ich werde Sie auch von dort aus hören und so kann ich Sie besser sehen.“
Der „Hauptmann“ blieb stehen, sah blöde vor sich hin, kehrte dann aber doch zurück und setzte sich auf den bezeichneten Stuhl an der Tür. Der gänzliche Mangel an Zutrauen zu sich selbst und zu gleicher Zeit unendliche Gereiztheit drückten sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte furchtbare Angst, das sah man, aber auch seine Eigenliebe schien stark zu leiden, und so konnte man nicht sicher sein, ob er sich nicht im gegebenen Moment plötzlich, trotz der Feigheit, zu irgend etwas, zur größten Gemeinheit vielleicht, aufraffen würde. Augenscheinlich scheute er jede Bewegung seines vierschrötigen Körpers. Bekanntlich ist der größte Schmerz solcher Wesen, wenn sie irgend einmal in Gesellschaft erscheinen, der Gedanke an ihre Hände: das ununterbrochen wache Bewußtsein, sie nirgendwohin auf anständige Weise verschwinden lassen zu können. Der „Hauptmann“ nun saß wie betäubt da, hielt krampfhaft Hut und Handschuh fest und konnte seinen zunächst völlig blöden Blick nicht von Warwara Petrownas strengem Gesicht losreißen. Er hätte sich gewiß gern umgesehen, aber er wagte es einfach nicht. Marja Timofejewna, die wohl wieder etwas an ihm äußerst komisch fand, lachte laut auf, aber auch jetzt rührte er sich noch nicht. So hielt ihn Warwara Petrowna unbarmherzig in diesem Schweigen und betrachtete ihn wohl eine geschlagene Minute lang schonungslos vom Scheitel bis zur Sohle.
„Zuerst gestatten Sie, von Ihnen selbst Ihren Namen zu erfahren,“ sagte sie endlich gemessen und vollkommen ruhig.
„Hauptmann Lebädkin,“ dröhnte sofort die Antwort. „Ich bin gekommen, gnädige Frau ...“ Und schon war er wieder im Begriff, sich zu erheben.
„Erlauben Sie!“ hielt ihn Warwara Petrowna auf. „Dieses bemitleidenswerte Geschöpf, das ich in der Kirche angetroffen habe und das mein Interesse erregt, ist Ihre Schwester?“
„Jawohl, gnädige Frau, meine Schwester, die meiner Aufsicht entschlüpft ist, denn da sie sich in solchen Umständen befindet ...“ er verstummte plötzlich und wurde feuerrot.
„Das heißt, mißverstehen Sie das nicht, gnädige Frau,“ verwickelte er sich noch mehr, „der leibliche Bruder würde so was nicht sagen ... In solchen Umständen, das heißt nicht etwa in solchen Umständen, im Sinne von – in einem Sinne, der die Ehre befleckt ... ich meine, den Ruf ...“
Er brach ab.
„Mein Herr!“ Warwara Petrowna hob den Kopf.
„Das heißt in solchem Zustande!“ schloß er plötzlich und unvermutet, mit dem steifen Finger sich vor die Stirn tippend.
Alle schwiegen eine Zeitlang.
„Leidet sie schon lange daran?“ fragte Warwara Petrowna endlich.
„Gnädige Frau, ich bin gekommen, um für die an der Kirchentür erwiesene Großmut zu danken, so recht auf russische, auf brüderliche Art ...“
„Auf brüderliche –?“
„Das heißt, gnädige Frau, nicht auf brüderliche ... oder nur in dem Sinne auf brüderliche Art, daß ich der Bruder meiner Schwester bin, gnädige Frau, und, glauben Sie mir, gnädige Frau,“ begann er wieder schneller zu sprechen, mit hochrotem Kopf, „daß ich gar nicht so ungebildet bin, wie ich auf den ersten Blick in Ihrem Salon erscheinen mag. Wir, meine Schwester und ich, sind überhaupt nichts, im Vergleich mit der Pracht, die wir hier sehen. Dazu haben wir noch Verleumder. Aber auf seinen Ruf hält Lebädkin viel und ist stolz darauf, gnädige Frau, und ... und ich ... ich bin gekommen, um mich zu bedanken ... gnädige Frau, hier ist das Geld!“
Und er riß sein Portefeuille aus der Brusttasche und begann, zitternd vor Ungeduld, mit bebenden Fingern die Papierscheine hervorzuzerren. Man fühlte, daß er so schnell wie möglich irgend etwas aufklären wollte. Andererseits fühlte er wieder, daß diese Geschichte mit dem Gelde ihn noch dümmer erscheinen ließ, und so verlor er denn die letzte Kaltblütigkeit. Die Finger zitterten, die Scheine wollten sich nicht zählen lassen, und zur Erhöhung der peinlichen Situation fiel noch ein grüner Papierschein, im Zickzack niedertaumelnd, auf den Teppich.
„Zwanzig Rubel, gnädige Frau.“ Mit den Scheinen in der Hand wollte er auf Warwara Petrowna zutreten. Als er den gefallenen Schein bemerkte, bückte er sich schon, um ihn aufzuheben, bedachte sich aber, schämte sich entsetzlich und winkte schließlich mit der Hand ab.
„Für Ihre Leute, gnädige Frau, für den Diener, wenn er hier aufräumt – mag er an Lebädkin denken!“
„Aber das kann ich unmöglich zulassen!“ sagte Warwara Petrowna schnell.
„In dem Falle ...“ er bückte sich, hob den Schein auf, wurde dabei purpurrot im Gesicht und trat schnell ein paar Schritte vor – die zwanzig Rubel in der Hand Warwara Petrowna hinhaltend.
„Was wollen Sie?!“ Warwara Petrowna erschrak nun doch so, daß sie im Schreck sogar den Sessel zurückschob.
Mawrikij Nicolajewitsch, Stepan Trophimowitsch und ich traten unwillkürlich vor ...
„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, ich bin nicht verrückt, bei Gott, ich bin nicht verrückt!“ beteuerte der Hauptmann nach allen Seiten hin.
„Nein, mein Herr, Sie scheinen doch nicht bei vollem Verstande zu sein!“
„Gnädige Frau, das ist ja alles nicht das, was Sie denken! Ich bin selbstverständlich nur ein Nichtswürdiger ... Oh, gnädige Frau, reich sind Ihre Prunkgemächer, aber arm sind sie bei Maria der Unbekannten, meiner Schwester, der geborenen Lebädkin, die wir vorläufig ‚Maria die Unbekannte‘ nennen wollen. Aber nur vorläufig, gnädige Frau, nur zeitweilig, sintemal Gott selber es nicht zulassen wird, daß wir es ewig tun müssen! Gnädige Frau, Sie haben ihr zehn Rubel gegeben, und sie hat das Geld angenommen, aber nur, weil Sie es waren, gnädige Frau! Hören Sie es wohl, von niemandem in der ganzen Welt würde sie etwas annehmen, diese ‚unbekannte Maria‘, denn sonst müßte sich der Stabsoffizier, ihr Großvater, der im Kaukasus unter den Augen Ermoloffs fiel, noch im Grabe umdrehen! Aber von Ihnen wird sie alles annehmen, gnädige Frau, aber wenn sie mit der einen Hand zehn Rubel nimmt, so wird sie mit der anderen zwanzig zurückgeben, als Gabe an einen der Wohltätigkeitsvereine, deren Mitglied Sie sind, gnädige Frau. Sie haben doch in den ‚Moskauer Nachrichten‘ angezeigt, daß sich jeder hier in dem Buche Ihres Wohltätigkeitsvereins einschreiben kann ...“
Der „Hauptmann“ stockte wieder und atmete schwer, wie nach einer übergroßen Kraftanstrengung; auf seiner Stirn perlten buchstäblich dicke Schweißtropfen. Die Rede über den Wohltätigkeitsverein schien er schon vorbereitet zu haben und wahrscheinlich gleichfalls unter Liputins Leitung. Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an.
„Dieses Buch,“ sagte sie streng, „liegt unten bei meinem Portier. Dort können Sie sich zu jeder Zeit einschreiben, wenn Sie wollen. Jetzt aber bitte ich Sie, Ihr Geld wieder einzustecken und nicht so in der Luft damit herumzufuchteln ... So! Auch bitte ich Sie, sich wieder auf Ihren alten Platz zu setzen ... So! Es tut mir leid, mein Herr, daß ich mich im Falle Ihrer Schwester so versehen und ihr ein Almosen gegeben habe, während sie reich ist. Nur eines verstehe ich nicht – warum sie nur von mir allein und sonst von niemandem etwas annehmen würde. Sie haben das so betont, daß ich darüber gern eine nähere Erklärung hören würde.“
„Gnädige Frau, das ist ein Geheimnis, das erst im Grabe begraben sein wird!“ antwortete der „Hauptmann“.
„Was ... wollen Sie damit sagen?“ fragte Warwara Petrowna mit nicht mehr ganz so fester Stimme wie bisher.
„Gnädige Frau ... gnädige Frau ...!“ er verstummte, blickte finster zu Boden und drückte die rechte Hand aufs Herz. Warwara Petrowna wartete, doch ohne ihn aus den Augen zu lassen.
„Gnädige Frau!“ rief er plötzlich aus, „gestatten Sie mir, eine Frage an Sie zu stellen, nur eine einzige, ganz offen, gerade heraus, auf russische Art, also unmittelbar aus der Seele?“
„Bitte.“
„Haben Sie je gelitten im Leben, gnädige Frau?“
„Sie wollen damit wohl sagen, daß Sie durch irgend jemanden gelitten haben oder noch leiden?“
„Gnädige Frau, ach, gnädige Frau!“ rief er erregt, sprang wieder auf und schlug sich an die Brust. „Hier in diesem Herzen hat sich so viel aufgehäuft, so viel, sage ich Ihnen, daß Gott selbst sich wundern wird, wenn er es beim jüngsten Gericht erfährt!“
„Hm, stark gesagt!“
„Gnädige Frau, ich ... vielleicht spreche ich – mit zu großer Dreistigkeit ...“
„Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde schon wissen, wann es nötig sein wird, Sie zu unterbrechen.“
„Kann ich noch eine Frage an Sie stellen, gnädige Frau?“
„Fragen Sie.“
„Kann man vor lauter Seelengröße sterben?“
„Das weiß ich nicht. Ich habe mir nie diese Frage gestellt.“
„Sie wissen es nicht! Sie haben sich nie diese Frage gestellt!“ rief er mit pathetischer Ironie. „Wenn’s so ist, wenn’s so ist, dann freilich –
‚Schweig stille, mein Herze!‘“
und er schlug sich von neuem verzweifelt an die Brust.
Schon ging er wieder im Zimmer umher. Die erste Eigenschaft von Menschen seiner Art pflegt die vollständige Unfähigkeit zu sein, sich irgendwie selbst im Zaume zu halten: sie folgen im Gegenteil machtlos dem ununterdrückbaren Bedürfnis, alles, was ihnen gerade einfällt, sofort auch zu äußern. Gerät dann einmal ein derartiger Mensch in eine Gesellschaft, in die er nicht hineingehört, so wird er sich zunächst vielleicht ganz schüchtern geben, dann aber, in demselben Grade, in dem man ihn gewähren läßt, aus sich herausgeben und am Ende zu Unverschämtheiten, wenn nicht gar Tätlichkeiten übergehen.
Der „Hauptmann“ war schon in eine bedrohliche Erregung geraten: fuchtelnd ging er auf und ab, überhörte die Fragen, die man an ihn stellte, und sprach so schnell, daß die Zunge bei den Zischlauten sich gleichsam überschlug und er häufig von einem Satz zusammenhanglos auf den andern übersprang. Ganz nüchtern war er wohl wirklich nicht. Lisa schien er gar nicht zu beachten. Und doch war es andererseits klar, daß gerade ihre Anwesenheit ihn maßlos aufregte.
So mußte es denn doch wohl, bedachte man die ganze unglaubliche Situation, einen tieferen Grund haben, warum Warwara Petrowna ihren Widerwillen unterdrückte und diesen Menschen immer noch anhörte. Praskowja Iwanowna zitterte einfach vor Angst, doch begriff sie wohl kaum, um was es sich eigentlich handelte. Stepan Trophimowitsch zitterte gleichfalls, er jedoch, weil er wie gewöhnlich viel mehr zu „begreifen“ glaubte, als da überhaupt zu begreifen war. Mawrikij Nicolajewitsch hielt sich so, als fühle er sich für unsere allgemeine Sicherheit verantwortlich, während Lisa blaß und mit großen Augen unablässig den wilden Hauptmann anstarrte. Schatoff saß wie immer mit gesenktem Kopf.
Aber am befremdlichsten war, daß Marja Timofejewna nicht nur zu lachen aufgehört hatte, sondern ganz traurig geworden war: den rechten Arm auf den Tisch gestützt, so folgte sie mit traurigem Blick den Gesten und Deklamationen ihres Bruders. Nur Darja Pawlowna schien mir ruhig zu sein.
„Das sind ja lauter unsinnige Allegorien,“ sagte plötzlich Warwara Petrowna geärgert. „Sie haben mir noch immer nicht auf meine Frage geantwortet: warum? Ich will es wissen!“
„Ich habe nicht gesagt, ‚warum‘? Sie wollen eine Antwort auf dieses ‚Warum‘?“ wiederholte Lebädkin und zwinkerte. „Ja, gnädige Frau, dieses kleine Wörtchen ‚warum‘ ist über das ganze Weltall ergossen, schon seit dem ersten Tage der Schöpfung, und die ganze Schöpfung selber schreit täglich ihrem Schöpfer zu: ‚warum‘? Und nun sind es schon siebentausend Jahre, daß sie keine Antwort darauf erhält! Muß nun wirklich einzig und allein der Hauptmann Lebädkin eine Antwort darauf geben? Ist diese Forderung auch gerecht, gnädige Frau?“
„Aber das ist ja Unsinn, nichts als Unsinn!“ Warwara Petrowna ärgerte sich und verlor endlich die Geduld. „Sie kommen wieder mit Allegorien, und reden in einem Tone, mein Herr, den ich mir verbitten möchte.“
„Gnädige Frau!“ – der „Hauptmann“ hörte sie wieder gar nicht an – „vielleicht würde ich gerne Ernest heißen wollen, und während dessen bin ich gezwungen, den einfachen Namen Ignatius zu tragen – warum das? hä?! Ich möchte vielleicht gerne Prince de Montbar heißen und doch muß ich mich nur Lebädkin nennen – hä! Warum das? Ich bin ein Poet, gnädige Frau, in meiner Seele ein Poet, und ich könnte von einem Verleger mit Kußhand tausend Rubel bekommen, und doch bin ich gezwungen, in einem elenden Loche zu wohnen – warum das? hä! Warum das? Gnädige Frau, und meiner Meinung nach ist Rußland überhaupt nur eine Farce der Natur und nichts weiter!“
„Etwas Bestimmteres können Sie wohl auf meine Frage nicht sagen?“
„Ich kann Ihnen ein Gedicht von einer Schabe vortragen, gnädige Frau!“
„Wa–a–as?“
„Nein, übergeschnappt bin ich noch nicht, gnädige Frau! Aber das werde ich später einmal sein, bloß vorläufig bin ich’s noch nicht! Gnädige Frau, einer meiner Freunde hat eine Kryloffsche Fabel gedichtet. Das ist die Fabel von der Schabe, und wenn ich sie hersagen soll –?“
„Sie wollen eine Kryloffsche Fabel deklamieren?“
„Nein, keine Kryloffsche Fabel, gnädige Frau, sondern eine von mir verfaßte Lebädkinsche Fabel! Glauben Sie mir doch, gnädige Frau, daß ich gebildet genug bin, um den großen Fabeldichter Kryloff zu kennen, für den der Kultusminister in Petersburg im Sommergarten ein Denkmal errichtet hat, um das jetzt die Kinder herumlaufen. Sie fragen ‚warum‘?, gnädige Frau, ‚warum‘? – Die Antwort darauf ist auf dem Hintergrunde dieser Fabel mit goldenen Lettern geschrieben!“
„Nun schön, so tragen Sie Ihre Fabel vor.“
Und Lebädkin begann sofort:
„Es war einmal eine Schabe,
Eine Schabe von Kindheit an,
Die kletterte und fiel
Gerade in ein Fliegenglas,
Das Fliegengift enthielt ...“
„Mein Gott, was ist denn das wieder!“ Warwara Petrowna sah sich um.
„Was das ist, gnädige Frau? Das ist, wenn im Sommer,“ – der „Hauptmann“ gestikulierte wieder wie wild und hatte ganz die gereizte Ungeduld eines Redners, den man in seinem Vortrag unterbrochen hat – „wenn im Sommer viele Fliegen ins Glas kriechen, so daß Fliegensäure entsteht, was doch jeder Esel weiß ... Unterbrechen Sie mich nicht, um Gottes willen, unterbrechen Sie mich nicht ... Sie werden schon sehen, sie werden schon sehen! –
‚Die Fliegen riefen: was ist das?
Das ist doch wirklich toll!
Wir haben selber wenig Naß,
Das Glas ist so wie so schon voll!
Und schrien wie verrückt
Zum Jupiter empor.
Da kam der Diener Nikiphor ...‘
– weiter habe ich es eigentlich noch nicht fertig,“ brach hier der Hauptmann ab. „Nikiphor nimmt aber das Glas und gießt es aus, die ganze Komödie, die Fliegen, die große Schabe, ohne aufs Geschrei zu achten, was man schon längst hätte tun sollen! Doch passen Sie auf, gnädige Frau, passen Sie auf, die Schabe klagt nicht! Und da haben Sie auch gleich die Antwort auf Ihre Frage – auf Ihre Frage ‚warum?‘“ rief er triumphierend aus. „Die Schabe klagt nicht! ... Der Nikiphor ist natürlich ganz einfach die Natur selbst,“ fügte er schnell hinzu und ging zufrieden auf und ab.
Warwara Petrowna war außer sich. „Erlauben Sie, daß nun auch ich Sie etwas frage! Was ist das für ein Geld, das Ihnen Nicolai Wszewolodowitsch übersandt haben soll? Ein Geld, das Sie nicht vollzählig erhalten haben wollen? Weshalb Sie sich erdreisten, eine zu meinem Hause gehörige Person zu verdächtigen, den Rest unterschlagen zu haben?“
„Verleumdung!“ brüllte Lebädkin mit tragisch erhobener rechter Hand.
„Nein, das ist keine Verleumdung.“
„Gnädige Frau, es gibt Umstände, die einen zwingen, eher eine Familienschande zu tragen, als laut die Wahrheit zu verkünden! – Lebädkin wird nichts ausplaudern, gnädige Frau!“
Er war wie geblendet: er schien entzückt zu sein und fühlte seine Bedeutung. Jetzt wollte er bereits beleidigen, Rätsel aufgeben, seine Macht zeigen ...
„Klingeln Sie bitte, Stepan Trophimowitsch,“ bat Warwara Petrowna.
„Oh, Lebädkin ist klug, gnädige Frau!“ fuhr er fort und zwinkerte ihr mit unangenehmem Lächeln zu. „Lebädkin ist klug, aber auch er hat ein Hindernis, auch er hat eine Vorstufe der Leidenschaften! Und diese Vorstufe – das ist die alte kriegerische Husarenflasche! Wenn Lebädkin in diesem Vorraum ist, gnädige Frau, so geschieht es wohl auch, daß er einen Brief in Versen abschickt, in pr–r–rachtvollen Versen, aber den er dann mit allen Tränen seines Lebens zurückkaufen möchte, sintemal durch ihn das Maß des Schönen gestört ward. Doch der Vogel ist ausgeflogen – kannst ihn nicht mehr am Schwänzchen einfangen! Sehen Sie, gnädige Frau, das ist der Vorraum. Lebädkin konnte wohl ein Wort fallen lassen, als er über das edle Mädchen sprach – in der Form eines edlen Unwillens, einer durch Beleidigungen aufgebrachten edlen Seele, wessen sich jedoch, unedel genug, seine Verleumder sofort bedient haben. Aber Lebädkin ist klug, gnädige Frau, und umsonst sitzt über ihm der unheilbringende Wolf, ewig ihn reizend und auf den Augenblick wartend: Lebädkin wird sich nicht vergessen und ausplaudern! Und auf dem Boden der Flasche erweist sich jedesmal anstatt des Erwarteten – die Schlauheit Lebädkins! Doch genug, oh, genug, gnädige Frau! Ihre Prunkgemächer könnten dem edelsten aller menschlichen Lebewesen gehören, doch die Schabe klagt nicht! Begreifen Sie, oh, begreifen Sie doch endlich, daß die Schabe nicht klagt, und ehren Sie ihren großen Geist!“
In diesem Augenblick ertönte unten am Portal die Klingel und bald darauf erschien der alte würdige Alexei Jegorowitsch, etwas außer Atem, da er auf das Klingelzeichen nicht sofort erschienen war.
„Nicolai Wszewolodowitsch haben geruht einzutreffen und kommen schon hierher,“ sagte er auf Warwara Petrownas fragenden Blick.
Ich erinnere mich noch heute deutlich dieses Augenblicks. Warwara Petrowna erblaßte zuerst, dann aber richtete sie sich mit einem Ausdruck starrer Entschlossenheit in ihrem Sessel auf. Wir waren alle erstaunt, ja beinahe erschreckt, – nicht nur durch diese plötzliche Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs, der erst einen Monat später erwartet wurde, sondern mehr noch durch das geradezu unheimliche Zusammentreffen dieser Zufälle. Selbst der „Hauptmann“ blieb wie ein Pfosten mitten im Zimmer stehen und starrte mit offenem Munde und dummem Gesicht auf die Tür.
Doch da hörten wir auch schon vom Nebenzimmer her, einem langen großen Saal, schnelle, kleine Schritte sich nähern, Schritte, die auffallend rasch und kurz klangen. Und auf der Schwelle erschien – nicht Nicolai Wszewolodowitsch, sondern ein vollkommen unbekannter junger Mann.